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Robert Enke – Ein allzu kurzes Leben (Ronald Reng, 2010)

Weil ich gerade aus Enkes Lieblingsstadt Lissabon komme, und seit gestern die Championsleague wieder läuft, passt das heute ganz gut: Eine kleine Rezension zu Ronald Rengs Robert Enke-Biographie. Entstanden ist ein faszinierendes, erschütterndes Porträt über einen der besten, sympatischsten Fussballer, dem leider ein zu kurzes Leben vergönnt war.

Photoeinband der gebundenen Ausgabe (Piper-Verlag, 2010)

„Der Tod eines depressiven Menschen ist niemals eine freie Entscheidung. Die Krankheit verengt die Wahrnehmung so sehr, dass der Leidende nicht mehr versteht, was es heißt zu sterben. Er glaubt es hieße nur, die Krankheit loszuwerden.“ (Seite 423)

Am 10. November 2009 begeht Robert Enke Selbstmord. Ich weiß heute noch genau, wie sehr mich dies damals erschütterte. Noch mehr als mich ergriff es Teile der Medien: Eine unglaubliche Hysterie breitete sich aus (weit über Deutschland hinaus), erst Recht nachdem Teresa Enke am nächsten Tag bekannt gab, dass Robert unter Depressionen litt – selbst unter Nicht-Fussball-Fans. Enke war einer dieser Typen, denen dies keiner zutraute. Zum Zeitpunkt seines Todes war er deutscher Nationaltorhüter, als Nummer 1 gesetzt für die WM 2010. In Hannover Kapitän und unersetzbarer Führungsspieler. Ich war immer ein stiller Fan von Robert Enke, der mit seiner ruhigen, besonnenen Art einen gewissen Gegenpol zu Torhütern wie Kahn, Lehmann oder Wiese darstellte. Über diese konnte ich mich zwar immer wieder herrlich amüsieren, aber Enke mit seinen teils unglaublichen Reflexen und seiner sympatischen Art vor der Kamera war mein Favorit. Umso schlimmer die Nachricht seines Todes, umso furchtbarer, als schließlich nach und nach seine Krankheit bekannt wurde.

Ronald Reng, Sportjournalist und Fussballreporter, wurde während Roberts Zeit in Barcelona zu dessen Freund. Schon damals hatten beide zusammen vor, nach Enkes Karriere eine Biographie zusammen zu verfassen. Reng machte dies nun ohne Enke, dafür mit dessen Tagebüchern, und mit großer Hilfe von Enkes Familie, besten Freunden, Kollegen, Trainern und Therapeuten. Auf knapp über 400 Seiten schildert er das Leben von Robert Enke, das irre Auf und Ab eines Spitzensportlers (gerade bei Enke mit vielen Höhen und noch mehr Tiefen), die depressiven Phasen, aber auch die glücklichen Momente im Leben der Enkes (zum Beispiel die Geburt seiner Tochter). Man merkt schnell, wie gut es auch den Angehörigen tat, über alles frei sprechen zu können. Auch Reng merkt man an, dass er hier nicht wegen einem Honorar schrieb, sondern weil er einen tollen Menschen, einen Freund verloren hat. Das macht die Biographie oft sehr persönlich, oftmals sehr erschütternd.

Von den Anfangstagen in Jena, über die große Zeit in seiner Lieblingsstadt Lissabon, von der ersten schlimmen Depression nach der Zeit beim großen FC Barcelona und anschließend in Istanbul, bis hin zu den Jahren in Hannover und als Nationalspieler. Reng beschreibt dies alles wunderbar einfühlsam: sehr detailliert gibt er Enkes Gefühle, spannende Momente und möglichst exakt die Phasen der Depressionen wieder – immer wieder angereichert durch Enkes eigene Tagebücher-Einträge. Beim Lesen versteht man nach und nach immer mehr den Druck, dem Enke gegenüber stand. Man versucht zu verstehen, man versucht zu begreifen. Die Frage nach dem „Warum?“ kann natürlich nicht völlig beantwortet werden, und Reng gibt sein Möglichstes, die Familie und auch Teresa Enke aus dem Schussfeld zu nehmen: Sie mussten über viele Jahre Unerträgliches ertragen, und still hinnehmen. Die Schilderungen der „schlimmen“ Momente sind schockierend – man lernt aber unglaublich viel über Depressionen, versteht mit jeder Zeile mehr über die tiefgehende Thematik. Das Buch macht betroffen, und ermuntert gleichzeitig Menschen wie Enke nicht zu vergessen, es macht fassungslos, erweitert aber gleichzeitig den Horizont des Profifussballs um die persönliche Note und die Gefühle eines Fussball-Helden.

Ein tolles Buch über einen tollen Menschen. Absolute Lese-Empfehlung, für Fussball-Fanatiker und Fussballmuffel gleichermaßen geeignet.

 

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