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„Yes, we can!“ – Gedanken zur US-Wahl

Kennt jemand José Manuel Durão Barroso? Ich schätze nur die wenigsten. Und doch ist Barroso für uns so etwas wie für die Amerikaner Barack Obama. Nämlich der Präsident. Um genau zu sein der Präsident der europäischen Union, der wir schließlich angehören, wie Ohio oder South Carolina den USA angehören. Nur dass in Deutschland jeder Obama kennt, und Barroso wohl eher nur den Eingefleischten bekannt ist. Woran liegt das? Warum interessiert uns die Politik eines Landes in weiter Ferne (oft) weitaus mehr als unsere eigenen Probleme (die der EU)? Diese Frage muss so weiterhin im Raum herumschwirren, ich habe keine Antwort darauf. Sie beschäftigt mich trotzdem seit vorgestern Abend und der Wahlnacht bzw. dem Abend in den USA. Da zappe ich im deutschen (!) Fernsehen durch die Gegend – und auf fast jedem Sender eine Wahlsendung. „US-Wahl spezial“, „Obama vs. McCain – all night“, Die Entscheidung… LIVE!“ usw. (Selbst ein Stefan Raab bringt ein „Tv-total-wahl-special“.)  Ich zappe mich also durch die Sendungen, höre Politikern, Politikwissenschaftler und in Deutschland lebenden Amerikanern zu, schaue aktuelle Prognosen an – und schalte gegen 1 Uhr MEZ den Fernseher genervt aus (bis zum bitteren Ende halten dafür andere aus.) Genervt vom ständigen gleichen Gelaber, genervt vom Reden und Diskutieren über den erhofften „Change“, genervt von den absolut erkenntnislosen, belanglosen Kommentaren auf jedem Sender. Und doch: Eine Erkenntnis haut mich um. Barack Obama, der vor 8 Jahren noch nicht mal auf der Landkarte der Politik zu sehen war, hat es mit Hilfe eines gigantischen Wahlkampfes geschafft, überall (und damit meine ich ÜBERALL) bekannt zu sein und eine Art „Messias-Stimmung“ zu erzeugen (Vergleiche mit JFK lassen grüßen). Dies alles nicht zuletzt mit Hilfe des Internets. Man könnte Obama fast zum ersten Netz-Präsidenten der Welt küren. „Yes, you did!“. Kein anderer Wahlkampf wude so über das Netz ausgetragen. Man muss dabei nur einen Blick auf Obamas Netzzentrale my.barackobama.com/ oder auch auf seine professionelle Myspace-Page werfen, und bekommt schnell einen Eindruck wie sehr das Internet diese (historische?!) Wahl geprägt hat. Das macht sich übrigens auch NACH der Wahl in beeindruckenden Zahl bemerkbar (man wird ja aktuell auf den einschlägigen News-Seiten von Artikeln und Kommentaren zur Wahl erschlagen, aber diese Infos fand ich dann doch überaus interessant!):

  • Anzahl der am 5. November pro Stunde veröffentlichten Blogeinträge in denen die Begriffe „Obama“ und „President“ vorkommen (laut Googles Blogsuche):

etwa 10.000.

  • Anzahl der Twitter-Postings mit den Begriffen „Obama“ und „President“ in der Wahlnacht:

etwa 100 pro Sekunde – die meisten getippte Freudenschreie oder Gratulationen.

  • Anzahl der Zustimmung signalisierenden Klicks auf die Story „Obama gewinnt die Präsidentschaftswahl“ im techniklastigen Social-News-Portal digg.com:

mehr als 23.500, ein neuer Rekord.
Der bisherige Spitzenreiter war die Ankündigung des iPhones.

  • Anzahl der Kommentare unter Web-Videos, Flickr-Fotos, Blogeinträgen, Nachrichtenartikeln zum Thema:

unzählige Millionen.

Und jetzt noch ein Blog mehr. (Vermutlich schreiben sogar jetzt gerade einige Millionen darüber…)

Und immer noch laufen Berichte darüber, dass Obamas Oma in Kenia einen Ochsen zur Feier des Tages geschlachtet hat. Glückwunsch auch von meiner Seite.

Ob der erste Schwarze im weißen Haus nun eine Sensation ist? In einem Land voller afro-amerikanischer Menschen? Naja… Die ersten Witze werden natürlich auch schon gemacht. So schreibt die Satirezeitschrift  The Onion, dass es ja klar wäre, dass der schlechteste Job im Land an einen Schwarzen geht:

„As part of his duties, the black man will have to spend four to eight years cleaning up the messes other people left behind. The job comes with such intense scrutiny and so certain a guarantee of failure that only one other person even bothered applying for it.“

Eine Sensation wäre für mich übrigens, wenn in Deutschland ein Farbiger Bundeskanzler ist. (Ich versuche erst gar nicht zu schätzen, wann das der Fall sein könnte!)

Auf Obama ruhen nun viele Hoffnungen; er selbst weiß wohl am besten, dass er nicht alles Versprochene wahr machen kann. Auch wenn er nicht mehr falsch machen kann als sein Vorgänger; der aktuelle Hype wird sicherlich mit den ersten Problemen schnell dahin sein – und dann erst wird sich zeigen, wieviel guter Politiker im sympatischen Menschen steckt. Ich schaue gespannt auf den „change“. „Yes, we can.“

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