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‚Kreutzer kommt’…und das deutsche TV-Verhalten

„Ich bin Kreutzer. Ich löse den Fall hier.“ Mit diesen Worten stellt sich Kreutzer vor, der neue TV-Kommisar bei ProSieben, überraschenderweise gespielt von „Stromberg“-Star Christoph Maria Herbst. Sein erster Fall hat es in sich, aber Kommissar Kreutzer hat bisher noch jeden Mörder überführt – in 4 Stunden, 37 Minuten und 48 Sekunden… Eine kleine TV-Kritik, an der sich auch wunderbar das deutsche Fernsehverhalten messen lässt.

Selten hat ein Pilotfilm (zu einer möglichen Serie) soviele kontroverse Meinungen produziert. Warum? Weil „Kreutzer kommt“ nicht perfekt war oder gar elendig schwach? Nein, vielmehr, weil es auf einem privaten Sender lief, an einem Feiertag (an dem doch die meisten Deutschen frei hatten), und zudem „Superstar“ Herbst die Hauptrolle hatte. Dies alles führte dazu, dass zumindest um 20.15 viele Deutsche einschalteten. Sie hatten ja auch noch eine Stunde Zeit, bis „Bauer sucht Frau“ lief. Und innerhalb dieser ersten Stunde von „Kreutzer kommt“ gab es bei Twitter einen Sturm an Tweets zu #Kreutzer mit äußerst unterschiedlichem Befinden. Um es kurz zu machen: Der Großteil der Zuschauer war unzufrieden, klagte über die Langatmigkeit, die fehlenden „Stromberg“-Gags und über ewige Dialoge ohne große Spannung. Nur ein Bruchteil bewunderte Herbst für seine schauspielerische Leistung, noch weniger bedankten sich für die tollen Dialoge und die großartige Charakterfigur. „Kreutzer kommt“ hatte schon verloren, bevor es richtig loslegen konnte.

Das ist sinnbildlich für die deutsche TV-Landschaft und das deutsche Fernsehverhalten. Es scheinen lediglich noch drei Formate viele Menschen erfolgreich (im Sinne der Quote) zu erreichen:

1) Irgendjemand wird gesucht/gecastet, und dabei geht es vor allem darum, die Menschen größtmöglich zur Schau zu stellen, so dass es für Otto-Normalo zuhause witzig ist, und er so zufriedener mit seinem eigenen erbärmlichen Leben ist. („Bauer sucht Frau“, „Schwiegertochter gesucht“, „DSDS“, „Supertalent“, etc.).

2) Irgendwelche Spielchen, die aufs Einfachste getrimmt spannend und unterhaltsam sind, vorzugsweise gegen oder mit Prominente(n), damit man was zu tratschen hat, und gerne über 5 Stunden. („Wetten, dass..?“, „Schlag den Raab“, etc.).

3) Volksmusik mit Florian Silbereisen.

Wenn nun ein Sender versucht, eine fürs deutsche Fernsehen ungewöhnliche Serie zu produzieren, geht das meistens nach hinten los. „Kreutzer kommt“ war/ist solch eine ungewöhnliche Serie. Ein Krimi, der schon von vornerein mit dem Intro und dem relativ späten Einstieg von Kreutzer selbst zeigt, dass er anders sein will. Mehr Dialoge, viele mögliche Täter, ein überaus arroganter, kontroverser Kommisar in einer Mischung aus Dr. House und Monk, nur ohne deren Macken. Nicht alles gelingt dem Piloten: Die größte Schwäche von „Kreutzer“ war sicher die zum Teil etwas in die Länge gezogene Spielfilmlänge. Hier wären 60 Minuten statt der 90 wohl sinnvoller gewesen. Über Langatmigkeit konnte man sich darüber hinaus aber auch nur beschweren, wenn man keinen Sinn hat für feine, intelligente Dialoge in Serien. Diese Dialoge waren bissig, und durchtränkt von tiefem Humor, der aber nie affig wurde. Beklagenswert ist meiner Meinung nach das Over-Acting von Herbst. Gewiß, Herbst ist ein genialer Schauspieler, aber hier war mir das eine oder andere „Augenbrauen-Hochziehen“ zuviel des Guten, zuviel von „Stromberg“, wo er ja eigentlich mit allen Mitteln von weg will. Darüber hinaus ist die Figur Kreutzer aber einfach genial: Wie er sich den jeweiligen Verdächtigen gegenüber verhält, wie er verschiedene Personen provokant und trickreich in die Bedrängnis bringt ist schlichtweg phantastisch. Im Gegensatz zu üblichen TV-Krimis (wozu leider auch immer öfter der Tatort zählt) wusste ich hier nach über 80 Minuten immer noch nicht, wer der Mörder ist. Erstaunlich, weil im Fernsehen allzu oft die Hinweise zu offensichtlich sind. Bemerkenswert an Kreutzer war vor allem die leise Art der Unterhaltung: Wenig bis gar keine Action, keine übertriebene Dramatik, keine Rücksicht auf Konventionen und kleine gezielte Gags auf Religion, Homosexualität oder Rassen. Aufgrund dieser leisen Stimmung war mir schon zu Beginn bewußt, dass hier für die Masse keine neue Erfolgsstory entsteht. Dafür ist Kreutzer schlichtweg einfach zu gut.

Als ich gestern abend „Kreutzer kommt“ schaute, befanden sich noch 6 weitere Personen in der Wohnung. Diese waren versammelt vor einem kleinen Fernseher und schauten – natürlich – „Bauer sucht Frau“. Das ist sinnbildlich für die drei oben vorgestellten Formate. Der Durchschnitts-TV-Zuschauer braucht entweder jede Menge Action oder soviel menschliche Urtriebe, dass er sogar bemitleidenswerte Landwirte zum Heulen witzig findet.

Dabei – und das ist die große Tragödie des Fernsehens – gehen die wirklich guten Produktionen unter: Ob das nun das gerade auf der ARD laufende „Im Angesicht des Verbrechens“ ist oder beispielsweise der vor kurzem im ZDF gelaufene „Adler“ oder erst Recht auf 3sat oder Arte laufende Produktionen wie beispielsweise „In Treatment„.

„Kreutzer kommt“ ist nicht so gut wie diese Serien. Dafür hatte der Pilot dann doch zuviele Schwächen. Aber es war ein sehr angenehmer Zeitvertreib, intelligente, spannende Unterhaltung und ein wesentlicher Schritt in die richtige Richtung mit deutschen Serien-Produktionen abseits von „Alarm für Cobra 11“. Man sollte dabei vor allem nicht Herbst in die Rolle des Versicherers Stromberg reinstecken. Mit diesem Gag-Wahnsinn hat Kreutzer nun wirklich gar nichts zu tun. Ich bin hoffnungsvoll und guter Dinge, dass ProSieben aus diesem Piloten eine Serie produziert – und wenn es auch nur ist, um zu zeigen: Hallo, wir können auch anders als Klamauk, Casting und Promi-Show. Danke dafür.

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  1. martin
    November 2, 2010 um 1:04 pm

    Ja, ich als großer Krimi-Fan, muss leider sagen, dass die Deutschen Produktionen immer langweiliger und durchschaubarer werden. Vor allem die Tatort-Produktionen werden immer durchsichtiger und weniger interessant. Die in letzter Zeit wirklich überragenden Tatort-Folgen werden meist mit einem weiteren Ausstrahlungsverbot belegt: Beispiel: „Wem Ehre gebührt“ von 2007-( http://www.tatort-fundus.de/web/folgen/giftschrank-folgen.html )- Grandios und fesselnd oder
    die neuen passen sich an die Tabu-Themen an.
    Wer mal die Möglichkeit hat, sollte darauf hoffen, dass folgender mal wiederholt wird, der stellte jeden Mankell/Schweden-Krimi etc. weit in den Schatten, vor allem dank eines überragenden Christian Berkel:
    http://www.tatort-fundus.de/web/folgen/chrono/3/1998/400-schwarzer-advent.html
    Leider schon über 10 jahre her.
    Denke, dass man an der Entwicklung des Tatorts ganz gut sehen kann, was der Durchschnittsbürger sehen will, einfache Fälle, bisschen Sozialkritik und ein wenig Action (die bei solchen Produktionen einfach hahnebüchen inszeniert wird, Beispiel: http://www.tatort-fundus.de/web/folgen/chrono/2000-bis-2009/2009/sogboesen20090607.html
    Lächerliche Action, vor allem mit den Autos, kam nah an Cobra11 ran.

    • hulza
      November 2, 2010 um 2:20 pm

      Obwohl deine Antwort ja nicht soviel mit Kreutzer und co zu tun, kurzes Statement dazu: Als Krimis sind die Tatorts durchaus noch in Ordnung, kommen aber insgesamt imho nicht an die skandinavischen heran, allein schon atmosphärisch.
      Aber da gilt sowieso: als Krimi-Fan sollte man sich nicht aufs Fernsehen verlassen, sondern die Bücher lesen. Immer (!) besser, und vor allem spannender.

  2. Sven
    November 2, 2010 um 4:11 pm

    Huhu,
    also ich finde, dass Du durchaus Recht hast, mit manchen Deiner Beobachtungen zu dem deutschen Fernsehen bzw. Fernsehverhalten. Allerdings finde ich Kreutzer nun alles andere als genial. Die Story war: ein russischer Waffenhändler, den das BKA im Visier hat; ein Vater, der einen Bürgerkrieg anzettelt, um seine Tochter vom Heroin wegzubringen und deshalb gleichzeitig bei -> einem schwulen Kellner, der der Sohn der Chefin ist Heroin kauft und es seiner Tochter spritzt; einer geflohenen Frau, deren Familie ermordet wurde und die eigentlich ein Mann ist; ein Firmenchef, der für den Tod der Familie dieser Frau/Mann verantwortlich ist… was denn nun noch alles?. Achja und der Blinde der gar nicht blind ist, muah muah. Also das ist ja noch komischer als Stromberg, bzw. eigentlich lächerlich. Und dazwischen dann der Kommissar mit Kindheitstrauma, der einfach jeden kriegt indem er willkürlich Dinge in den Raum stellt, die dann tatsächlich auch noch zutreffen…. und dessen wahnisinnige Beobachtungsgabe, dann den Fall löst – maaaan der Blinde macht das Licht an, wow. Schade dass er das nicht mit seinem Handy gefilmt hat. Also wirklich… das ist mir zu krass

    • hulza
      November 2, 2010 um 4:26 pm

      Tatsächlich hast du Recht, was das Drehbuch angeht, das würde wohl sicher keinen Oscar gewinnen. Hier wollte der Autor (Die Autoren?) sicher einiges zu viel, das deutete ich oben an mit der Spielfilmlänge, was einfach etwas zuviel des Guten war. Nahezu jeder hatte ja irgendwie was am Stecken und die Auflösung am Ende kam doch etwas zu zügig und wirkte wirklich etwas als Schuss vor den Ofen.
      Andrerseits war dieses Drehbuch die einzige wirklich große Schwäche, und ist zudem noch dem großen Druck eines Piloten gewachsen. Weniger wäre hier in jedem Falle mehr gewesen.
      Das ist für mich aber kein Grund das Konzept schon schlechtzureden, es war allemal bessere Unterhaltung, und hätte sichdrlich ein Serienformat (45min) verdient, in denen das Drehbuch dann auch kürzer sein muss – und damit hoffentlich noch ein wenig durchdachter.

  3. Daniel
    November 3, 2010 um 7:32 pm

    absolut SUPER & sehenswert!
    wer hier kritisiert, dem ist nicht mehr zu helfen…
    meiner meinung nach, das beste, was seit ewigen zeiten in deutschland produziert wurde!
    also: bitte auf jeden fall neue & weitere folgen.

  4. Manu
    November 4, 2010 um 7:26 am

    Ich kann mich der Kritik auch größtenteils anschließen. Mir haben auch die Dialoge und die Tatsache, dass relativ lang offen blieb, wer der Täter ist, sehr gefallen. Bleibt zu hoffen, dass Pro7 hier ein wenig Durchhaltevermögen zeigt und nicht gleich bei schwächeren Quoten das Ganze einstellt. Ich werde mir Kreutzer auf jeden Fall wieder anschauen.

    Aber das aufgezeigte Dilemma lässt sich leider nicht wegdiskutieren: Die wirklichen guten Sachen gehen auf Arte oder 3sat untern oder werden zu unmöglichen Zeiten gesendet. „Im Angesicht des Verbrechens“ kann ich jedenfalls auch nur wärmstens empfehlen – hab es schon vorab auf Arte gesehen und war begeistert. Aber der durchschnittliche Deutsche ist eben eher damit beschäftigt, „Das Supertalent“ zu suchen o. ä. – leider!

    • hulza
      November 4, 2010 um 10:57 am

      @Manu: Meiner Meinung tragen die Sender zu dieser Kultur einen großen Schritt dazu bei, in dem sie diese Formate immer weiter fördern, und die kleinen, guten Produktionen – und auch die großen USA-Einkäufe – auf späte Plätze verlegen. „Lost“, „Dexter“ und co fristen ein Nischendasein auf Spartensendern um Mitternacht rum. Die ARD und das ZDF zeigen tolle Filme und Premieren – gegen Mitternacht oder später, während zur Primetime Volksmusik, Shows und billigste Unterhaltung läuft.

      Wie man diesen ganzen Trend aufhalten kann, ist auch mir zu hoch. Vermutlich ist es dafür viel zu spät. Und alle wahren Qualität-Fans müssen weiterhin mit DVDs oder Streams auskommen, was wiederum dafür sorgt, dass die Serien in Deutschland dann schlechte Einschaltquoten haben, weil die „Fans“ sie ja schon gesehen haben.

  5. Manu
    November 5, 2010 um 7:18 am

    Das ist sicher richtig, dass die Sender zu dem ganzen Dilemma beitragen. Aber ein Großteil des Publikums will das sicher auch so haben. Ich glaube nicht, dass dieselbe Klientel, die sich „DSDS“ und dergleichen anschaut, unbedingt alle guten Filme/Serien sehen möchte, die auf ARTE oder den öffentlich-rechtlichen im Spätprogramm laufen (ohne jetzt jemanden in eine Ecke drängen zu wollen; ich gestehe, ich hab auch schon „Schlag den Raab“ gesehen). Und deshalb werden wir uns – weil alle Sender wettbewerbsfähig bleiben wollen/müssen – auch weiterhin mit dieser Situation abfinden müssen. Wenn ich schon immer die Diskussion höre, ob jetzt Bohlen oder Gottschalk die höhere Quote hatte… Armes Deutschland. Hilft nur: abschalten 😉 Ich hab mir einen Festplattenrecorder angeschafft, der mir – zu welcher Uhrzeit auch immer – die guten Sachen aufnimmt.

  6. Ingo
    November 7, 2010 um 3:38 pm

    Ne, das war gar nichts. Obwohl großer Stromberg-Fan war ich schier erschüttert. Viel zu viel gewollt, zu viele unglaubwürdige Handlungsstränge versucht zu verweben. Ein Herbst, dem der Humor fehlte und eine Story die Tiefgang vorgaukelte, wo nun wirklich keiner war. “ Köstlich, wir machen Randgruppenscherze. da werden sich die Halbintellektuellen bestimmt wiederfinden und unserer neuen Serie zum Kultstatus verhelfen“. Alte Faustformel: nicht alles, was anders ist, ist auch gut. Ich kam mit zeitweise vor, als würde ich eine Kinderrätselsendung sehen. Oho, der Blinde war der Mörder? Da hat er jahrelang ein Doppelleben geführt und dann stolpert er darüber, dass er das Licht anmacht… Wie Gähn. Danke, aber in Zukunft ohne mich. Dafür habe ich in meinem Leben wohl schon zu viele wirklich gute Sachen gesehen. Auch aus Deutschland.

  7. Uwe
    November 9, 2010 um 2:10 pm

    Super Kreutzer! Ich mußte mich erst ein Paar Minuten daran gewöhnen und mich darauf
    ein lassen und hatte Gefallen daran und war später höchst begeistert. Ich sehe diesen
    Kreutzer auch nicht als Tatortersatz, sondern eher Unterhaltungsfilm wie Colombo, vorher war ich höchst misstrauisch und wollte eher wegschalten, jedoch wurde ich irgendwie gehalten. Die kleinen Gags wie Tarzan kein Bart und A+E Bauchnabel waren Prima und treffsicher. Ich bin nun Kreutzer FAN und war nicht mit Stromberg zu vergleichen.

  8. Uwe
    November 9, 2010 um 2:10 pm

    super Kreutz! 007 kommt

  9. Christian
    November 18, 2010 um 7:58 pm

    Bitte Bitte nicht nochmal.
    Soetwas von Konstruiert und langweilig habe ich schon lange nicht mehr gesehen.Die Sprüche flach und der Hauptdarsteller alles aber nichts richtig. Das werde ich mir nicht nochmal antun. Dem Verfasser des oben geschriebenen Artikels möchte ich sagen das es auch Zuschauer gibt die sich überwiegend auf 3Sat und Arte herum treiben und Kreutzer trotzdem ganz übel finden

  10. sam
    November 18, 2010 um 11:39 pm

    Schade,schade

    Bin großer Stromberg Fan aber der Krimi mit Herbst als Kreutzer flopt total. Herbst paßt nicht in so eine Rolle. Herbst muß genau eine solche Rolle wie bei Stromberg spielen als Chef der gleichzeitig gehasst aber doch geliebt wird und dies mit einem ganz giftigen Humor der zu ihm genau als Chef einer Abteilung bei einer Versicherung paßt. Bei Kreutzer wollte man dies zwar auch versuchen doch es ist nicht gelungen es fehlt an allem sei es die Aussehen des Komisars, der für mich permanent zu ernst wirkende Gesichtsausdruck oder die schwachen Sprüche. Da gefällt mir als Krimi immer noch die Tatort Cops Batic und Leitmaier viel besser, da kommt wenigstens noch teilweise guter Humor raus.

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