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Eine Offenbarung: Six Feet Under (2001-2005)

Ein Jahr immer wieder Folgen von Six Feet Under, ein Jahr ein Leben mit den Fishers, ein Jahr TV auf Kino-Niveau – über 5 Staffeln und 63 Episoden. Heute der Versuch einer Kritik, aber vielmehr einer Hommage an diese großartige Serie, die eigentlich mehr Epos und Offenbarung ist. 

Noch sitzt das Serienfinale zu sehr in meinem Kopf, noch durchlaufen die Bilder der letzten Folgen zu sehr meinen Kopf, immer noch rauscht Sias Breathe me durch mich. Eigentlich kein guter Zustand, um eine Kritik zu schreiben. Aber das spielt keine Rolle: es soll gar keine Kritik werden. Kritik ist wenig angebracht bei einer Serie, die mich mehr als jede andere Serie bisher mit ihren Charakteren mitlachen, mitweinen, mitfiebern und mitleiden hat lassen.

Im Jahr 2004, als Six Feet Under erstmals in Deutschland ausgestrahlt wurde, war mir all dies noch nicht bewußt. Die Werbekampagne von VOX nervte mich, das Geplapper von „Gestorben wird immer“ war flach und langweilig, ich hielt mich eher an Actionserien wie 24 oder später Lost, und verpasste Six Feet Under.  Welch falsche Entscheidung! Erst im Frühjahr 2010, als ich das Ende von Six Feet Under in einer Filmwissenschaften-Vorlesung über TV-Serien sehe (ja, in der Tat selten dämlich!), wird mir bewußt: Das muss ich sehen. Knapp ein Jahr haben wir nun zu zweit die 5 seasons geschaut, mal mehr, mal weniger – um am Ende die 5. Staffel förmlich zu verschlingen.

Im Mittelpunkt dieser Serie steht Familie Fisher und ihr Bestattungsunternehmen. Ohne zuviel zu spoilern: Vater Nathaniel stirbt in der großartigen Pilotfolge, und im Anschluß müssen die beiden Brüder Nate und David versuchen das Unternehmen alleine zu führen, während Nachzügler-Teenie Claire ihre eigenen pubertären Probleme hat, und ihre depressive Mutter Ruth das Chaos komplett macht. In den folgenden Jahren entwickelt sich rund um die Fishers, ihre Freunde, ihre Partner und Verwandten ein modernes Familienepos mit allen schönen Seiten, aber auch vor allem mit allen Problemen und Schwierigkeiten, und nicht zuletzt Themen, die letztendlich uns alle berühren: Schmerz, Liebe, Anerkennung, und – natürlich – der Tod. Dabei werden manche harten Beziehungs- oder Familienprobleme so heftig dargestellt, dass man manchmal lieber nicht darüber nachdenken möchte. Doch zu keiner Minute verlieren die Hauptpersonen ihre Faszination, ihre Glaubwürdigkeit – nie wird eine Folge langweilig, nie ist eine Situation zu deplatziert. Das ist zwei Dingen geschuldet: einem nahezu perfekten Drehbuch (Autor der Serie ist vor allem Alan Ball, der schon für American Beauty verantwortlich war und aktuell mit True Blood große Erfolge hat), welches unglaublich gute Handlungsstränge erzählt, und obendrauf einem wunderbaren Cast: Bis in die kleinsten Nebenrollen ist die Serie perfekt besetzt, da fällt selbst ein James Cromwell kaum noch überdurchschnittlich auf.

Man muss den Charakteren mit ihren schwierigen Ecken und Kanten Zeit geben, um sie lieben zu lernen. Jede Staffel und die ganze Serie entwickeln sich immer gemächlich weiter. Es gibt hier nicht die „Everybody-Darling-Rolle“, die Personen sind aus dem echten Leben, und so vergisst man manchmal, dass hier nur gespielt wird. Es sind schwierige Menschen: depressiv, krank, gefühlsabhängig – Menschen wie wir.  Dies ist wohl auch der Grund, warum einem Freude und Leid der Protagonisten so nahe gehen, einen so mitfühlen lassen. Sogar in der meines Erachtens nicht so guten dritten Staffel haut einen die Gefühlswelt von Nate und co um. Season 4 ist dann Perfektion, Kinoformat in jeder einzelnen Folge. Season 5 letztendlich, die finale Staffel, ist eine einzige schmerzliche Angelegenheit für jeden „Fan“, der die Fishers und alle anderen liebgewonnen hat, und dabei doch einfach großartig. Da schämt man(n) sich auch nicht seiner Tränen, diese letzten Folgen von Six Feet Under gehen unter die Haut, und ganz am Ende kann man nur „WOW“ sagen, zu einem Ende, welches keinen Raum offen lässt, sich perfekt in die Serienstimmung einfügt und einfach einzigartig traurig und gleichzeitig schön ist. (Für sehr viele das beste Serienende aller Zeiten und ein großes Stück TV-Geschichte: Gänsehaut!)

Bei aller Traurigkeit, Schwere und dem immer wiederkehrenden Motiv des Todes: Six Feet Under feiert das Leben, zwar auf seine Weise, aber dafür eindrücklich. Eindeutige Plädoyers für mehr Menschlichkeit, für Randgruppen jeder Art (allen voran Homosexuelle), für Träumen und Fühlen, für Leben und leben lassen. Mit sehr viel schwarzem Humor gelingt dabei ein beeindruckender Blick auf unser Tun und Irren in dieser Welt und auch darauf, wie unmittelbar und mitleidlos ein plötzlicher Tod immer ist.

Six Feet Under ist kein billiger Gag über Sterben und Bestattungsunternehmer, wie ich mal dachte. Sondern vielmehr eine witzige, traurige, einfallsreiche, bemerkenswerte, schwierige und grandiose Offenbarung über 63 Episoden. Eine Serie, die von nun an immer einen Platz in meinem Kopf hat, und sich wie von selbst einen Platz in den Lieblingsserien gesichert hat. Anschauen!

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  1. September 13, 2011 um 4:43 pm

    Danke für den Tipp! Wenn jetzt Ersatz für diese Serie suchst: Mein Geheimtipp ist Breaking Bad!

    • hulza
      September 13, 2011 um 4:44 pm

      Bei Breaking Bad bin ich jetzt auch in season 4 angekommen – und wie du sagst: herausragend. Das Pendant zu Six Feet Under Im Bereich „sehr gute Dramaserie“ der letzten Jahre. Werde ich dann bald auch mal drüber schreiben 😉

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