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Stieg Larssons „Verblendung“ im Kino

Der meistgeklickte, meistgelesene und meistgesuchte Post meines kleines Blogs ist – Trommelwirbel –  über die Verfilmung der großartigen, grandiosen Milleniumtrilogie von Stieg Larsson. Das ist bezeichnend für den Erfolg dieser dreiteiligen Buchserie über den Journalisten Mikael „Kalle“ Blomkvist und die geniale Hackerin Lisbeth Salander: „Verblendung“ war 2008 das meistgelesene Buch der EU, Larsson der zweitmeistgelesene Autor der Welt (nach Khaled Hosseini). [Larson kann diesen Erfolg übrigens gar nicht mehr genießen, er starb ganz kurz nach Fertigstellung der Bücher nach einem Herzinfarkt 2004.] Das zumindest konnte ich damals beim Lesen noch nicht erahnen – aber wie überdurchschnittlich gut diese Bücher sind, war auch mir schnell klar. Vor allem immer dann, wenn man mal wieder nicht aufhören konnte zu lesen. Nun also die Verfilmung, die nicht lange auf sich hat warten lassen. Verständlich bei einem solchen Erfolg. Ich bin ja bekanntermaßen sehr kritisch bei Romanverfilmungen, das geht fast grundsätzlich schief, weil ein Film nie die atmosphärische Dichte des Plots und die Charaktere so rüberbringen kann wie dies ein Buch vermag. Hier ist dieses Unterfangen nochmal doppelt schwer, denn mit der Apple-Verrückten, gewalttätigen Soziopathin Salander mit ihrem photographischem Gedächtnis und ihrer ganz eigenen Art mit Tattoos und Piercings hatte Larsson eine Person geschaffen, die es so wohl in dieser Form sicher noch nicht im Film gab. Und Überraschung: das Experiment Noomi Rapace als Lisbeth Salander gelingt: Sie ließ sich für diese Rolle piercen, die Haare schneiden und trainierte wochenlang um den durchtrainierten Körper von Lisbeth zu zeigen. Das Ergebnis ist filmisch wirklich hervorragend (abgesehen davon, dass Lisbeth im Roman noch kleiner und schmächtiger ist.):

Verblendung_scene_21

Das hier eine perfekte Darstellerin gefunden wurde, ist nahezu unabdingbar für diesen Film: Lisbeth trägt die Geschichte, sowohl im Buch als auch in der Verfilmung. Hauptakteur Blomkvist ist der eigentliche Nebendarsteller. Degradieren sollte man ihn trotzdem nicht: Michael Nyqvist („Wie im Himmel“) spielt den Wirtschaftsjournalisten ganz so wie man sich das als Leser der Romane wünscht: die gute Seele in der Handlung, idealistisch und aufrecht, und trotzdem selbst mit vielen Fehlern behaftet und mit vielen inneren Widersprüchlichkeiten. Neben der physisch unglaublich präsenten Rapace aber wirkt er fast deplatziert: Rapace ist Lisbeth Salander, wie man so schön bei richtig guten Darstellungen sagt. Man wird die Bücher nun kaum noch lesen können, ohne an ihre Mimik, an ihr Gesicht, an ihre Gestik, an ihre Stärken und Schwächen zu denken. Sie gibt dem Film (und der Trilogie) das Gesicht; an ihre Taten („Ich bin ein widerwärtiger Sadist und Vergewaltiger!“) wird man sich erinnern.

Regisseur Niels Arden Oplev lässt viele Szenen/Handlungen aus der Buchvorlage weg, oder deutet sie nur vage an (wie z.B. das Verhältnis zwischen Blomkvist und seiner Mitherausgeberin bei ‚Millenium‘). Das ist aber auch vernünftig so, denn sonst hätte man den Krimi sicher nicht in einem sowieso schon opulenten Werk von 153 Minuten spielen lassen können. So konzentriert sich Oplev auf die wichtigsten Stränge der Handlung und vor allem auf die atmosphärische Spannung der Vorlage: So begeistern hier viele dunkle Bilder und – wie schon erwähnt – die Schauspieler. 2,5 Stunden vergehen wie im Flug – und das ohne großes Firlefanz. „Verblendung“ ist kein Actionblockbuster, wenn schon eher ein Mainstreamthriller im TV-Format, der aber durchaus fürs Kino gemacht ist, und dort auch zu begeistern wusste. (Gerade auch diejenigen, die die Bücher nicht gelesen haben!). Ich halte Verblendung für eine ganz hervorragende Thriller-Verfilmung, welche mit ihrer komplexen spannenden Handlung und ausgezeichneten Protagonisten super zu unterhalten weiß.

Bedenkt man, dass ich Teil 1 noch für den schlechtesten der drei Bände halte, bin ich nach wie vor sehr fasziniert und freue mich nun umso mehr auf die Fortsetzungen, die schon im Februar 2010 im Kino laufen. Ich kann jedem Lese – (und nun auch Kino-) Fan diese Trilogie nur ans Herz legen. Bestens!

PS: Apropos Kino: Für diese Vorstellung hier waren 10 € pro Karte zu verkraften. Da ist in meinen Augen langsam die Schmerzgrenze erreicht – und die Kinobetreiber dürfen sich nicht über mangelnde Kundschaft beklagen, wenn gleichzeitig aktuelle DVDs nur noch 5 € kosten, und man diese per Heimkino in gleichwertiger Qualität genießen kann.

  1. Oktober 4, 2009 um 9:24 am

    Klingt, als würde sich der Film wirklich lohnen. Anschauen wollte ich mir den eigentlich schon.
    Ich hoffe mal, bei uns kostet die Karte dann nicht auch 10 Euronen – da kann man dann fast schon auf die DVD warten…

  2. Eisbär
    Oktober 13, 2009 um 3:22 pm

    Schon ne Woche her, dass ich den Film gesehen habe. Simon ich kann dir nur danken, dass du mir die Bücher empfohlen hast. Der Film hat mich ebenfalls überzeugt, der Mordversuch an Mikael Blomkvist im Keller von Martin Vanger hat mir besonders gut gefallen. Schade nur, dass das Ende um die Wennerström-Affäre und alles um die Millenium Redaktion so zu kurz gekommen ist.

  3. hulza
    Oktober 14, 2009 um 1:25 pm

    Ja, mir gings ganz ähnlich. Das ist schade, aber vermutlich, wie ich auch oben angedeutet habe, kaum anders möglich – oder man hätte schon dieses Buch zweiteilen müssen. Da kommt man halt soooviel Stoff zusammen, dass es bestimmt auch keine leichte Aufgabe für ein Drehbuchteam ist😉
    Ich für meinen Teil hoffe, dass Millenium in den kommenden Teilen wieder etwas mehr eine Rolle spielen wird und dann bei der Auflösung des Falles in 2&3 mehr zur Geltung kommt. Interessant wird dann auch sein, ob sie in Teil 2 & 3 mehr auf Blomkvists Affären/Beziehungen eingehen.. macht immerhin einen großen Teil der Bücher aus und wurde hier ja fast völlig außen vor gelassen…

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