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13 Semester. Oder von Autobahnausfahrten.

In den letzten Wochen haben mich sehr viele angesprochen, dass ja bald „mein“ Film laufen würde. Jeder in meinem Bekanntenkreis machte früher oder später mal ’nen dummen Spruch zu „13 Semester„, dem Spielfilmdebüt von Frieder Wittich (übrigens komplett in Darmstadt gedreht.) Und tatsächlich, der Trailer hatte durchaus einige Parallelen zu meinem Leben:

Nach dem Kinobesuch musste ich leider feststellen: Ich wäre vermutlich gar nicht Momo, sondern eher Bernd, der Mitbewohner des Protagonisten. Aber ansonsten kann ich festhalten: 13 Semester ist eine unterhaltsame, liebenswürdige und vor allem charmante Studentenkomödie, die auch schwierige Zeiten zeigt, und dabei den amerikanisch-platten Collegehumor außen vor lässt. Jeder (ehemalige) Student wird den Film mögen, zeigt er doch wie facettenreich ein Studentenleben abläuft: Von Wohnungssuche bis zu wilden WG-Partys, vom Büffeln in der Bibliothek bis zum Durchfallen beim Prof, vom Spaß mit den Freunden bis zu einsamen Stunden und Liebeskummer, von wissenschaftlichen Nerds bis zu den absoluten Partytypen, von Waschsalons bis Clubparty, von Krisen und Hochstimmungen. Vermutlich wird sich jeder irgendwo mal ertappt fühlen, viele Situationen des Filmes hat man so oder so ähnlich schon mal erlebt. Der eine mehr, der andere weniger.

Wobei wir auch beim Thema wären. Ich gehöre wohl zur ersten Sorte, den Studenten mit etwas mehr davon. Deshalb konnte ich vielleicht auch etwas mehr lachen – mal schmunzelnd nickend, mal peinlich berührt grinsend, mal erinnernd lachend. Viel mehr, ob der Film nun gut oder schlecht war, beschäftigt(e) mich selbst die Frage, wie das zu bewerten ist. In einer Leistungsgesellschaft ein Langzeitstudent sein? In einer geldorientierten Konsumgesellschaft jemand sein, der Spaß und Erlebnis den Bibliotheken des Campus vorzieht? Geht das überhaupt?

Frage ich Bekannte, Freunde – oder auch vor allem meine Familie, lautet die relativ klare Antwort: Nein.

Immer wieder ist mein überzogenes Studium Thema von Debatten, Spott und Häme.  Dabei erlebe ich genau wie Protagonist Momo  in „13 Semester“ auch nicht nur Höhen: finanzielle Schwierigkeiten, Lernprobleme, schwierige Freundschaften, WG-Chaos und Liebeskummer. Hier zeigt der Film auch die ungeschönte Seite des „Partystudenten“ – der nach außen den Ruf genießt, immer nur Spaß zu haben (so wie das bei mir auch immer ist). Sein alter Freund Dirk wählt den entgegengesetzten Weg: Scheinstudent, büffeln, während der Rest am baden ist, und verfrühte Diplomarbeit direkt beim Kunden („The early bird catches the  worm“). Erfolgsorientiert, schnell, ehrgeizig, erfolgreich – ein richtiger Durchstarter. Dies alles, während Momo Spass hat und immer mehr den Anschluss verpasst.

Wie sind diese unterschiedlichen Lebensauffassungen zu bewerten? Der Film gibt keine wirklich klare Antwort, er vermittelt etwas und zeigt am Ende relativ liebenswürdig, dass Arbeit sich nicht immer lohnt, als Dirk Momo schlußendlich hilft und dabei auch den Spaß des Lebens wiederfindet, und dass man seinen eigenen Weg gehen muss.

Die beste Szene des Filmes aber handelt genau von diesem Dilemma:

Momo und Dirk sitzen nebeneinander auf einer tiefen Couch, vor ihnen sogenannte humanoide Robocops, mit welchen Entwickler versuchen Fussball zu spielen. Die Kamera fängt immer wieder die steif wirkenden Roboter beim Fussball ein, und setzt dann gekonnt Blickfänge zu Dirk und dessem steifen Anzugsleben. Momo fängt an über sein Leben zu reflektieren, erzählt von seinen Jahren als Student und das er sich fühlt wie auf einer Autobahn, und dass er viel zu oft die Ausfahrt genommen hat, und jetzt nicht weiß, wie er zurück auf die Autobahn kommt, um ans Ziel zu gelangen. Und dass er darüber nachdenkt, alles hinzuschmeissen, und nie mehr auf die Autobahn zu fahren. Die Szenerie ist ruhig, kaum zusätzliche Ausstattung, keine Musik, nur die surrenden Roboter. Nach einer langen Pause antwortet Dirk bedacht: „Ich bin immer nur mit 200km/h über die Autobahn gefahren. Und dabei hätte ich vielleicht mal eine Ausfahrt nehmen sollen, um mir die Gegend anzuschauen.“

Selten habe ich eine schönere Metapher für den Unterschied zwischen den leistungsorientierten Studenten und Langzeitstudenten gehört. Hier zudem in einer wirklich guten Szene toll gespielt.

Ich bin jemand, der gerne eine Ausfahrt nimmt, und sich viel Zeit für die Gegend dort nimmt. Jemand, der viele Wege abseits der Studiumsautobahn einschlägt, immer auf der Suche nach dem Besonderen. Das mag mir viele Steine in den Weg räumen, aber letztlich werde ich genau wie Momo in „13 Semester“ dazu stehen. Ob das immer gut sein wird, ist ein ganz anderes Kapitel. Heute im Vorstellungsgespräch wäre das fast schiefgelaufen. „13 Semester für ein Studium? Was sind Sie denn für Einer?“, so die Frage an mich. Die Leistungsgesellschaft hat schwarze Schafe wie mich nicht gerne. Dort werden die Autobahnfahrer gesucht, die keine Ausfahrt nehmen und schnurgerade „den Wurm fangen“.  (Was der arme Wurm sich dabei denkt, fragt übrigens auch keiner.)

Vielleicht werde ich erst in vielen Jahren wissen, welcher Weg der richtige ist/war. Fest steht: Der frühe Vogel kann mich mal.

  1. Januar 27, 2010 um 9:58 pm

    Alles andere liebe Simon würde auch gar nicht zu dir passen🙂 Und bedenke: das Vorstellungsgespräch ist nicht schief gelaufen! Du hast dank der vielen Ausfahrten schon mehr erlebt als manch einer jemals schaffen wird und das ist auch etwas, auf das man stolz sein darf😉

  2. cathi
    Januar 28, 2010 um 12:40 am

    oook, ich gucke ihn mir definitiv an🙂
    grüße von einer, die am fr den wurm fangen wird😉

  3. Davis
    Januar 28, 2010 um 8:40 am

    um die Methaper mal ein wenig auszuführen:

    Das Problem besteht doch letztendlich darin, das Aus- und Auffahrten jede Menge Energie benötigen die verloren geht.
    Bei einer Ausfahrt bremst du völlig ab, verlässt die Geschwindigkeitsbahn und fährt in den ruhigen Bereich. Die Bremsenergie geht aber dabei verloren. Du kannst diese Energie nicht verwenden für die Ausfahrt oder nächste Einfahrt. Sie ist weg.
    Das größere Problem ist die Auffahrt. Die kostet nämlich richtig viel Energie. Hier musst du auf dem Beschleunigungsstreifen das Tempo der Autobahnfahrer wieder aufnehmen. Für diese Beschleunigung brauchst du die meiste Energie, welche meist nur gering zur Verfügung steht. Und Energie ist teuer! Vor allem ist es schwer in der heutigen Zeit an diese Energie ran zu kommen. Und wer einmal auf vollem Tempo ist, kann das Tempomat anschalten und fährt Spritsparend…

    Du kannst zwar nur langsam auf die Autobahn fahren und zwischen den LKWs bis zur nächsten Ausfahrt rollen, aber das ist ja auch nicht der Sinn der Autobahn!😉

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