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Polanskis Ghostwriter

Nachträglich noch in aller Schnelle eine Kritik zum letzten Kinobesuch, „Der Ghostwriter“ vom Starregisseur in U-Haft: Roman Polanski.

Nicht zu Unrecht hatte der „Ghost“ (so der Originaltitel) auf der Berlinale seine Premiere, wurde er doch vor allem auf den deutschen Inseln Sylt und Usedom gedreht – und das obwohl die Handlung auf der US-amerikanischen Insel Marthas’s Vineyard spielt. Auf dieses kleine verlassene Stück Erde hat sich der ehemalige britische Premiereminister Adam Lang (hervorragend: Pierce Brosnan) zurückgezogen und engagiert einen sogenannten professionellen Ghostwriter (gespielt von Ewan McGregor), der für ihn seine Memoiren verfasst. Für den jungen Ghostwriter ist es die Chance des Lebens, obwohl er dem Projekt erst sehr bedenklich gegenübersteht. Doch die Arbeit an dem Buch gestaltet sich als (noch) schwieriger als erwartet, und als schließlich Ex-Premier Lang als Kriegsverbrecher  in Den Haag angeklagt wird, verkompliziert sich alles noch mehr und der junge „Ghost“ wird mehr und mehr in die Affäre mit hinein gezogen.

Der Ghostwriter ist kein herkömmlicher Hollywoodthriller, oder gar Krimi, das wäre Polanski wohl auch viel zu platt. Es geht nicht vordergründig um die Geschichte, erst recht nicht um die Auflösung des verwirrenden Plots. Das ist sicherlich für den ein oder anderen Zuschauer verwirrend, doch in „Ghostwriter“ stehen Stilistik, Dramaturgie und politische Botschaft vor dem Filmerlebnis, oder gar jeder Action. Die Bildersprache des Filmes ist düster und verregnet. Die Atmossphäre ist kalt und emotionslos (beispielhaft das moderne „Traumhaus“ in Strandnähe, siehe Bild oben). Das Tempo des Filmes ist euphemistisch gesagt gemächlich.

All dies macht jedoch keinen Film für sich alleine. Die Einsichten in die politischen Machtspielereien gelingen aber beispielhaft (auf die erkennbaren Ähnlichkeiten zu Tony Blair will ich hier nicht weiter eingehen, da soll sich bitte jeder selbst ein Urteil bilden), die Figuren in diesem Schmierentheater haben die richtige Tiefe und werden zudem noch großartig gespielt (Hauptdarsteller Ewan McGregor macht seine Sache sehr gut, verblasst aber noch etwas gegen Pierce Brosnan, Tim Wilkinson, und Olivia Williams). Die Spannung steigt von Minute zu Minute, ohne jemals effekthascherisch zu wirken: Es gibt keinen Bösewicht, doch das Böse ist immer  präsent. Besonders gut haben mir die scharfen Dialoge der Protagonisten gefallen, allen voran die aufgeladenen Szenen zwischen dem Ghostwriter und Ruth, der Frau von Adam Lang. Immer weiter und tiefer gerät der Ghost in ein Spiel der Supermächte, in dem es keine wirkliche Lösung gibt, keine befriedigende Auflösung, kein „Happy-End“, daher ist das Ende von „Ghostwriter“ für herkömmliches Kino wohl langweilig und unverständlich, in diesem Falle ist es der angemessene und passende Schlussakkord (Tim Wilkinsons präziser Blick in dieser Schlussequenz alleine muss jeden Cineasten begeistern!).

Fazit: Polanski ist ein weiteres Mal ein starkes Stück Kino gelungen, „Ghostwriter“ ist ein düsterer, meisterhaft inszenierter Polit-Thriller in optisch einwandfreiem Look, der auf über 2 Stunden fesselt – ohne dabei jemals seine ruhige Erzählart zu verlassen. (Da liegt vielleicht die einzige Schwäche: Diesen Film muss man nicht zwangsläufig im Kino schauen, ein Film in bester „Sonntag-Abend-Krimi“-Manier.) Für jeden anspruchsvollen Cineasten durchweg zu empfehlen! 8 von 10 Geister!

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