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Deutscher Film (1): Die Unberührbare (2000)

Der deutsche Film hats nicht unbedingt leicht. Der landläufigen Meinung nach werden in Deutschland keine guten Filme gedreht. Interessanterweise sorgt geradezu immer wieder ein Mann dazu, dass doch viele Zuschauer in deutsche Filme strömen, der weder schauspielern kann, noch sonst irgendein erkennbares Talent hat außer hübsche Kinder zu zeugen: Til Schweiger. Nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht: Ich mag Til Schweiger, weil er in einem verdrehten Filmbusiness immer ehrlich und offen, und auch insgesamt ein sympatischer Kerl ist. Nur Schauspielen sollte er lassen. Warum ich das hier alles erwähne?

Weil Schweiger und Leute wie Bully mit ihren Filmen für eine Art Anti-deutscher Film stehen: Die wirklich großen Werke der deutschen Kinokultur sind nämlich nicht die witzigen, harmlosen Komödien, sondern immer die erinnernden, mahnenden Filme: Immer sind es Werke über Kriege, Diktaturen, die DDR/3.Reich-Aufarbeitung oder psychologische Einzelthemen. Immer schön historisch, immer schön schwarz-weiß, immer etwas traurig. Und diese Filme haben gerade in den letzten Jahren mehr Zuspruch erfahren als jemals zuvor, das lässt sich schon an den Oscargewinnern der letzten Jahre festmachen:

Oscarnominierung für den besten fremdsprachigen Film 2005: Der Untergang (Regie: Oliver Hirschbiegel, 2004)

Oscarnominierung für den besten fremdsprachigen Film 2006: Sophie Scholl – Die letzten Tage (Regie: Marc Rothemund, 2005)

Oscargewinn für den besten fremdsprachigen Film 2007: Das Leben der Anderen (Regie: Florian Henckel von Donnersmarck, 2006)

Oscargewinn für den besten fremdsprachigen Film 2008: Die Fälscher (Regie: Stefan Ruzowitzky, 2007) – ein zumindest in deutscher Produktion entstandener Nazi-Film.

Oscarnominierung für den besten fremdsprachigen Film 2009: Der Baader-Meinhof-Komplex (Regie: Uli Edel, 2008)

Oscarnominierung für den besten fremdsprachigen Film 2010 und großer Favorit auf den Gewinn: Das weiße Band (Regie: Michael Haneke, 2009)

Noch Fragen?

Nie war der deutsche Film auch global gesehen erfolgreicher. Aber zu welchem Preis? Sind es nur noch die grauen, traurigen Produktionen, die unser Land weltweit repräsentieren? Der tontraegerhoerer hat zu diesem Thema mal einen sehr guten Beitrag im Zusammenhang mit Tarantinos Basterds gebloggt, den ich hier einfach mal aufgreifen muss. Denn zum Einen bin ich zwar seiner Meinung, dass deutsche Filme oftmals viel zu „grau“ sind, und dass wir in diesem Land auch mal wieder etwas mehr Bewegung und Frische gebrauchen könnten, andererseits bin ich einer der Menschen, denen die düsteren, grauen, einsamen Filme gefallen. Ich mag die Authenzität dieser kleinen, deutschen Filme, wie man es bei den Hollywood-Streifen nur selten hat (Gran Torino war in letzter Zeit so eine kleine Perle!); vor allem wenn es nicht „ideenlos und langweilig“ ist. (Dabei muss ich gestehen, dass ich Regisseure wie Schmid oder Petzold noch gar nicht kenne, nicht mal das viel gelobte „Yella„.)

Und einen dieser – sogar in schwarz-weiß gedrehten! – tristen Filme möchte ich heute vorstellen, weil er mir im Kopf geblieben ist und vielleicht mehr zum Nachdenken anregt als es ein toller Blockbuster macht: Die Unberührbare (Oscar Roehler, 2000), sogar in die Arthouse-Reihe der 50 größten deutschen Filme aufgenommen.

(Und wie man am Titel leicht erkennen kann: Ich nehme meine Gedanken zum deutschen Film mal zum Anlass öfter darüber zu bloggen. Schauen wir mal, ob da auch gute Unterhaltung dabei sein kann.)

Hannelore Elsner als Hanna Flanders

Hannelore Elsner spielt die einst gefeierte Schriftstellerin Hanna Flanders aus München, welche sich ein idealisiertes Traumbild der DDR geschaffen hatte, und deren Weltbild 1989 beim Fall der Mauer auf einen Schlag erschüttert wird. Spontan zieht sie nach Berlin, um dort einen Neuanfang zu starten, doch schnell merkt sie, wie ihre Umwelt sich für sie zu schnell verändert hat. Unfähig sich anderen zu öffnen und depressiv stellt sie fest, dass sie mit diesen gesellschaftlichen Hürden nicht mehr leben kann, leben will. (Die Geschichte basiert übrigens lose auf dem Leben  von Gisela Elsner, der Mutter des Regisseurs.)

Zynisch könnte man sagen: Da haben wir ja alles zusammen für einen erfolgreichen deutschen Film. Schwarz-weiß, eine bekannte Schauspielerin, ein tristes Drama um eine alternde Persönlichkeit und obendrein noch die typische DDR-Story.

Doch statt bekannten, oberflächlichen Kinoelementen erzählt Oscar Roehler diese Geschichte, dieses letztlich packende Drama auf eine irgendwie sperrige Art und Weise. Der Zugang zum Film ist nicht so gewohnt einfach, wie man es halt kennt in Deutschland. Schon die erste Kameraeinstellung des Filmes macht das deutlich: Eine Totale von Hanna Flanders, von Zigarettenrauch umnebelt, das Telefon am Ohr, zitternd, und dann die Worte: „Ich bring mich jetzt um.“ Das ist großartig, und um nochmal auf die Basterds von Tarantino einzugehen: Genau wie dort eine perfekte Eingangssequenz. Im weiteren Filmverlauf sehen wir eine kaputte, von riesigen Selbstzweifeln geplagte Diva (mit weißem Dior-Mantel!) auf einer langen Reise; sie trifft alte Bekannte, Familienmitglieder und Fremde. Immer gefangen in ihrer eigenen Unsicherheit, ihrem eigenen Scheitern.  Am Ende dieser 100 Minuten Filmlänge reicht ihre Kraft nur noch, um sich fallen zu lassen. In den Tod. Am Ende ist alles gesagt, und alles offen. Nachdenken erwünscht.

Hannelore Elsner hat in einem Interview mal gesagt (welches ich gerade leider nicht mehr finde), dass dies ihre beste und wichtigste Rolle gewesen sei. Und man möchte dies sofort unterstreichen: Elsner ist es zu verdanken, dass man auf diesem vorgezeichneten Weg des Todes nicht die Lust verspürt auszuschalten. Sie spielt Hanna Flanders mit einer unglaublichen Präsenz, in der all die Würde, all der Schmerz und die Verzweifelung zum Ausdruck kommen. Oscar Roehler ist mit diesem Film ein unglaublich beeindruckendes – wenn auch schwieriges – Frauenporträt geglückt, und zweifellos gehört der Film trotz einiger Längen zum Besten, was ich im deutschen Film gesehen habe. Fremd und traurig, grau und trist, und doch auf eine nahezu unbestimmte Weise schön und einzigartig. Für Freunde des Programmkinos absolut zu empfehlen!

Die Unberührbare (Oscar Roehler, 2000) in der imdb. Mehr Infos: http://www.hannelore-elsner.de/filmkino.htm

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  1. Februar 9, 2010 um 10:25 pm

    Na, so lasse ich mich doch gern teilweise widerlegen bzw. bestätigen 😉 „Die Unberührbare“ ist ein wirklich grandioser Film und Hannelore Elsner eine der besten deutschen Schauspielerinnen überhaupt, denn die gute Dame hat auch in schwarzweiß noch eine Präsenz, die wirklich umhaut. So ein Film gehört eigentlich für den Oscar nominiert und nicht „Der Untergang“ (unerträgliche Hitlerstilisierung) oder „Der Baader-Meinhof-Komplex“ (in dem Zusammenhang kann ich nur den kleinen, wesentlich kontroverseren Film „Baader“ empfehlen).

    Ich bin gespannt, welche Filme noch folgen, falls man Wünsche äußern darf: „Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe“

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