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The American (Anton Corbijn, 2010)

Etwa zur Hälfte des neuen Anton Corbijn-Filmes The American gibt es eine Szene, die fast alles über diesen Streifen sagt und seine Reminiszenzen deutlich macht: George Clooney sitzt Kaffeetrinkend und einsam in einer kleinen italienischen Straßen-Bar, die Kamera ist ruhig, die Stimmung eher ungemütlich und rau. Dazu kommt auf einem großen TV im Hintergrund die legendäre Szene aus Sergio Leones „Spiel mir das Leben vom Tod“. Charles Bronson in Großaufnahme, die ruhige Kamera, das Gefühl der unendlichen Langsamkeit, und die dennoch vorhandene knisternde Spannung. Darauf könnte man auch sehr gut „The American“ reduzieren.

George Clooney ist Jack, ein getriebener, einsamer, perfekter Auftragskiller, immer unterwegs auf der Flucht vor Gefahr und Feinden. Nach einem Blutbad in der schwedischen Einöde, bei dem er ohne zu Zögern auch seine Geliebte erschiesst, flieht er nach Italien, und findet dort in den Bergen der Abruzzen einen Unterschlupf. Einen letzten Auftrag will er erfüllen, dann will er Schluß machen mit dem unmoralischen Geschäft. Für diesen letzten Auftrag muss er eine schnelle, lautlose Waffe zusammenbauen, und sie schließlich seiner Kundin aushändigen. In der Zwischenzeit verliebt Jack sich in die Prostituierte Clara (gespielt von Violante Placido), und erlebt mit ihr einige wundervolle Stunden (siehe auch Photo oben).

Eigentlich ist alles dabei für einen sensationellen Thriller: Eine kühle, und doch wunderschöne Landschaft, beeindruckende Aufnahmen von Menschen und Natur, eine verzwickte Geschichte um Mord, Komplott und Liebe, ein guter Piano-Score von (Achtung!) Herbert Grönemeyer, und zu dem ein gut funktionierendes Schauspielensemble: Vor allem George Clooney agiert mal wieder herausragend: kühl und ängstlich, dann wieder voller Leidenschaft. Violante Placido ist einfach nur unglaublich bezaubernd.

Dass Regisseur Anton Corbijn nun eigentlich Photograph ist, hat wohl in den letzten Wochen nahezu jeder mitbekommen. Kaum eine Kritik, kaum ein Bericht über „The American“ liess dieses Detail aus. Und nun, nach meinem Kinobesuch, weiß ich auch warum: Der ganze Film ist nahezu in Standbildern „photographiert“. Die Kamera bewegt sich nahezu nie, es gibt keine Kamerafahrten, keine schnellen Bilder, keine kurzen hastigen Schnitte. Es herrscht Ruhe, Stille und der Blick für das Detail. Das wird deutlich in nahezu jeder Sequenz, ganz besonders in der eingangs erwähnten Barszene, aber auch wenn Jack minutenlang (!) mit einer Seelenruhe an der neuen Waffe arbeitet. Diese für heutige Maßstäbe ungewöhnlich langen Einstellungen und Totalaufnahmen irritieren, erzeugen aber auch die gewünschten Effekte: Einsamkeit, Spannung und Zerrissenheit.

Doch so richtig kommt „The American“ nicht in Fahrt. Woran liegt das? Nicht unbedingt an der langsamen Erzählweise, dies hat mir eigentlich sehr gut gefallen. Er bleibt über die gesamten 106 Minuten zu distanziert, zu statisch. Vor allem zu vorhersehbar: Sowohl die Bedrohung, als auch das Ende liegen zu sehr auf der Hand, überraschen deutlich zu wenig. Hier hätte ich mir wesentlich mehr erhofft. Außerdem bleiben Jacks Gedanken und Beweggründe dem Zuschauer viel zu sehr verborgen. Das ist schade, denn Corbijn hatte hier alle Möglichkeiten. Leider nutzt er diese nicht richtig aus, verlässt sich vor allem im 2. Teil der Geschichte zu sehr auf die – durchaus beeindruckenden – Aufnahmen. Dabei wäre soviel drin gewesen: die kleinen Gesten, diese wunderschönen Bilder, die gelungenen prickelnden Szenen zwischen Clooney und Placido überzeugen auf ganzer Linie. Doch am Ende verlässt man den Kinosaal mit dem etwas enttäuschten Eindruck, dass hier viel mehr möglich gewesen wäre. Am Ende reicht es nicht ganz, nur gut auszusehen. Und das ist doch dann wieder genau wie im richtigen Leben.

6,5 / 10 Punkten.

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  1. September 19, 2010 um 12:34 pm

    Also Thriller sind ab einem bestimmten Lebensalter und Kinoerfahrung immer vorhersehbar, da noch auf Überraschungen zu hoffen ist vergesene Liebesmüh. Die einzige Überraschung ist doch nur noch: gutes Ende (in Hollywood-Filmen also nie eine Überraschung), in europäischen Filmen hin- und da auch mal ein nicht gutes Ende im Sinne eines Happy Ends.

    Clooney sieht nicht nur gut aus in dem Film. Er klärt alle Fragen, die sich Ihnen offensichtlich noch Auftun, seine Zerrissenheit, seine Entscheidungen, in seinem Gesicht. Das hat er erstaunlich gut gemacht. Ich habe Clooney erstmals als das wahrnehmen dürfen, was er ist: Schauspieler. Dem Mann wünsche ich, er würde öfter in Europa drehen und sich der Qualität der Film hier annähern.

    Vielleicht liegt es auch nur darin, dass wer geübt ist aus Bildern zu lesen, diesen Film anders und problemlos versteht? Ohne viel Worte und TamTam und Erklärungsgedöns. Corbijns Film gesteht dem Zuschauer sehr viel Fantsie zu, das ist m. E. großes Kino!

    • hulza
      September 20, 2010 um 12:05 pm

      Hallo unbekannter creezy. Es mag wirklich am Alter liegen und meiner durchaus begrenzten Kinoerfahrung liegen. In 50 Jahren werde ich vielleicht über vieles anders urteilen, weiser und erfahrener. Aber es bringt ja nichts Meinungen/Kritiken für die Zukunft zu schreiben.
      So konnte ich nur meinen aktuellen Standpunkt darbringen. Durchaus verstehe ich Ihre Gegenargumente, vor allem in Puncto Clooney. Der macht das wirklich großartig.
      Und bisher war ich mir auch sicher, den Film verstanden zu haben – unabhängig von der Phantasie für den Zuschauer. Aber schauen wir nochmal auf ihr Eingangsargument: (ACHTUNG SPOILER!) „…da noch auf Überraschungen zu hoffen ist vergesene Liebesmüh.“
      Es WÄRE für mich eine Überraschung gewesen mit dem manipulierten Gewehr. Warum zeigt Corbjin, wie Jack daran nochmal arbeitet? So ist alles während der Prozession überschaubar und schon im Vorfeld klar. Das ist doch schade. In diesem Falle ist mir dann sogar zuviel „Erklärungsgedöns“. Und dass sein Boss hinter allem steckte, hat man im Café zu Beginn schon geahnt. Das ist mir eindeutig ZUVIEL Phantasie für den Zuschauer, und zu wenig großes Kino. Dennoch stimme ich in soweit mit ihnen überein, dass es auch mal wunderbar ist, einen Film zu sehen, der auf übliche Action, und Hollywood-Szenen verzichtet.

  2. September 23, 2010 um 8:05 pm

    Mich wundert, dass ich bisher nirgendwo etwas zum Westernbezug des Films lesen konnte. Hier zum ersten Mal! Gut, so viel hab ich bisher dazu dann auch noch nicht gelesen.
    Jedenfalls finde ich es zu leicht den Film zu unterschaetzen, bin jetzt auch nicht restlos begeistert, aber gefallen hat er mich grundsaetzlich schon. Ich finde aber nicht, dass es an Ueberraschung fehlt, ueberraschen will einen der Film ja eben nicht, eigentlich steuert alles schon von Anfang an auf dieses Ende zu.
    Und Clooney spielt hier aehnlich gut zurueckhaltend wie in Michael Clayton, den ich sehr gut fand.

  3. Tyler
    August 20, 2011 um 11:24 pm

    Was ist denn bitte eine „schnelle“ Waffe? Die Prämisse war wohl eher, kompakt und lautlos.

    • hulza
      August 26, 2011 um 12:47 pm

      schlecht formuliert meinerseits, right. Mit „schnell“ meinte ich vor allem „schnell zusammen baubar, schnell wieder zusammengepackt.“

      „Kompakt und Lautlos“ trifft es da aber besser. Danke für die Richtigstellung.

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