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Mankells „Der Chinese“

Pünktlich zum Olympiajahr 2008 hat Henning Mankell einen neuen Roman mit dem Titel „Der Chinese“ rausgebracht. Ich bin leider erst jetzt dazugekommen, den 600-Seiten-Schmöker zu lesen. Mankell ist schon immer ein hervorragender Erzähler gewesen, und seine „Wallander-Krimis“ fand ich immer weit überdurchschnittlich. „Der Chinese“ allerdings ist einer von Mankells Romanen ohne Hauptfigur Wallander – und mein erster ohne Wallander.

Das Buch, das groß als Thriller angekündigt wurde, fängt stark an. Ein brutaler Massenmord mit 18 Toten in einem abgelegenen Dorf, abstoßende Opferszenen, keinerlei Spuren auf einen oder mehrere Mörder und keine Motive für die Tat. Die Polizei steht vor einem Rätsel, und hält alles für großen „Wahnsinn“.

In der Zwischenzeit versucht Birgitta Roslin, eine schwedische Richterin, selbst Licht in die Angelegenheit zu bringen, da die Pflegeeltern ihrer Mutter unter den Toten sind… Ihre Suche führt sie nach China, wo sie auf die grausamen Machenschaften der politischen Führungselite stößt. Soviel in aller Kürze zum Inhalt des Romans…

Das klingt erstmal spannend – und das ist es teilweise auch. Nur wirkt schon nach kurzem Beginn die Story sehr konstruiert, und dieser Eindruck wird im Laufe der Geschichte immer stärker. Mankell schickt die Leser ins Amerika des 19. Jahrhunderts um dort die Motive für eine Tat in der Gegenwart zu suchen. Doch spätestens nach dieser abenteuerlichen Story dreier junger chinesischer Geschwister ist schon klar, was passieren wird. Ein Kriminalroman sieht anders aus… Ich musste mich manchmal schon zwingen, weiterzulesen. Die Reise des Buches geht über China, immer wieder Schweden, zwischendurch Afrika, und am Ende auch noch London.  Dazu wechselt die Erzählpersperktive sehr oft, was einen durchgängigen Lesefluss manchmal auch schwierig macht. Andererseits leuchtet Mankell alle Orte und Personen wunderbar aus, und letztlich ist es seinem hervorragendem schriftstellerischem Talent zu verdanken, dass das Buch trotz der manchmal willkürlichen, manchmal zufälligen und oft konstruierten Handlung nicht langweilig wird. Denn was Mankell kann, ist offensichtlich: Etwas gut beschreiben, etwas gut formulieren und Gedanken und Geschehnisse gut zu verpacken. Sehr geschickt werden Problematiken der Gesellschaft, gerade in China, in den Plot eingeführt. Da macht das Lesen Spaß, auch wenn es für einen „Thriller“ wirklich lahm war.

Fazit: Ich bin mir nicht so ganz sicher, wie ich dieses Buch bewerte. Als Gesellschaftsroman – gerade auf die aktuelle Situation in China – ist es sicherlich hoch zu bewerten. Als Krimi/Thriller – und dafür steht Mankell nun mal – ist es eher schwach und wenig empfehlenswert. Als Lektüre für kalte Herbsttage ist es trotz allem gut genug: trotz aller Schwächen und der mir viel zu konstruierten Story bleibt Mankell weit über dem Durchschnitt.

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