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Sónar Festival 2010 (Barcelona)

Festivals gibt es mittlerweile wie Sand am Meer, mal besser, mal schlechter. Auch im elektronischen Bereich ist da über die vergangenen Jahre vielleicht sogar schon zuviel Neues gewesen, aber der Klassiker unter all jenen bleibt das „Sónar“. Das „International Festival of Advanced Music and Multimedia Art“ findet jedes Jahr in Barcelona statt – und ich habe es endlich (!) geschafft vorbeizuschauen. Hier ein Erfahrungsbericht.

The Chemical Brothers

Es ist Donnerstag nachmittag. Und schon nach wenigen Minuten wird klar, was das Sónar ausmacht. Aus einem Gebäudekomplex, irgendwie einem Mittelding zwischen modern und uralt, wummert der Bass schon hunderte Meter entfernt. Kaum 500 m von „La Rambla“ entfernt, DER Strasse in Barcelona. Innenstadt. Und genau diese Innenstadt überfüllt mit jungen Menschen, alles vorhanden zwischen besoffenem Engländer und intellektuellem Hornbrillenträger. Am Eingang sind wir schon mehr als zehn mal nach Drogen gefragt worden, und wir selbst haben uns mindestens ebenso oft über unglaubliche Gestalten amüsiert. Hier an diesem Donnerstag Nachmittag ist in Barcelona das Zentrum der elektronischen Musik. Der Start in ein ganzes Wochenende vollgepackt mit musikalischen Acts irgendwo breitgefächert zwischen Mainstream-Techno und avantgardistischen Experimenten. Und für dieses Spektakel reisen Menschen aus der ganzen Welt an. 84.000 Besucher sollen es dieses Jahr gewesen sein – von allen Kontinenten, quer durch alle Hautfarben, quer durch alle Typen von Menschen zwischen Superstar und Fan.

Sónar by day

Das Tagesprogramm des Sónars zeigt schon, dass das Festival nicht nur Party ist. Es soll hier wirklich (auch) um die Musik an sich gehen, man gibt hier vielen, vielen (!) Künstlern eine Chance, die Experimente wagen, die gegen den Strom schwimmen, und welche größtenteils noch eher unbekannte Musiker sind. Daneben sind aber auch bekannte Stars wie  King Midas Sound, Moodyman oder auchPete Tong da, welcher ein fluffiges House-Set spielt, und mit einem der ersten Höhepunkte im sogenannten „Village“ glänzt: einer sehr gelungenen Remix-Variante des aktuellen African-WM-Songs. Insgesamt geht das alles sehr locker zu: Bei teurem Bier wird überall die Sonne genoßen.

Sónar Village

Caribou im Sónar Dome

Bei Daniel Snaith und seinem aktuellen Projekt Caribou und dem neuen Album „Swim“ ist dann schon ordentlich Gedränge, Geschiebe, aber vor allem auch viele entspannte, gutgelaunte Menschen, wunderbare Musik und tolle Stimmung angesagt (Hier noch ein interessantes Video von der Red Bull Academy im Sònar Dome während des day-Konzeptes.). Und wem hier immer noch nicht klar war, was dieses Festival von normalen Festivals unterscheidet, konnte mit diesem Bild belehrt werden:

Im Dome bei Caribou

Ein erster, echter Höhepunkt des Festivals – für mich persönlich, aber sicher auch für Veranstalter und andere Gäste – war am frühen Freitag nachmittag der Auftritt von „Aufgang„, dieser französischen 3er Kombo bestehend aus den Pianisten Rami Khalifé und Francesco Tristano und dem Percussionisten Aymeric Westrich. Ich habe vorher deren Musik nur wenig mit Worten beschreiben können – und ich kann es immer noch nicht. Das schaut man sich am besten mal selbst live an – oder zumindest hier. Ich fands klasse, und hätte mir rein interessehalber noch viel mehr solcher Acts angeschaut, aber hier liegt auch schon das größte Problem der Day-Konzerte: Man ist einfach noch viel zu fertig von den langen Nächten. (Oder man frisst halt 734 der 2578 angebotenen Pillen, geht natürlich auch.) Insgesamt wunderbares Konzept, in der Breite vielleicht etwas viel des Guten: Lieber ein paar Acts hier und da weniger, und dafür mehr so wunderbare Musiker wie Aufgang.

Sónar by night

Das nächtliche Konzept ist natürlich trotz aller Künstler am Tage das eigentliche Highlight der Besucher, und so ist die Innenstadt sowohl lautstärke-, als auch größentechnisch gar keine Diskussion: Das Nachtprogramm wird in ein Kongresszentrum etwas außerhalb der Stadt verlegt und erinnerte mich mit seinen Hallen und der Gestaltung natürlich an „I love Techno“ in Gent. Aufgeteilt auf eine riesige Halle und 2 etwas kleinere Open-Air-Floors gibt es hier 3 große Bühnen, bei deren Lineups die Bedeutung des Sónars deutlich wird: Die 70er Jahre-Band „Roxy Music“ ist da genauso vertreten wie die französischen Synthie-Popper von „Air“ oder das elektronische Projekt „LCD Soundsystem“ von James Murphy.

Es ist aber natürlich auch die Spielbühne von Stimmungskanonen wie „Hot Chip“, die wiedermal einen wunderbaren Auftritt hinlegen, oder „The Chemical Brothers“, die es schaffen eine ganze, riesige Halle in Ekstase zu versetzen. Freitags bleibt sicherlich der Live-Auftritt von Richie Hawtin mit seinem Alter Ego Plastikman in Erinnerung. Eine riesige LED-Wand, hinter der nur manchmal die Schatten der Maschinen erkennbar waren, und eine denkwürdige Zugabe, bei der Hawtin nochmals mit einem kleinen Gerät nach vorne auf die Bühne kam. Sehr cool! Völlig anders, völlig andere Musik, völlig andere Struktur, ungleich schöner, und doch auf dem gleichen Festival: Einen Tag später war Sigur Ròs-Frontman Jònsi auf der Bühne und bezauberte mit wundervollem Island-Pop. Großartig, ein echter Höhepunkt, schon so früh in der Nacht.

Jònsi

Ein wundervoller Moment des zweiten Night-Feiermarathons war sehr untypisch – und vor allem unerwartet. Auf der von „LuckyMe“ gehosteten Bühne SònarLab spielten Eclair Fifi & John Computer die Original-Version(!) von Totos „Africa„. Tausende Hände in der Luft und ein riesen Chor, super!

Vergass ich etwa die 4. Bühne des Sònar by Night? Ja, die gabs eigentlich nicht, aber ein Autoscooter – ja, richtig gelesen – wurde zur offiziellen Partyzone für alle Freaks, Spasskanonen, Betrunkenen und Kaputten. Auch wir haben da ziemlich die Zeit verloren und unglaublich viel mit anderen Menschen gelacht und gefeiert. Der vermutlich erste Autoscooter der Welt ohne Autoscooter-Techno😉 – hier nochmal bei youtube dokumentiert.

Der Wahnsinn!

Am frühen Morgen hangelt man sich schließlich so von Act zu Act, von den reinen DJs haben mir da vor allem Dixon von der Innervisons-Crew und der alte Mann DJ Hell am besten gefallen. Astreiner Techno, vor allem Hell zeigte Sonntag morgens schon im Sonnenlicht eine tadellose Leistung, und sorgte für zufriedene Gesichter am Ende des dreitägigen Festivals. Geglücktes Ende, bevor es dann wieder per Bus Richtung Innenstadt und Strand ging.

Fazit

Sònar war die Reise wert. Tolles Festival! Ob ich wiederkomme, muss man erstmal schauen, da gibt es soviel anderes noch zu entdecken😉 Sehr gut gefallen hat mir das Gespür für gute Musik und gute Acts, das allgemeine internationale Feeling,  die sehr guten musikalischen Auftritte, die tolle Stimmung und der ganze Spass dort. Weniger gut gefiel mir der Ticketeinlass (ohne Bändchen), Bonsystem bei den Getränken und die vehemente Präsenz von Drogen. Wer sich ein ganzes Wochenende mit elektronischer Musik und seinen zahlreichen Facetten beschäftigen möchte, dem sei das Festival ans Herz gelegt. Durch seine Lage inmitten der Stadt – die auch noch am Strand des Mittelmeeres liegt – ist das Sònar wohl ziemlich einzigartig. Lohnenswert!

Tschüss, Sònar!

Mit der Sonne nach Hause.

(Alle Photos von mir, aufgenommen mit der Canon Powershot SX 200 IS )

Hier gehts zum Barcelona-Bericht mit Photos von der Stadt.

  1. Juni 28, 2010 um 9:40 am

    Das diesjährige Sónar war erwartungsgemäss ein Volltreffer. Nächstes Jahr werde ich unbedingt wieder versuchen, dabei zu sein. Diesmal haben wir zum ersten Mal in einer Barcelona Ferienwohnung übernachtet. Ich muss echt sagen, dass wir unterm Strich sehr zufrieden gewesen sind. Auf das nächste Mal, also!

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