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Energie ist nicht schwarz-weiß

Die Schwarz-Weiß-Mentalität wird in Deutschland sehr groß geschrieben. Bei jeder Debatte gibt es Pro und Contra, Schwarz und Weiß, und kaum jemand ist bereit zu Kompromissen. Entweder ist alles schlecht, oder alles gut. Politiker sehen oft alles allzu weiß, die Bürger sind besonders in diesem Jahr bei völligem Schwarz angekommen. Jede Entscheidung ist erstmal schlecht und zu verurteilen, und generell erstmal dagegen zu sein scheint cool zu sein. Das beste Beispiel dafür ist die aktuell heftig geführte Energiedebatte. Mir ist dies zu schwarz-weiß, daher mein Plädoyer für sinnvolle Diskussionen: Denkblockaden aufbrechen und Vorurteile entkräften. Energie ist nicht schwarz-weiß.

 

Header energiedebatte.com

 

Wie oft habe ich in den vergangenen Wochen wieder das alte Bildchen von der hell blühenden Anti-Atom-Sonne gesehen. Die böse Regierung mit ihren „ultrabösen, unfähigen Politikern“ hat ein neues Energiekonzeptvorgestellt. Zur Erinnerung nochmal die wesentlichen Punkte:

  • Erneuerbare Energien als eine tragende Säule zukünftiger Energieversorgung
  • Schlüsselfrage Energieeffizienz
  • Kernenergie und fossile Kraftwerke
  • Leistungsfähige Netzinfrastruktur für Strom und Integration erneuerbarer Energien
  • Energetische Gebäudesanierung und energieeffizientes Bauen
  • Herausforderung Mobilität
  • Energieforschung für Innovationen und neue Technologien
  • Energieversorgung im europäischen und internationalen Kontext
  • Akzeptanz und Transparenz

Klingt doch gut. Warum kam denn dennoch so oft die Sonne heraus? Nun ja, die Atomkraftwerke dürfen weiterlaufen. Viel länger als geplant werden wir nun in Deutschland Atom-Strom produzieren. Und das lässt natürlich keinen Atomgegner ruhig schlafen, schön das alte 70er-Jahre- Fähnchen raushalten, am besten noch ein gelbes Jäckchen an, und schnell demonstrieren (dies liegt ja aktuell sehr im Trend, also kann man damit wenig falschmachen). Nur ganz wenige dieser Anti-Atom-Jünger haben sich aber wirklich mit dem Thema Energie befasst – geschweige denn, dass sie sinnvolle oder bessere Lösungsvorschläge vorzuweisen hätten. Hauptsache dagegen, Hauptsache alles schwarz sehen. Dabei vergessen sie, dass wir aktuell ohne die Kernkraft noch ein großes Problem hätten.

Versteht mich nicht falsch, ich bin kein Freund der Kernkraftenergie. Aufgewachsen bin ich auf dem Land, bei sehr ökologisch und fortschrittlich denkenden Eltern. Meine Eltern haben in ein modernes Windrad investiert, als die meisten der heutigen Regierungskritiker nicht mal wussten, was das ist. Seit einigen Jahren haben wir eine Holzheizung, die nur im Notfall auf Öl zurückgreift, mit einer kleinen Solar-Fläche auf dem Dach wird Wasser beheizt (zum Duschen etc.), dazu kommen aktuell knapp 60 kW Photovoltaik auf Firmenhalle und „Holzschuppen“, welche für mehr Strom sorgt, als wir selbst benötigen (Hallo KEVAG!).

Klingt gut, nicht wahr? Ich müsste doch nun der größte Öko der Welt sein, alle Menschen von erneuerbaren Energien überzeugen wollen, und auf jeder Anti-Atom-Strom-Demo dabei sein. So ist es aber leider nicht. Denn die Welt ist nicht schwarz-weiß.

Diese erneuerbaren Energien werden die Zukunft sein, ganz sicher. Da bin ich fest von überzeugt, und dies wünsche ich mir von ganzem Herzen. Aber aktuell geht an konventionellen Kraftwerken noch kein Weg vorbei. Herstellungskosten (der Solarmodule/ der Offshore-Parks), Einschränkung bei schlechtem Wetter / bei zu wenig Wind / zu wenig Sonne, und die unglaublich hohen Subventionierungskosten machen die erneuerbaren Energien noch (2010) zu einem riesigen Verlustgeschäft. Und weil es Wind und Sonne leider nicht immer gibt, sind die konventionellen Kraftwerke (noch) nicht zu ersetzen. Dazu eine kleine Graphik:

 

Quelle: bdew

 

Auch die weiteren Kosten sind (bisher) überhaupt nicht kalkulierbar. Genau jene Menschen, welche sich aktuell in Stuttgart über 10 Milliarden echauffieren, wollen hier ausschließlich auf erneuerbare Energien setzen. Ab sofort! Allein für die sogenannten „Schattenkraftwerke„, welche für die wetterabhängie Stromerzeugung aus Solar- und Windkraftanlagen  in Reserve stehen müssen, oder die neuen Energiestrecken, welche von den Offshore-Parks der Nordsee (und aus Norwegen) zu den wichtigen Gebieten in den Süden Deutschlands gebaut werden müssen, werden viele, viele Milliarden verschlungen werden, was S21 wohl als Lappalie dastehen lässt. (Der SPIEGEL rechnet mit einer dreistelligen Milliardensumme nur für diese Projekte, Link nicht möglich, da Titelstory im Magazin – Auf die Zeit gesehen einen hohen BILLIONENbetrag). Ganz zu schweigen von den Subventionierungen des Staates: Die Förderung der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz verursacht in Deutschland riesige Kosten, die letztlich nur von uns Stromkunden getragen werden müssen (Aktuell spricht man von etwa 2 Cent pro kw/h.) Den Ökostrom-Erzeugern wird ein Abnahmepreis garantiert, der in der Regel über dem regulären Marktpreis liegt. Die Mehrkosten für Ökostrom im Vergleich zur Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen und Kernenergie betrugen im Jahr 2009 rund 5,3 Mrd. Euro. Im Jahr 2010 wird dieser Betrag nach ersten Schätzungen erheblich ansteigen – auf 8,2 Mrd. Euro. (Nachtrag: Diese Investionen sind sinnvoll und richtig. Ich wollte hier damit  unterstreichen, wie teuer dies alles ist!)

Um auch nochmal zu verdeutlichen, wieviel Energie in Deutschland aktuell von Kernkraft und Kohlekraft im Vergleich zu erneuerbaren Energien produziert wird, nochmal eine Graphik:

 

Quelle: bdew

 

Deutschland ist auf einem guten Weg. Vielleicht hätte es besser sein können, aber wer weiß das schon genau: Seit 1990 hat sich in jedem Falle viel getan. Die erneuerbaren Energien und die Pumpspeicher wachsen von Jahr zu Jahr. Das ein sofortiger (!) Ausstieg aus allen konventionellen Kraftwerken aber eine mittlere Katastrophe hervorbringen würde, sieht anhand dieser Graphik sogar jedes Kindergartenkind.

Das wir langfristig versuchen müssen, aus allen konventionellen Energien herauszukommen, habe ich oben schon angedeutet. Das muss klares Ziel sein, und dieses Ziel hat die Bundesregierung ja auch: 2050 soll es soweit sein. Ich als Laie kann nicht wirklich einschätzen, ob dies realistisch ist. Dennoch bin ich überzeugt, dass es realistischer ist als ein sofortiger Atom-Ausstieg. (Atom kostet übrigens auch eine Menge Subventionen, auch viel, viel Geld für Kraftwerke, Leitungen und – natürlich immer gern ein Thema – die Entsorgung des Urans. Gegner der erneuerbaren Energien, die nur auf Kernkraft setzen, sind natürlich noch mehr am Thema vorbei als die handelsüblichen Anti-Atom-Sonnenanbeter.)

Fakt ist: Energie ist teuer. Fossile Brennstoffe werden uns ausgehen. Kernkraft sollte auf lange Sicht vermieden werden. Wir müssen versuchen, unsere Energie über erneuerbare Quellen zu erhalten, auch wenn dies ein langer, schwerer, und vor allem teurer Weg wird. Was wir aber auf keinen Fall machen dürfen, ist dieses Thema zu sehr einseitig sehen.  All diesen Interessen liegt dieses kleine Dreieck zugrunde:

 

Quelle: bdew

 

Die Grünen und Linken dürfen dabei die Wirtschaftlichkeit nicht vergessen, die Regierung und die Konservativen dürfen die Umwelt nicht außen vor lassen, und alle zusammen müssen dafür sorgen, dass wir als Verbraucher nicht nachher ohne Strom dastehen. Niemand aber sollte ein so wichtiges, uns alle betreffendes Thema nur betrachten, in dem er irgendwas aufschnappt, – oder noch schlimmer, mit zu einer Demonstration gehen, weils „da ja so lustig ist.“ Energie ist und wird niemals eindimensional sein. Erneuerbare Energien? Ja, bitte, soviel wie möglich. Sofortiger Atomausstieg? Nein, erst wenn wir dazu wirtschaftlich und versorgungstechnisch in der Lage sind.

Der Bundesverband für Energie- und Wasserwirtschaft e.V. (BDEW) hat in diesen Tagen eine Kampagne gestartet, welche ich für wichtig und empfehlenswert halte: http://www.energiedebatte.com/ Eine funktionierende Debatte, News und vor allem Hintergrundberichte. Die Bilder und Materialien zu diesem Post sind von dieser Seite. Ich kann nur empfehlen, dort mal länger zu verweilen, und die einzelnen Standpunkte zu verfolgen. „Denkblockaden aufbrechen und Vorurteile entkräften“, darum geht es: Energie ist nicht schwarz-weiß.

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  1. Oktober 19, 2010 um 10:03 pm

    Hallo und Guten Abend,

    zu deinem Artikel, der ein in der Tat schwieriges Thema anspricht, habe ich ein paar kleine Fragen.

    Zunächst, denn das halte ich für äußerst wichtig, stelle ich die Frage nach einem Endlager, das, bisher noch nicht gefunden, mit steigender Laufzeit immer größer sein müsste, uns aktuelle Bevölkerung aber vor allem auch ungemein viele nachfolgende Generationen betrifft und beeinträchtigen könnte. Findest Du es nicht unverantwortlich, die Menschheit radioaktiver Strahlung auszusetzen?

    Andererseits – wäre Atomkraft überhaupt zu verteufeln, gäbe es „auf einmal“, sei es irgendwann, ein Endlager? Ein Salz oder ein Ton, das vollkommen undurchlässig wäre in einem Gebiet, das jetzt und auch in Zukunft geologisch inaktiv ist?

    Weiterhin frage ich mich, was Du mit der Grafik zu den Volllaststunden aussagen möchtest? Repräsentiert sie die Priorität der Kernkraft im Sinne der Versorgungssicherheit? Nein. Weiterhin ist diese auch noch bereinigt/geschönt und dient m. E. dazu, den Leser zu beeindrucken.

    Trotzdem finde ich es äußerst gut, dass Du auf das Schwarzweiß-Denken vieler aufmerksam machst. Und dass auf breiter Ebene inklusive Gesellschaft informiert wird. Aus einem neutralen, wissenschaftlichen Blickwinkel.

    Beste Grüße

  2. Oktober 20, 2010 um 10:19 am

    Schwieriges, weil emotionales und belastetes Thema. Dennoch zwei Ergänzungen: Erstens ist die Jahresvolllasten-Grafik nicht so aussagekräftig, wie sie es zu sein scheint. Es ist logisch, dass die Volllast bei Atomkraftwerken am höchsten ist, weil die Atomkraftwerke ein großes Problem mit sich bringen: Sie sind schwer regelbar. Man kann ein Atomkraftwerk nicht an Bedürfnisse anpassen, bei hohem Bedarf die Leistung steigern und bei geringem Bedarf die Leistung drosseln. Es dauert Tage, ein AKW herunterzufahren und wieder zu starten. Deshalb laufen sie mit voller Last durch und blockieren so die Stromnetze für andere Energieerzeuger. Und aus dieser Grafik folgt auch mein zweiter Hinweis: Natürlich ist es nett, dass der Bundesverband für Energie- und Wasserwirtschaft eine Kampagne ins Leben ruft, allerdings darf man den Namen dieser Vereinigung nicht mit einer öffentlichen oder gar staatlichen Institution in Verbindung bringen. Der BDEW ist nichts anderes als die Lobbyvereinigung der deutschen Energieerzeuger und wurde 2001 vor allem von den vier großen, sehr an der Atomkraft interessierten Stromhersteller RWE, e.on, Vattenfall und EnBW gegründet. Deshalb sind solche Aktionen auch immer kritisch zu betrachten…

  3. hulza
    Oktober 20, 2010 um 12:15 pm

    Danke für eure guten, kritischen Kommentare. Ihr habt Recht, dass Thema ist kompliziert und nicht einfach. Ich habe mich schon beim Schreiben etwas schwer getan, weil man seitenlang schreiben könnte – oder vielleicht müsste.

    Die Frage nach dem Endlager ist sehr berechtigt. Ich habe im Vorfeld ein paar Seiten zu diesem Thema gelesen, muss aber auch nach der Lektüre eingestehen, dass ich auf diesem Gebiet zu unwissend bin, um darüber groß zu diskutieren. Das müssen dann wohl die Physiker überlegen. Apropos Physiker: Habe einige im Freundeskreis, und die sagen geschlossen, dass Atommüll weitaus ungefährlicher wäre als alle immer glauben. Insgesamt wird Atomkraft wohl etwas mehr verteufelt, als es dass verdient hätte. Da tut Tschernobyl und die Angst davor heute noch sein Übriges.

    Mit der Volllaststundengraphik wollte ich vor allem verdeutlichen, wie sehr die erneuerbaren Energien dort noch zurückhängen. Euer Einwand ist richtig, es repräsentiert die Versorgungssicherheit nicht vollkommen, doch zeigt es halt vor allem, dass die konventionellen Kraftwerke immer laufen (können), während unsere Photovoltaik-Anlage mal gut läuft, und auch mal 2 Wochen fast nichts zu Stande bringt. Diese Wetterabhängigkeit ist halt noch ein großes Problem. Das in etwa wollte ich nochmal deutlich zeigen, für Leute, die sich nicht so recht vorstellen können, wie da aktuell die Kräfteverhältnisse sind.

    Übrigens: Der BDEW ist war die Vereinigung der deutschen Energieerzeuger, und dass da die Großen kräftig mitmischen ist richtig, aber so sind da mittlerweile über 1800 Unternehmen dabei. Von gut bis böse, von geldorientiert bis Umweltunternehmen. Diese Mischung ist doch super für Debatten. Außerdem: Selbst wenn es „nur die Bösen“ wären, wäre die Debatten-Seite doch ein unglaublich offener Austausch, bei der im Newsbereich die Probleme aller Erzeuger verdeutlicht werden.

    Beste Grüße

  4. martin
    Oktober 26, 2010 um 5:26 pm

    Zur Endlagerproblematik: Es spricht hier niemand davon, die Kernengergie für immer betreiben zu wollen. Die Strahlenbelastung durch ein Endlager ist im Moment nach über 40 Jahren Kernkraft noch sehr gering, trotz durchsickernden Stoffen. Viele haben meiner Einschätzung nach, als Physiker wohlgemerkt, viel zu viel Angst vor dieser Strahlung. Es wird immer wieder von einer von Menschenhand geschaffenen Energieform gesprochen. Ist es dabei nicht verwunderlich, dass es uns ohne die Kernspaltung gar nicht geben würde? Dass es sogar ein natürliches „Kernkraftwerk“ auf der Erde gibt? Dass die Strahlenbelastung für jeden, der in ein Flugzeug steigt, dabei ebenfalls die Umwelt verpestet, die Strahlenbelastung exponentiell anwächst?
    Kernenergie ist keine langzeitlösung, aber ist es wirklich die dreckigste Form von Energie? Findet ihr es nicht ein wenig seltsam, dass die SPD, die die Abschaffung der Kernenergie fordern UND den C02-Austoss verringern wollen, neue Kohlekraftwerke bauen wollen? Fällt Silizium und Stahl vom Himmel, oder braucht man dafür etwa Hochöfen bzw. viel viel Energie?
    Wie Hulza schon sagte, schwarz-weis Malerei bringt uns nicht weiter.
    Stattdessen ist es weiterhin wichtig ALLE möglichen Resourcen zu optimieren und weiterhin zu fördern. Kernenergie muss vom Profit entkoppelt werden. Aufsichtsbehörden müssen staatlich/europäisch sein. (Ja auch für Frankreich und Polen. Die Sicherheitsfrage in Sachen Kernenergie ist eh ein Witz, wir sind umzingelt von AKW’s, die kontrolliere ich lieber selbst, als polnische Reaktoren zu Spitzenleistungen zu „zwingen“ weil man Strom dort einkauft…)

    Der größte Fein für die Umwelt sind nicht die AKW’s. Wir sind es selbst. Jeder mal ein bisschen einsparen, den Energiehunger halbieren UND vor allem das Netzmanagement verbessern, effektiver nutzen, anstatt sich dauernd mit über Schwarz(AKW) zu beklagen oder weiß(Solarstrom) zu fordern!

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