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„Der Jude an sich ist unsympatisch“

Am Sonntag Abend saß die junge, sympatische politische Geschäftsführerin der Piraten, Marina Weisband, bei Günther Jauch. Thema: Antisemitismus. Frau Weisband, bei Twitter äußerst erfolgreich als @afelia, war natürlich nicht nur eingeladen, weil sie gerade jeder einlädt, sondern auch weil sie gläubige Jüdin ist. Vieles in dieser Sendung war wieder einmal belanglos, da konnten auch die wirklich klug geführten Gespräche wenig dran ändern. Aber immerhin konnte man sich auf einen Konsens einigen: Antisemitismus hat in unserer Gesellschaft nichts verloren – und darüber hinaus sollte man sich Verallgemeinerungen wie „Die Juden“, „die Christen“ etc. sparen. Jeder für sich ist Mensch, und keine Volksgruppe – oder Religionsgruppe ist über einen Kamm scherbar.

Doch dann stellte Kevin Barth, ein junger Piratenpolitiker aus Heidenheim, alle Worte von @afelia auf den Kopf.

Screenshot @Kevbarth-Account

Der „Jude an sich unsympatisch“. Man muss dies zweimal lesen, kurz auf sich wirken lassen. Barth macht hier ja gleich zwei Fehler. Er führt von einer israelischen Politik (die unter anderem auch durch europäische und us-amerikanische Politik unterstützt wird) auf das Volk und bezieht jedes Individuum mit ein. Dies ist noch halb verzeihbar, weil man dies in einer vielleicht erhitzten Debatte gerne macht: übertreiben und Vorurteile loslassen. Der zweite Fehler ist der größere, gefährlichere. Von israelischen Bürgern auf Juden allgemein zu schließen. Denn hier schließt sich der Kreis zu wirklich antisemitischen Meinungen des vergangenen Jahrhunderts. Es wird kein Unterschied gezogen zwischen der Volksgruppe der Juden und der Religion, dem Judentum. Barth meint hier ganz deutlich die „Israelis“, spricht aber den „Juden an sich“ an, so als gebe es über die ganze Welt verteilt nur einen Schlag Menschen jüdischen Glaubens.

Wir müssen uns das immer wieder vor Augen halten, auch und besonders in solchen Diskussionen: „Die Juden“ gibt es genauso wenig wie „Die Christen“. Es gibt deutsche Juden, amerikanische Juden, russische Juden. Und genauso gibt es auch in Israel Christen und Muslime. Letztlich könnte man jemanden wie Barth, der sich heute schon entschuldigte,  nun an den Pranger stellen, oder ihn beschimpfen – doch vielmehr müssen wir auch selbst daraus lernen: Wie können wir historisches Bewußtsein richtig vermitteln? Wie können wir Religionen und Geschichte pädagogisch weitergeben, so dass für alle, gerade auch junge Menschen ein klares Bild entsteht? Es wäre wünschenswert, wenn solche Falschaussagen zu neuen Diskussionen führen.

@Afelia sagte bei Jauch, dass sie sich wünscht, dass man das Thema Antisemitismus in Deutschland nicht mehr so oft in den Vordergrund stellen sollte. Hier möchte ich ihr widersprechen: An solchen Tweets, die sicher keine Einzelaussage sind, erkennen wir nur zu deutlich, dass wir noch viel Arbeit im Bereich des Antisemitismus vor uns haben.

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Dazu:

Julia Schramm erklärt dem Kevin auch einige Dinge. Und Primavera wartet auf eine öffentliche Stellungnahme der Piratenpartei.

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  1. donnie
    Februar 8, 2012 um 2:06 pm

    >>Barth meint hier ganz deutlich die „Israeliten“<<

    Oder wohl eher die "Israelis" (kleiner Unterschied von 3.000 Jahren).

  2. hulza
    Februar 8, 2012 um 2:59 pm

    Danke für den Hinweis, ist schon korrigiert.
    (Übrigens nennen sich auch heute noch viele Juden „Israeliten“, aber in dem Zusammenhang ist natürlich Israelis richtig.)

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