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Jussi Adler-Olsens Fasanenmörder

Wenn in Deutschland erstmal alle Feuilletons aller großen Blätter und Magazine einen Autor (hier: Adler-Olsen) zum Nachfolger eines vorherigen Starautors (ehemals: Stieg Larsson) gemacht haben, ist die Wirkung immer gleich: Es entsteht ein Sog, in dessen Nachwirken die Bücher des Autoren einen gewissen (positiven) Konsens in der Republik erreichen. Das Gleiche könnte man natürlich auch über Theater oder Musik berichten: Die Vorgänge sind überall gleich. Und was im Musikbusiness zur Zeit „The Suburbs“ von Arcade Fire ist, ist die Krimireihe um Carl Mørck von Jussi Adler-Olsen aktuell in der Belletristik. Und soviel vorneweg: Was manchmal absurd und ungerechtfertigt ist, findet hier völlig zu Recht statt!

Quelle: SPIEGEL Bestsellerliste 37/2010 (10.09.10)

Quelle: SPIEGEL Bestsellerliste 37/2010 (10.09.10)

Dass ein Autor in der Belletristik auf Platz 1 und 2 steht ist ungewöhnlich, aber spätestens seit Stieg Larsson wissen wir, dass es nicht unmöglich ist (Larsson hatte teilweise alle drei Bände unter den ersten 5!). Ich selbst hatte den ersten Band „Erbarmen“ einige Zeit vor dem beginnenden Hype geschenkt bekommen, ihn aber schließlich auch erst im März gelesen. Zu dieser Zeit etwa ging es auch los mit den andauernden Lobeshymnen auf Adler-Olsen und auch ich stimmte kräftig mit ein. Entsprechend groß auch meine Vorfreude auf Teil 2  des 60-jährigen Dänen.

dt. Hardcover-Ausgabe

Carl Mørck, exzentrischer und begabter, aber eher unsympatischer Vizekriminalkommissar in Kopenhagen, kommt aus dem wohlverdienten Urlaub zurück und findet gleich einen neuen Fall vor. Wobei neu nicht aktuell bedeutet, denn mal wieder geht es in die Vergangenheit, über 20 Jahre zurück.  Und zudem ist der Fall eigentlich geklärt: Der Mörder von 2 Geschwistern sitzt seit vielen Jahren im Gefängnis. Doch wer hat Mørck die Akte zugeteilt nach all dieser Zeit? Warum versucht ihn das Präsidium auszubremsen? Diese Fragen stacheln Mørck erst recht an, und der eigensinnige Polizist nimmt gemeinsam mit seinem unerklärbaren Assistenten Assad die Ermittlung auf.

Soviel in aller gebotenen Kürze zum Inhalt und Start des Krimis. Adler-Olsen schafft es Charaktere zu erschaffen, die einen beim Lesen geradezu bildlich erscheinen: Der kauzige, etwas schlecht gelaunte Mørck, der absurde, immer wissbegierige Assad, und letztlich auch die etwas nervige, selbstbewusste neue Sekretärin Rose. Dazu natürlich noch viele weitere Personen, insbesondere den Tätern aus der „First class“ von Dänemark. Diesen Personen wird im Roman wieder sehr viel Zeit einberaumt. Auf den ersten Seiten sogar weit mehr als die eigentlichen Ermittlungen. Dies ist eins der entscheidenen Stilmittel der Adler-Olsen Reihe bisher: Im Gegensatz zu herkömmlichen Krimis weiß der Leser früh, wer hinter den Taten steckte, wer aus welchem Grund dies und jenes getan hat. Ebenso bekommt man ein ausführliches, oftmals sehr differenziertes Bild der Mörder. Das ist ungewöhnlich, macht das Buch aber mitnichten weniger spannend. Im Gegenteil: Durch verschiedene Sichten auf die Ereignisse, Zeitsprünge und diverse wichtige Charaktere entsteht ein spannendes Netz aus Informationen, welches sich nach und nach dem Leser immer mehr erschließt. Dabei ist Spannung gar nicht der nennenswerte Hauptfaktor, warum die Adler-Olsen Bücher so gut sind. Spannend sind sie, und wie. Aber entscheidend sind die Geschichten der Menschen, die beinahe absurd brutale Darstellung von Psyche, Gedanken und dem Leben und seinen Eigenarten. Dies gelingt Adler-Olsen beeindruckend. Dazu kommt eine herrliche Portion Ironie und Komik, vor allem natürlich innerhalb des Sonderderzenats Q. Wie schon in „Erbarmen“ musste ich oftmals schmunzeln – angesichts des Plots eigentlich unangebracht.

Ich habe lange überlegt, ob ich „Schändung“ nun schlechter bewerte als „Erbarmen“, weil der zweite Teil nicht ganz so spannend war wie Teil 1, und noch mehr vorhersehbar. Aber die Darstellung der Figuren – auch mit ihren eigenen, teilweise nur schwer greifbaren Problemen – hat mir unglaublich  gut gefallen. Auch der inhaltliche Schwerpunkt ist packend und so sehr realitätsverbunden, dass einen manchmal schauert – vor allem bei einigen doch intensiv beschriebenen Gewaltszenen. Ich bin wieder beeindruckt, konnte diesen Band abermals kaum zur Seite legen, und kann es daher nur empfehlen. Einstimmen in die Konsenskritiken der Medien: Adler-Olsen ist groß. Da bleibt nur auf den nächsten Band zu warten – und zu hoffen, dass dort endlich mehr auf Assads Vergangenheit eingegangen wird. Und Mørck endlich seine Psychologin flach legen darf.

HIER kann man die ersten Seiten schon mal lesen, und sich einen ersten Eindruck machen.

Nachtrag:

Warum der dtv-Verlag sich schon wieder für eine Umänderung des Originaltitels entschieden hat, bleibt wohl allein ihnen verständlich. „Schändung“ ist unpassend, und das originale „Fasanenmörder“ wäre treffender – und im Gegensatz zu den langen Larsson-Titeln auch nur ein deutsches Wort. Unverständlich!

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