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Der Traum ist ausgeträumt

Aus der Traum vom WM-Finale. Aus der Traum vom Traumfinale gegen die Niederländer. Mit 0:1 verliert die deutsche Nationalmannschaft ihr Halbfinale gegen Spanien. Gesehen hat man ein würdiges WM-Halbfinale mit einem würdigen Sieger – und einer denkwürdigen deutschen Mannschaft als klarer Verlierer.


Zeitsprung zurück zum ersten Deutschlandspiel. Ich werde vom SWR interviewt, und gefragt wie weit Deutschland denn bei dieser WM komme. Das ist sowieso schon eine schwierige Frage, weil spätestens mit den K.O.-Runden alles möglich ist – für jede Manschaft. Aber ich entscheide mich für das Viertelfinale. Gegenfrage: „Warum nicht weiter?“. Meine Antwort: „Weil ich glaube, dass die Mannschaft dafür insgesamt noch etwas zu unerfahren und ängstlich ist. Da sind uns Mannschaften wie Spanien einfach voraus.“

Einige Wochen später – nachdem Deutschland die halbe Welt mit tollem, überragendem Fussball verzückt hat – trifft Deutschland also auf Spanien. Und ganz anders als noch zum Zeitpunkt des Interviews, bin ich optimistisch. „Das ist schaffbar“, denke ich.  „Auch gegen die beste Nationalmannschaft der Welt kann man in dieser Form bestehen. Natürlich kommt es auf vieles an; erstmal schauen, wie Spanien sich auf unser Spiel einstellt.“

So hätte es in der taktischen Aufstellung kommen können:

Torres als zentrale Spitze, etwas versetzt dahinter Villa. Xavi und Iniesta im zentralen Mittelfeld, dahinter Alonso und Busquets. Ein klassisches 4-2-2-2-System. Dazu bei uns Kroos auf der rechten Seite, der mit seiner Ballsicherheit  (und Schusstechnik) die Spanier sicher vor Schwierigkeiten gestellt hätte. Löw und del Bosques entscheiden sich aber ganz anders – zugunsten der spanischen Mannschaft:

Löw nimmt einen seiner Lieblinge herein: Trochowski. Dieser schafft es über 60 Minuten nicht, Capdevilla in ernsthafte Zweikämpfe und damit verbundene Schwierigkeiten zu bringen. Die wesentlich wichtigere Umstellung aus taktischer Sicht aber bei den Spaniern: Der glücklose Torres muss auf die Bank, Villa rückt in die Spitze, und auf die linke Außenbahn rückt Pedro, was dazu führt, das Iniesta und Xavi weiter rechts spielen und nicht zuletzt Lahm seine  gefürchteten Vorstöße kaum umsetzen kann, da er fast ständig von Pedro gefordert wurde. Spanien spielte nun mit einer ähnlichen Ausrichtung wie auch Deutschland (Xavi etwas defensiver in der Grundformation als Özil). Daran krankte schließlich fast das gesamte deutsche Spiel: Schweinsteiger und Khedira hatten mit Iniesta und Xavi alle Hände voll zu tun, Boateng bekam es oftmals direkt mit mehreren Spaniern zu tun (sogar mit Ramos!), und Lahm war durch Pedro quasi außer Kraft gesetzt, zudem kam Özil nahezu null ins Spiel, und vorne hing Klose auf sich alleine gestellt in der Luft herum. Pedros Einwechslung und die Umstellung des spanischen Systems waren für mich der Schlüssel für den spanischen Triumph (auch wenn Pedro mit einer einzigen Szene sein ganzes gutes Spiel vergessen machte!).

Außerdem als Schlüsselspieler zu nennen: Sergio Busquetes. Dieser hatte Mesut Özil so sehr im Griff, dass dieser kaum auffiel bzw überhaupt keine Möglichkeit bekam, seine Fähigkeiten auszunutzen. Grandioses Spiel vom spanischen 6er.

Vor allem in den ersten Minuten spielte Spanien ein solch gewaltiges Pressing, dass Deutschland dort gar nichts entgegegensetzen konnte (In dieser Phase konnte man froh sein, dass die Spanier so abschlussschwach sind). Spanien beherrscht es wie kein zweites Team bei dieser WM, seine Gegner hinten einzuschnüren. Das sieht für ungeübte Zuschauer vielleicht manchmal etwas langweilig aus („Das Spiel ist ja total langweilig, man ey“), ist aber im Grunde genommen perfekt: So sah ich die Partie auch nie als langweilig an, sondern ein in jedem Fall würdiges Halbfinale zwischen 2 großen Mannschaften – fast auf Augenhöhe.

Am Ende reichte es nicht für die deutsche Mannschaft. Nicht weil diese schlecht gewesen wäre, sondern weil sie auf eine spanische Mannschaft traf, die zum richtigen Zeitpunkt ihr bestes Spiel machte, und mit einem genialen Pressing-Passing-Spiel den Deutschen den Mut und den Spielwitz raubte.

Man of the Match ist für mich Xavi: Die meisten Pässe, die meisten gelaufenen Kilometer, der absolute Leiter im Mittelfeld und obendrauf noch die Vorlage zum Tor des Tages. Quasi der Schweinsteiger des Argentinien-Spiels. (Übrigens: deutscher Spieler des Tages war für mich der viel gescholtene Mertesacker. Schon gegen Argentinien war er mit überragender 100%-Quote auf einem guten Weg, nun hat er sich nochmal gesteigert. War der Ruhepol in der hektischen Abwehr, klärte mit tollem Stellungspiel viele Chancen von Villa schon im Ansatz. Chapeau!)

Spanien siegte mit ziemlich perfektem Fussball, und steht mit seiner goldenen Generation nun auch völlig verdient im WM-Finale. Deutschlands goldene Generation könnte bald kommen, selten hat es soviel Spaß gemacht einer deutschen Mannschaft zuzuschauen – daran ändert auch ganz sicher diese Niederlage nichts. Glückwunsch nach Spanien! Ich bin gespannt, wie sich die Niederländer gegen diese perfekt agierenden Spanier präsentieren werden. Nach dem Spiel um Platz 3 und dem großen Finale werde auch ich dann etwas mehr zur WM im Allgemeinen, Fans und vielen vermeintlichen Bundestrainern sagen – und erklären, warum ich mich schon wieder auf die Bundesliga freue.

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  1. Maddin
    Juli 8, 2010 um 7:11 pm

    Soso. Pedro war jedoch eher Boatengs gegenspieler. Eben dieser hatte es besonders schwer, weil Prinz Poldi Ramos nicht defensiv beschäftigte und ihn selbst auch nicht halten konnte. Er ist ein Teil, weshalb man nicht gegen Spanien gewinnen konnte.
    Dann Trochowski. Auch wenn er technisch ganz okay ist. Er war einfach nicht ballsicher genug, hatte Angst und zuviele Fehlpässe. Punkt 2 und meiner Meinung nach ein sehr entscheidender in Sachen deutschen Offensivbemühungen, da Capdevilla der schlechteste Spanier ist.
    Dazu kommt Punkto Nummer 3, weshalb wir defensiv so sehr beschäftigt wurden und das eigentlich wieder überragende Spiel Schweinsteigers (JA, er war wieder der beste, hat Xavi, Iniesta und Pedro immer noch genügend Bälle abgenommen, eigentlich einen Freistoss aus entscheidender Position rausgeholt, Schiri MUSSTE da pfeiffen.), nicht so klar ersichtlich war. Schwachpunkt KHEDIRA dem man eindeutig anmerkt, dass die Xavi’S dieser Welt noch ne Nummer zu groß für ihn sind.
    Er lief zu oft zwischen den Spielern hin und her, die ihn nach dem Prinzip „schweinchen in der mitte“ laufen ließen.

    Bin mir relativ sicher, dass neben einem sichereren Auftreten die Wechsel:
    Khedira-Kroos, Marin-Podolski und (ging ja leider nicht) Troche-Kroos uns dem Sieg näher gebracht hätten. Punkt.
    Gez. Bundestrainer 81.99Mio/82 Mio

  2. hulza
    Juli 8, 2010 um 9:16 pm

    Ja, stimmt mit Pedro. das hab ich oben ganz vergessen. Die 3 spanischen offensiven Mittelfeldspieler haben ja quasi ständig Positionen getauscht. Boateng hat dabei eigentlich ganz gut ausgesehen. Ich glaube Jansen für Poldi wäre in diesem Zusammenhang auch besser gewesen, da Poldi gestern sowieso wieder ein Totalausfall war – aber dass muss ich Dir ja kaum sagen 😉

    Khedira fand ich nicht unbedingt schlecht, aber ich geb dir in soweit recht, dass dies vielleicht das einzige Spiel war, wo man einen erfahrenen, ruhigen Leader wie Ballack auf dieser Position sehr gut hätte gebrauchen können.
    Einer der anderen Bundestrainer 😉

  3. Juli 9, 2010 um 5:17 pm

    Ich kann die Niederlage immer noch nicht fassen, einfach unvorstellbar. Jogi Löws hätten den Sieg sehr verdient!

    Wer sich umfassend über Südafrika und die WM informieren möchte, dem empfiehlt sich ein Blick in das Südafrika-Portal:
    http://2010sdafrika.wordpress.com/

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