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Referees at work: „Wir sind nicht Gott“

Zwei bemerkenswerte, schon etwas ältere Dokumentationen über Schiedsrichter sind online anzusehen und zu bestaunen. Ein tiefer Einblick in das Leben von Profischiedsrichtern und den Umgang mit Fehlern. Für Fußball-Fans Pflicht, für alle anderen höchst sehenswert.

Cover der Dokumentation referees at work, Howard Webb, etcSchon viele Jahre fällt mir der allzu harte Ton gegenüber Schiedsrichtern auf. Sei es beim Fußball-Schauen vor dem TV, beim eigenen Kicken oder als Fan live im Stadion: Irgendeiner schimpft immer über die Leistung des Schiedsrichters, irgendeiner provoziert, früher oder später fallen Schimpfwörter – ganze Niederlagen werden immer mehr auf den Schiedsrichter geschoben. Zuletzt beim EM-Spiel der deutschen Mannschaft im Halbfinale gegen Italien: Verdient ausgeschieden, und trotzdem ist das Web voll von Aussagen wie „Scheiss Schiri“ oder „Total verpfiffen worden„.

Schiedsrichter haben in dem durchkommerzialisierten Fußballgeschäft den vielleicht schwierigsten Job überhaupt: Als einzigem Akteur auf dem Platz lässt man Ihnen keinen Spielraum für Fehler, ein einziger Fehler kann über ganze Karrieren entscheiden. Die Dokumentation „Referees at work“ durfte erstmals – von der UEFA unterstützt – Schiedsrichter während einem großen Turnier, der Euro 2008, aufnehmen, Blicke hinter den Kulissen zeigen, ganz einfach: Die Mensch hinter dem Schiedsrichtergespann zeigen. (Und so wird aus dem eher grimmigen Howard Webb ein sympatischer Brite, mit dem man gerne mal ein Bier trinken würde.)

Als absolutes Highlight der Dokumentation durften die Produzenten die Funkgespräche während der Spiele aufzeichnen: Dies bietet unglaublich gute Einblicke in die Arbeit eines Schiedsrichtergespannes – und lässt Fehler oder strittige Entscheidungen oft in anderen Augen erscheinen. „Was fühlen Schiedsrichter, wenn sie durch eine einzige Fehlentscheidung den massiven Druck der Öffentlichkeit, Verunglimpfung in den Medien oder gar Morddrohungen erleiden müssen? “ Das sind die Fragen, denen sich die Doku stellt, ohne nur ein einziges Mal auf einen Off-Kommentar zurückzugreifen.

Eine ganz phantastische Dokumentation, die in voller Länge online ist, und nur darauf wartet, von Euch angesehen zu werden: Referees at work – Schiedsrichter im Fokus.

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Ganz passend dazu auch ein weiterer, kürzerer Film, der sich um Martin Hansson dreht. Hansson? Genau, der schwedische Schiedsrichter, der Henrys „Hand Gottes“ übersah, und Irland die WM-Teilnahme „kostete“. Die Doku begleitete den Referee schon das ganze Jahr, und so wird besonders deutlich, wie sich ein einziger Fehler auf einen Menschen auswirken kann. „The Referee“, hier auch komplett:

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Wir müssen akzeptieren, dass Schiedsrichter genauso Fehler machen wie die Spieler!“. Wie jeder Mensch. Wie wir alle. Dies sollten wir immer im Hinterkopf, wenn wir uns mal wieder zu sehr über eine Fehlentscheidung aufregen. Im Stadion, vor dem Fernseher, erst Recht in Medien – und auch in der Kreisklasse auf dem Ascheplatz am ArschderWelt bei dem älteren Herrn der Spiele aus dem Stand pfeifft.

(via TrainerBaade.)

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Schluss, aus, vorbei! Die Euro 2012 in Polen und der Ukraine.

Juli 3, 2012 1 Kommentar

Eigentlich wollte ich die ganze EM 2012 mit einigen Blogbeiträgen begleiten und den im Juni arg leeren Blog füllen, aber es fehlte an Zeit – und auch an Motivation, weil diese Europameisterschaft irgendwie etwas an mir vorbeigezogen ist. Eine Rückschau.

Balotelli Lahm

Man kann nicht auf allen Hochzeiten tanzen – es ist eine alte Wahrheit, die ich im Juni zu spüren bekam: Hochzeitsfeiern, Unistress, Umzug, sehr viel unterwegs und natürlich: Fußball-EM. Hinten runter kam der Blog zu kurz, daher möchte ich zumindest nachträglich etwas zur Euro schreiben.

Fast alle Spiele dieser Europameisterschaft habe ich gesehen. Die Parallel-Spiele des letzten Gruppenspieltages natürlich nicht und aus einigen wenigen Gruppenspiele nur einzelne Szenen, zum Beispiel Niederlande – Dänemark während einer der besagten Hochzeiten. Und doch hat mich diese EM wenig berührt. Es war mir alles zuviel, es wurde mir alles zu beliebig, ich reagiere irritiert, wenn auf einmal sonstige „Fußballhasser“ mit Trikots und Fahnen rumlaufen. Ob es an meiner Einstellung als Fan liegt? Mein zu taktisch fokussiertes Interesse eines Spieles, und meine mangelnde Toleranz-Schwelle für dämliche Gesänge oder eine pöbelnde Event-Menge? Auch aus diesen Gründen war ich kein einziges Mal beim sogenannten Public Viewing. Ich kann daher völlig verstehen, und nicke mit dem Kopf, wenn Jens Peters hier schreibt: „Der Fußball wirkt für mich in diesen Tagen beliebig. (…)  Zu viele Meinungen kommen zusammen. Richtige. Falsche. Ich will nicht filtern. Es entstehen neue Dinge. Public Viewing. Fußball-Comedy. Plastik-Sammelkarten im Supermarkt. Bühnen im Meer. Undsoweiterundsofort. Was ich eigentlich nur sagen will. Ich kann das alles kaum ertragen.“

Die Spiele dieses Turnieres fand ich im Gegensatz zu vielen Bekannten oder Medien gar nicht schlecht: Da gab es tolle Duelle auf höchstem taktischem Niveau (zum Beispiel Italiens 3-5-2 im ersten Spiel gegen Spanien oder die Portugiesen mit riesigem Pressing im Halbfinale) und beeindruckende Einzelleistungen (Ibrahmimovic, Ronaldo, Balotelli,…). Es gab zwar wenig Überraschungen, wenige Momente, die sich einbrennen und wenige herausragende Spiele. Trotzdem – und obwohl ich meistens zuhause war – hatte ich viel Spaß beim Schauen der Spiele und dem Analysieren der Mannschaften. Zum ersten Mal allerdings in der nun 23-jährigen Geschichte meines Fan-Daseins bestimmten für mich die Medien, die Netzwelt und vor allem auch die übertragenden TV-Sender die EM mehr als die Mannschaften. Das ist einerseits faszinierend, andererseits traurig.

Die klassischen Medien machten dabei grundsätzlich fast alles falsch, was man falsch machen kann. Nervige Fragen in Interviews oder Pressekonferenzen, schlechte Kommentare, fehlendes Wissen in taktischen Belangen und oftmals eine derart unglaubliche Häufung von Fehlern, dass man nicht richtig wusste, ob es Satire ist oder nicht. Die Krone des Irrsinns waren die Kommentatoren (wo ich mich nicht entscheiden kann, ob der Preis für den gröbsten Unfug an Steffen Simon oder an Bela Rethy geht) der Öffentlich-Rechtlichen und das ZDF mit ihrem Usedom-Strand-Geplänkel, verziert mit ihrer grenzdebil grinsenden KMH. Das hatte etwas von öffentlichem Theater und Realsatire. (Schön, dass meine Twitter-Timeline solche Situationen süffisant kommentiert und so weitaus unterhaltsamer ist, als die millionenteuren Fernsehstudios.)

Merkwürdig ist dies vor allem deshalb, weil es seit gefühlten Ewigkeiten im Netz großartige Fußball-begleitende Texte gibt, und es eine Wonne ist, diese Blogs zu lesen, mit all ihren treffenden Beobachtungen, phantastischen Analysen und nachdenkenswerten Kommentaren. Der Aufsteiger der letzten Saison im Taktik-Bereich gab sich auch während der Euro keine Blöße und lieferte erstaunlich vielseitige Taktik-Analysen, Spielberichte oder gar Retro-Betrachtungen. Danke an die Spielverlagerung, ich hab durch Euch den Glauben an fußball-orientierten Journalismus wiedergewonnen. Auch abseits der Taktik-Tafel gab es im Netz soviele gute Meinungen, dass ich mit dem Lesen kaum hinterher gekommen bin, aber hervorgehoben soll zum einen @freval sein, der wunderbar pointiert diese EM kommentierte und mir dabei oftmals aus der Seele sprach, ohne dass ich dies jemals so formulieren könnte: „Cassano, der gerüchtehalber bereits von einer Stubenfliege im Schach besiegt worden ist, vernaschte Traumtänzer Hummels, um dann mit einer Runde “Kennen Sie Balotelli” zu seinem Wingman überzuleiten.“ Und zum anderen Heinz Kamke, der in liebenswerten Rückblenden die EM aus der Sicht seines kleinen Sohnes erzählt. „Am nächsten Morgen erzählte er mir dann noch eine Story vom Pferd. Der drittplatzierte einer europäischen Fußballspieler-Auszeichnung aus dem vorangegangenen Jahrtausend (“Ballon d’Or 1999″), Andrij Schewtschenko, habe die Ukraine im Juni 2012 zum Sieg über Schweden (jenes Land also, aus dem das bekannte “Was für ein Land, in dem Zlatan noch Zlatan heißt” stammt) geführt, noch dazu mit zwei Kopfballtoren. Klar.“

Auch viele andere Fußballblogger haben mit ihrer objektiven, kritischen Berichterstattung dazu beigetragen, dass die klassischen Medien für mich nicht mehr einen Hingucker wert sind. (An Kritik an den deutschen Fans sei vor allem der Beitrag von LizasWelt empfohlen, „Hurra, Patriotismus!„). Von der Berichterstattung Hetze der BILD ganz zu schweigen, doch davon soll hier nicht lange die Rede sein, darüber haben sich zum Beispiel Lukas Heinser („Da arbeitet eine ganze Redaktion an Schlagzeilen, die all dem entgegenstehen, was sie selbst wenige Tage zuvor erarbeitet hat. Ein menschliches Gehirn müsste eigentlich implodieren, wenn sich sein Besitzer derart selbst widerspricht.“) oder auch Stefan Niggemeier („Ich schätze, es ist auch Ausdruck eines Selbsthasses, der durch die nicht mehr auflösbare Vieldeutigkeit des Begriffes »wir« dramatisch verschärft wird. Wenn »Bild« in diesen Zeiten »wir« schreibt, kann das »Bild«, »die Deutschen« oder »die deutsche Nationalmannschaft« meinen.„) schon hervorragende Gedanken gemacht. – Alle Schlagzeilen dazu im Bildblog.

Lassen wir den hämischen Blick auf die Medien und kommen noch einmal zum wichtigsten, zur schönsten Nebensache der Welt. Fußballerisch mag es langweilig gewesen sein, wie 11Freunde gewohnt lässig polarisiert, aber mich haben schon einige Dinge begeistert:

Die Pässe und Bewegungen von Iniesta erinnerten mich oftmals an die legendäre japanische Comic-Serie „Kickers“. Christiano Ronaldo mag mit Spott und Häme überschüttet werden, es gibt aber kaum etwas daran zu rütteln mit welcher Klasse er spielte, vor allem gegen Dänemark und Tschechien. Der alte Mann Shevchenko konnte noch einmal zeigen, was ihn früher so unwiderstehlich machte. Die Entschlossenheit von den alten Italienern Buffon und Pirlo, die beide überragend spielten. Die Abgeklärtheit und Fehlerlosigkeit von Badstuber. Der neue Chef im deutschen Spiel, Sami Khedira. Das Laufwunder Gebre Selassie auf der rechten Abwehrseite (wenn er nur 3/4 davon zu Werder rettet…). Sein Gegenpart auf links, mit großartigen Vorstößen hinter Ronaldo, Fabio Coentrao. Auch die ukrainischen und polnischen Fans in den Stadien, welche für eine tolle Atmosphäre sogar am TV sorgten.  Natürlich die irischen Fans, die für mich persönlich den einzigen Gänsehaut-Moment dieser EM schafften, als sie  ihr „fields of athenry“ singen, und Tom Bartels (!) 5 Minuten andächtig seinen Mund hält (Vielleicht DER Moment, den man noch Jahre im Kopf haben wird.) Das Bild der EM, und deshalb ist es oben eingebettet, ist natürlich Balotellis Jubelpose, die bereits stunden später zum Mem geworden war. (Dieses Bild zeigt auch so schön die Verzweifelung von Philipp Lahm, und damit ist es – leider – auch das Bild des verdienten Ausscheidens der deutschen Mannschaft.)

Meine Mannschaft der EM 2012 sieht folgendermaßen aus (in Klammern die Ersatzbank):

Buffon (Neuer) – Gebre Selassie, Pepe, Badstuber, Coentrao (Papadoupolos, Alba, Hummels, Ramos) – Pirlo, Khedira (Veloso, Busquets) – Ronaldo, Iniesta, Modric (Silva, Nani, Reus) – Bendtner (Mandzukic, Dzagoev).

Spanien ist – erneut – verdienter Sieger. Alles andere ist populistischer Blödsinn. Ich freue mich zumindest jetzt schon wieder auf die Bundesliga – ruhiger, nicht so beliebig, nicht solche Massen, und mit definitiv mehr Überraschungen. Auf gehts, ihr Blogger da draußen. Danke Euch für tolle Unterhaltung während der letzten 3 Wochen.

Netzkultur-Tipp 3: Aktion Libero

November 17, 2011 1 Kommentar

Jeden Tag werde ich mit tausenden Links und Artikeln bombadiert, hauptsächlich sind dies aber die immer gleichen „Leitmedien“ und sowieso schon bekannten Blogs. Daher habe ich mich entschlossen, hier öfter mal kleine Projekte und Blogs im Internet vorzustellen, welche mehr Besucher verdient haben. Für Euch als Tipp, aber auch für mich als Erinnerung. Denn Netzkultur ist lebendig, besonders in diesen kleinen, unbekannten Formaten. Teil 3 heute mit einer tollen, groß angelegten Aktion der deutschen Sportblogger, der „Aktion Libero“.

Immer noch – trotz vielfacher andersartiger Äußerungen u.a. von Herrn Zwanziger – spielt offene Homophobie im Fußball eine große Rolle. In den letzten Wochen wurde dies wieder besonders deutlich, als Arne Friedrich sich öffentlich vom „schwul sein“ distanzierte. Auch Ende 2011 scheint es keine Chance für homosexuelle Fußballer zu geben, damit „normal“ zu leben. Es bleiben Vorurteile, tiefgreifende Ressentiments und grundlegende Ablehnung. Was kann man überhaupt dagegen tun? Nun, zumindest klare Meinungen präsentieren und dabei eine positive Haltung zeigen. Genau dies versucht nun die begrüßenswerte Aktion Libero. Sie möchte sich gegen das intolerante Klima in Deutschland stellen, dieses sensibilisieren und gibt ein deutliches Statement dazu ab:

„Ein Spiel dauert neunzig Minuten. Zumindest im besten Fall, für schwule Profifußballer dauert das Versteckspiel ein Leben lang: Keiner wagt es, seine Homosexualität offen zu leben. So schön Fußball auch ist – Ressentiments halten sich in seinem Umfeld hartnäckig.

Ein unerträglicher Zustand! Ob jemand schwul  ist, oder rund, oder grün, das darf keine Rolle spielen. Wir alle sollten ein bisschen besser aufpassen – auf unsere Worte, unser Denken, unsere Taten: Die Freiheit jedes Einzelnen ist immer auch die eigene Freiheit.

Wir schreiben in unseren Blogs über Sport, und unsere Haltung ist eindeutig:
Wir sind gegen Homophobie. Auch im Fußball.“

Nun, ich schreibe hier nie selten über Sport oder meinen geliebten Fußball, aber so ist dieser kaum aus unserem kulturellen Leben wegzudenken (zumindest meinem!), und so kann ich mich der Aktion meiner sportlich bloggenden Kollegen nur zu 100% anschließen. Auch ohne Sportblogger zu sein: Gegen Homophobie. Und dies sollte man vielleicht auch öfter mal sagen. „Libero“ regt zum Nachdenken an, und zu einem bewußteren Umgang. Für diesen Anstoß bin ich der Aktion Libero selbst dankbar. Seit Mittwoch morgen ist die Aktion – nach wochenlanger Geheimniskrämerei – gestartet und seitdem gibt es schon unglaublich viele teilnehmende Sportblogs (manchen dieser Blogs habe ich erst durch diese Aktion kennengelernt!). Unterstützung erfährt das Projekt durch einige Prominente wie z.B. Thees Uhlmann oder Maria Furtwängler.

Viele der Blogger haben sich auch noch neben dem Statement um individuelle Texte bemüht, darunter finden sich viele interessante Gedanken, schöne Worte und gute Interviews, wie hier bei SPOX (wie wichtig das Thema ist, zeigen auch genau die Kommentare unter jenem Interview). @heinzkamke fragt: „Ist das alles?“ und schreibt: „Ich brauche übrigens auch kein anonymes Interview mit einem schwulen oder auch, dann eher nicht anonym, nicht schwulen Fußballspieler, der die möglichen Folgen eines Outings skizziert, um zu wissen, dass da noch verdammt viel im Argen liegt…“. Dem Münchner @Stadtneurotiker ist „das ja egal“  und @freitagsspiel formuliert schön: „Gemein­sam mit Ande­ren zu leben als jemand, der man nicht ist; unter Ande­ren zu sein und gleich­zei­tig auf ele­men­tare Weise alleine zu blei­ben: Eine grö­ßere Ein­sam­keit kann ich mir kaum vor­stel­len. Das fällt mir ein, wenn ich an schwule Pro­fi­fuß­bal­ler denke.“ Auch @LizasWelt hat wieder spannende Ansichten. Ebenso lesenswert: Der Kommentar von @dogfood zur Aktion und der derzeitigen Situation in der NHL.

Die Zeit scheint reif zu sein. Lasst uns eine offene, tolerante Gesellschaft schaffen. Das Netz kann dies schaffen. Ach ja, für Neuigkeiten folgt @AktionLibero.

Noch ein Veranstaltungstipp, an dem ich leider nicht teilnehmen kann: Aktuell ist im Mainzer Bruchwegstadion die Ausstellung „Tatort Stadion“, in der es um Diskriminierung unter Fußball-Fans geht. Und genau heute (!) abend ist eine Diskussionsrunde zum Thema Homophobie.

Abschied vom Mainzer Bruchweg

Mai 16, 2011 1 Kommentar

Mit ordentlich dicken Backen hab ich mich Samstag etwas zum Bruchweg gequält, starke Schmerzen mit an Bord. Aber das letzte Spiel der NullFünfer im legendären Bruchweg-Stadion wollte ich dann doch nicht verpassen. Einige Impressionen eines denkwürdigen Nachmittages.


Nach 74 Jahren im Bruchwegstadion betritt Mainz 05 neue Wege: Ab der neuen Saison gehts in die Coface-Arena vor den Toren der Stadt. Klar, dass man vor allem nach dieser grandiosen Saison einen gebührenden Abschied im Bruchweg feierte. Vor dem Spiel gegen St. Pauli gab es einen Fanmarsch vom Schillerplatz zum Bruchweg, nach dem Spiel wurde am Theaterplatz in bekannter Mainz-Manier gefeiert und entsprechende Abgänge verabschiedet. Das Highlight ganz sicher aber war die lange vorbereitete, aufwendige Choreo, das sah richtig schön aus und sorgte für tolle Momente (wie man im folgenden Video gut sehen kann, Video ist nicht von mir. Ab Minute 2 gehts richtig los 😉 )

Das Spiel geriet vor dem Hintergrund schnell in Vergessenheit, auch weil sich beide Mannschaften nicht unbedingt mit tollem Fussball schmückten. Die 05er gewannen schließlich 2:1, und so konnte auch mit gutem Gewissen gefeiert werden. Ein besonderer Lob und Respekt an den Anhang von Pauli: Über 90 Minuten tollen, lauten Support und nach dem Spiel langes Mitfeiern – erstligareif, und weit mehr als das. Könnten sich andere Vereine mal eine Scheibe abschneiden. Das wurde auch honoriert, das ganze Stadion rief „Sankt Pauli“, und die Pauli-Fans bedankten sich schließlich auf ihre Weise, in dem sie eine Welle mit der Mainzer Mannschaft anstimmte. Großartige Fussballatmosphäre, und ein mehr als würdiger Abschluss für dieses tolle Stadion.

Ich verneige mich vor dem Bruchweg, danke für viele wunderschöne Momente und sage leise bye bye. You’ll never walk alone.

Robert Enke – Ein allzu kurzes Leben (Ronald Reng, 2010)

Februar 16, 2011 Hinterlasse einen Kommentar

Weil ich gerade aus Enkes Lieblingsstadt Lissabon komme, und seit gestern die Championsleague wieder läuft, passt das heute ganz gut: Eine kleine Rezension zu Ronald Rengs Robert Enke-Biographie. Entstanden ist ein faszinierendes, erschütterndes Porträt über einen der besten, sympatischsten Fussballer, dem leider ein zu kurzes Leben vergönnt war.

Photoeinband der gebundenen Ausgabe (Piper-Verlag, 2010)

„Der Tod eines depressiven Menschen ist niemals eine freie Entscheidung. Die Krankheit verengt die Wahrnehmung so sehr, dass der Leidende nicht mehr versteht, was es heißt zu sterben. Er glaubt es hieße nur, die Krankheit loszuwerden.“ (Seite 423)

Am 10. November 2009 begeht Robert Enke Selbstmord. Ich weiß heute noch genau, wie sehr mich dies damals erschütterte. Noch mehr als mich ergriff es Teile der Medien: Eine unglaubliche Hysterie breitete sich aus (weit über Deutschland hinaus), erst Recht nachdem Teresa Enke am nächsten Tag bekannt gab, dass Robert unter Depressionen litt – selbst unter Nicht-Fussball-Fans. Enke war einer dieser Typen, denen dies keiner zutraute. Zum Zeitpunkt seines Todes war er deutscher Nationaltorhüter, als Nummer 1 gesetzt für die WM 2010. In Hannover Kapitän und unersetzbarer Führungsspieler. Ich war immer ein stiller Fan von Robert Enke, der mit seiner ruhigen, besonnenen Art einen gewissen Gegenpol zu Torhütern wie Kahn, Lehmann oder Wiese darstellte. Über diese konnte ich mich zwar immer wieder herrlich amüsieren, aber Enke mit seinen teils unglaublichen Reflexen und seiner sympatischen Art vor der Kamera war mein Favorit. Umso schlimmer die Nachricht seines Todes, umso furchtbarer, als schließlich nach und nach seine Krankheit bekannt wurde.

Ronald Reng, Sportjournalist und Fussballreporter, wurde während Roberts Zeit in Barcelona zu dessen Freund. Schon damals hatten beide zusammen vor, nach Enkes Karriere eine Biographie zusammen zu verfassen. Reng machte dies nun ohne Enke, dafür mit dessen Tagebüchern, und mit großer Hilfe von Enkes Familie, besten Freunden, Kollegen, Trainern und Therapeuten. Auf knapp über 400 Seiten schildert er das Leben von Robert Enke, das irre Auf und Ab eines Spitzensportlers (gerade bei Enke mit vielen Höhen und noch mehr Tiefen), die depressiven Phasen, aber auch die glücklichen Momente im Leben der Enkes (zum Beispiel die Geburt seiner Tochter). Man merkt schnell, wie gut es auch den Angehörigen tat, über alles frei sprechen zu können. Auch Reng merkt man an, dass er hier nicht wegen einem Honorar schrieb, sondern weil er einen tollen Menschen, einen Freund verloren hat. Das macht die Biographie oft sehr persönlich, oftmals sehr erschütternd.

Von den Anfangstagen in Jena, über die große Zeit in seiner Lieblingsstadt Lissabon, von der ersten schlimmen Depression nach der Zeit beim großen FC Barcelona und anschließend in Istanbul, bis hin zu den Jahren in Hannover und als Nationalspieler. Reng beschreibt dies alles wunderbar einfühlsam: sehr detailliert gibt er Enkes Gefühle, spannende Momente und möglichst exakt die Phasen der Depressionen wieder – immer wieder angereichert durch Enkes eigene Tagebücher-Einträge. Beim Lesen versteht man nach und nach immer mehr den Druck, dem Enke gegenüber stand. Man versucht zu verstehen, man versucht zu begreifen. Die Frage nach dem „Warum?“ kann natürlich nicht völlig beantwortet werden, und Reng gibt sein Möglichstes, die Familie und auch Teresa Enke aus dem Schussfeld zu nehmen: Sie mussten über viele Jahre Unerträgliches ertragen, und still hinnehmen. Die Schilderungen der „schlimmen“ Momente sind schockierend – man lernt aber unglaublich viel über Depressionen, versteht mit jeder Zeile mehr über die tiefgehende Thematik. Das Buch macht betroffen, und ermuntert gleichzeitig Menschen wie Enke nicht zu vergessen, es macht fassungslos, erweitert aber gleichzeitig den Horizont des Profifussballs um die persönliche Note und die Gefühle eines Fussball-Helden.

Ein tolles Buch über einen tollen Menschen. Absolute Lese-Empfehlung, für Fussball-Fanatiker und Fussballmuffel gleichermaßen geeignet.

 

Die WM ist tot, es lebe die WM!

Juli 12, 2010 6 Kommentare

Das war sie also, die erste FIFA-Weltmeisterschaft auf afrikanischem Boden. 4 Wochen, 64 Spiele und Fussball bis zum Abwinken. Fussball wohin man schaute – und das nicht etwa in Südafrika, sondern in Deutschland. Egal ob Supermarkt oder Stammtisch, die WM war omnipräsent. Nach dem großen Finale mit dem insgesamt wohl verdienten Weltmeister Spanien ein großes Fazit von mir zu dieser außergewöhnlichen Veranstaltung.

König Fussball und sein Phänomen als Strassenfeger. (Aufgenommen in Barcelona, Vorrunde.)

König Fussball und sein Phänomen als Strassenfeger. (Barcelona, Vorrunde.)

Ich werde wohl nur begrenzt auf einzelne Spiele eingehen, dafür fehlt Zeit und Platz. Außerdem haben dies andere Blogs ganz vortrefflich getan, dazu später mehr.

Die Fussball-WM ist das größte Sportereignis der Welt, und das merkt man allen Enden: Ob im Radio, im Fernsehen, in der Zeitung, in den Onlinemedien, den sozialen Netzwerken oder auf der Straße, nirgendwo war man vor der WM sicher. Das mögen manche hassen, für mich als Fussball-Fan ist es in erster Linie erstmal reizvoll. Darüber hinaus kann es aber auch für die größten Fans zur Belastungsprobe kommen, wenn auf einmal jeder der Meinung ist „Fussball ist toll“. Das birgt Schwierigkeiten, macht aber letztlich eine WM auch aus. Dazu weiter unten mehr. Desweiteren soll es um die Darstellung der Medien, gerade der übertragenden TV-Sender mit ihren Moderatoren-Pärchen, gehen. Und schließlich natürlich auch darum, was mir ganz persönlich gut gefallen hat – und was eher weniger.

Die deutschen Fans, die Bundestrainer und das Public Viewing

Aus irgendeinem Grund schaut während einer Weltmeisterschaft jeder hin. Nein, nicht bei einer Weltmeisterschaft, sondern bei der Fusball-WM. Wenn Eishockey oder Handball gespielt wird, ist das eine Randnotiz, Fussball dagegen füllt die Auflagen und dient als Aufmacher. Dabei steht das Event im Vordergrund. In Deutschland haben vor allem das „Sommermärchen 2006“ und die beginnenden Public Viewings ihr Übrigens dazu getan, das Produkt WM mit seinem Eventcharakter dem Fussball vorzuziehen. Dabei wird vor allem das Public Viewing zum Inbegriff der deutschen Feierkultur: Trikot, Bier und Schlachtgesänge – und obendrauf der Autokorso. Apropos Autokorso: Was bitte soll ein Autokorso nach einem Auftaktsieg gegen Australien(!) ? Und ganz im Ernst, liebe autofahrende Fans: Erklärt mir Sinn und Zweck dieses Chaos-Feierns. Nach einem Sieg im Finale? Geschenkt – dann wäre ich vielleicht selbst dabei, aber bitte lasst solche Kindereien doch nach Vorrundenspielen. (Lustigerweise sitzen beim Autokorso vor allem die Menschen am Steuer, die sich sonst 365 Tage im Jahr über zu hohe Spritpreise und ein unmögliches Deutschland aufregen….). Überhaupt der deutsche Fan: Vor der WM ist alles schlecht, weil Löw so ein „schlechter Trainer“ ist, nach dem Australien-Sieg ist man sofort Weltmeister, nach dem „superschlechten Serbienspiel“ ist wieder alles schlecht, nach dem glorreichen Sieg über Argentinien ist man „auf Jahre unschlagbar“, und nach der Halbfinalniederlage lag wieder alles am Trainer und am Ende der WM sieht man sich als „wirklicher Sieger“, da das Finale ja so ein „Grottenkick“ war. Das ist absurd bis lustig, traurig bis wissenschaftlich interessant. Natürlich ist auch jeder Deutsche (fast jeder, meinen Papa gibts ja auch noch 😉 ) während der 4 Wochen Bundestrainer, und jedes Forum zwischen Kicker, Spox, transfermarkt und SpOn wird zugespammt, was das Zeug hält. Das ist alles so irre, das selbst „Journalisten“ irgendwann auf diesen Zug aufspringen, und meinen sie würden ja grundsätzlich alles besser wissen. Man könnte noch eine Menge Böses über Event-Fans schreiben, aber ich bin dessen müßig, die Diskussion um Event- und/oder „richtige“ Fans ist leider unmöglich – und auch unnötig. Denn es ist ja auch wundervoll (!), dass sich soviele Menschen für diesen Sport interessieren und mitfiebern, das macht die WM ja letztlich auch so großartig. Aber warum jemand, der Fussball im Allgemeinen nicht mag, über Fussball-Abende nur lächelt und weinende Fans als Weicheier betitelt, auf einmal alle 4 Jahre zum übergroßen Fan mit 25 verschiedenen Utensilien in schwarz-rot-gold wird, bleibt mir für alle Ewigkeiten ein Rästel.

Public Viewing in Mainz, Vorrundenspiel.

Ich hab bei dieser WM nach zuviel Aufregung, übergeschüttetem Bier und geballter Inkompetenz beim ersten Spiel der deutschen Elf („Wer ist denn dieser Ozil da auf dem Feld?“, „Dieser Friedrich, hat der vorher schonmal für Deutschland gespielt?“…) die deutschen Spiele immer im kleinen Kreise mit ausgewählten Fussballfreunden geschaut. Essen und kühles Bier dazu, Diskussionen und gemeinsame Analysen. Es fühlte sich gut an. Das war WM-Feeling zum Anfassen, auch bei anderen Partien außerhalb der deutschen Nationalmannschaft. (Ja, diese Spiele gab es nämlich auch.)

Die Übertragung bei ARD, ZDF und RTL

Wir haben hier ja das große Glück (?) – dank GEZ *hrhr – alle Spiele live schauen zu können (natürlich außer die parallel stattfindenden Partien). 64 Spiele á 90 Minuten plus Nachspielzeiten, Verlängerungen, Elfmeterschiessen und natürlich tausende Minuten an Vorberichten, Dokumentationen und Interviews. Der geballte Fussball-Wahnsinn im Fernsehen. Und auch ich muss sagen: Mein TV lief soviel wie sonst in einem ganzen Jahr. Insgesamt kann man wohlwollend auf die TV-Sender und ihre Arbeit zurückblicken, da waren schon viele gute Stunden Fernsehen dabei. Leider gibts bei viel Licht auch viel Schatten, und so waren es vor allem Moderatoren, Kommentatoren und Reporter, die mir mit ihrer Schusseligkeit, ihrer Inkompentenz oder ihrer Aufdringlichkeit ziemlich auf den Sack gingen überhaupt nicht gefielen. Reporter gehören für Fragen wie „Wie fühlen Sie sich?“ oder erst Recht für „Wie groß ist die Enttäuschung?“ eigentlich gefeuert. Was soll ein Spieler dazu auch sagen? Vielleicht könnte er ja die Arme ausstrecken und anzeigen wie groß. „So groß!“ (Dazu auch mehr beim Trainer Baade). Oder ein Kommentator, der ständig Spieler verwechselt, Schlüsselszenen falsch interpretiert und schließlich auch schonmal komplette Spiele so kommentiert, dass ich denke, ich würde ein anderes Spiel sehen. Favorit für den Posten „dämlichster WM-Kommentator“ ist: Béla Rethy. Unglaublich! Apropos ZDF: Diese verlieren auch meine kleine Tabelle der Moderatoren-Pärchen:

Reinhold und Mehmet

1. Reinhold Beckmann und Mehmet Scholl: Beckmann ist zwar mehr oder weniger nervig und will immer alles selbst sagen, dafür hat er mit Scholl den kritischsten und gleichzeitig  vor allem sympatischsten „Experten“. Mehmet machte seine Sache wieder richtig gut, daher hier der verdiente 1. Platz.

2. Gerhard Delling und Günther Netzer: Durften noch einmal gemeinsam ran nach 13 Jahren Streiten, Mobben und Dissen. Ist im Grunde genommen so köstlich, dass man über jede Menge Belangloses und Langweiliges hinwegsieht.

3. Günther Jauch und Jürgen Klopp: Ich hätte mir hier mehr erwartet; letztlich zuviel Geplänkel, zuviel Klopp, zuviel Technikeinsatz, abstruse Tipps und einfach irgendwie zuviel von Allem. Schade. Nur Platz 3, weil ein Team nur letzter werden konnte.

4. Kathrin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn: Nicht der Reichsparteitag ist hier ausschlaggebend, sondern die unglaubliche Inkompetenz der KMH. Dazu ihre fast schon sexistischen schmachtenden Blicke auf den „Ein Oliver Kahn hätte den gehalten“ – Titan, und zudem mir viel zu wenig Kritik von Seiten der alten Nummer 1. Ganz, ganz schwach leider. – trotz „der Überhand“. 😉

Letztlich hat die ARD wohl alles richtig gemacht, dort konnte man grundsätzlich am besten Fussball schauen, auch wenn mein Lieblingskommentator Oliver Schmitt für das ZDF arbeitet.

Die Online-Berichterstattung zur WM. Blogs, Twitter und co

2010 in Südafrika wird für mich auch als die WM in Erinnerung bleiben, bei der ich zum ersten Mal – fast – ausschließlich Onlinemedien zu den Spielen verfolgte. Und damit meine ich keinesfalls klassische große Medien wie SPIEGEL oder BILD, sondern zahlreiche kleine Blogs, einige kleinere Fussballseiten, natürlich Twitter und nicht zuletzt auch Facebook.  (Allein SPOX unterhielt mit seinen Tweets noch das langweiligste Spiel, die ZEIT widmete der WM gleich eine ganze Seite mit sogenannten WM-Tweets, welche fast alle lesenswert waren.)

Vor allem aber machte es Spaß in kleine oder größere Blogs reinzuschauen, sie über den Reader zu verfolgen und ihne Taktiken und Analysen zu lesen. Die dortigen Analysen waren meist besser, aber vor allem persönlicher als KICKER und co. Meine Lieblingsblogs zur WM 2010 in Südafrika:

1. Der Fussballist: Roland Eitel war als PR-Berater von Löw 5 Wochen mit in Südafrika. Kein anderer Blog war näher dran an der deutschen Nationalmannschaft, keine anderen Texte persönlicher, emotionaler und interessanter. DER Blog zur WM, Danke dafür.

2. Das Werder-Fussball-Blog: „Wir brauchen niemanden, der uns den Fußball bunt macht. Was auf dem Platz passiert, ist interessant genug.“ (Hans Meyer) – Und darum gehts in diesem Blog, sowohl bei Werder als auch nun während der WM. Ganz hervorragende Taktikanalysen!

3. Mission 11. Juli:  Rhetrorisch feine Teste von einem Iraner. Tolle Perspektive von Amir Kassei.

4. Meine Saison: Analyse der Deutschland-Spiele und noch viel mehr. Empfehlenswert!

Platz 5 teilen sich die Kontextschmiede und ihre hervorragenden Taktikanalysen sowie die Spielminutenstatistiken bei Kunkello.

Meine ganz persönliche WM. Fan-Freuden, Fan-Fehler, Fan-Highlights aus hulza-Sicht

Auch ein hulza kann irren 😉 Nein, im Ernst, ich lag mit mindestens 2 Personalien vor dieser WM total daneben und müsste mich eigentlich entschuldigen.

1. Miroslav Klose. Ich hatte ihn immer für einen überragenden Stoßstürmer gehalten, selbst noch als er bei den Bayern auf der Bank saß. Aber mit den letzten Spielen der Saison und der Vorbereitung der deutschen Elf incl. Kloses hängender Schultern hatte ich alle Hoffnung aufgegeben: Klose war für mich nur noch dritte Wahl. Das er nun wieder alles zeigte, was ihn so stark macht (Zweikampfverhalten, Schnelligkeit, Aggresivität, Laufwege, Spritzigkeit, Übersicht), habe ich nicht erwartet, und freut mich daher umso mehr. Chapeau Herr Klose, das war weltmeisterlich!

2. Joachim Löw. Ein großer Löw-Kritiker war ich nie, ich achtete ihn immer als großen Taktiker, aber mit der seltsamen Kadernominierung kam ich irgendwie nicht zurecht. Frings zuhause lassen, obwohl Ballack und Träsch und Rolfes ausfielen? Wo war da das viel besagte „Leistungsprinzip“? Warum musste ein Hummels zuhause bleiben, während ein Müller mit durfte? Und erst Friedrich? Wieso, warum? Es gab viele Fragen an den Bundestrainer – und auch ich war einer der Millionen heimlichen Trainer, die es sowieso besser wissen. Löw hat es allen gezeigt. Löw hat richtig gehandelt – und nie mehr werde ich bei Kaderberufungen irgendwelche kritischen Töne von mir geben. Löw hat als Trainer alles richtig gemacht. Dafür bekommt er von mir meinen größten Respekt.

Wie die deutsche Mannschaft Fussball spielte, ja interpretierte, war eindrucksvoll und hat die ganze Welt begeistert – das hat nun vermutlich sogar der größte Fussballmuffel mitbekommen. Weitere Kommentare erübrigen sich im Grunde genommen, aber vier Spieler möchte ich dennoch kurz herausheben:

Bastian Schweinsteiger. Herz und Seele, und der eigentliche Kapitän. Der Leader (obwohl ihn andere erst 2014 sehen). Es war eine einzige Freude „Schweini“ zuzuschauen: Einsatzbereitschaft bis zum Äußersten, Kampfeswille – und nur sehr wenige Fehler. (Ein großer leider im Spiel um Platz 3, vielleicht kostete ihn das ein Podiumsplatz bei der Vergabe des goldenen Balls.)

Mesut Özil. Für mich eher enttäuschend als genial. Das möchte ich kurz erklären: Natürlich spielte Özil zum Teil überragend, das ist auch weltweit gesehen große Klasse. Aber: Das kenne ich auch so schon aus Bremen. Was mir noch fehlt: Der Einsatz, der unbedingte Wille, den ich bei Schweinsteiger z.B. so liebe, und natürlich der Instinkt vor dem Tor (Letztlich 6 Großchancen vergeben.) Daher war seine Nominierung für die Top 10 der WM für mich eher überraschend, dennoch stimmt natürlich alles, was über ihn gesagt wird: Geniales Passverhalten, großartige Annahmen und Laufwege. Er kann ein Großer werden. Man wird es sehen.

Arne Friedrich. Überragend. Der UNTERschätzteste Spieler der deutschen Mannschaft. Großartiges Zweikampfverhalten. Spielte das Turnier seines Lebens.

Lukas Podolski. Der ÜBERschätzteste Spieler der deutschen Mannschaft. Sogar der Langzeitverletzte Jansen war im Spiel um Platz 3 besser als Podolski in allen anderen Spielen. Selten laufbereit, wenig Übersicht und mangelnde Torausbeute. Fast so schlecht wie in Köln.

Ghanaer beim Vorrundensieg (Mainz, 1. Spiel von Ghana)

Das Schönste bei einer WM-Endrunde sind letztlich aber vor allem Emotionen. Ob das nun jubelnde Ghanaer wie hier am Mainzer Rheinstrand sind, tausende Deutschlandfans unter schwarz-rot-goldenen Flaggen, traurige Südafrikaner nach ihrem Ausscheiden, verrückte Niederländer in orange, die Tränen oder  auch die großen Augen der Balljungen beim Einlaufen ins Stadion. Wunderbar! All das ist Fussball, all das zeichnet die WM aus. Ich liebe es ein Vorrundenspiel zwischen vermeintlichen uninteressanten zweitklassigen Mannschaften irgendwo öffentlich zu schauen, alleine der Reaktionen der Menschen aus diesen Ländern wegen. Beeindruckend, welche Kraft der Fussball hat. Das ist schön, und im Grunde genommen ist es das, was die WM ausmacht.

Und Emotionen gab es viele, in dieser Hinsicht war es meiner Meinung nach eine perfekte WM. Tolle deutsche Spiele, aber auch interessante, andere Begegnungen mit ganz verschiedenen Highlights. Meine persönlichen:

  • 121. Minute Uruquay vs. Ghana und die Hand Gottes des Stürmers (!) Suarez. Gyan verschiesst. Elfmeterschiessen, und Ghana scheidet aus. Was eine Dramatik.
  • Achtelfinale Deutschland vs. England, Lampard schiesst – Wembley reloaded. Mit diesem tollen Photo.  Dramatische Minuten, Deutschland gewinnt am Ende verdient 4:1.
  • Paraquay vs. Spanien, das Viertelfinale. Drei Elfmeter, ein Treffer, kein Tor. Die vielleicht kurioseste Minute dieser Weltmeisterschaft.
  • Argentinien vs. Mexiko. Im Achtelfinale schiesst Tèvez das 1:0 für die Gauchos – anschließend sehen die Mexikaner auf der Videoleinwand, dass es klares Abseits war. Machte die schlecten Schiedsrichterleistungen mehr als deutlich und löste neue Debatte um Videobeweise aus.
  • Die „gekauften“ chinesischen Fans der Nordkoreanischen Mannschaft. Legendär.
  • Thomas Müller mit seiner bestern Szene: „Darf ich jemanden grüßen?“ – Die Omas und der Opa werden sich gefreut haben. Ganz stark!

Und vermutlich noch viele weitere Szenen. Die WM hat viel Spaß gehabt, aber jetzt darf sie auch gerne ruhen. Ich freue mich umso mehr schon wieder auf die Bundesliga, mit echten Fans auch gegen die grauen Mäuse mitfiebern, und alles in sich aufsaugen. Und wenn dann wieder Championsleague ist, wird auch wieder weltklasse Fussball gespielt 😉

Wir sehen uns in 4 Jahren in Brasilien. Die WM ist tot! Es lebe die WM!

PS: Spanien ist verdienter Weltmeister 2010.

PS2: Die besten, eindruckvollsten Bilder zum Worldcup gibts – wie fast immer – bei Big Picture: Teil 1 und Teil 2. Unbedingt schauen!

Der Traum ist ausgeträumt

Juli 8, 2010 3 Kommentare

Aus der Traum vom WM-Finale. Aus der Traum vom Traumfinale gegen die Niederländer. Mit 0:1 verliert die deutsche Nationalmannschaft ihr Halbfinale gegen Spanien. Gesehen hat man ein würdiges WM-Halbfinale mit einem würdigen Sieger – und einer denkwürdigen deutschen Mannschaft als klarer Verlierer.


Zeitsprung zurück zum ersten Deutschlandspiel. Ich werde vom SWR interviewt, und gefragt wie weit Deutschland denn bei dieser WM komme. Das ist sowieso schon eine schwierige Frage, weil spätestens mit den K.O.-Runden alles möglich ist – für jede Manschaft. Aber ich entscheide mich für das Viertelfinale. Gegenfrage: „Warum nicht weiter?“. Meine Antwort: „Weil ich glaube, dass die Mannschaft dafür insgesamt noch etwas zu unerfahren und ängstlich ist. Da sind uns Mannschaften wie Spanien einfach voraus.“

Einige Wochen später – nachdem Deutschland die halbe Welt mit tollem, überragendem Fussball verzückt hat – trifft Deutschland also auf Spanien. Und ganz anders als noch zum Zeitpunkt des Interviews, bin ich optimistisch. „Das ist schaffbar“, denke ich.  „Auch gegen die beste Nationalmannschaft der Welt kann man in dieser Form bestehen. Natürlich kommt es auf vieles an; erstmal schauen, wie Spanien sich auf unser Spiel einstellt.“

So hätte es in der taktischen Aufstellung kommen können:

Torres als zentrale Spitze, etwas versetzt dahinter Villa. Xavi und Iniesta im zentralen Mittelfeld, dahinter Alonso und Busquets. Ein klassisches 4-2-2-2-System. Dazu bei uns Kroos auf der rechten Seite, der mit seiner Ballsicherheit  (und Schusstechnik) die Spanier sicher vor Schwierigkeiten gestellt hätte. Löw und del Bosques entscheiden sich aber ganz anders – zugunsten der spanischen Mannschaft:

Löw nimmt einen seiner Lieblinge herein: Trochowski. Dieser schafft es über 60 Minuten nicht, Capdevilla in ernsthafte Zweikämpfe und damit verbundene Schwierigkeiten zu bringen. Die wesentlich wichtigere Umstellung aus taktischer Sicht aber bei den Spaniern: Der glücklose Torres muss auf die Bank, Villa rückt in die Spitze, und auf die linke Außenbahn rückt Pedro, was dazu führt, das Iniesta und Xavi weiter rechts spielen und nicht zuletzt Lahm seine  gefürchteten Vorstöße kaum umsetzen kann, da er fast ständig von Pedro gefordert wurde. Spanien spielte nun mit einer ähnlichen Ausrichtung wie auch Deutschland (Xavi etwas defensiver in der Grundformation als Özil). Daran krankte schließlich fast das gesamte deutsche Spiel: Schweinsteiger und Khedira hatten mit Iniesta und Xavi alle Hände voll zu tun, Boateng bekam es oftmals direkt mit mehreren Spaniern zu tun (sogar mit Ramos!), und Lahm war durch Pedro quasi außer Kraft gesetzt, zudem kam Özil nahezu null ins Spiel, und vorne hing Klose auf sich alleine gestellt in der Luft herum. Pedros Einwechslung und die Umstellung des spanischen Systems waren für mich der Schlüssel für den spanischen Triumph (auch wenn Pedro mit einer einzigen Szene sein ganzes gutes Spiel vergessen machte!).

Außerdem als Schlüsselspieler zu nennen: Sergio Busquetes. Dieser hatte Mesut Özil so sehr im Griff, dass dieser kaum auffiel bzw überhaupt keine Möglichkeit bekam, seine Fähigkeiten auszunutzen. Grandioses Spiel vom spanischen 6er.

Vor allem in den ersten Minuten spielte Spanien ein solch gewaltiges Pressing, dass Deutschland dort gar nichts entgegegensetzen konnte (In dieser Phase konnte man froh sein, dass die Spanier so abschlussschwach sind). Spanien beherrscht es wie kein zweites Team bei dieser WM, seine Gegner hinten einzuschnüren. Das sieht für ungeübte Zuschauer vielleicht manchmal etwas langweilig aus („Das Spiel ist ja total langweilig, man ey“), ist aber im Grunde genommen perfekt: So sah ich die Partie auch nie als langweilig an, sondern ein in jedem Fall würdiges Halbfinale zwischen 2 großen Mannschaften – fast auf Augenhöhe.

Am Ende reichte es nicht für die deutsche Mannschaft. Nicht weil diese schlecht gewesen wäre, sondern weil sie auf eine spanische Mannschaft traf, die zum richtigen Zeitpunkt ihr bestes Spiel machte, und mit einem genialen Pressing-Passing-Spiel den Deutschen den Mut und den Spielwitz raubte.

Man of the Match ist für mich Xavi: Die meisten Pässe, die meisten gelaufenen Kilometer, der absolute Leiter im Mittelfeld und obendrauf noch die Vorlage zum Tor des Tages. Quasi der Schweinsteiger des Argentinien-Spiels. (Übrigens: deutscher Spieler des Tages war für mich der viel gescholtene Mertesacker. Schon gegen Argentinien war er mit überragender 100%-Quote auf einem guten Weg, nun hat er sich nochmal gesteigert. War der Ruhepol in der hektischen Abwehr, klärte mit tollem Stellungspiel viele Chancen von Villa schon im Ansatz. Chapeau!)

Spanien siegte mit ziemlich perfektem Fussball, und steht mit seiner goldenen Generation nun auch völlig verdient im WM-Finale. Deutschlands goldene Generation könnte bald kommen, selten hat es soviel Spaß gemacht einer deutschen Mannschaft zuzuschauen – daran ändert auch ganz sicher diese Niederlage nichts. Glückwunsch nach Spanien! Ich bin gespannt, wie sich die Niederländer gegen diese perfekt agierenden Spanier präsentieren werden. Nach dem Spiel um Platz 3 und dem großen Finale werde auch ich dann etwas mehr zur WM im Allgemeinen, Fans und vielen vermeintlichen Bundestrainern sagen – und erklären, warum ich mich schon wieder auf die Bundesliga freue.

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