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Tipp: Programmkino mit Susanne Bier und Debra Garnik

Im aktuellen Kino könnte einem schon ein wenig Bange werden um unsere doch so wohlerzogene Gesellschaft. Susanne Bier spielt in „In einer besseren Welt“ mit den Begriffen Schuld und Gewalt unter Mitmenschen, und Debra Garnik zeigt in „Winter’s Bone“ wie selbstverständlich ein kaputtes Milieu aus Drogensumpf, Armut und eigenen Regeln. Eine kurze Rückschau auf zwei ganz hervorragende, aber auch bedrückende aktuelle Filme in den deutschen Kinos.

"In einer besseren Welt"

Das Szenenbild aus „In einer besseren Welt“ könnte genau aus dieser kommen: der besseren Welt – der Welt ohne Gewalt, ohne Hass, ohne Leid. Aber es ist doch nur eine Momentaufnahme zwischen Streit, Problemen und Konflikten. Anton (toll gespielt von Mikael Persbrandt) ist ein „Arzt ohne Grenzen“, ein fürsorglicher Vater und ein Mensch, der frei nach dem biblischen Schuld und Sühne-Motto eher die andere Wange hinhält als zurückzuschlagen. Dies versucht er auch seinen Kindern vorzuleben – auch und gerade, als er vor seinem Sohn Elias und dessem neuem Schulfreund Christian geschlagen wird. Christian selbst hat den Tod seiner Mutter zu verkraften und verschanzt sich seitdem hinter einer kalten Gefühlswand – als klassischer Gegenpart zu Elias und seinem Vater behandelt er Gewalt mit Gegengewalt. Aus diesem Konflikt entsteht so auch im beschaulichen Dänemark ein unfassbarer Akt der Gewalttätigkeit.

Filmisch gegenübergesetzt ist Afrika, und zwar „irgendwo“ dort. Dort ist Anton immer wieder im Einsatz, und die überaus schreckliche Herrschaft eines „warlords“ lässt ihn ein ums andere Mal verzweifeln. Als er irgendwann den „warlord“ selbst behandeln soll, steht er vor einer schwierigen Aufgabe. Obwohl die Thematik der beiden Plots kaum unterschiedlicher sein könnte, sind die Parallelen natürlich unübersehbar: Gewalt erzeugt Gegengewalt, und niemand ist frei von Schuld. Auch nicht in einem mitteleuropäischen Land wie Dänemark. Dabei versteht es Susanne Bier unglaublich gut Orte und Figuren darzustellen: den Aufnahmen und den guten Photographien zuzuschauen ist bei ihr immer ein Genuß. „In einer besseren Welt“ geht extrem unter die Haut: Sowohl die afrikanische Geschichte (bei der die Kamera vielleicht schon zu sehr drauf ist) und die dänische rund um die beiden Jungen und ihre verzweifelten Eltern mit all ihren Problemen berühren und machen nachdenklich.

Leider wirken manche Szenen ein wenig zu pädagogisch und moralisch, obendrauf ist das Finale in Hollywood-Manier leider etwas zuviel, und macht etwas vom großen Ganzen kaputt. Es verändert aber nur wenig am insgesamt herausragenden Film, der gerade wegen seiner Konfliktthemen und Darstellung von Gewalt unter uns völlig zu Recht einen Oscar für den besten ausländischen Film abräumen durfte.

Debra Garniks „Winter’s Bone“ hat vordergründig nicht viel mit „In einer besseren Welt“ gemeinsam, steht aber letztlich in einer Reihe damit, nur unter einem völlig anderen Ansatz. Während es in „In einer besseren Welt“ auch die „obere Schicht“ und deren Konflikte (bzw. unsere inneren Konflikte) trifft, ist es bei Garnik das rauhe Milieu der Gebirgswälder von Missouri: In einer eigenen Welt, mit eigenen Gesetzen, gefangen zwischen Drogen und Armut, immer auf der Suche nach dem reinen Überleben.

"winter's bone"

"winter's bone"

Die Erzählung dreht sich um die 17-jährige Ree Dolly (absolut großartig gespielt von Jennifer Lawrence!), die auf sich alleine gestellt sich um ihre beiden kleinen Geschwister und ihre psychisch kranke Mutter sorgen und kümmern muss. Mit kaum vorstellbarer Kraft kümmert sie sich um Alles, bringt der Kleinsten noch Rechtschreibung bei und bespricht mit dem Sheriff die Familienprobleme. Als dieser ihr mitteilt, dass ihr Vater ihr winziges Blockhaus verpfändet hat und es nun enteignet werden soll, bleibt ihr nur eine Wahl: Sie muss ihren Vater finden. Auf sich alleine gestellt macht sie sich auf den Weg, und stößt dabei auf Anfeindung und rigorose Ablehnung.

Garnik gelingt mit fast dokumentarischem Kamerastil eine Sozialstudie von besonderem Maß. Wenn Ree sich drogenabhängigen Männern und kaputten Ehefrauen widersetzt, ist dieses großes Kino, zeigt es doch diese Figuren der untersten Armut ohne dies in irgendeiner Weise zu beschönigen. Schwarz-Weiß-Malerei gibt es glücklicherweise nicht: Dieses Milieu hat ihre Träume längst hinter sich. das Drogengeschäft und das Leben an sich ist alles was geblieben ist.

Mit „Winter’s Bone“ gelingt ein toller, radikaler Independentfilm, bei dem vor allem die Inszenierung und Hauptdarstellerin Lawrence gefallen. Der Film lässt einen vor allem sehr bedrückt zurück, das Schicksal von Ree und ihren Geschwistern ist derartig real, dass man es nicht einfach als Kinostoff wegwischen kann. So schimmert am Ende dann doch ein großes Stück Gesellschaftskritik durch, und damit ist Garnik dann wieder voll auf Biers Seite. Das aktuelle Programmkino ist damit weiter denn je entfernt vom klaumaukartigen Blockbusterstoff, und auch wenn ich oft niedergeschlagen aus dem Kino komme, machen sich solche Filme bezahlt. Toll, dass wir solche Filme sehen dürfen. In seiner Kompromisslosigkeit ist „Winter’s Bone“ der bessere Film der beiden, aber auch „In einer besseren Welt“ ist weit besser als das Alltägliche Kinogeschehen.

 

Trailer zu „In einer besseren Welt“:

Trailer zu „Winter’s Bone“:

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