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Deutscher Film (4): Waffenstillstand (2009)

Seit meinem letzten Post zu der Reihe „Deutscher Film“ ist viel Zeit vergangen, und dabei habe ich meine Intention nicht vergessen: Kleine Filme aus Deutschland vorzustellen, die es wert sind, angesehen zu werden – und vielleicht oder oftmals viel zu sehr untergehen im Einheitsbrei der Blockbuster. Heute geht es endlich weiter, mit dem kleinen Kriegsfilm und Spielfilmdebüt „Waffenstillstand“ des deutschen Regisseurs Lancelot von Naso.

Szene aus "Waffenstillstand"

Kriegsfilme aus Deutschland sind rar, und wenn, dann behandeln sie fast ausschließlich den zweiten Weltkrieg – meist kitschig oder übertrieben, und nur selten eindrucksvoll. Der Irakkrieg der nuller Jahre war auch sonst bisher wenig im Blickpunkt der Filmindustrie, dies änderte sich mit dem Erfolg des wirklich guten The Hurt Locker von Kathryn Bigelow. In dessen internationaler Erfolgsspur kommt Waffenstillstand zustande, das Kino-Debüt des Kurzfilmregisseurs Lancelot von Naso (Übrigens lustiger Name, scheint aber tatsächlich kein Künstlername zu sein…).

Während es in 99% aller Kriegsfilme um Männer, Helden, Mut und Ehre geht, wird zwar auch in „Waffenstillstand“ geschossen, und Tote und Verletzte gibts auch hier zuhauf, aber es findet keine ideologische Verklärung statt. Die authentische Darstellung der Situation im Irak und der Protagonisten gelingt hervorragend und heraus kommt ein beeindruckender Film über eine an den wahren Begebenheiten der Stadt Falludscha angelehnte Geschichte:

Irak im Jahre 2004. Offiziell ist der Krieg vorüber, doch im Norden des Landes gibt es erbitterte Kämpfe zwischen Amerikanern und Rebellen. Vor allem die Stadt Falludscha erwischt es hart. Während eines unsicheren 24-Stunden-Waffenstillstandes versuchen Kim, eine Hilfsorganisationsmitarbeitern, und Arzt Alain Medikamente und medizinische Grundversorgung in die Stadt zu bringen. Der junge Journalist Oliver und der erfahrene Kameramann Rolf schließen sich an, um als erste Journalisten Bilder aus der umkämpften Stadt zu zeigen. Zusammen mit ihrem irakischen Fahrer entwickelt sich so etwas wie eine Zweckgemeinschaft, die sich durch offenes Kriegsgebiet, durch amerikanische Grenzkontrollen und mit Aufständigen herumschlagen muss.

Die Fahrt, die als medizinisches (und journalistisches) Projekt beginnt, entwickelt sich nach und nach immer mehr zum Horrortrip, und obwohl der Film kaum etwas anderes zeigt als die 5 Protagonisten und ihre kleine Geschichte, nimmt die Spannung unaufhörlich zu, und gipfelt schließlich in der mitreißenden Flucht aus Falludscha. Fasziniert zu beobachten ist, wie völlig unterschiedliche Individualisten auf einmal zusammen stehen müssen, um ihr eigenes Leben zu retten – obwohl sie andere retten wollten. Dabei machen die Schauspieler eine gute Figur, auch und gerade Hannes Jaenicke als ängstlicher, erfahrener Mann spielt absolut überzeugend. Die ganze Stimmung des Filmes ist ruhig und doch intensiv, langsam und doch actionreich. Von Naso gelingt ein emotionales Werk, das einige Zeit braucht, bis es seine Wirkung entfaltet. Manch einer mag dem Film zuviele Belanglosigkeiten oder wenig Tiefe vorwerfen, ich dagegen sehe das genau anders: gerade weil hier etwas konkretisiert wird, kommt der Film mit seinem Beitrag zu diesem wichtigen Thema gut an. Er will nicht den Krieg erklären oder gar die Politik außen rum, er steht einzig und allein mit den Figuren genau mittendrin, und verdeutlicht – manchmal zu hart – wieviele unschuldige Menschen in einen solchen politischen Krieg ganz zwangsläufig reingezogen werden.

Obwohl „Waffenstillstand“ über weite Strecken etwas vorhersehbar ist, und kleine dramaturgische Schwächen besitzt, ist hier ein wirklich sehenswerter Anti-Kriegs-Film entstanden, der ausnahmsweise mal definitiv keinen Constantin-produzierter Weltkriegs-Schmarn zeigt. Daher: Absolute Empfehlung von mir. (In der mittlerweile verbreiteten 10er Punkteskala würde der Film bei mir etwas um 7,5 liegen.)

ARTE hat den Film letzte Woche gezeigt, und hat ihn dankenswerterweise noch bis Ende dieser Woche in der Mediathek.

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In dieser Reihe habe ich bisher empfohlen:

Deutscher Film (3): Das Gehörlosen-Melodram „Jenseits der Stille“.

Deutscher Film (2): Die bayrische Komödie „Wer früher stirbt ist länger tot“.

Deutscher Film (1): Das Schwarz-Weiß-Drama „Die Unberührbare“.

  1. Marcel.
    Juli 13, 2011 um 9:13 pm

    Hab ihn auch auf Arte gesehen und kann dir nur zustimmen. Vorallem das Ende ist stark und zeigt, wie rücksichtslos die amerikanischen Truppen gebombt haben.

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