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Tatort-Tipp: Nie wieder frei sein

Das ganze Jahr über habe ich immer öfter das deutsche Fernsehen und den deutschen Film gelobt, und damit auch indirekt das öffentlich-rechtliche Fernsehen gemeint: Neben Arte wurde insbesondere das Programm von ARD und ZDF besser. Mit tollen Serien wie „Im Angesicht des Verbrechens“ oder „Der Adler“, oder mit herausragenden Kammerspielfilmen konnte mich das ÖR in diesem Jahr völlig überzeugen – ganz zu schweigen vom vielfältigen Sportprogramm, was ich nahezu ausschließlich dort verfolge. Auch die Tatort-Reihe erfreut sich jeden Sonntag größter Beliebtheit, wie nur ein kleiner Blick in die sonntäglichen Twittercharts zeigt: tausende User bewerten, kritisieren oder loben die jeweilige Folge. Während bei einem normalen Tatort die Stimmung durchaus gemischt bis zerreißend ist, gab es gestern einen klaren Konsens: „Nie wieder frei sein“, der Tatort mit den Münchnern Kommisaren Batic und Leitmayr, war der beste Tatort seit langem, und einer der besten Filme der Vergangenheit.

„Nie wieder frei sein“ beginnt dort, wo andere Krimis oft enden: im Gerichtssaal. Markus Rapp ist ein Vergewaltiger und Mörder, er sitzt schweigend auf der Anklagebank. Ihm gegenüber eins seiner Opfer, welches überlebt hat. Und das Unvorstellbare passiert: Durch eine Ermittlungspanne und die übermotivierte junge Strafverteidigerin Zimmer wird Rapp freigesprochen. Für Opfer, Angehörige, Staatsanwaltschaft und nicht zuletzt die sympatischen Kommisarre Batic und Leitmayr bricht eine Welt zusammen. Die Konsequenzen dieses Versagens des Rechtsstaates werden uns Zuschauern drastisch vor Augen geführt. Nahezu jeder Beteiligte reagiert gereizt, fassungslos, gestört. Sogar bei uns Zuschauern erschleicht sich die geballte Wut, diese gewaltige Ohnmacht, die sich bei Opfern und Ermittlern einstellt.

Es sind bedrückende, und doch gewaltige Bilder, die in den ersten 45 Minuten auf den Zuschauer einprasseln. Der Film verzichtet über die gesamte Länge auf eine Schuldzuweisung, besonders auch in den Anfangssequenzen, und lässt das Grauen einfach seinen Gang nehmen. Dabei besonders großartig gelungen sind die wechselnden Perspektiven: Klar ersichtlich leidet jede Seite, selbst im Hause Rapp kommt es zu Handgreiflichkeiten und massivem Ärger. Dieser Tatort geht bis zu diesem Zeitpunkt weit über einen TV-Krimi hinaus: Brutal, auf eine psychologische Weise heftig bis atemraubend, packend bis zur letzten Sekunde, und dabei auch noch (!) technisch brilliant photographiert. Es ist ein kleiner, perfekter Thriller. Aus Deutschland, meine Damen und Herren, wohlgemerkt.

Dass aus diesem Drama und Thriller schließlich noch ein echter Krimi wird, hängt auch mit dem wirklich guten Drehbuch und dem verzwickten Plot-Change im Mittelteil zusammen. Mehr soll an dieser Stelle aber nicht verraten werden, denn es gibt „Nie wieder frei sein“ noch eine zeitlang in voller Länge  in der ARD Mediathek. Unbedingt anschauen. Perfekterweise kurz wirken lassen und dann noch drüber reden. Denn am Ende ist niemand mehr ganz frei, egal welche Rolle er hier gespielt hat.

Am Ende dieses Tatorts ist man immer noch ein wenig erschüttert. Was ist gerecht? Ist Recht gerecht? „Nie wieder frei sein“ ist ein flammendes Plädoyer für Gerechtigkeit und gegen Selbstjustiz, aber auch – ganz ungewollt – ein starkes Stück deutscher Film. Bitte mehr davon.

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