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Deutscher Film (5): Absolute Giganten (1999)

November 17, 2011 Hinterlasse einen Kommentar

Das hier hat sich etwas aufgestaut: Ein neuer Eintrag zur Reihe „Deutscher Film“. Kleine oder große Filme aus Deutschland, die untergehen im Einheitsbrei, oder durch die Jahre vergessen sind. Heute geht es weiter mit einem Film aus den Neunzigern, dem wirklich großartigen „Absolute Giganten“ von Sebastian Schipper.

„Weißt du, was ich manchmal denke? Es müsste immer Musik da sein. Bei allem was du machst. 

Und wenn’s so richtig scheisse ist, dann ist wenigstens noch die Musik da.

Und an der Stelle wo, wo es am allerschönsten ist, da müsste die Platte springen und du hörst immer nur diesen einen Moment.“

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An dieser Stelle bräuchte man nichts mehr schreiben. Dieses Zitat von Floyd in „Absolute Giganten“ ist so wahnsinnig wunderschön, dass es für sich steht. Für diesen wunderbaren Film. Für ein ganzes Leben voller Musik und Sehnsüchte. Für den tollen Soundtrack des Filmes, der zwischen T.Rex und Jimi Tenor, zwischen Egoexpress und Laurent Garnier pendelt, und zudem frische Songs von The Notwist erhalten hat. Dieses Zitat ist eigentlich Empfehlung genug den Film zu schauen – und immer wieder zu schauen. Aber ich möchte noch einige Gedanken loswerden.

…und du hörst immer nur diesen einen Moment.“ Floyd erzählt dies einer Bekanntschaft im Aufzug, fast nebenher, und doch steckt sowohl in seinen Worten, als auch in seinen Augen diese Hoffnung, diese tiefe Sehnsucht nach einem unwirklichen anderen Leben. Der Traum vom Weggehen, vom Aufbruch in ein neues Leben – wer hatte ihn noch nicht? Floyd träumt diesen Traum, und so beginnt der Film damit, dass er seinen besten Freunden „beichtet“, dass er am nächsten Tag ein Schiff in die Ferne nimmt. Dies ist der Aufbruch in eine lange Abschiedsnacht, in der die 3 Kumpels noch einmal zusammen feiern wollen, zusammen ausbrechen, zusammen leben. Immer auf dem Kick, immer auf der Suche nach noch mehr Abenteuer, nach noch mehr Spaß. Es beginnt eine Nacht voller Blödsinn, McDonalds-Sessions, wilden Clubbesuchen, und nicht zuletzt einem überragenden Kicker-Game.

Was ist das für ein Film, in dem drei junge Männer durch die Hamburger Nacht fahren? Um es kurz zu machen: Es ist ein großartiger Film. Man könnte Sebastian Schippers Spielfilm-Debüt auch Fehler vorwerfen, sicherlich. Zum Beispiel die unscharfe Charakterentwicklung oder die im Grunde fehlende Dramaturgie. Aber dies ist angesichts der positiven Seiten des Filmes nahezu zu vernachlässigen. Denn die Grundidee des Filmes ist gelungen, die Musik ist phantastisch, die Roadmovie-Szenen innerhalb einer Stadt (Hamburg!) witzig und einfallsreich, und dazu gibts ein sehr gut aufspielendes Hauptdarsteller-Trio: Florian Lukas als Ricco und Antoine Monot Jr. als Walter sind super, und spielen ihre Rollen äußerst authentisch. Herausragend ist aber Frank Giering als Floyd, der mit diesem Film wohl auch seinen Durchbruch als Schauspieler schaffte. Der im letzten Jahr viel zu früh verstorbene Giering schafft hier Großes: In jedem Moment authentisch, immer diesen einen, traurigen Blick in den Augen, hat man als Zuschauer das Gefühl dem jungen Floyd in die Seele zu schauen. Ein unglaubliches Gefühl, toll gespielt.

Die drei Jungs sind auf der Suche – nach was wissen sie selbst nicht genau. Nach einem besseren Leben, einer Sehnsucht hinterher, die sie treibt. Das Schöne an diesem Film ist auch: Man kann wunderbar sehen, dass die Jungs das Beste im Leben schon gefunden haben: ehrliche, tiefe Freundschaft. Und auch wenn sie in dieser einen Nacht sooft als vermeintliche Looser dastehen – viele würden einiges dafür geben, eine Nacht wie diese mit besten Freunden zu erleben. Deutlich wird dies unter anderem in der in Tischfußball-Kreisen legendär gewordenen Kicker-Szene. Hier huldigen Film und Kamera dem Kickersport in tollen Aufnahmen, unterlegt von The Notwist.

Absolute Giganten ist ein stiller, ergreifender und doch lustiger Film über die Freundschaft, das Leben, unsere Sehnsüchte und Träume. Ein kleiner deutscher Film, den jeder gesehen haben sollte.

Floyd: „Freundschaften sind wie Sehnsüchte. Toll, gross, absolut gigantisch. Und wenn sie dich erstmal gepackt haben, dann lassen sie dich nicht mehr los. Manchmal nie mehr.“

Und weil es so schön ist:

(Nochmal aufmerksam auf den Streifen wurde ich übrigens in den tollen Film-Bestenlisten bei Seite360.)

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In dieser Reihe habe ich bisher empfohlen:

Deutscher Film (4): Das Irakkriegs-Drama „Waffenstillstand“.

Deutscher Film (3): Das Gehörlosen-Melodram „Jenseits der Stille“.

Deutscher Film (2): Die bayrische Komödie „Wer früher stirbt ist länger tot“.

Deutscher Film (1): Das Schwarz-Weiß-Drama „Die Unberührbare“.

Deutscher Film (4): Waffenstillstand (2009)

Juli 11, 2011 1 Kommentar

Seit meinem letzten Post zu der Reihe „Deutscher Film“ ist viel Zeit vergangen, und dabei habe ich meine Intention nicht vergessen: Kleine Filme aus Deutschland vorzustellen, die es wert sind, angesehen zu werden – und vielleicht oder oftmals viel zu sehr untergehen im Einheitsbrei der Blockbuster. Heute geht es endlich weiter, mit dem kleinen Kriegsfilm und Spielfilmdebüt „Waffenstillstand“ des deutschen Regisseurs Lancelot von Naso.

Szene aus "Waffenstillstand"

Kriegsfilme aus Deutschland sind rar, und wenn, dann behandeln sie fast ausschließlich den zweiten Weltkrieg – meist kitschig oder übertrieben, und nur selten eindrucksvoll. Der Irakkrieg der nuller Jahre war auch sonst bisher wenig im Blickpunkt der Filmindustrie, dies änderte sich mit dem Erfolg des wirklich guten The Hurt Locker von Kathryn Bigelow. In dessen internationaler Erfolgsspur kommt Waffenstillstand zustande, das Kino-Debüt des Kurzfilmregisseurs Lancelot von Naso (Übrigens lustiger Name, scheint aber tatsächlich kein Künstlername zu sein…).

Während es in 99% aller Kriegsfilme um Männer, Helden, Mut und Ehre geht, wird zwar auch in „Waffenstillstand“ geschossen, und Tote und Verletzte gibts auch hier zuhauf, aber es findet keine ideologische Verklärung statt. Die authentische Darstellung der Situation im Irak und der Protagonisten gelingt hervorragend und heraus kommt ein beeindruckender Film über eine an den wahren Begebenheiten der Stadt Falludscha angelehnte Geschichte:

Irak im Jahre 2004. Offiziell ist der Krieg vorüber, doch im Norden des Landes gibt es erbitterte Kämpfe zwischen Amerikanern und Rebellen. Vor allem die Stadt Falludscha erwischt es hart. Während eines unsicheren 24-Stunden-Waffenstillstandes versuchen Kim, eine Hilfsorganisationsmitarbeitern, und Arzt Alain Medikamente und medizinische Grundversorgung in die Stadt zu bringen. Der junge Journalist Oliver und der erfahrene Kameramann Rolf schließen sich an, um als erste Journalisten Bilder aus der umkämpften Stadt zu zeigen. Zusammen mit ihrem irakischen Fahrer entwickelt sich so etwas wie eine Zweckgemeinschaft, die sich durch offenes Kriegsgebiet, durch amerikanische Grenzkontrollen und mit Aufständigen herumschlagen muss.

Die Fahrt, die als medizinisches (und journalistisches) Projekt beginnt, entwickelt sich nach und nach immer mehr zum Horrortrip, und obwohl der Film kaum etwas anderes zeigt als die 5 Protagonisten und ihre kleine Geschichte, nimmt die Spannung unaufhörlich zu, und gipfelt schließlich in der mitreißenden Flucht aus Falludscha. Fasziniert zu beobachten ist, wie völlig unterschiedliche Individualisten auf einmal zusammen stehen müssen, um ihr eigenes Leben zu retten – obwohl sie andere retten wollten. Dabei machen die Schauspieler eine gute Figur, auch und gerade Hannes Jaenicke als ängstlicher, erfahrener Mann spielt absolut überzeugend. Die ganze Stimmung des Filmes ist ruhig und doch intensiv, langsam und doch actionreich. Von Naso gelingt ein emotionales Werk, das einige Zeit braucht, bis es seine Wirkung entfaltet. Manch einer mag dem Film zuviele Belanglosigkeiten oder wenig Tiefe vorwerfen, ich dagegen sehe das genau anders: gerade weil hier etwas konkretisiert wird, kommt der Film mit seinem Beitrag zu diesem wichtigen Thema gut an. Er will nicht den Krieg erklären oder gar die Politik außen rum, er steht einzig und allein mit den Figuren genau mittendrin, und verdeutlicht – manchmal zu hart – wieviele unschuldige Menschen in einen solchen politischen Krieg ganz zwangsläufig reingezogen werden.

Obwohl „Waffenstillstand“ über weite Strecken etwas vorhersehbar ist, und kleine dramaturgische Schwächen besitzt, ist hier ein wirklich sehenswerter Anti-Kriegs-Film entstanden, der ausnahmsweise mal definitiv keinen Constantin-produzierter Weltkriegs-Schmarn zeigt. Daher: Absolute Empfehlung von mir. (In der mittlerweile verbreiteten 10er Punkteskala würde der Film bei mir etwas um 7,5 liegen.)

ARTE hat den Film letzte Woche gezeigt, und hat ihn dankenswerterweise noch bis Ende dieser Woche in der Mediathek.

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In dieser Reihe habe ich bisher empfohlen:

Deutscher Film (3): Das Gehörlosen-Melodram „Jenseits der Stille“.

Deutscher Film (2): Die bayrische Komödie „Wer früher stirbt ist länger tot“.

Deutscher Film (1): Das Schwarz-Weiß-Drama „Die Unberührbare“.

Deutscher Film (3): Jenseits der Stille (1996)

Nach einer längeren Pause gehts endlich weiter mit der Serie „Deutscher Film“. Hier möchte ich auf (kleine) deutsche Filme eingehen, welche einem breiteren Publikum wohl eher versagt waren, die es aber verdient hätten, eine größere Aufmerksamkeit zu bekommen. Denn eines ist sicher: Der deutsche Film ist viel besser als sein Ruf. Heute mit dem Regiedebüt von Oscarpreisträgerin Caroline Link: das kleine, authentische Melodram „Jenseits der Stille“ von 1996.

"Wie klingt Schnee?"

Wie klingt der Schnee, wenn er auf die Wiese fällt? Wie hört sich Musik an? Solche Fragen bekommt die kleine Lara oft von ihren Eltern gestellt: Lara ist ein gesundes Mädchen und wächst bei ihren taubstummen Eltern auf, und ist somit die einzige die hören und sprechen kann. Von klein auf unterhält sie sich mit ihren Eltern in der Gebärdensprache und hilft ihnen als Übersetzerin in allen Lebenslagen, was unter anderem natürlich viel mehr Verantwortung mit sich bringt, als dies andere Kinder in ihrem Alter erleben. Lara würde alles für ihre Eltern tun, doch als junges Mädchen entdeckt Lara ihr Interesse für die Musik und beginnt, Klarinette zu spielen. Ihr Vater interpretiert dies als persönlichen Affront und distanziert sich immer mehr von seiner Tochter – soweit, dass Lara irgendwann beschließt bei ihrer Tante im weit entfernten Berlin glücklich zu werden.

Was wie ein gängiges, mitleidendes Kranken- und Behindertenmelodram klingt, ist in Wahrheit ein zutiefst berührender Film über das Erwachsenwerden, die Liebe und das Verhältnis zu seinen Eltern / seiner Familie. Im stillen Universum der Tauben lässt Caroline Link hier ohne Effekthascherei und Aufdringlichkeit eine Geschichte voller (stiller) Emotionen spielen. Dabei gelingt es der Regisseurin die Tauben als Menschen zu fassen, und nicht als mitleidsheischende Behinderte, wie man dies so häufig in Filmen erkennt. Link umschifft solche Metaphern wunderbar und zeigt in ergreifenden Szenen und wundervollen Bildern die Dramatik der Geschichte.

Vermutlich könnte ich noch lange schreiben und viel Gutes abhandeln, aber ich will es kurz machen: eine schöne , glaubwürdige Lebensgeschichte, tolle Kamerabilder (mit schönen Landschaften), grandios agierende Schauspieler (vor allem die Eltern gespielt von Howie Seago und Emmanuelle Laborit schaffen es mit Mimik und Gebärdensprache mehr Ausdruck zu schaffen als manche anderen Textschauspieler, erwähnenswert sicherlich auch die junge Lara!), sorgfältig und stimmig entwickelte Charaktere (welche mit ihren Sorgen, Wünschen, Ängsten und Konflikten perfekt skizziert sind), schöne Musik – und wie nebenbei noch wirklich berührende Szenen. (Einziger Wermutstropfen, wenn überhaupt, ist der ansonsten gekonnte Zeitsprung von der jungen zur erwachsenen Lara: Da sind mir die beiden Schauspielerinnen leider zu unähnlich.)

Jeder, der Filme mag, jeder, der berührende Szenen mag, muss diesen Film sehen. Wundervoll, und mehr als loben und als unbedingten Tipp weitergeben kann man da auch nicht mehr machen. Einer der leistesten, und dennoch wundervollsten Filme, die ich kenne.

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Hier gehts zu den ersten Teilen der Serie „Deutscher Film“:

(1) Die Unberührbare

(2) Wer früher stirbt ist länger tot

Deutscher Film (2): Wer früher stirbt ist länger tot (2006)

Februar 24, 2010 3 Kommentare

Heute mit meiner Weiterführung  der neulich begonnen Reihe „Deutscher Film“. Ab und zu möchte ich hier sehr gute, sehenswerte deutsche Filme vorstellen. Und weil es beim letzten Mal so schwarz-weiß, düster und traurig war, darf es heute ein bunter, witziger Film sein: „Wer früher stirbt ist länger tot“.

Komödien aus Deutschland sind nun wirklich eher rar, vor allem wenn die Großproduktionen von Til Schweiger, Michael „Bully“ Herbig oder Mario Barth außen vor lässt. Zumeist sind es Nischenfilme, irgendwo im Programmkino und später im Ersten um 0:30 Uhr. Natürlich hab auch ich bei Filmen wie Keinohrhasen, Schuh des Manitou oder Der Wixxer herzhaft gelacht. Aber wenn wir da ehrlich sind: So richtig gut waren diese Filme nicht, es fehlte letztlich immer etwas am Überraschungseffekt: die immergleichen Themen sind nunmal schließlich ausgereizt.

Ganz anders ein bayrischer Film aus dem Jahre 2006, der vor allem nach seinen Filmpreisen 2007 einen größeren Bekanntheitsgrad erlangte – und den ich schließlich erst vor einigen Tagen gesehen habe. Schande über mich, denn „Wer früher stirbt ist länger tot“ ist einfach großartig.

Sebastian Schneider (klasse gespielt von Markus Krojer) ist der perfekte Lausbub, wie er im Bilderbuch zu finden ist. Wenn es da nicht ein kleines Problem gäbe: Sebastian hält sich verantwortlich für den Tod seiner Mutter, die bei seiner Geburt gestorben ist, und die gottesfürchtige Mentalität im bayerischen Provinzkaff, in dem Sebastian mit seinem älteren Bruder und dem Vater lebt, ist der perfekte Nährboden für diese fixe Idee. Was sich zunächst anhört wie ein trauriges Drama um die Trauma-Bewältigung eines kleinen Jungen, ist tatsächlich eine unglaublich witzige Auseinandersetzung mit dem Thema Tod: skurill, ideenreich, äußerst schwarzhumorig und vor allem phantasievoll.

Dabei kommen vor allem urbayrische Vorurteile auf den Tisch: Von dem (wirklich schwer verständlichen) bayrischen Dialekt bis hin zum tiefkatholischen Erzkonservatismus und dem dörflichen Stammtischleben werden hier wunderbar Klischees bedient. Die Kunst ist es hier vor allem, dass diese Klischees glaubwürdig und nicht herablassend gezeigt werden. Dazu kommt die herrliche Natürlichkeit der Schauspieler, allen voran natürlich der 11-jährige Markus Krojer. Der Umgang mit dem Thema Tod (und auch der Liebe) ist zwar ernsthaft, dennoch überwiegt der humorige Teil. Und die Witze sind zum Teil erster Güte, da könnte sich so manche Populär-Komödie einen Streifen abschneiden.  Höchst amüsant ist es zu sehen, wie Sebastian von einer Panne in die Nächste stürzt und dabei jedes Fettnäpfchen mitnimmt.

Hat man sich erstmal auf den ungewohnten, schwierigen Dialekt des Filmes eingelassen, vergehen die 105 Minuten wie im Flug.  Da verschmerzt man auch Wiederholungen oder andere kleinere Drehbuchfehler, denn insgesamt überzeugt dieses erfrischende Kinodebüt von Markus Rosenmüller auf ganzer Linie. Diese kleine Filmperle ist jedem Filmfan aus Deutschland zu empfehlen!

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Hier gehts zum ersten Teil der „Deutscher Film“-Reihe: Die Unberührbare mit Hannelore Elsner.

Deutscher Film (1): Die Unberührbare (2000)

Februar 9, 2010 1 Kommentar

Der deutsche Film hats nicht unbedingt leicht. Der landläufigen Meinung nach werden in Deutschland keine guten Filme gedreht. Interessanterweise sorgt geradezu immer wieder ein Mann dazu, dass doch viele Zuschauer in deutsche Filme strömen, der weder schauspielern kann, noch sonst irgendein erkennbares Talent hat außer hübsche Kinder zu zeugen: Til Schweiger. Nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht: Ich mag Til Schweiger, weil er in einem verdrehten Filmbusiness immer ehrlich und offen, und auch insgesamt ein sympatischer Kerl ist. Nur Schauspielen sollte er lassen. Warum ich das hier alles erwähne?

Weil Schweiger und Leute wie Bully mit ihren Filmen für eine Art Anti-deutscher Film stehen: Die wirklich großen Werke der deutschen Kinokultur sind nämlich nicht die witzigen, harmlosen Komödien, sondern immer die erinnernden, mahnenden Filme: Immer sind es Werke über Kriege, Diktaturen, die DDR/3.Reich-Aufarbeitung oder psychologische Einzelthemen. Immer schön historisch, immer schön schwarz-weiß, immer etwas traurig. Und diese Filme haben gerade in den letzten Jahren mehr Zuspruch erfahren als jemals zuvor, das lässt sich schon an den Oscargewinnern der letzten Jahre festmachen:

Oscarnominierung für den besten fremdsprachigen Film 2005: Der Untergang (Regie: Oliver Hirschbiegel, 2004)

Oscarnominierung für den besten fremdsprachigen Film 2006: Sophie Scholl – Die letzten Tage (Regie: Marc Rothemund, 2005)

Oscargewinn für den besten fremdsprachigen Film 2007: Das Leben der Anderen (Regie: Florian Henckel von Donnersmarck, 2006)

Oscargewinn für den besten fremdsprachigen Film 2008: Die Fälscher (Regie: Stefan Ruzowitzky, 2007) – ein zumindest in deutscher Produktion entstandener Nazi-Film.

Oscarnominierung für den besten fremdsprachigen Film 2009: Der Baader-Meinhof-Komplex (Regie: Uli Edel, 2008)

Oscarnominierung für den besten fremdsprachigen Film 2010 und großer Favorit auf den Gewinn: Das weiße Band (Regie: Michael Haneke, 2009)

Noch Fragen?

Nie war der deutsche Film auch global gesehen erfolgreicher. Aber zu welchem Preis? Sind es nur noch die grauen, traurigen Produktionen, die unser Land weltweit repräsentieren? Der tontraegerhoerer hat zu diesem Thema mal einen sehr guten Beitrag im Zusammenhang mit Tarantinos Basterds gebloggt, den ich hier einfach mal aufgreifen muss. Denn zum Einen bin ich zwar seiner Meinung, dass deutsche Filme oftmals viel zu „grau“ sind, und dass wir in diesem Land auch mal wieder etwas mehr Bewegung und Frische gebrauchen könnten, andererseits bin ich einer der Menschen, denen die düsteren, grauen, einsamen Filme gefallen. Ich mag die Authenzität dieser kleinen, deutschen Filme, wie man es bei den Hollywood-Streifen nur selten hat (Gran Torino war in letzter Zeit so eine kleine Perle!); vor allem wenn es nicht „ideenlos und langweilig“ ist. (Dabei muss ich gestehen, dass ich Regisseure wie Schmid oder Petzold noch gar nicht kenne, nicht mal das viel gelobte „Yella„.)

Und einen dieser – sogar in schwarz-weiß gedrehten! – tristen Filme möchte ich heute vorstellen, weil er mir im Kopf geblieben ist und vielleicht mehr zum Nachdenken anregt als es ein toller Blockbuster macht: Die Unberührbare (Oscar Roehler, 2000), sogar in die Arthouse-Reihe der 50 größten deutschen Filme aufgenommen.

(Und wie man am Titel leicht erkennen kann: Ich nehme meine Gedanken zum deutschen Film mal zum Anlass öfter darüber zu bloggen. Schauen wir mal, ob da auch gute Unterhaltung dabei sein kann.)

Hannelore Elsner als Hanna Flanders

Hannelore Elsner spielt die einst gefeierte Schriftstellerin Hanna Flanders aus München, welche sich ein idealisiertes Traumbild der DDR geschaffen hatte, und deren Weltbild 1989 beim Fall der Mauer auf einen Schlag erschüttert wird. Spontan zieht sie nach Berlin, um dort einen Neuanfang zu starten, doch schnell merkt sie, wie ihre Umwelt sich für sie zu schnell verändert hat. Unfähig sich anderen zu öffnen und depressiv stellt sie fest, dass sie mit diesen gesellschaftlichen Hürden nicht mehr leben kann, leben will. (Die Geschichte basiert übrigens lose auf dem Leben  von Gisela Elsner, der Mutter des Regisseurs.)

Zynisch könnte man sagen: Da haben wir ja alles zusammen für einen erfolgreichen deutschen Film. Schwarz-weiß, eine bekannte Schauspielerin, ein tristes Drama um eine alternde Persönlichkeit und obendrein noch die typische DDR-Story.

Doch statt bekannten, oberflächlichen Kinoelementen erzählt Oscar Roehler diese Geschichte, dieses letztlich packende Drama auf eine irgendwie sperrige Art und Weise. Der Zugang zum Film ist nicht so gewohnt einfach, wie man es halt kennt in Deutschland. Schon die erste Kameraeinstellung des Filmes macht das deutlich: Eine Totale von Hanna Flanders, von Zigarettenrauch umnebelt, das Telefon am Ohr, zitternd, und dann die Worte: „Ich bring mich jetzt um.“ Das ist großartig, und um nochmal auf die Basterds von Tarantino einzugehen: Genau wie dort eine perfekte Eingangssequenz. Im weiteren Filmverlauf sehen wir eine kaputte, von riesigen Selbstzweifeln geplagte Diva (mit weißem Dior-Mantel!) auf einer langen Reise; sie trifft alte Bekannte, Familienmitglieder und Fremde. Immer gefangen in ihrer eigenen Unsicherheit, ihrem eigenen Scheitern.  Am Ende dieser 100 Minuten Filmlänge reicht ihre Kraft nur noch, um sich fallen zu lassen. In den Tod. Am Ende ist alles gesagt, und alles offen. Nachdenken erwünscht.

Hannelore Elsner hat in einem Interview mal gesagt (welches ich gerade leider nicht mehr finde), dass dies ihre beste und wichtigste Rolle gewesen sei. Und man möchte dies sofort unterstreichen: Elsner ist es zu verdanken, dass man auf diesem vorgezeichneten Weg des Todes nicht die Lust verspürt auszuschalten. Sie spielt Hanna Flanders mit einer unglaublichen Präsenz, in der all die Würde, all der Schmerz und die Verzweifelung zum Ausdruck kommen. Oscar Roehler ist mit diesem Film ein unglaublich beeindruckendes – wenn auch schwieriges – Frauenporträt geglückt, und zweifellos gehört der Film trotz einiger Längen zum Besten, was ich im deutschen Film gesehen habe. Fremd und traurig, grau und trist, und doch auf eine nahezu unbestimmte Weise schön und einzigartig. Für Freunde des Programmkinos absolut zu empfehlen!

Die Unberührbare (Oscar Roehler, 2000) in der imdb. Mehr Infos: http://www.hannelore-elsner.de/filmkino.htm

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