Startseite > Netzkultur, Sport > Schluss, aus, vorbei! Die Euro 2012 in Polen und der Ukraine.

Schluss, aus, vorbei! Die Euro 2012 in Polen und der Ukraine.

Eigentlich wollte ich die ganze EM 2012 mit einigen Blogbeiträgen begleiten und den im Juni arg leeren Blog füllen, aber es fehlte an Zeit – und auch an Motivation, weil diese Europameisterschaft irgendwie etwas an mir vorbeigezogen ist. Eine Rückschau.

Balotelli Lahm

Man kann nicht auf allen Hochzeiten tanzen – es ist eine alte Wahrheit, die ich im Juni zu spüren bekam: Hochzeitsfeiern, Unistress, Umzug, sehr viel unterwegs und natürlich: Fußball-EM. Hinten runter kam der Blog zu kurz, daher möchte ich zumindest nachträglich etwas zur Euro schreiben.

Fast alle Spiele dieser Europameisterschaft habe ich gesehen. Die Parallel-Spiele des letzten Gruppenspieltages natürlich nicht und aus einigen wenigen Gruppenspiele nur einzelne Szenen, zum Beispiel Niederlande – Dänemark während einer der besagten Hochzeiten. Und doch hat mich diese EM wenig berührt. Es war mir alles zuviel, es wurde mir alles zu beliebig, ich reagiere irritiert, wenn auf einmal sonstige „Fußballhasser“ mit Trikots und Fahnen rumlaufen. Ob es an meiner Einstellung als Fan liegt? Mein zu taktisch fokussiertes Interesse eines Spieles, und meine mangelnde Toleranz-Schwelle für dämliche Gesänge oder eine pöbelnde Event-Menge? Auch aus diesen Gründen war ich kein einziges Mal beim sogenannten Public Viewing. Ich kann daher völlig verstehen, und nicke mit dem Kopf, wenn Jens Peters hier schreibt: „Der Fußball wirkt für mich in diesen Tagen beliebig. (…)  Zu viele Meinungen kommen zusammen. Richtige. Falsche. Ich will nicht filtern. Es entstehen neue Dinge. Public Viewing. Fußball-Comedy. Plastik-Sammelkarten im Supermarkt. Bühnen im Meer. Undsoweiterundsofort. Was ich eigentlich nur sagen will. Ich kann das alles kaum ertragen.“

Die Spiele dieses Turnieres fand ich im Gegensatz zu vielen Bekannten oder Medien gar nicht schlecht: Da gab es tolle Duelle auf höchstem taktischem Niveau (zum Beispiel Italiens 3-5-2 im ersten Spiel gegen Spanien oder die Portugiesen mit riesigem Pressing im Halbfinale) und beeindruckende Einzelleistungen (Ibrahmimovic, Ronaldo, Balotelli,…). Es gab zwar wenig Überraschungen, wenige Momente, die sich einbrennen und wenige herausragende Spiele. Trotzdem – und obwohl ich meistens zuhause war – hatte ich viel Spaß beim Schauen der Spiele und dem Analysieren der Mannschaften. Zum ersten Mal allerdings in der nun 23-jährigen Geschichte meines Fan-Daseins bestimmten für mich die Medien, die Netzwelt und vor allem auch die übertragenden TV-Sender die EM mehr als die Mannschaften. Das ist einerseits faszinierend, andererseits traurig.

Die klassischen Medien machten dabei grundsätzlich fast alles falsch, was man falsch machen kann. Nervige Fragen in Interviews oder Pressekonferenzen, schlechte Kommentare, fehlendes Wissen in taktischen Belangen und oftmals eine derart unglaubliche Häufung von Fehlern, dass man nicht richtig wusste, ob es Satire ist oder nicht. Die Krone des Irrsinns waren die Kommentatoren (wo ich mich nicht entscheiden kann, ob der Preis für den gröbsten Unfug an Steffen Simon oder an Bela Rethy geht) der Öffentlich-Rechtlichen und das ZDF mit ihrem Usedom-Strand-Geplänkel, verziert mit ihrer grenzdebil grinsenden KMH. Das hatte etwas von öffentlichem Theater und Realsatire. (Schön, dass meine Twitter-Timeline solche Situationen süffisant kommentiert und so weitaus unterhaltsamer ist, als die millionenteuren Fernsehstudios.)

Merkwürdig ist dies vor allem deshalb, weil es seit gefühlten Ewigkeiten im Netz großartige Fußball-begleitende Texte gibt, und es eine Wonne ist, diese Blogs zu lesen, mit all ihren treffenden Beobachtungen, phantastischen Analysen und nachdenkenswerten Kommentaren. Der Aufsteiger der letzten Saison im Taktik-Bereich gab sich auch während der Euro keine Blöße und lieferte erstaunlich vielseitige Taktik-Analysen, Spielberichte oder gar Retro-Betrachtungen. Danke an die Spielverlagerung, ich hab durch Euch den Glauben an fußball-orientierten Journalismus wiedergewonnen. Auch abseits der Taktik-Tafel gab es im Netz soviele gute Meinungen, dass ich mit dem Lesen kaum hinterher gekommen bin, aber hervorgehoben soll zum einen @freval sein, der wunderbar pointiert diese EM kommentierte und mir dabei oftmals aus der Seele sprach, ohne dass ich dies jemals so formulieren könnte: „Cassano, der gerüchtehalber bereits von einer Stubenfliege im Schach besiegt worden ist, vernaschte Traumtänzer Hummels, um dann mit einer Runde “Kennen Sie Balotelli” zu seinem Wingman überzuleiten.“ Und zum anderen Heinz Kamke, der in liebenswerten Rückblenden die EM aus der Sicht seines kleinen Sohnes erzählt. „Am nächsten Morgen erzählte er mir dann noch eine Story vom Pferd. Der drittplatzierte einer europäischen Fußballspieler-Auszeichnung aus dem vorangegangenen Jahrtausend (“Ballon d’Or 1999″), Andrij Schewtschenko, habe die Ukraine im Juni 2012 zum Sieg über Schweden (jenes Land also, aus dem das bekannte “Was für ein Land, in dem Zlatan noch Zlatan heißt” stammt) geführt, noch dazu mit zwei Kopfballtoren. Klar.“

Auch viele andere Fußballblogger haben mit ihrer objektiven, kritischen Berichterstattung dazu beigetragen, dass die klassischen Medien für mich nicht mehr einen Hingucker wert sind. (An Kritik an den deutschen Fans sei vor allem der Beitrag von LizasWelt empfohlen, „Hurra, Patriotismus!„). Von der Berichterstattung Hetze der BILD ganz zu schweigen, doch davon soll hier nicht lange die Rede sein, darüber haben sich zum Beispiel Lukas Heinser („Da arbeitet eine ganze Redaktion an Schlagzeilen, die all dem entgegenstehen, was sie selbst wenige Tage zuvor erarbeitet hat. Ein menschliches Gehirn müsste eigentlich implodieren, wenn sich sein Besitzer derart selbst widerspricht.“) oder auch Stefan Niggemeier („Ich schätze, es ist auch Ausdruck eines Selbsthasses, der durch die nicht mehr auflösbare Vieldeutigkeit des Begriffes »wir« dramatisch verschärft wird. Wenn »Bild« in diesen Zeiten »wir« schreibt, kann das »Bild«, »die Deutschen« oder »die deutsche Nationalmannschaft« meinen.„) schon hervorragende Gedanken gemacht. – Alle Schlagzeilen dazu im Bildblog.

Lassen wir den hämischen Blick auf die Medien und kommen noch einmal zum wichtigsten, zur schönsten Nebensache der Welt. Fußballerisch mag es langweilig gewesen sein, wie 11Freunde gewohnt lässig polarisiert, aber mich haben schon einige Dinge begeistert:

Die Pässe und Bewegungen von Iniesta erinnerten mich oftmals an die legendäre japanische Comic-Serie „Kickers“. Christiano Ronaldo mag mit Spott und Häme überschüttet werden, es gibt aber kaum etwas daran zu rütteln mit welcher Klasse er spielte, vor allem gegen Dänemark und Tschechien. Der alte Mann Shevchenko konnte noch einmal zeigen, was ihn früher so unwiderstehlich machte. Die Entschlossenheit von den alten Italienern Buffon und Pirlo, die beide überragend spielten. Die Abgeklärtheit und Fehlerlosigkeit von Badstuber. Der neue Chef im deutschen Spiel, Sami Khedira. Das Laufwunder Gebre Selassie auf der rechten Abwehrseite (wenn er nur 3/4 davon zu Werder rettet…). Sein Gegenpart auf links, mit großartigen Vorstößen hinter Ronaldo, Fabio Coentrao. Auch die ukrainischen und polnischen Fans in den Stadien, welche für eine tolle Atmosphäre sogar am TV sorgten.  Natürlich die irischen Fans, die für mich persönlich den einzigen Gänsehaut-Moment dieser EM schafften, als sie  ihr „fields of athenry“ singen, und Tom Bartels (!) 5 Minuten andächtig seinen Mund hält (Vielleicht DER Moment, den man noch Jahre im Kopf haben wird.) Das Bild der EM, und deshalb ist es oben eingebettet, ist natürlich Balotellis Jubelpose, die bereits stunden später zum Mem geworden war. (Dieses Bild zeigt auch so schön die Verzweifelung von Philipp Lahm, und damit ist es – leider – auch das Bild des verdienten Ausscheidens der deutschen Mannschaft.)

Meine Mannschaft der EM 2012 sieht folgendermaßen aus (in Klammern die Ersatzbank):

Buffon (Neuer) – Gebre Selassie, Pepe, Badstuber, Coentrao (Papadoupolos, Alba, Hummels, Ramos) – Pirlo, Khedira (Veloso, Busquets) – Ronaldo, Iniesta, Modric (Silva, Nani, Reus) – Bendtner (Mandzukic, Dzagoev).

Spanien ist – erneut – verdienter Sieger. Alles andere ist populistischer Blödsinn. Ich freue mich zumindest jetzt schon wieder auf die Bundesliga – ruhiger, nicht so beliebig, nicht solche Massen, und mit definitiv mehr Überraschungen. Auf gehts, ihr Blogger da draußen. Danke Euch für tolle Unterhaltung während der letzten 3 Wochen.

  1. Juli 3, 2012 um 8:53 pm

    Danke schön. Für die freundlichen Worte, aber auch für eine gelungene persönliche Presseschau, die mich zu einigen ungelesenen Texten führte.

  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: