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Welttag des Buches: Lesefreu(n)de

April 23, 2012 4 Kommentare

Dem Lesen wurde schon oftmals der Tod voraus gesagt. In letzter Zeit habe ich ein anderes Gefühl: Es wird wieder vermehrt über tolle, lesenswerte Bücher gesprochen und diskutiert. Kurzum: Lesen ist wunderbar, und dies hat jetzt eine gemeinsame Aktion von Stiftung Lesen, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und deutschen Buchverlagen noch einmal verdeutlicht. Zum Welttag des Buches werden Bücher verschenkt, um die Freude und die Lust am Lesen mit Freunden oder Unbekannten zu teilen.

Die Idee dahinter: Hier konnten sich im Februar 33.333 Menschen registrieren lassen, um ein Bücherpaket zu erhalten und die Bücher zu verschenken. Insgesamt 25 Titel waren wählbar, darunter bekannte Werke bis zu eher unbekannten Titeln, eine bunte Mischung aus deutschen und internationalen Autoren und ein vielfältiges Spektrum an Genres: Zwischen NS-Brief-Roman und aktueller Teenie-Twilight-Serie, zwischen skandinavischem Krimi und britischem Klassiker.

Die Aktion „Lesefreunde“ wollte anregen dazu, wieder mehr Bücher zu verschenken, wieder vermehrt für Lesefreude zu sorgen und das Lesevergnügen zu teilen und den ein oder anderen vielleicht auch daran erinnern, das Lesen wieder für sich zu entdecken – gerade in einer Bildschirm-überfordernden Zeit kann eine Stunde alleine mit einem Buch sehr heilsam sein.

Heute, am Welttag des Buches, endet die Aktion und die Bücher sind nun bei den „Verschenkern“, und können dementsprechend nun verteilt, verschenkt und verbreitet werden.

Weil ich die Aktion „Lesefreunde“ super finde, und das Lesen allgemein sehr schätze, habe ich mich natürlich auch registrieren lassen und möchte die Bücher und das Lesen auch hier fördern. Ich habe mich für die Kurzgeschichten des Ferdinand von Schirach entschieden. Seinen ersten Band Verbrechen fand ich richtig stark, und den zweiten Teil Schuld hatte ich noch nicht gelesen. Seine kurzen Geschichten über faszinierende und unglaubliche Verbrechen, Schuld und Sühne sind leicht zu lesen, in einfacher Sprache verfasst und bieten einen leichten Ansatz mal wieder ein Buch in die Hand zu nehmen. Perfekt für diese Aktion.

Ferdinand von Schirachs "Schuld" in der Aktion-Lesefreunde-Version

Warum genau blogge ich nun darüber? Zum einen darauf aufmerksam zu machen, dass auch im vermeintlich veralteten Buch-Bereich viel passiert, und solche Aktionen gut angenommen werden. Und zum anderen natürlich, weil ich noch einige Bände hier liegen habe. Bisher habe ich Schuld vor allem spontan verschenkt – wer sich aber von mir ein eigenes Exemplar sichern will, kann mir gerne schreiben, mich ansprechen oder natürlich hier kommentieren. Das Lesevergnügen teilen und damit auch Freude verschenken (auch wenn es bei Schirachs Geschichten wohl weniger Freude ist), da mache ich gerne mit.

Viel Spaß beim Lesen! 😉

PS: Richtig empfehlenswert aus der Reihe der Aktion ist übrigens „Adressat unbekannt“ von Kathrine Kressmann Taylor, welches ich selbst geschenkt bekommen habe. Faszinierend, textlich großartig und eindrücklich.

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Jussi Adler-Olsen und die göttliche Erlösung

August 26, 2011 Hinterlasse einen Kommentar

Man möchte innerlich jubilieren: Endlich – beim dritten Band der ungewöhnlichen Krimireihe um das Sonderdezernat Q in Kopenhagen von Bestsellerautor Jussi Adler-Olsen – hat der Übersetzer einen deutschen Titel getroffen, der mit einem präzisen Schlag beschreibt, wonach sich die Menschen in diesem Buch sehnen. Trotz der platten Stieg-Larson-Titel-Anlehnung ist es hier griffig, und das Buch ein erneutes starkes Stück. Eine kleine Buchkritik.

Die Krimireihe rund um den Ermittler Carl Mørck noch vorzustellen, ist eher müßig. Die Bücher sind sehr gut, bekannt, immer in den Bestsellerlisten und wurde beinahe überall gelobt. Auch ich schrieb über die ersten beiden Bände der Reihe (fast) nur positiv. Und um es kurz zu machen: Der dritte Band, im Original „Flaschenpost von P.“, ist nicht weniger gut – im Gegenteil: Die Personenkonstellationen des Dezernates werden sogar langsam noch besser, noch geheimnisvoller und interessanter.

Während andere Krimireihen und Thriller immer versuchen, die Geschichte nur aus dem Blickwinkel eines oder mehrerer Polizisten zu erzählen, um damit am Ende einen Mörder zu präsentieren, denn der aufmerksame Leser sowieso schon lange kennt, macht Adler-Olsen das zum dritten Male völlig anders: Noch mehr als in den ersten Bänden lässt er dem „Mörder“ viel Raum für seine Geschichte. Man lernt diesen Mann kennen, mit allen Motiven und Hintergründen. Und hier liegt schon der Knackpunkt dieses Krimis – und der ganzen Reihe. Vordergründig mögen die schrecklichen Fälle das Gerüst des Buches sein und für die nötige Spannung sorgen, aber den entscheidenden Part zu einem guten Buch liefern hier die Personen. Ich habe dies schon früher erwähnt und kann es jetzt nur nochmal wiederholen: Adler-Olsens Charaktere sind jede Seite wert. Es sind phantastische Beschreibungen von Macken, Neurosen und Stimmungen, dazu hat jede Person ihre Geheimnisse, Vorlieben und Abneigungen. Das ergibt ein wunderbares Gemisch aus nachvollziehbaren Charakteren, sogar die – weit von der Realität lebenden – Sektenmitglieder werden so annehmbar, verständlich und nicht nur zu plumpen Plotfüllern.

Die Sehnsucht nach göttlicher Erlösung ist der Trieb für fast alle kriminellen Handlungen in diesem Buch, mal aus Überzeugung, mal aus Hass auf die eingeprügelten Überzeugungen. Man kann diese Sehnsucht nach Erlösung auch auf die Ermittler beziehen: Mørck will erlöst werden von seinen Schuldgefühlen und seinem elenden Zuhause, und auch Assistent Assad hat ganz sicher solche Wünsche, doch bleiben diese – noch – im dunklen. (Erste Andeutungen gibt es, und in diese Richtung schielte ich schon bei Band 1).

Diese Konstellationen machen das Buch spannend und kraftvoll, und dies obwohl Adler-Olsen kein besonders filigraner Autor ist. Er weiß schlicht genau, wie er seine Worte einsetzen muss. Das Tempo gleitet gemächlich, bis es sich immer weiter steigert und am Ende wieder in einen schnellen Rhythmus des heißen Finales übergeht. Man kann es nicht anders sagen: Dieses Buch möchte man kaum aus der Hand legen. Wünschenswert wäre in einem nächsten Band sicher mal ein anderes Finale. Obwohl die letzten Seiten auch hier spannend und lesenswert waren, ähnelten sie doch sehr den Actionszenen in „Erbarmen“ und „Schändung“. Hier könnte Adler-Olsen mal nachbessern. Doch im Grunde freut man sich als Leser sowieso schon mehr auf das Ermittlerteam und ihre Geheimnisse, als auf den jeweiligen Fall.

Fazit: Beste Urlaubs- oder Sommerlektüre, die man in kürzester Zeit durchgelesen hat. Ein wunderbarer Krimi, der mit seinen interessanten Personen aus der unübersichtlichen Masse an (skandinavischen) Krimis herausragt.

Mehr Epos als Buch: „Tage der Toten“ von Don Winslow

Neulich habe ich mal wieder gelesen, dass immer weniger Menschen lesen, immer weniger Menschen Bücher kaufen, und vor allem immer weniger komplexe Stoffe lesen. Das ist schade, denn kein Film kann die Phantasie so anregen wie ein gutes Buch. Daher möchte ich mal wieder öfter gute Bücher vorstellen, die es wert sind zu lesen, ja, die es wert sind zu kaufen. Heute mit „Tage der Toten“ vom amerikanischen Krimi-Autor Don Winslow.

„Sie hält ihr totes Baby in den Armen.“

Mit diesem herzzerreißenden Satz beginnt der Prolog der deutschen Fassung von „The Power of the dog“ (Original 2005, deutsche Übersetzung: 2010). Und es geht nicht wirklich weniger brutal weiter:

„Er schreitet die Reihe der Toten ab, bis er den findet, den er gesucht hat. Als er vor ihm steht, krempelt sich sein Magen um, er muss sich zusammenreißen, um nicht zu erbrechen. Das Gesicht des noch jungen Mannes ist heruntergepellt wie eine Bananenschale. Die Hautlappen hängen an seinem Hals herab. Keller kann nur hoffen, dass sie ihn vorher getötet haben, aber er weiß es besser. Die untere Hälfte seines Hinterkopfs ist weggesprengt. Sie haben ihm in den Mund geschossen.“ (aus der Leseprobe bei Bilandia).

Es sind Zeilen wie diese, die wie ein Magenschlag daherkommen. Und es gibt sie oft, diese Magenschläge in „Tage der Toten“. Arthur Keller ist ein Agent und späterer Chef der DEA, der amerikanischen Drogenbekämpfungsbehörde, eines der zentralen Organe im amerikanischen war on drugs. Tief hängt Keller in den Strukturen der mexikanischen Drogenmafia, mit vollem Risiko ist er in den Kampf gegen die Drogen eingestiegen. Als sein engster Mitarbeiter und Freund von einem Kartell entführt, gefoltert und schließlich ermordet wird, beginnt Keller einen jahrzehntelangen persönlichen Rachefeldzug gegen die Köpfe des Barrera-Kartells, aus dem sich ein echter Krieg entwickelt, in den über viele Jahre Regierungen aller möglichen Länder reingezogen werden. Keller erlebt die Iran-Contra-Affäre aus völlig eigener Sicht. Keller liefert sich einen Kampf, bei dem es auf allen Seiten nur Verlierer geben kann. Über mehr als 30 Jahre zieht sich die Geschichte von „Tage der Toten“ (Anspielung auf einen mexikanischen Feiertag), und ist dabei so unglaublich vielschichtig, weitläufig und komplex, dass es unmöglich ist von einem Krimi oder Thriller zu sprechen. Zu sehr vermischen sich die Romanstoffe mit den historischen Begegebenheiten, zuviel Wahrheit steckt in jeder einzelnen Zeile. Don Winslow ist ein Epos über die amerikanische Drogenpolitik und die mexikanischen Drogenkartelle gelungen.

Fünfeinhalb Jahre hat Winslow an diesem Roman gearbeitet, sich über all die Zeit in die Strukturen der Drogenwelt gearbeitet (Bei der FAZ gibt es ein sehr interessantes Interview). Diese Arbeit merkt man auf jeder einzelnen der 689 (!) Seiten – und keine einzige Seite ist langweilig. Winslow arbeitet dabei soviele Charaktere, soviele Orte, soviele Daten heraus, dass es anfangs schwer ist, mitzukommen. Zwischen Mexiko und New York, zwischen irischen Killern und amerikanischen Edel-Prostituierten, zwischen mexikanischer Kirche und amerikanischer CIA: Der Plot von „Tage der Toten“ ist derart komplex, dass man das Buch kaum aus der Hand legen kann. Zu sehr vermischen sich die Schauplätze im Laufe der Jahre, immer mehr möchte man erfahren, wie die Geschichte weitergeht bzw. endet.

Dabei hat der Roman ein Problem: es gibt keinen Helden. Es gibt keine gute Identifikationsfigur für den Leser, deren Charakter tiefgründig ausgeleuchtet wird, und mit dem der Leser mitfiebern kann. Denn Keller ist kein solcher Held, ganz bestimmt nicht. Auch die anderen Figuren sind keine Helden, sie alle stecken irgendwo mitten in diesem unfassbaren „war on drugs“, und alle tragen sie dazu bei, dass wieder alle profitieren. Die Drogenbosse freuen sich über die Anti-Drogen-Politik der USA; denn nur so bleibt das Kokain teuer und wertvoll. Die USA freuen sich, mit den Drogenbaronen mächtige Verbündete zu haben im Kampf gegen die Kommunisten, und befeuern die mexikanische Regierung und die Kartelle mit Schmiergelden. All das ist ein einziger politischer Wahnsinn, über Jahrzehnte werden Milliarden verschlungen, zwischen Vietnam und Irak stecken die USA in ihrem längsten, teuersten und verlustreichsten Krieg – und nur wenige bekommen davon mit. Großartig an Winslows Schreibstil ist, dass er es schafft, diese Charaktere nicht in „gut“ oder „böse“ zu unterscheiden. Er zeichnet von jeder Figur ein komplexes Bild mit allen Facetten: zwischen liebendem Familienvater und mordendem Drogenpatron ist da nur ein Beispiel.

„Tage der Toten“ ist ein toll recherchierter, nicht immer einfach zu lesender, grandioser Roman. In einer epischen Breite wird es nie langweilig – zuweilen ist es besorgniserregend brutal, aber immer ist es spannend und aufwühlend. Das der Stoff aus den unglaublichen realen Begebenheiten stammt und das Don Winslow sich nichts ausgedacht hat, macht das Ganze natürlich nur noch radikaler und faszinierender. Man wünscht diesem Buch viele Leser, denn solche großen Bücher sind selten. Großartige Literatur und damit eine absolute Leseempfehlung von mir.

[Don Winslow, Tage der Toten. Originalausgabe erschienen 2005 unter dem Titel The Power of the Dog, deutsche Ausgabe erstmals 2010 bei Suhrkamp.]

 

Robert Enke – Ein allzu kurzes Leben (Ronald Reng, 2010)

Februar 16, 2011 Hinterlasse einen Kommentar

Weil ich gerade aus Enkes Lieblingsstadt Lissabon komme, und seit gestern die Championsleague wieder läuft, passt das heute ganz gut: Eine kleine Rezension zu Ronald Rengs Robert Enke-Biographie. Entstanden ist ein faszinierendes, erschütterndes Porträt über einen der besten, sympatischsten Fussballer, dem leider ein zu kurzes Leben vergönnt war.

Photoeinband der gebundenen Ausgabe (Piper-Verlag, 2010)

„Der Tod eines depressiven Menschen ist niemals eine freie Entscheidung. Die Krankheit verengt die Wahrnehmung so sehr, dass der Leidende nicht mehr versteht, was es heißt zu sterben. Er glaubt es hieße nur, die Krankheit loszuwerden.“ (Seite 423)

Am 10. November 2009 begeht Robert Enke Selbstmord. Ich weiß heute noch genau, wie sehr mich dies damals erschütterte. Noch mehr als mich ergriff es Teile der Medien: Eine unglaubliche Hysterie breitete sich aus (weit über Deutschland hinaus), erst Recht nachdem Teresa Enke am nächsten Tag bekannt gab, dass Robert unter Depressionen litt – selbst unter Nicht-Fussball-Fans. Enke war einer dieser Typen, denen dies keiner zutraute. Zum Zeitpunkt seines Todes war er deutscher Nationaltorhüter, als Nummer 1 gesetzt für die WM 2010. In Hannover Kapitän und unersetzbarer Führungsspieler. Ich war immer ein stiller Fan von Robert Enke, der mit seiner ruhigen, besonnenen Art einen gewissen Gegenpol zu Torhütern wie Kahn, Lehmann oder Wiese darstellte. Über diese konnte ich mich zwar immer wieder herrlich amüsieren, aber Enke mit seinen teils unglaublichen Reflexen und seiner sympatischen Art vor der Kamera war mein Favorit. Umso schlimmer die Nachricht seines Todes, umso furchtbarer, als schließlich nach und nach seine Krankheit bekannt wurde.

Ronald Reng, Sportjournalist und Fussballreporter, wurde während Roberts Zeit in Barcelona zu dessen Freund. Schon damals hatten beide zusammen vor, nach Enkes Karriere eine Biographie zusammen zu verfassen. Reng machte dies nun ohne Enke, dafür mit dessen Tagebüchern, und mit großer Hilfe von Enkes Familie, besten Freunden, Kollegen, Trainern und Therapeuten. Auf knapp über 400 Seiten schildert er das Leben von Robert Enke, das irre Auf und Ab eines Spitzensportlers (gerade bei Enke mit vielen Höhen und noch mehr Tiefen), die depressiven Phasen, aber auch die glücklichen Momente im Leben der Enkes (zum Beispiel die Geburt seiner Tochter). Man merkt schnell, wie gut es auch den Angehörigen tat, über alles frei sprechen zu können. Auch Reng merkt man an, dass er hier nicht wegen einem Honorar schrieb, sondern weil er einen tollen Menschen, einen Freund verloren hat. Das macht die Biographie oft sehr persönlich, oftmals sehr erschütternd.

Von den Anfangstagen in Jena, über die große Zeit in seiner Lieblingsstadt Lissabon, von der ersten schlimmen Depression nach der Zeit beim großen FC Barcelona und anschließend in Istanbul, bis hin zu den Jahren in Hannover und als Nationalspieler. Reng beschreibt dies alles wunderbar einfühlsam: sehr detailliert gibt er Enkes Gefühle, spannende Momente und möglichst exakt die Phasen der Depressionen wieder – immer wieder angereichert durch Enkes eigene Tagebücher-Einträge. Beim Lesen versteht man nach und nach immer mehr den Druck, dem Enke gegenüber stand. Man versucht zu verstehen, man versucht zu begreifen. Die Frage nach dem „Warum?“ kann natürlich nicht völlig beantwortet werden, und Reng gibt sein Möglichstes, die Familie und auch Teresa Enke aus dem Schussfeld zu nehmen: Sie mussten über viele Jahre Unerträgliches ertragen, und still hinnehmen. Die Schilderungen der „schlimmen“ Momente sind schockierend – man lernt aber unglaublich viel über Depressionen, versteht mit jeder Zeile mehr über die tiefgehende Thematik. Das Buch macht betroffen, und ermuntert gleichzeitig Menschen wie Enke nicht zu vergessen, es macht fassungslos, erweitert aber gleichzeitig den Horizont des Profifussballs um die persönliche Note und die Gefühle eines Fussball-Helden.

Ein tolles Buch über einen tollen Menschen. Absolute Lese-Empfehlung, für Fussball-Fanatiker und Fussballmuffel gleichermaßen geeignet.

 

Alles über Spickzettel?

Februar 3, 2010 2 Kommentare

Das ein Lehrer auf die Idee kommt, in seinem Arbeitsleben alle gefundenen Spickzettel zu sammeln und zu kategorisieren, halte ich grundsätzlich für eine ganz phantastische Idee. Zeigt dies doch auch eine ganz sicherlich spannende Subkultur der Schulzeit, die in den wissenschaftlichen Abhandlungen über Unterricht und Pädagogik so nicht zu Wort kommt, die aber doch jeder (ehemalige) Schüler kennt, und die allermeisten auch selbst aktiv betrieben haben.

Broschierte Ausgabe

Günther F. Hessenauer hat genau dies getan: 5000 Spickzettel aller Arten, aller Fächer und diverse andere Briefchen, Karikaturen und Sprüche hat er in seinem Lehrerleben gesammelt, und diese nun nach seiner Pensionierung zu einem Buch verarbeitet. Das ist für mich als angehenden Lehrer, und natürlich mindestens genauso als erfolgreichen ehemaligen Spicker, sehr interessant: Gestern hab ich das Buch Büchlein durchgelesen, bzw. die zahlreichen Spicker angeschaut. Das ist innerhalb einer Stunde geschehen, und insgesamt gesehen ein schöner Spaß.

Hessenauer stellt hier verschiedene Kategorien von Spickzetteln vor, bewertet sie nach ihrem zeitlichen und technischen Aufwand und beurteilt ihren pädagogischen Wert, und ironisch auch die Herausforderung an den Schüler.

Da bekommen vom einfachen Handspicker bis zum kompliziert hergestellten Flaschen-Etikett-Spicker alle Varianten ihren Platz. Dies ist durchaus witzig zu lesen und zu betrachten, vor allem natürlich, wenn man wie ich mit allen Spickervarianten vertraut ist. Zudem gibt es zuweilen amüsante Anekdoten zu den Spickertypen. Genau hier liegt aber auch der größte Fehler von Hessenauer: Er versucht alle Kategorien mit einer vermeintlich lustigen Story beginnen zu lassen. Dies wirkt deplatziert, ist langweilig und wäre vor allem nicht nötig gewesen. Eine breitere Palette von „Spickern“, mit den augenzwinkernden  Anmerkungen zu Herausforderung und pädagogischem Werten wäre hier der bessere Weg gewesen. So bleibt am Ende neben dem vielen Schmunzeln vor allem die Frage, ob man nun wirklich alles über Spickzettel weiß, und die Antwort lautet klar: nein. Mir fallen spontan einige weitere ein, die Hessenauer nicht mal erwähnt hat, ganz zu schweigen zu Täuschungsversuchen, die letztlich gar nichts mit „Spickern“ zu tun haben.

Trotzdem: Man merkt Hessenauer an, dass er ein Lehrer mit voller Kraft war und seine Schüler auch ernst genommen hat, und sie mit dem Thema „Spicken“ auch konfrontiert hat. Zwei Briefe am Schluss dokumentieren dies in sehr guter Art und Weise. Und dies nehme ich auch für mich aus diesem kleinen Buch für zwischendurch mit: Respektvoll den Schülern gegenüber, das Thema Spicken immer ironisch-augenzwinkernd betrachten, aber auch nie aus den Augen verlieren.

Außerdem finde ich die Idee des Spickzettel-Sammelns hervorrragend. Ich werde anfangen.

John Katzenbach – Das Rästel

Dezember 17, 2009 Hinterlasse einen Kommentar

Ich hab mal wieder einen „Thriller“ gelesen. Nunja, eigentlich kann man es kaum noch als Lesen bezeichnen, denn dieses Buch war wochenlang einfach dabei, und immer mal wieder hab ich ein paar Seiten geschmöckert. Und wenn man mich kennt, hat man da schon die entscheidende Schwäche im Roman von John Katzenbach erkannt.

Taschenbuchausgabe

Und darum gehts:  Gewalt, Angst und Kriminalität bestimmen die nahe Zukunft der Vereinigten Staaten. Während tagsüber der arbeitende Teil der Gesellschaft über die Straßen wandelt, beherrscht nachts das Chaos, Gewalt, die Stadt. Eine Ausflucht, einen Hort der Sicherheit, soll der so genannte 51. Bundesstaat bieten. Dieser neue Bundesstaat der USA ist ein von reichen Investoren gebildetes und streng überwachtes Konstrukt, das den Bewohnern eins garantieren soll: Sicherheit. Ausgerechnet dort gastiert nun ein Serienmörder – und macht das, was es im 51. Staat eigentlich gar nicht geben darf: Töten. Die State Security zieht den Psychologieprofessor Jeffrey Clayton zu Rat, der sich auf das Profiling von Serienkillern spezialisiert hat – und in diesem Thriller hier Hauptfigur, Ermittler und gleichzeitig Opfer ist.

Gleichzeitig erhält Claytons Schwester geheime Rästelzuschriften, und schnell laufen ihre beiden Geschichten zusammen – um schließlich gemeinsam in ihrer eigenen Vergangenheit zu kramen.

So weit so gut, schafft es Katzenbach auch ganz ordentlich Spannung aufzubauen. Die Geschichte liest sich gut und einfach, es gibt wenige „Och nöö, nicht wieder sowas unrealistisches“-Momente. Das große Problem liegt in den über 600 Seiten: Langatmigkeit macht sich immer wieder breit. Es ist nicht so, als wären diese Seiten uninteressant – aber sie sind – gelinde gesagt – überflüssig. Zumindest am Ende hofft man dann auf den wirklich großen Knall, doch der bleibt auch aus. So bleibt ein unter allen Gesichtspunkten nur wenig zu empfehlender Thriller, der sich aber insgesamt noch als ordentliche Bettlektüre wacker schlägt.

PS: Lobenswert – und für hier berichtenswert – finde ich am Roman aber das Setting. Die Story um den 51. Bundesstaat, das Thema Sicherheit und seine Folgen, „Big Brother is watching you“ und die alles entscheidende Frage: „Was bin ich bereit aufzugeben für absolute Sicherheit?“ sind bemerkenswert. Hier merkt man, dass Katzenbach sich gute Gedanken gemacht hat, und auf der Höhe der Zeit ist. Seine Schilderungen sind unter diesem Aspekt dann auch teilweise richtig erschreckend und nachdenklich machend.

Verbrannte Leichen mit Simon Beckett: Kalte Asche

Oktober 6, 2009 Hinterlasse einen Kommentar

Wenn man wie ich oft mit der Bahn unterwegs ist, und sich an Bahnhöfen schon fast heimisch fühlt, kennt man Simon Beckett! Zumindest den Namen. Denn seine Romane lagen das ganze Jahr über immer als „Bestseller“ in den Bahnhofsbuchhandlungen. Ob das nun „Die Chemie des Todes“, „Obsession“ oder eben „Kalte Asche“ war: Mindestens ein Beckett-Roman war immer  auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Das ist zumindest ein Umstand, der mich als Lesefan neugierig macht. Doch bisher hatte ich nie die Zeit, diese Neugier zu befriedigen. Jetzt bekam ich neulich „Kalte Asche“ in die Hand, und fing an zu lesen. (Leider merkte ich erst zwischendurch, dass dies der 2. Roman mit Dr. David Hunter ist, und ich wohl besser erst „Die Chemie des Todes“ gelesen hätte… Nun denn, so sei es nun).

Taschenbuchausgabe

Taschenbuchausgabe

Das Buch beginnt – wie im Grunde genommen jeder Krimi – mit einer Leiche. Der Unterschied zu anderen Krimis wird jedoch schon auf den ersten Seiten deutlich: Hier geht es nicht nur um die Leiche an sich (und zwangsläufig den Mörder dahinter), sondern auch um den Zustand der Leiche, die anthropologischen Befunde am Tatort und die forensichen Ermittlungen der Hauptfigur David Hunter, ein bekannter forensicher Anthropologe, der neben den beruflichen Problemen auch private hat, und der im Buch nach und nach dem Leser immer vertrauter und sympatischer wird. Das Simon Beckett sich im Metier auskennt, ist klar: die detailgetreuen Beschreibungen der Leichen (jaja, es gibt mehrere!) und ihre Art zu sterben sind faszinierend, wenn auch sogar manchmal zu übertrieben.

Auch sonst bietet dieser Krimi alles, was einen guten Krimi ausmacht: Interessante Charaktere, ein verlassener, ruhiger, einsamer Tatort, schwierige Bedingungen für Ermittler (und Leser), sowie ein gelungener Schreibstil, der immer einfach zu lesen ist (kann man in einem Tag schaffen), aber nie langweilig wird. Im Gegenteil: Vor allem, wenn die Geschichte langsam vorangetrieben wird, entsteht hier ein richtig spannender Showdown. Problem dieser Krimis ist ja nahezu immer, dass die Mörder spätestens nach einem Viertel des Buches dem Leser bekannt sind, das heißt zumindest im Plot vorgekommen sind. Erfahrene Krimileser werden das kennen: oftmals weiß man den Täter lange vor der Auflösung. Auch hier war ich mir recht früh sicher, wurde aber dann zmindest in Ansätzen noch überrascht. Das Ende mit seinen vielen Überraschungen ist sehr gelungen – bis auf die letzte Seite: Da möchte Beckett irgendwie unbedingt noch ein As aus dem Ärmel ziehen. Da ist es etwas zuviel des Guten und trübt auch im Nachhinein etwas das Gesamtbild.

Trotzdem bleibt ein überaus empfehlenswerter Thriller am Ende. Kein Meisterwerk, und auch keine große literarische Tat, aber trotz kleiner Mängel hat mich dieser Beckett-Roman insgesamt überzeugt. Ich werde mir in naher Zukunft auch die anderen Werke rund um David Hunter anschauen.

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