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Neue Synagoge in Mainz: Licht der Diaspora

Kaum 300m entfernt von meiner Wohnung entstand innerhalb des letzten Jahres ein denkwürdiges Gebäude und steht nun kurz vor seiner Einweihung. Für manche ist es Kunst, für manche moderne Architektur, für einige ist es das häßlichste Haus weit und breit, einige finden es unpassend, andere loben die Vielseitigkeit, für die jüdische Gemeinde ist es vor allem der Versuch ein Stück Geschichte und Kultur wiederzubeleben. Wie man aber auch immer zur neuen Synagoge in Mainz, „Licht der Diaspora“, steht, man kommt in diesen Tagen nicht dran vorbei. Grund genug mal mit der Kamera einen Blick auf die neue Mainzer Synagoge zu werfen.

Frontansicht von der Hindenburgstrasse / Synagogenplatz

Rückblende: Unter dem Rabbiner Gerschom Ben Judah ist Mainz im Hochmittelalter eine der führenden jüdischen Gemeinden in ganz Europa. Ben Judahs Lehren (u.a. seine fortschrittlichen Talmud-Lehren) sind wegweisend für das komplette Judentum (So hat es mir zumindest mein Theologieprofessor für Judentum gelehrt, für genauere Entwicklungen müsste ich wohl mal wieder einen Blick in die Bücher werfen…). Ben Judah erhält für seine Leistungen den Beinamen „Licht der Diaspora“.  Ausgehend von dieser Entwicklung war Mainz immer ein Zentrum des jüdischen Glaubens gewesen, musste aber auch über Jahrhunderte (eigentlich sogar ein ganzes Jahrtausend!) Verfolgungen und Leid ertragen. Einer der unrühmlichen Höhepunkte ist die Reichspogromnacht am 9. November 1938. Überall im Land zerstören die Nazis Synagogen, daran kommt auch Mainz nicht vorbei: Die große Mainzer Synagoge wird vollständig vernichtet und verbrannt. Erst 1988 entdeckt man Überreste des Brandes bei Bauarbeiten, welche seitdem in der Hindenburgstrasse als Mahnmal an die Reichspogrome und den Holocaust stehen.

Heute: Schon seit vielen Jahren versuchte die jüdische Gemeinde in Mainz eine neue, größere Synagoge zu bauen. Wie so oft scheiterte es an der Finanzierung. Es dauerte schließlich 15 Jahre von der Idee bis zum Baubeginn im Februar 2009. Angelehnt an „Licht der Diaspora“ entsteht eine Synagoge, welche alte und moderne Elemente miteinander verbindet, und dabei vor allem auf die hebräische Sprache und jüdische Lehren Bezug nimmt (Weitere Informationen zu baulichen Teilen findet man vor allem auf den Seiten der jüdischen Gemeinde!).

Die Pfeiler des Mahnmals bleiben intakt, direkt in Front des Einganges

Architekt Manuel Herz baute ein ungewöhnliches architektonisches Projekt: Angelehnt ist die Synagoge an das Wort „Qadushah“, das hebräische Wort für Segen oder auch Erhöhung, dessen fünf Buchstaben dem Gebäude seine außergewöhnliche Form geben und es in fünf Bereiche strukturieren. Hier kann man dies gut aus der Gartenansicht sehen:

Modellphoto via manuelherz.com (Architekt)

Modellphoto via manuelherz.com (Architekt

Neben der Form ist sicherlich vor allem die Außenwand der Synagoge aufsehenserrregend: Sie besteht aus einer glasierten Keramikoberfläche, welche sich in diversen Mustern immer zu den verschiedenartigen Fenstern hinrichtet. Dadurch entsteht eine sehr spannende Dreidimensionalität, und je nach Lichteinfall der Sonne wirkt die Fassade immer wieder anders. Manchmal wirkt das sperrig, manchmal aber auch sehr einladend, aber immer kunstvoll:

Keramikfassade / via manuelherz.com (Architekt)

Eingangsseite der Synagoge mit Blick auf Tür und hebräische Schriftzeichen

Das „Licht der Diaspora“-Gebäude wird viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen, da bin ich sicher. Im Gegensatz zu vielen örtlichen – eher bewußt versteckten – jüdischen Gemeinden zielt dieser Bau ganz klar darauf wahrgenommen zu werden. Man wird über diese Synagoge sprechen, man wird darüber diskutieren, manche werden es verurteilen: Sicher ist aber, dass die jüdische Gemeinde Mainz ein neues Zuhause hat, welches weithin sichtbar ihre Religion verdeutlicht. Damit wird diese jüdische Synagoge auch – und gerade hier – in Deutschland ein mutiges Symbol für die weltweite Diasporades Judentums. Ich persönlich finde diesen Bau große Klasse, auch und gerade weil er mit seiner Architektur so wenig in die Mainzer Neustadt passt. Für viele Mainzer Juden wird diese Synagoge ein großes Ereignis sein – und auch ich bin ein bisschen stolz, dass ich in einer Stadt leben darf, die so stark mit ihrer eigenen Geschichte verbunden ist, und nun eine Synagoge besitzt, welche vielleicht weltweit einzigartigen Charakter hat.

Welchen Stellenwert dieser Bau auch gesellschaftlich genießt, kann man auch an der Gästeliste der Eröffnungsfeier am 3. September ablesen: Von Bundespräsident Christian Wulff über Ministerpräsident Kurt Beck bis hin zur Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland werden viele Gäste erwartet, vor allem auch viele ehemalige Mainzer Juden, welche mittlerweile in die ganze Welt verstreut sind. Außerdem überträgt der SWR die Feier live. (Ich selbst kann leider nicht teilnehmen, da ich in Berlin bin. Hätte gerne auch einige Innenraumaufnahmen gemacht, aber das ist aktuell noch gesperrt.)

  1. August 27, 2010 um 3:03 pm

    Ich mag das Gebäude sehr. Fucking spaceship of the jews!

  2. August 29, 2010 um 5:46 pm

    ah! wir hatten uns letztens gefragt was das wohl wird – da kommt dein blog genau recht.

  3. Alex Boerger
    August 30, 2010 um 9:28 am

    Ich finds toll, dass es auch mal mutiges Design in der Neustadt gibt, aber mir gefiel das Gebäude besser als nur die Metalhalterungen montiert waren. Im Vergleich dazu ist die Keramik Fassade fast schon ein wenig langweilig.

  4. August 30, 2010 um 5:50 pm

    Geheimnisvoll wie der tiefste Sinn der Tora im Sod offenbaren sich mit dieser wunderbaren Synagoge die ‚Strenge‘ geistig verankerten Denkens, die ‚Harmonie‘ architektonischer Metaphern unterschiedlicher Bedeutung, die ‚Liebe‘ zur Stadt Mainz, ihre unauslöschbare ‚Verbundenheit‘ mit ihrer jüdischen Geschichte und vor allem das Gelöbnis auch in der Zukunft den Lobgesang auf den Gott Israels, den Alten Bund und die Propheten am Rhein unüberhörbar erschallen zu lassen. Man wird nun weltweit zuhören, mit einstimmen und – so kann man es nur hoffen – auch dementsprechend handeln.

  5. Marcel.
    September 10, 2010 um 4:00 pm

    Muss mir das auch mal ansehen, finde die Architektur mehr als gelungen

  6. Christel Görtler
    Juni 30, 2015 um 12:57 pm

    Habe mit unserem Kulturverein Großgemeinde Ranstadt/Wetterau die neue Synagoge in Mainz besucht. Erst wenn man sich mit der jüdischen Geschiche beschäftigt und auch mit den Gedanken des Architekten von Manuel Herz, findet man dieses Gebäude sehr faszinierend. Ein Gebäude – für unsere gewohnten Blicke nicht verständlich. man sieht dann alles mit anderen Augen. Herzlichen Glückwunsch der jüdischen Gemeinde und auch der Stadt Mainz.

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