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Verblendung!

Es wiederholte sich alljährlich. Der Empfänger der Blume feierte seinen zweiundachtzigsten Geburtstag. Sowie die Blume bei ihm angekommen war, öffnete er das Paket und entfernte das Geschenkpapier. Danach griff er zum Telefonhörer und wählte die Nummer eines ehemaligen Kriminalkommissars, der sich nach seiner Pensionierung am Siljan-See niedergelassen hatte. Die beiden Männer waren nicht nur gleich alt, sie waren sogar am selben Tag geboren, was in diesem Zusammenhang nicht einer gewissen Ironie entbehrte. Der Kommissar wusste, dass der Anruf um elf Uhr morgens nach der Postzustellung eingehen würde, und trank Kaffee, während er wartete. Dieses Jahr klingelte das Telefon bereits um halb elf. Er nahm den Hörer ab und sagte hallo, ohne sich mit Namen zu melden. „Sie ist angekommen.“
„Was für eine ist es dieses Jahr?“
„Keine Ahnung, was das für eine Blume ist. Ich werde sie bestimmen lassen. Weiß ist sie.“
„Kein Brief, nehme ich mal an?“
„Nein. Nur die Blume, sonst nichts. Der Rahmen ist derselbe wie letztes Jahr. So ein  Billigrahmen zum Selberzusammenbauen.“
„Poststempel?“
„Stockholm.“
„Handschrift?“
„Wie immer, alles in Großbuchstaben. Gerade, ordentliche Buchstaben.“

Damit war das Thema erschöpft, und ein paar Minuten saßen die beiden schweigend am jeweiligen Ende der Leitung. Der pensionierte Kommissar lehnte sich am Küchentisch zurück und zog an seiner Pfeife. Er wusste jedoch, dass von ihm keine erlösende oder bestechend intelligente Frage mehr erwartet wurde, die ein neues Licht auf diese Angelegenheit hätte werfen können. Diese Zeiten waren seit vielen Jahren vorbei, und das Gespräch der beiden alternden Männer hatte beinahe schon den Charakter eines Rituals – eines Rituals um ein Mysterium, dessen Lösung keinen anderen Menschen auf der ganzen Welt interessierte.

So geht sie los, die Millenium-Trilogie von Stieg Larsson, welche vom Spiegel als Gesellschaftsroman unserer Zeit bezeichnet, und auch in anderen Kritiken in höchsten Maße gelobt wurde. ( Den ganzen Prolog als Leseprobe gibts hier)

Ob „Verblendung“ – so der erste Teil der Trilogie – nun wirklich ein großer Gesellschaftsroman ist,  sei mal dahingestellt- Fakt ist: Hier ist ein rundherum großer Thriller bei heraus gekommen!

Worum es geht:

An seinem 82. Geburtstag erhält der einflussreiche Industrielle Henrik Vanger per Post anonym ein Geschenk. Das Paket enthält eine gepresste Blüte hinter Glas, genau wie in den 43 Jahren zuvor. Vangers Lieblingsnichte Harriet hatte ihm 1958 zum ersten Mal dieses Geschenk gemacht, doch dann verschwand sie spurlos. Ihr Leichnam wurde nie gefunden. In einer letzten Anstrengung beschließt Vanger herauszufinden, was dem geliebten Mädchen tatsächlich zustieß. Er engagiert den Journalisten Mikael Blomkvist, der, getarnt als Biograf, bald auf erste Spuren stößt. Unterstützt wird er von der jungen Ermittlerin Lisbeth Salander, einem virtuosen Computergenie mit messerscharfem Verstand. Je tiefer Blomkvist und Salander in der Vangerschen Familiengeschichte graben, desto grauenvoller sind ihre Enthüllungen.

Stieg Larsson schafft es hier auf über 600 Seiten einen komplexen Thriller entstehen zu lassen, der zum einen hervorragend geschrieben ist, zum anderen durch wundervoll herausgearbeitete Charaktere besticht, wie wir sie nur in wenigen Büchern finden. Blomkvist und Salander sind so ungemein verschieden, dass es eine helle Freude ist, mit ihnen der Lösung des Falles immer weiter ein Stückchen näherzukommen. Auf den ersten Seiten muss man sich als Leser erst mal zurecht finden. Die Personen werden vorgestellt und der eigentliche Plot geht nur langsam voran. Dies ändert sich im Laufe des Buches sehr, und irgendwann kommt man nicht mehr drumherum, das Buch nicht mehr aus den Händen zu lassen. Gesellschafts-& Medienkritisch, brutal, eigensinnig, spannend, düster, und genial. Nur einige Begriffe, die mir spontan einfallen, nachdem ich die letzte Seite zu Ende habe und „Verblendung“ zugeschlagen habe. Larsson hat hier einen sehr guten Thriller geschrieben, und mit den hervorragenden Charakteren ein neues Ermittler-Traumduo erschaffen. Sehr empfehlenswert und für Liebhaber von starken (gerade schwedischen) Thrillern ein Muss!

Da schmerzt es umso mehr, dass Stieg Larsson schon 2004 an einem Herzinfarkt viel zu früh starb. Immerhin schaffte er es kurz vorher die Trilogie zu beenden, so dass wir zumindest in diesen Genuß kommen.

Ich fange jetzt mal direkt mit dem 2. Teil an…  „Verdammnis“. Ich werde berichten!

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