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Süßes oder Saures? Der Hallowahn

Letztes Jahr am 31.10., bei meiner Mutter. Es klingelt, und ein kleiner schüchterner Junge von etwa 5 Jahren kommt herein. Er murmelt etwas. Keiner von uns versteht etwas. „Was sagst du?“. Wieder schüchternes Gemurmel. Wir schauen uns an. Unverständnis auf allen Gesichtern. Schließlich geht der Junge raus zu seiner Mama, sie kommt herein und sagt, dass er „Süßes oder Saures!“ gesagt hätte. Noch immer verstehen wir nicht, was gerade passiert. Dann fällt der Groschen. Es ist ja „Halloween“. Meine Mutter beeilt sich schnell Schokolade und anderes Süßes herbeizutragen, entschuldigt sich und wünscht dem Jungen und seiner Mama noch viel Süßes und einen guten Abend. Es war passiert. Der Halloween-Wahnsinn hatte unser Haus erreicht.

 

Kürbisse überall - Man möchte kotzen...

Kürbisse überall - Man möchte kotzen...

Bis zu diesem Zeitpunkt konnten wir diesem „neuen“ Trend, der nun schon seit knapp 15 Jahren in Deutschland sein Unwesen treibt, entkommen. Heute ist dies wirklich kaum noch möglich. Geschäfte und Supermärkte, welche frühzeitig vom „gruseligen“ Halloween künden, Kürbisfratzen wohin man blickt, Vampirkostüme aller Orten, Bäckereien die spezielle Halloweenbrote backen, und selbst die „Qualitätsmedien“ machen mit, drucken Kürbisrezepte und tragen ihren Teil dazu bei, dass Halloween mittlerweile ein völlig normaler Feiertag in Deutschland ist. Ein Feiertag? Für die meisten Deutschen schon, denn entweder haben sie am 31.10 oder aber am 1.11 frei. Die Frage nach dem Warum stellt sich da doch gar nicht. Halloween wirds wohl sein. Fragt man aber mal in die gesellschaftliche Runde, was Halloween ist, woher es kommt, und warum es gerade Halloween heißt, erntet man meistens nur Kopfschütteln und Unverständnis, warum einen dies überhaupt beschäftigt. Die Hauptsache ist doch frei haben, Spass haben und feiern können. (Das Halloween 1994 von der „Fachgruppe Karneval im Deutschen Verband der Spielwaren-Industrie“ ins Leben gerufen wurde, um mehr Spielwaren und Süßigkeiten zu verkaufen, ist dabei nicht nur eine herrliche Rand-Anekdote.)

Halloween leitet sich vom englischen All Hallows’ Even ab, was nichts anderes heißt als Allerheiligenvorabend. Der Abend vor Allerheiligen, weil der Abend liturgisch zum Feiertag dazugehört. Nun hat sich vor langer Zeit eine Tradition in Irland und später (ab 1830) in den USA daraus eine Tradition entwickelt, welche grundsätzlich nicht zu verurteilen ist. Die Vertreibung von bösen Geistern, Feiern und merkwürdige Rituale begehen gehört ja auch zum europäischen Kulturkreis dazu. Nur warum müssen wir Deutschen alles von den Amerikanern adoptieren? Wir haben in Deutschland mit der  Walpurgisnacht eine nahezu identische Feier. Wir haben mit den Sankt-Martins-Feiern eine wunderbare Kinderfeier mit traditionellen Liedern, Geschenken für die Kinder, Essen und Feuer. Und wir haben Karneval und Fassenacht. Mehr als genug.

Aber all dies reicht uns Deutschen ja nicht. Wir müssen alles mitmachen, ohne wenn und aber, ohne zu wissen, was dahintersteckt. So wird aus den USA ja grundsätzlich fast alles mit eingeschleppt. Da werden Serien nachgeahmt, Hochzeitsrituale nachgeeifert und sogar schon Thanksgiving gefeiert. Vielleicht sollten wir einfach noch mehr internationale Feiertage einführen? Darf man abstimmen? Dann bin ich für midsommar, Saufen im Sommer ist doch immer super, und Schweden sowieso. Doof nur, dass es bei uns nicht die ganze Nacht hell bleibt. Tja, das wäre halt dann so. Vermutlich könnten wir uns dann statt Kürbismassen auf eine geballte Ladung Ikeasierung freuen.

Ach, Übrigens: Das Schlimmste an alledem ist, dass Kinder genau wissen, wann Halloween ist, aber nicht wissen, welchen Tag wir eigentlich wirklich feiern. Richtig, der 31. Oktober ist nämlich der Reformationstag. Vielleicht denkt der eine oder andere mal drüber nach, wenn er am Sonntag maskiert auf einer der Millionen Halloween-Partys herumspringt und tote Geister vertreibt. „Süßes oder Saures?“ „Gar nix gibts. Geh Luthers Thesen lesen!“

Ins allgemeine Bild (und das der deutschen Privatsender) passt, dass RTL am Sonntag nicht einen Lutherfilm oder Ähnliches zeigt, sondern mit „Das Medium“ eine Show zeigt, in der eine Frau verspricht mit dem 1987 verstorbenen Uwe Barschel zu sprechen. Ohne weiteren Kommentar.

  1. kraftwort
  2. hulza
    Oktober 31, 2010 um 10:48 pm

    Mittlerweile haben übrigens auch verschiedene „Qualitätsmedien“ das Thema aufgegriffen, und auch unter anderem nochmal die Einzelheiten der „Fachgruppe Karneval im Deutschen Verband der Spielwaren-Industrie“ hervorgekramt.
    So zum Beispiel der Stern, oder der SPIEGEL, oder das Süddeutsche-Zeitung-Magazin, oder die Mainzer Rheinzeitung.

    Man ist als Halloween-Gegner also doch nicht ganz allein, lassen auch viele kritische Stimmen heute auf Facebook und Twitter erkennen.

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