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Auf nach Nirgendwo – Eine Reise zum Erwachsenwerden

Eine erfrischend süße Sexszene zwischen einem ein jungem Mann und einer jungen Frau. Der junge Mann „riecht“, dass seine Freundin schwanger ist. Wirklich witzig. Schnitt. Im nächsten Bild ein riesiger Schwangerschaftsbauch 6 Monate später. So beginnt „Away we go“, der neue Film von Sam Mendes, der heute in einer Woche in den deutschen Kinos startet. Was erwartet man von einem Regisseur, der immer wieder Neues bietet? Mit seinem Debüt „American Beauty“ war er erfolgreicher als manche Regisseure in ihrer ganzen Karriere, seine weiteren Werke wie „Road to Perdition“, „Jarhead“ oder „Zeiten des Aufruhrs“ waren alles tolle Kinostücke, wenn auch keiner mehr ganz an das Erstlingswerk heranreichte. Und nun also nach „Zeiten des Aufruhrs“ schon der 2. Film innerhalb eines Jahres, und schon wieder die Themen „Ehe“ und „Familie“. Aber „Away we go“ hat nichts mit dem eher dramatischen „Revolutionay Road“ zu tun, soviel sei schon verraten.

Burt  (John Krasinski) und Verona (Maya Rudolph) erwarten ihr erstes Kind, und ihre Situation ist eher angespannt als gemütlich: Sie wohnen in einem Haus, das wohl eher den Namen ‚Hütte‘ verdient hätte, und die einzig verbliebenen Großeltern, auf deren Unterstützung sie sich verlassen hatten, entschließen sich, ins 3000 Meilen entfernte Belgien zu ziehen. Was jetzt? Die beiden beschließen, ihr heruntergekommenes Heim in Colorado hinter sich zu lassen und auf einer Reise durch Nordamerika alte Freunde und Bekannte abzuklappern, um einen neuen Ort zum Leben zu finden. So führt der Weg sie nach Phoenix, Madison, Tucson, Montreal und Miami, und überall müssen sie feststellen: Das Familienleben ist gar nicht so einfach und der Platz im Leben nicht leicht zu finden.

So lässt sich „Away we go“, mit dem diesmal einmal passenden deutschen Untertitel „Auf nach Nirgendwo“, auf einige Sätze zusammenfassen.

AwayWeGo_scene03

Ich war mir nicht ganz sicher, wo das hinführen würde, und wo der Film am Ende landen würde. Mendes schafft es hier aber gekonnt, diese auf dem Papier eher mäßige Geschichte zu einem wunderbaren, tragischen und skurillen Roadmovie zu machen. Die Reise des jungen Paares ist gespickt mit herrlichen Einfällen und tollen Charakteren: Die Besuche bei ihren Verwandten/Freunden sind absurd, witzig und haben einen erstaunlich offenen Blick in die vielen heutzutage möglichen Familienmodelle. Zwischen schwarzem Humor in pessimistischen Vorstadtfamilien bis hin zum Esoterik-New-Age Slapstick ohne Buggy und Zucker (Übrigens spielt Maggie Gyllenhall hier  herrlich abgedreht eine durchgedrehte Professorin!) und man ist geneigt zu glauben, dass die beiden Drehbuchautoren hier ein bisschen ihre eigenen Erfahrungen reingebracht haben. Diese Situationen, die Burt und Verona erleben, sind derart witzig gelungen, dass der Film ihretwegen schon den Kinobesuch wert ist: Vor allem Hauptdarsteller John Krasinski wird hier immer wieder zum ultimativen Lachflash, jedoch lebt dieser Film unbedingt von den zahlreichen Nebencharakteren, von denen mir wie oben schon geschrieben Gyllenhall am besten gefallen hat. Toll ist der Wechsel zwischem derbem und suptilem Humor einerseits, und den chaotischen und romantischen Szenen andererseits. Da wirkt wenig gekünstelt, auch wenn manche Szenen ihre Längen haben. Insgesamt ist der Spaßlevel in diesem Film erstaunlich hoch – viel höher als ich erwartet hätte, und dennoch ragen gerade auch die traurigen, melancholischen Stellen heraus: beispielsweise die Szene in der Montrealer Bar oder die wunderschöne Szene auf dem Trampolin in Miami.

Mit der Besetzung der beiden eher unbekannten Hauptdarsteller ist Mendes ein Glücksgriff gelungen: Man schaut mehr darauf, was und wie die beiden miteinander umgehen, anstatt dass man durch große Namen eher auf die Personen fokussiert ist. Ein weiteres großes Plus von „Away we go“ ist eindeutig die Musik. In solchen Indiefilmen ist das natürlich auch ganz wichtig, und daher ist es umso besser, dass Mendes und seinem Musiker Alexis Murdoch hier ein toller Soundtrack gelungen ist.

Am Schluß gehts mir persönlich etwas zu schnell: Da haben mir einige Szenen gefehlt, bzw. hätte man gegen Ende nochmal eine skurille Familienbegegnung bringen können – da regieren nun die großen Gefühle. Leider ist daher der Humor der ersten Stunde nicht mehr so ganz präsent. Man merkt, dass Mendes in den letzten Szenen das HappyEnd unbedingt haben will, und dass es schlußendlich sogar etwas zu kitschig wird, ist ihm dann auch egal. Es stört auch nicht weiter, aber wäre hier auch nicht notwendig gewesen. (Aber natürlich liebt JEDER das Haus, ich würde sofort einziehen😉 )

Überraschenderweise ist hier eine richtige Indieperle rausgekommen, eine Reise zum Erwachsenwerden ohne zu wissen, wohin dieser Weg genau führt. Diese Reise, vor der wir uns doch alle etwas fürchten… Die Reise ins nirgendwo: Ich habe mich oftmals selbst ertappt in den Gedanken der Protagonisten. Erinnert hat mich der Film vor allem an Jim Jarmuschs „Broken Flowers“ mit einem egozentischen Bill Murray, der nach und nach seine Verfloßenen aufsucht; aber auch an das kleine Meisterwerk „Garden State“ von Zach Braff, natürlich bedingt durch die Art des Filmes, die Farben und die Musik. Genau dazwischen sortiert er sich in meiner Wertigkeit auch ein: Nicht so perfekt wie Garden State, aber lustiger als Broken Flowers, da mit einem wunderbaren Humor gesegnet.

Ich gebe 8 von 10 roten Buggys, und empfehle hiermit einen Film, der vermutlich sonst eher untergehen würde. Tipp: das ist der perfekte Pärchenfilm, zum Lachen, Anlehnen und sich gegenseitig necken.

Kinostart ist am 15. Oktober 2009, hier gibts alle Informationen: http://www.awaywego.de

  1. Oktober 8, 2009 um 3:14 pm

    Habe ich eigentlich schon die fettgedruckten (Halb-)Sätze kritisiert? Zerstört das Schriftbild, finde ich.

    Ansonsten bewundere ich nach wie vor Dein Engagement, was Blogging betrifft.

    • hulza
      Oktober 8, 2009 um 3:21 pm

      …und ich hab noch überlegt, und mich dann FÜR den Fettdruck entschieden, weil es immer wieder Leser gibt, die zu faul sind meine langen Gedanken komplett zu lesen, und dann wenigstens Stichpunkte haben. Aber du hast recht: die sinds doch eh nicht wert😉 Also werde ich das in Zukunft einschränken. Danke für die Kritik – in beiden Fällen ,)

  2. Oktober 8, 2009 um 5:41 pm

    Ich bin eine der raschen, manchmal lesefaulen Fans deiner Filmkritiken.
    Bleib‘ beim Schriftbild – kommt gut! Und so hangele ich mich von Headline zu Headline.
    Aber jetzt meine Frage an dich, wie du die Zeit um 7 Tage vorgedreht hast, um den Film anschauen zu können, wenn er erst am 15. in die dt. Kinos kommt..?!
    Kannst mir das (dein) Geheimnis ja mal gelegentlich erläutern😉

    • hulza
      Oktober 8, 2009 um 6:16 pm

      Ich werds mir überlegen, werde es wohl stimmungs-und themenabhängig machen😉

      Wir waren zur Vorpremiere in Frankfurt eingeladen; geht leider auch nicht immer so…
      wäre aber ne tolle Sache, ich müsste mich dafür einsetzen, dass Blogger immer Freikarten für neue Filme ergattern😉

      Danke für deinen Kommentar!

  3. Martin
    Oktober 8, 2009 um 6:04 pm

    gut getroffen simon; ich teile deine einschätzung des films und kann auch nur jedem paar empfehlen, den film zu sehen, ganz schön viel drüber geredet, als wir zuhause waren😉.

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