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Welttag des Buches: Lesefreu(n)de

April 23, 2012 4 Kommentare

Dem Lesen wurde schon oftmals der Tod voraus gesagt. In letzter Zeit habe ich ein anderes Gefühl: Es wird wieder vermehrt über tolle, lesenswerte Bücher gesprochen und diskutiert. Kurzum: Lesen ist wunderbar, und dies hat jetzt eine gemeinsame Aktion von Stiftung Lesen, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und deutschen Buchverlagen noch einmal verdeutlicht. Zum Welttag des Buches werden Bücher verschenkt, um die Freude und die Lust am Lesen mit Freunden oder Unbekannten zu teilen.

Die Idee dahinter: Hier konnten sich im Februar 33.333 Menschen registrieren lassen, um ein Bücherpaket zu erhalten und die Bücher zu verschenken. Insgesamt 25 Titel waren wählbar, darunter bekannte Werke bis zu eher unbekannten Titeln, eine bunte Mischung aus deutschen und internationalen Autoren und ein vielfältiges Spektrum an Genres: Zwischen NS-Brief-Roman und aktueller Teenie-Twilight-Serie, zwischen skandinavischem Krimi und britischem Klassiker.

Die Aktion „Lesefreunde“ wollte anregen dazu, wieder mehr Bücher zu verschenken, wieder vermehrt für Lesefreude zu sorgen und das Lesevergnügen zu teilen und den ein oder anderen vielleicht auch daran erinnern, das Lesen wieder für sich zu entdecken – gerade in einer Bildschirm-überfordernden Zeit kann eine Stunde alleine mit einem Buch sehr heilsam sein.

Heute, am Welttag des Buches, endet die Aktion und die Bücher sind nun bei den „Verschenkern“, und können dementsprechend nun verteilt, verschenkt und verbreitet werden.

Weil ich die Aktion „Lesefreunde“ super finde, und das Lesen allgemein sehr schätze, habe ich mich natürlich auch registrieren lassen und möchte die Bücher und das Lesen auch hier fördern. Ich habe mich für die Kurzgeschichten des Ferdinand von Schirach entschieden. Seinen ersten Band Verbrechen fand ich richtig stark, und den zweiten Teil Schuld hatte ich noch nicht gelesen. Seine kurzen Geschichten über faszinierende und unglaubliche Verbrechen, Schuld und Sühne sind leicht zu lesen, in einfacher Sprache verfasst und bieten einen leichten Ansatz mal wieder ein Buch in die Hand zu nehmen. Perfekt für diese Aktion.

Ferdinand von Schirachs "Schuld" in der Aktion-Lesefreunde-Version

Warum genau blogge ich nun darüber? Zum einen darauf aufmerksam zu machen, dass auch im vermeintlich veralteten Buch-Bereich viel passiert, und solche Aktionen gut angenommen werden. Und zum anderen natürlich, weil ich noch einige Bände hier liegen habe. Bisher habe ich Schuld vor allem spontan verschenkt – wer sich aber von mir ein eigenes Exemplar sichern will, kann mir gerne schreiben, mich ansprechen oder natürlich hier kommentieren. Das Lesevergnügen teilen und damit auch Freude verschenken (auch wenn es bei Schirachs Geschichten wohl weniger Freude ist), da mache ich gerne mit.

Viel Spaß beim Lesen! 😉

PS: Richtig empfehlenswert aus der Reihe der Aktion ist übrigens „Adressat unbekannt“ von Kathrine Kressmann Taylor, welches ich selbst geschenkt bekommen habe. Faszinierend, textlich großartig und eindrücklich.

Jussi Adler-Olsen und die göttliche Erlösung

August 26, 2011 Hinterlasse einen Kommentar

Man möchte innerlich jubilieren: Endlich – beim dritten Band der ungewöhnlichen Krimireihe um das Sonderdezernat Q in Kopenhagen von Bestsellerautor Jussi Adler-Olsen – hat der Übersetzer einen deutschen Titel getroffen, der mit einem präzisen Schlag beschreibt, wonach sich die Menschen in diesem Buch sehnen. Trotz der platten Stieg-Larson-Titel-Anlehnung ist es hier griffig, und das Buch ein erneutes starkes Stück. Eine kleine Buchkritik.

Die Krimireihe rund um den Ermittler Carl Mørck noch vorzustellen, ist eher müßig. Die Bücher sind sehr gut, bekannt, immer in den Bestsellerlisten und wurde beinahe überall gelobt. Auch ich schrieb über die ersten beiden Bände der Reihe (fast) nur positiv. Und um es kurz zu machen: Der dritte Band, im Original „Flaschenpost von P.“, ist nicht weniger gut – im Gegenteil: Die Personenkonstellationen des Dezernates werden sogar langsam noch besser, noch geheimnisvoller und interessanter.

Während andere Krimireihen und Thriller immer versuchen, die Geschichte nur aus dem Blickwinkel eines oder mehrerer Polizisten zu erzählen, um damit am Ende einen Mörder zu präsentieren, denn der aufmerksame Leser sowieso schon lange kennt, macht Adler-Olsen das zum dritten Male völlig anders: Noch mehr als in den ersten Bänden lässt er dem „Mörder“ viel Raum für seine Geschichte. Man lernt diesen Mann kennen, mit allen Motiven und Hintergründen. Und hier liegt schon der Knackpunkt dieses Krimis – und der ganzen Reihe. Vordergründig mögen die schrecklichen Fälle das Gerüst des Buches sein und für die nötige Spannung sorgen, aber den entscheidenden Part zu einem guten Buch liefern hier die Personen. Ich habe dies schon früher erwähnt und kann es jetzt nur nochmal wiederholen: Adler-Olsens Charaktere sind jede Seite wert. Es sind phantastische Beschreibungen von Macken, Neurosen und Stimmungen, dazu hat jede Person ihre Geheimnisse, Vorlieben und Abneigungen. Das ergibt ein wunderbares Gemisch aus nachvollziehbaren Charakteren, sogar die – weit von der Realität lebenden – Sektenmitglieder werden so annehmbar, verständlich und nicht nur zu plumpen Plotfüllern.

Die Sehnsucht nach göttlicher Erlösung ist der Trieb für fast alle kriminellen Handlungen in diesem Buch, mal aus Überzeugung, mal aus Hass auf die eingeprügelten Überzeugungen. Man kann diese Sehnsucht nach Erlösung auch auf die Ermittler beziehen: Mørck will erlöst werden von seinen Schuldgefühlen und seinem elenden Zuhause, und auch Assistent Assad hat ganz sicher solche Wünsche, doch bleiben diese – noch – im dunklen. (Erste Andeutungen gibt es, und in diese Richtung schielte ich schon bei Band 1).

Diese Konstellationen machen das Buch spannend und kraftvoll, und dies obwohl Adler-Olsen kein besonders filigraner Autor ist. Er weiß schlicht genau, wie er seine Worte einsetzen muss. Das Tempo gleitet gemächlich, bis es sich immer weiter steigert und am Ende wieder in einen schnellen Rhythmus des heißen Finales übergeht. Man kann es nicht anders sagen: Dieses Buch möchte man kaum aus der Hand legen. Wünschenswert wäre in einem nächsten Band sicher mal ein anderes Finale. Obwohl die letzten Seiten auch hier spannend und lesenswert waren, ähnelten sie doch sehr den Actionszenen in „Erbarmen“ und „Schändung“. Hier könnte Adler-Olsen mal nachbessern. Doch im Grunde freut man sich als Leser sowieso schon mehr auf das Ermittlerteam und ihre Geheimnisse, als auf den jeweiligen Fall.

Fazit: Beste Urlaubs- oder Sommerlektüre, die man in kürzester Zeit durchgelesen hat. Ein wunderbarer Krimi, der mit seinen interessanten Personen aus der unübersichtlichen Masse an (skandinavischen) Krimis herausragt.

Mehr Epos als Buch: „Tage der Toten“ von Don Winslow

Neulich habe ich mal wieder gelesen, dass immer weniger Menschen lesen, immer weniger Menschen Bücher kaufen, und vor allem immer weniger komplexe Stoffe lesen. Das ist schade, denn kein Film kann die Phantasie so anregen wie ein gutes Buch. Daher möchte ich mal wieder öfter gute Bücher vorstellen, die es wert sind zu lesen, ja, die es wert sind zu kaufen. Heute mit „Tage der Toten“ vom amerikanischen Krimi-Autor Don Winslow.

„Sie hält ihr totes Baby in den Armen.“

Mit diesem herzzerreißenden Satz beginnt der Prolog der deutschen Fassung von „The Power of the dog“ (Original 2005, deutsche Übersetzung: 2010). Und es geht nicht wirklich weniger brutal weiter:

„Er schreitet die Reihe der Toten ab, bis er den findet, den er gesucht hat. Als er vor ihm steht, krempelt sich sein Magen um, er muss sich zusammenreißen, um nicht zu erbrechen. Das Gesicht des noch jungen Mannes ist heruntergepellt wie eine Bananenschale. Die Hautlappen hängen an seinem Hals herab. Keller kann nur hoffen, dass sie ihn vorher getötet haben, aber er weiß es besser. Die untere Hälfte seines Hinterkopfs ist weggesprengt. Sie haben ihm in den Mund geschossen.“ (aus der Leseprobe bei Bilandia).

Es sind Zeilen wie diese, die wie ein Magenschlag daherkommen. Und es gibt sie oft, diese Magenschläge in „Tage der Toten“. Arthur Keller ist ein Agent und späterer Chef der DEA, der amerikanischen Drogenbekämpfungsbehörde, eines der zentralen Organe im amerikanischen war on drugs. Tief hängt Keller in den Strukturen der mexikanischen Drogenmafia, mit vollem Risiko ist er in den Kampf gegen die Drogen eingestiegen. Als sein engster Mitarbeiter und Freund von einem Kartell entführt, gefoltert und schließlich ermordet wird, beginnt Keller einen jahrzehntelangen persönlichen Rachefeldzug gegen die Köpfe des Barrera-Kartells, aus dem sich ein echter Krieg entwickelt, in den über viele Jahre Regierungen aller möglichen Länder reingezogen werden. Keller erlebt die Iran-Contra-Affäre aus völlig eigener Sicht. Keller liefert sich einen Kampf, bei dem es auf allen Seiten nur Verlierer geben kann. Über mehr als 30 Jahre zieht sich die Geschichte von „Tage der Toten“ (Anspielung auf einen mexikanischen Feiertag), und ist dabei so unglaublich vielschichtig, weitläufig und komplex, dass es unmöglich ist von einem Krimi oder Thriller zu sprechen. Zu sehr vermischen sich die Romanstoffe mit den historischen Begegebenheiten, zuviel Wahrheit steckt in jeder einzelnen Zeile. Don Winslow ist ein Epos über die amerikanische Drogenpolitik und die mexikanischen Drogenkartelle gelungen.

Fünfeinhalb Jahre hat Winslow an diesem Roman gearbeitet, sich über all die Zeit in die Strukturen der Drogenwelt gearbeitet (Bei der FAZ gibt es ein sehr interessantes Interview). Diese Arbeit merkt man auf jeder einzelnen der 689 (!) Seiten – und keine einzige Seite ist langweilig. Winslow arbeitet dabei soviele Charaktere, soviele Orte, soviele Daten heraus, dass es anfangs schwer ist, mitzukommen. Zwischen Mexiko und New York, zwischen irischen Killern und amerikanischen Edel-Prostituierten, zwischen mexikanischer Kirche und amerikanischer CIA: Der Plot von „Tage der Toten“ ist derart komplex, dass man das Buch kaum aus der Hand legen kann. Zu sehr vermischen sich die Schauplätze im Laufe der Jahre, immer mehr möchte man erfahren, wie die Geschichte weitergeht bzw. endet.

Dabei hat der Roman ein Problem: es gibt keinen Helden. Es gibt keine gute Identifikationsfigur für den Leser, deren Charakter tiefgründig ausgeleuchtet wird, und mit dem der Leser mitfiebern kann. Denn Keller ist kein solcher Held, ganz bestimmt nicht. Auch die anderen Figuren sind keine Helden, sie alle stecken irgendwo mitten in diesem unfassbaren „war on drugs“, und alle tragen sie dazu bei, dass wieder alle profitieren. Die Drogenbosse freuen sich über die Anti-Drogen-Politik der USA; denn nur so bleibt das Kokain teuer und wertvoll. Die USA freuen sich, mit den Drogenbaronen mächtige Verbündete zu haben im Kampf gegen die Kommunisten, und befeuern die mexikanische Regierung und die Kartelle mit Schmiergelden. All das ist ein einziger politischer Wahnsinn, über Jahrzehnte werden Milliarden verschlungen, zwischen Vietnam und Irak stecken die USA in ihrem längsten, teuersten und verlustreichsten Krieg – und nur wenige bekommen davon mit. Großartig an Winslows Schreibstil ist, dass er es schafft, diese Charaktere nicht in „gut“ oder „böse“ zu unterscheiden. Er zeichnet von jeder Figur ein komplexes Bild mit allen Facetten: zwischen liebendem Familienvater und mordendem Drogenpatron ist da nur ein Beispiel.

„Tage der Toten“ ist ein toll recherchierter, nicht immer einfach zu lesender, grandioser Roman. In einer epischen Breite wird es nie langweilig – zuweilen ist es besorgniserregend brutal, aber immer ist es spannend und aufwühlend. Das der Stoff aus den unglaublichen realen Begebenheiten stammt und das Don Winslow sich nichts ausgedacht hat, macht das Ganze natürlich nur noch radikaler und faszinierender. Man wünscht diesem Buch viele Leser, denn solche großen Bücher sind selten. Großartige Literatur und damit eine absolute Leseempfehlung von mir.

[Don Winslow, Tage der Toten. Originalausgabe erschienen 2005 unter dem Titel The Power of the Dog, deutsche Ausgabe erstmals 2010 bei Suhrkamp.]

 

Robert Enke – Ein allzu kurzes Leben (Ronald Reng, 2010)

Februar 16, 2011 Hinterlasse einen Kommentar

Weil ich gerade aus Enkes Lieblingsstadt Lissabon komme, und seit gestern die Championsleague wieder läuft, passt das heute ganz gut: Eine kleine Rezension zu Ronald Rengs Robert Enke-Biographie. Entstanden ist ein faszinierendes, erschütterndes Porträt über einen der besten, sympatischsten Fussballer, dem leider ein zu kurzes Leben vergönnt war.

Photoeinband der gebundenen Ausgabe (Piper-Verlag, 2010)

„Der Tod eines depressiven Menschen ist niemals eine freie Entscheidung. Die Krankheit verengt die Wahrnehmung so sehr, dass der Leidende nicht mehr versteht, was es heißt zu sterben. Er glaubt es hieße nur, die Krankheit loszuwerden.“ (Seite 423)

Am 10. November 2009 begeht Robert Enke Selbstmord. Ich weiß heute noch genau, wie sehr mich dies damals erschütterte. Noch mehr als mich ergriff es Teile der Medien: Eine unglaubliche Hysterie breitete sich aus (weit über Deutschland hinaus), erst Recht nachdem Teresa Enke am nächsten Tag bekannt gab, dass Robert unter Depressionen litt – selbst unter Nicht-Fussball-Fans. Enke war einer dieser Typen, denen dies keiner zutraute. Zum Zeitpunkt seines Todes war er deutscher Nationaltorhüter, als Nummer 1 gesetzt für die WM 2010. In Hannover Kapitän und unersetzbarer Führungsspieler. Ich war immer ein stiller Fan von Robert Enke, der mit seiner ruhigen, besonnenen Art einen gewissen Gegenpol zu Torhütern wie Kahn, Lehmann oder Wiese darstellte. Über diese konnte ich mich zwar immer wieder herrlich amüsieren, aber Enke mit seinen teils unglaublichen Reflexen und seiner sympatischen Art vor der Kamera war mein Favorit. Umso schlimmer die Nachricht seines Todes, umso furchtbarer, als schließlich nach und nach seine Krankheit bekannt wurde.

Ronald Reng, Sportjournalist und Fussballreporter, wurde während Roberts Zeit in Barcelona zu dessen Freund. Schon damals hatten beide zusammen vor, nach Enkes Karriere eine Biographie zusammen zu verfassen. Reng machte dies nun ohne Enke, dafür mit dessen Tagebüchern, und mit großer Hilfe von Enkes Familie, besten Freunden, Kollegen, Trainern und Therapeuten. Auf knapp über 400 Seiten schildert er das Leben von Robert Enke, das irre Auf und Ab eines Spitzensportlers (gerade bei Enke mit vielen Höhen und noch mehr Tiefen), die depressiven Phasen, aber auch die glücklichen Momente im Leben der Enkes (zum Beispiel die Geburt seiner Tochter). Man merkt schnell, wie gut es auch den Angehörigen tat, über alles frei sprechen zu können. Auch Reng merkt man an, dass er hier nicht wegen einem Honorar schrieb, sondern weil er einen tollen Menschen, einen Freund verloren hat. Das macht die Biographie oft sehr persönlich, oftmals sehr erschütternd.

Von den Anfangstagen in Jena, über die große Zeit in seiner Lieblingsstadt Lissabon, von der ersten schlimmen Depression nach der Zeit beim großen FC Barcelona und anschließend in Istanbul, bis hin zu den Jahren in Hannover und als Nationalspieler. Reng beschreibt dies alles wunderbar einfühlsam: sehr detailliert gibt er Enkes Gefühle, spannende Momente und möglichst exakt die Phasen der Depressionen wieder – immer wieder angereichert durch Enkes eigene Tagebücher-Einträge. Beim Lesen versteht man nach und nach immer mehr den Druck, dem Enke gegenüber stand. Man versucht zu verstehen, man versucht zu begreifen. Die Frage nach dem „Warum?“ kann natürlich nicht völlig beantwortet werden, und Reng gibt sein Möglichstes, die Familie und auch Teresa Enke aus dem Schussfeld zu nehmen: Sie mussten über viele Jahre Unerträgliches ertragen, und still hinnehmen. Die Schilderungen der „schlimmen“ Momente sind schockierend – man lernt aber unglaublich viel über Depressionen, versteht mit jeder Zeile mehr über die tiefgehende Thematik. Das Buch macht betroffen, und ermuntert gleichzeitig Menschen wie Enke nicht zu vergessen, es macht fassungslos, erweitert aber gleichzeitig den Horizont des Profifussballs um die persönliche Note und die Gefühle eines Fussball-Helden.

Ein tolles Buch über einen tollen Menschen. Absolute Lese-Empfehlung, für Fussball-Fanatiker und Fussballmuffel gleichermaßen geeignet.

 

Jussi Adler-Olsens Fasanenmörder

September 11, 2010 Hinterlasse einen Kommentar

Wenn in Deutschland erstmal alle Feuilletons aller großen Blätter und Magazine einen Autor (hier: Adler-Olsen) zum Nachfolger eines vorherigen Starautors (ehemals: Stieg Larsson) gemacht haben, ist die Wirkung immer gleich: Es entsteht ein Sog, in dessen Nachwirken die Bücher des Autoren einen gewissen (positiven) Konsens in der Republik erreichen. Das Gleiche könnte man natürlich auch über Theater oder Musik berichten: Die Vorgänge sind überall gleich. Und was im Musikbusiness zur Zeit „The Suburbs“ von Arcade Fire ist, ist die Krimireihe um Carl Mørck von Jussi Adler-Olsen aktuell in der Belletristik. Und soviel vorneweg: Was manchmal absurd und ungerechtfertigt ist, findet hier völlig zu Recht statt!

Quelle: SPIEGEL Bestsellerliste 37/2010 (10.09.10)

Quelle: SPIEGEL Bestsellerliste 37/2010 (10.09.10)

Dass ein Autor in der Belletristik auf Platz 1 und 2 steht ist ungewöhnlich, aber spätestens seit Stieg Larsson wissen wir, dass es nicht unmöglich ist (Larsson hatte teilweise alle drei Bände unter den ersten 5!). Ich selbst hatte den ersten Band „Erbarmen“ einige Zeit vor dem beginnenden Hype geschenkt bekommen, ihn aber schließlich auch erst im März gelesen. Zu dieser Zeit etwa ging es auch los mit den andauernden Lobeshymnen auf Adler-Olsen und auch ich stimmte kräftig mit ein. Entsprechend groß auch meine Vorfreude auf Teil 2  des 60-jährigen Dänen.

dt. Hardcover-Ausgabe

Carl Mørck, exzentrischer und begabter, aber eher unsympatischer Vizekriminalkommissar in Kopenhagen, kommt aus dem wohlverdienten Urlaub zurück und findet gleich einen neuen Fall vor. Wobei neu nicht aktuell bedeutet, denn mal wieder geht es in die Vergangenheit, über 20 Jahre zurück.  Und zudem ist der Fall eigentlich geklärt: Der Mörder von 2 Geschwistern sitzt seit vielen Jahren im Gefängnis. Doch wer hat Mørck die Akte zugeteilt nach all dieser Zeit? Warum versucht ihn das Präsidium auszubremsen? Diese Fragen stacheln Mørck erst recht an, und der eigensinnige Polizist nimmt gemeinsam mit seinem unerklärbaren Assistenten Assad die Ermittlung auf.

Soviel in aller gebotenen Kürze zum Inhalt und Start des Krimis. Adler-Olsen schafft es Charaktere zu erschaffen, die einen beim Lesen geradezu bildlich erscheinen: Der kauzige, etwas schlecht gelaunte Mørck, der absurde, immer wissbegierige Assad, und letztlich auch die etwas nervige, selbstbewusste neue Sekretärin Rose. Dazu natürlich noch viele weitere Personen, insbesondere den Tätern aus der „First class“ von Dänemark. Diesen Personen wird im Roman wieder sehr viel Zeit einberaumt. Auf den ersten Seiten sogar weit mehr als die eigentlichen Ermittlungen. Dies ist eins der entscheidenen Stilmittel der Adler-Olsen Reihe bisher: Im Gegensatz zu herkömmlichen Krimis weiß der Leser früh, wer hinter den Taten steckte, wer aus welchem Grund dies und jenes getan hat. Ebenso bekommt man ein ausführliches, oftmals sehr differenziertes Bild der Mörder. Das ist ungewöhnlich, macht das Buch aber mitnichten weniger spannend. Im Gegenteil: Durch verschiedene Sichten auf die Ereignisse, Zeitsprünge und diverse wichtige Charaktere entsteht ein spannendes Netz aus Informationen, welches sich nach und nach dem Leser immer mehr erschließt. Dabei ist Spannung gar nicht der nennenswerte Hauptfaktor, warum die Adler-Olsen Bücher so gut sind. Spannend sind sie, und wie. Aber entscheidend sind die Geschichten der Menschen, die beinahe absurd brutale Darstellung von Psyche, Gedanken und dem Leben und seinen Eigenarten. Dies gelingt Adler-Olsen beeindruckend. Dazu kommt eine herrliche Portion Ironie und Komik, vor allem natürlich innerhalb des Sonderderzenats Q. Wie schon in „Erbarmen“ musste ich oftmals schmunzeln – angesichts des Plots eigentlich unangebracht.

Ich habe lange überlegt, ob ich „Schändung“ nun schlechter bewerte als „Erbarmen“, weil der zweite Teil nicht ganz so spannend war wie Teil 1, und noch mehr vorhersehbar. Aber die Darstellung der Figuren – auch mit ihren eigenen, teilweise nur schwer greifbaren Problemen – hat mir unglaublich  gut gefallen. Auch der inhaltliche Schwerpunkt ist packend und so sehr realitätsverbunden, dass einen manchmal schauert – vor allem bei einigen doch intensiv beschriebenen Gewaltszenen. Ich bin wieder beeindruckt, konnte diesen Band abermals kaum zur Seite legen, und kann es daher nur empfehlen. Einstimmen in die Konsenskritiken der Medien: Adler-Olsen ist groß. Da bleibt nur auf den nächsten Band zu warten – und zu hoffen, dass dort endlich mehr auf Assads Vergangenheit eingegangen wird. Und Mørck endlich seine Psychologin flach legen darf.

HIER kann man die ersten Seiten schon mal lesen, und sich einen ersten Eindruck machen.

Nachtrag:

Warum der dtv-Verlag sich schon wieder für eine Umänderung des Originaltitels entschieden hat, bleibt wohl allein ihnen verständlich. „Schändung“ ist unpassend, und das originale „Fasanenmörder“ wäre treffender – und im Gegensatz zu den langen Larsson-Titeln auch nur ein deutsches Wort. Unverständlich!

Lesetipp März: Jussi Adler-Olsen – Erbarmen

März 29, 2010 2 Kommentare

Nach längerer Zeit habe ich nochmal ein Buch ‚verschlungen‘, und in kurzer Zeit über das Wochenende fertig gelesen: „Erbarmen“ von dem dänischen Schriftsteller Jussi Adler-Olsen. Erstklassige, kurzweilige und spannende Lektüre aus dem Thriller-/Krimibereich, die für jeden Fan dieses Genres bedingungslos zu empfehlen ist.

Der Albtraum einer Frau.
Ein dämonischer Psychothriller.
Der erste Fall für Carl Mørck
vom Sonderdezernat Q in Kopenhagen.

So lautet der Klappentext der oben zu sehenden Ausgabe des Buches. Und hier scheint irgendwas falsch gelaufen zu sein, denn nichts davon entspricht dem Inhalt von „Erbarmen“: Kein Alptraum, sondern blutige Realität. Keine Dämonen, sondern tief verletzte Seelen (von Opfer bis Täter bis hin zum Ermittler). Nicht der erste Fall, sondern ein erfahrener Ermittler, welcher ein neues Dezernat erhält.

Ansonsten aber hält das Debüt der Carl Mørck-Reihe, was angepriesen wird: „Ungewöhnlich, grausam, todspannend, nervenzerreibend und glaubwürdig.“

Auf 416 Seiten entfaltet Adler-Olsen einen wirklich spannenden Thriller, der einen nicht mehr loslässt. Während die ersten 70 Seiten noch etwas verhalten sind, steigert sich schließlich das Tempo immer mehr und man kann das Buch kaum noch zur Seite legen. Dabei ist „Erbarmen“ kein Krimi der Sorte „Wer ist denn nun der Mörder“?. Schon relativ früh im Band wird dem Leser klar, wer der Täter ist, aber darum gehts auch gar nicht in erster Linie. Die psychologischen Seiten der Charaktere, insbesondere des kauzigen, hartgesottenen und arroganten Ermittlers Carl Mørck, sind die besonders spannenden Versatzstücke dieses alptraumartigen Plots. Dass Carl Mørck dabei noch einen irren Syrer namens Assad als Mitarbeiter zur Seite bekommt (der ganz sicher auch eine dunkle Vergangenheit hat) passt da perfekt ins Bild.

Zwischen Ermittlung und den zeitversetzten Rückblenden zum Opfer bleibt viel Raum übrig für Medienschelte, aktuellen Rassismus oder psychologische Traumata. Adler-Olsen gelingt es, dies alles zu verpacken ohne vom Weg abzukommen. Kein Kapitel des Buches ist langweilig, die Rückblenden zum Geschehen 5 Jahre vorher sind nicht zu lang und sperrig und die Auflösung und das Ende des Filmes sind insgesamt glaubwürdig und realitätsnah gehalten, obwohl die Geschichte an sich natürlich etwas übertrieben ist. Zudem war der Text überaus einfach zu lesen (vor allem auch ohne langweilige, ausufernde Beschreibungen), und viele Passagen (allen voran die Szenen mit Assad) ließen einen trotz des grausamen Geschehens schmunzeln und lächeln.

Fazit: Mal wieder zeigt sich die unglaublich starke Bandbreite an skandinavischen Krimiautoren: Nach Mankell, Nesser, Marklund, Larsson, und wie sie alle heißen nun also Jussi Adler-Olsen. Ihm gelingt ein fulminantes Buch in bester Unterhaltung-Manier für jeden Thriller-Krimi-Fan (eignet sich ganz sicherlich auch als Verfilmung, we’ll see…). Hier gelingt ein toller Einstieg in eine hoffentlich lange dauernde Serie rund um das neue Sonderdezernat Q. Bleibt nur die Frage, ob Adler-Olsen dieses Level im nächsten Band, der im September in Deutschland erscheint, halten kann. Meine Leseempfehlung!

Alles über Spickzettel?

Februar 3, 2010 2 Kommentare

Das ein Lehrer auf die Idee kommt, in seinem Arbeitsleben alle gefundenen Spickzettel zu sammeln und zu kategorisieren, halte ich grundsätzlich für eine ganz phantastische Idee. Zeigt dies doch auch eine ganz sicherlich spannende Subkultur der Schulzeit, die in den wissenschaftlichen Abhandlungen über Unterricht und Pädagogik so nicht zu Wort kommt, die aber doch jeder (ehemalige) Schüler kennt, und die allermeisten auch selbst aktiv betrieben haben.

Broschierte Ausgabe

Günther F. Hessenauer hat genau dies getan: 5000 Spickzettel aller Arten, aller Fächer und diverse andere Briefchen, Karikaturen und Sprüche hat er in seinem Lehrerleben gesammelt, und diese nun nach seiner Pensionierung zu einem Buch verarbeitet. Das ist für mich als angehenden Lehrer, und natürlich mindestens genauso als erfolgreichen ehemaligen Spicker, sehr interessant: Gestern hab ich das Buch Büchlein durchgelesen, bzw. die zahlreichen Spicker angeschaut. Das ist innerhalb einer Stunde geschehen, und insgesamt gesehen ein schöner Spaß.

Hessenauer stellt hier verschiedene Kategorien von Spickzetteln vor, bewertet sie nach ihrem zeitlichen und technischen Aufwand und beurteilt ihren pädagogischen Wert, und ironisch auch die Herausforderung an den Schüler.

Da bekommen vom einfachen Handspicker bis zum kompliziert hergestellten Flaschen-Etikett-Spicker alle Varianten ihren Platz. Dies ist durchaus witzig zu lesen und zu betrachten, vor allem natürlich, wenn man wie ich mit allen Spickervarianten vertraut ist. Zudem gibt es zuweilen amüsante Anekdoten zu den Spickertypen. Genau hier liegt aber auch der größte Fehler von Hessenauer: Er versucht alle Kategorien mit einer vermeintlich lustigen Story beginnen zu lassen. Dies wirkt deplatziert, ist langweilig und wäre vor allem nicht nötig gewesen. Eine breitere Palette von „Spickern“, mit den augenzwinkernden  Anmerkungen zu Herausforderung und pädagogischem Werten wäre hier der bessere Weg gewesen. So bleibt am Ende neben dem vielen Schmunzeln vor allem die Frage, ob man nun wirklich alles über Spickzettel weiß, und die Antwort lautet klar: nein. Mir fallen spontan einige weitere ein, die Hessenauer nicht mal erwähnt hat, ganz zu schweigen zu Täuschungsversuchen, die letztlich gar nichts mit „Spickern“ zu tun haben.

Trotzdem: Man merkt Hessenauer an, dass er ein Lehrer mit voller Kraft war und seine Schüler auch ernst genommen hat, und sie mit dem Thema „Spicken“ auch konfrontiert hat. Zwei Briefe am Schluss dokumentieren dies in sehr guter Art und Weise. Und dies nehme ich auch für mich aus diesem kleinen Buch für zwischendurch mit: Respektvoll den Schülern gegenüber, das Thema Spicken immer ironisch-augenzwinkernd betrachten, aber auch nie aus den Augen verlieren.

Außerdem finde ich die Idee des Spickzettel-Sammelns hervorrragend. Ich werde anfangen.

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