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Argo, Fuck yourself!

Februar 4, 2013 Hinterlasse einen Kommentar

Auf den fast letzten Drücker noch einen der Geheimfavoriten der Oscars im gemütlichen Kölner ‚Rex am Ring‘ gesehen: Argo. Ben Afflecks zweite Regiearbeit erweist sich als gutes, unterhaltsames Stück Kino.

Es ist November 1979, als im Laufe der Islamischen Revolution in Teheran iranische Studenten die US-amerikanische Botschaft stürmen und dort über 444 (!) Tage 52 US-Diplomaten als Geiseln nehmen. 6 der ursprünglich 58 Diplomaten können bei der Stürmung fliehen und kommen nach mehreren Tagen auf der Flucht in der kanadischen Botschaft unter. Diese 6 sollen nun von der CIA befreit werden, aber ihr fällt für diese kniffelige Situation keine Lösung ein und so engagiert sie Tony Mendez, einen Rettungsspezialisten. Mendez kommt auf die Idee, die Truppe mit einem fiktiven Science-Fiction-Film namens „Argo“ aus Teheran zu befreien. Um die Glaubwürdigkeit des Filmes zu erhöhen, wird ein Produktionsbüro gegründet, und es gibt Presselesungen und Werbung wird geschaltet. Klingt nach einem schlechten Film? Nun ja, wie im Filmtitel oben schon reißerisch steht: Der Film war zwar ein Fake, die Geschichte ist es aber nicht – und ging als Canadian Caper in die Geschichte ein. (Erst 1997 gibt die CIA ihre Beteiligung an dem Projekt bekannt.)

Ben Affleck hat aus dieser sowohl kuriosen, als auch ganz sicher spannenden Geschichte einen Thriller gedreht, der sowohl spannende Politthrillerelemente wie auch wunderbare Situationskomik bei der Durchführung von „Argo“ enthält. Historisch hält sich der Film für eine Hollywood-Produktion schon recht nahe an die Personen und Fakten, doch werden auch wichtige Teile der damaligen Geschichte nicht erwähnt oder aus der typischen amerikanischen Sichtweise interpretiert (es bleibt leider ein etwas satirisches Heldenepos, für politische Konsequenzen bietet der Film keinen Raum). Aber sicher wollte Affleck hier auch keine History-Doku drehen – und ein angenehm überraschender Kinofilm ist ihm gelungen. Da wäre zum einen die sowieso schon faszinierende Rettung, die der Film hier gekonnt und spannend interpretiert und darstellt. Dazu gesellen sich bis in die kleinste Nebenrollen hervorragende Schauspieler (in winziger Rolle zum Beispiel Philip Baker Hall), und ein aufgedrehtes Alt-Star-Duo mit Arkin und Goodman als unglaublich lustige Hollywood-Veteranen. („Argo, Fuck yourself!“) Affleck bleibt in der Hauptrolle relativ blass, trägt den Film kaum mehr als seine Sidekicks. Das ist aber ausnahmsweise gut so, ich mag die Zurückhaltung der Rolle hier sehr gerne (Trotzdem: Als Regisseur gefällt mir Affleck einfach besser!).

Technisch macht Argo alles richtig: Klasse Bilder, schönes Setting, glaubhafter 80er-Jahre-Modus allerorten. Der Showdown am Teheraner Flughafen, zu dem es natürlich kommen muss, ist sicher dann wieder mehr hollywood’sche Fiktion, aber dennoch gut gemachte Fiktion: spannend, dramatisch, stilsicher und letztlich auch unterhaltend. Und das ist es ja letztlich, warum wir Filme schauen. Ben Affleck hat mit Argo schon viele Preise einheimsen können, ob der Oscar für den besten Film dazu kommt, bleibt abzuwarten. Für mich persönlich kein Meisterwerk, aber sehr gute Unterhaltung: 8 von 10 Außerirdische.

PS: Warum auch 2012 noch einfachste technische Fehler im Kino passieren, bleibt mir ein Rätsel. Als der Jumbo der Swiss-Air abhebt (!) überholen (!!) ihn noch Autos (!!!) der iranischen Sicherheitskräfte. Eine solche Maschine erreicht beim Start etwa 300km/h.

Und der Trailer hinterher:

Kino(p)review: 7 Psychos (Martin McDonagh, 2012)

November 29, 2012 Hinterlasse einen Kommentar

Man merkt es deutlich: Es geht auf Weihnachten zu. Nicht nur in den deutschen Innenstädten, sondern vor allem in unseren Kinos, denn dort kommen wieder vermehrt richtig gute Neustarts. Das neue Werk von Regisseur Martin McDonagh startet am 6.12. und lohnt definitiv einen Kinobesuch. Eine großartige exentrische Gangster-Komödie.

colin farell sam rockwell Wenn der erste Film ein Volltreffer wird, sind die Erwartungen bei den Nachfolgern meistens groß. McDonagh hatte mit dem schwarzhumorigen Film-Drama Brügge sehen…und sterben? einen absoluten Hit gelandet: originell erzählt, wunderbare Darsteller und verschrobene Charaktere und eine perfekte Balance zwischen Tragik und Slapstick. Tolles Kino, mit charmanter Umgebung. In 7 psychos behält McDonagh diese Coolness aus Brügge bei und setzt dem Ganzen noch mehr Witz, noch mehr Einfallsreichtum und noch mehr ausgeflippte Ideen obendrauf. Dank der sympatischen Crew von Filmstarts.de war ich gestern bei der Preview des Filmes und sah einen Film, der durchaus Potential hat, einer dieser „Kultfilme“ zu werden. Einem gewissem „Pulp Fiction“ läuft er recht locker den Rang ab.

Und darum gehts: Marty (Colin Farrell) ist ein glückloser Autor, der sich nichts sehnlicher wünscht, als sein Drehbuch „Seven Psychopaths“ zu beenden. Sein Freund Billy (Sam Rockwell), ein arbeitsloser Schauspieler, der sich mit Hundediebstahl über Wasser hält, will ihm unter allen Umständen dabei helfen. Was Marty jedoch vor allem fehlt, ist Inspiration. Billys Diebeskumpan Hans (Christopher Walken) wiederum ist ein ehemals gewalttätiger Mann, der nun zum Glauben gefunden hat. Das Duo hat unwissentlich einen großen Fehler begangen und stahl vor kurzem den geliebten Hund des psychopathischen Gangsters Charlie (Woody Harrelson). Wenn dieser Wind von der Identität der Täter bekommen sollte, würde er sie töten, ohne mit der Wimper zu zucken. Marty soll bald die notwendige Inspiration erhalten – die Frage ist nur, ob er und seine Freunde das auch überleben…

Hier muss ich erstmal überlegen, wie ich diesem Werk, diesem Film voller absurder Ideen gerecht werden kann. 7 Psychos bietet eine ungewöhnliche, abgedrehte und oftmals abstruse Story, zu der man gar nicht zuviel sagen kann, ohne allzuviel zu spoilern. Fest steht: An Psychopathen mangelt es dem Film genauso wenig wie an Gewaltdarstellungen in jeder Form oder einfach grandiosem Humor. Der Film überschlägt sich fast vor Ideen, Witz und verrückten Einfällen. Und dazu auch noch ein Shih Tzu. Das Großartige daran ist, dass daraus kein Klamauk wird, sondern McDonagh es schafft das richtige Tempo zu finden, und die richtigen ruhigen Momente zwischen den Wahnsinns-Ekstase-Szenen zu balancieren. Logik darf man hier nicht zuviel erwarten: Die übersteigerte Groteske ist hier der Standard und dient dem Selbstzweck. Die Morde geschehen dabei geradezu überspitzt, wie man dies aus Comics kennt. Diese ironische Brechung führt dazu, dass man sich nicht darüber wundert, sondern herzhaft lacht und enorm viel Spaß hat.

Einen großen Anteil am gelungenen Gesamtwerk haben hier sicher auch die Schauspieler, denn Collin Farell ist vielleicht so gut wie nie, Christopher Walken zeigt, warum er mal zu den ganz Großen gehörte, und Sam Rockwell spielt selbst die hervorragenden Nebendarsteller wie Tom Waits und Woody Harrelson locker an die Wand. Eine Wahnsinnsfigur. Und DIE Mütze!

7 Psychos ist ein wahrer Glücksfall von Film. Wer auf bösen Humor, unkonventionelle Storys weit weg vom Mainstream und etwas arg verschrobene Charaktere (nennen wir sie ruhig Psychopathen!) steht, dem ist dieses Highlight wärmstens zu empfehlen. Martin McDonagh gelingt auch mit seinem zweiten Film ein absoluter Hit. Bei der üblichen Filmstarts-Sterne-Bewertung nach der Preview gab ich übrigens 4,5 Sterne (von 5). Und, at least: Mehr noch als sonst eh schon lohnt hier die Originalversion. Warum? Wegen diesem Mann und dieser unfassbaren Stimme, dessen wunderbare Psychopathenstory fast schon beiläufig erzählt, was aus dem Zodiac-Killer wurde.

„Cloud Atlas“ im Kino

November 26, 2012 1 Kommentar

David Mitchells Roman „Cloud Atlas“, der sich mit der menschlichen Willenskraft beschäftigt, galt seiner Erzählstruktur wegen lange Zeit als unverfilmbar. Tom Tykwer („Lola rennt“) und die Wachowskis („The Matrix“) haben es dennoch versucht – und dabei tatsächlich großes Kino erschaffen.

 

Ein Mammutprojekt mit gleichzeitig stattfindenden Drehs. Sechs verschiedene Zeiten und Geschichten, sechs verschiedene Genres. All dies in einem Film? Dazu: Der teuerste europäische Film aller Zeiten. Ein bekanntes Schauspielerensemble gespickt mit Stars und obendrein noch drei(!) erfolgreiche Regisseure. Kann so etwas gut gehen? Ist ein solches Projekt, in dem alleine Tom Hanks sechs verschiedene Rollen spielt, möglich?

Es ist gut gegangen, um dies vorweg zu nehmen. Das man nach einem 3-stündigen Blockbuster nicht ernüchtert, sondern erstaunt und fasziniert nach Hause geht, passiert nicht häufig. Wie ist dies „Cloud Atlas“ gelungen? Aus sechs Geschichten setzt sich der Film zusammen, sechs Geschichten, die völlig unterschiedlich sind, und die doch vieles gemeinsam haben: In jeder von ihnen stemmt sich der freie Wille gegen das Schicksal, und obwohl meistens dennoch das Böse siegt, gibt es Hoffnung. Hoffnung auf bessere Zeiten, Freiheit, und ein gemeinsames Miteinander.

Im Jahr 1849 ist der Amerikaner Ewing im Pazifik auf einem Segelschiff unterwegs, der Komponist Robert Frobisher ist 1936 auf der Suche nach sich selbst und einer weltumfassenden Komposition, die Journalistin Luisa Rey ermittelt 1973 in einem Energie-Konzern, 2012 landet ein chaotischer Verleger in einem geschlossenen Altersheim, in der relativ nahen Zukunft 2144 wird eine Duplikantin verhört, die ein Mensch werden wollte und in einer post-apokalyptischen Zeit in 2346 wird ein einfacher Hirte auf Hawai’i zum Helden.

Und natürlich kann man so etwas schon im Ansatz verreißen. Auch ich könnte es tun: Kitschig? Ja, und wie. Sinnlose Dialoge und Plot-Szenen? Na klar. Hanebüchene Klamauk-Ausreißer? Ja, besonders in der 2012-Geschichte. Mainstream und vielleicht doch zu sehr Hollywood? Ganz klar, beispielsweise hätte ich mir bei einer deutschen Produktion mehr deutsche Schauspieler gewünscht. Die Einzel-Storys für sich? Eher langweilig. Am besten noch: 1973.

Aber: „Cloud Atlas“ überzeugt als ein unglaublich beeindruckendes visuelles Gesamtwerk, welches sich nicht auf einzelnen Storylines ausruht, oder gar auf einzelnen Gesichtern. Die opulente Reise durch die Zeitgeschichte nimmt einen mit auf ein ganz großes Abenteuer, ist dabei intelligent und philosophisch (Zerstörung des Menschen, Zivilisation, Gewalt, Machtmißbrauch, freier Wille, etc.), und verbindet mehr als geschickt nicht nur verschiedene Orte und Zeiten, sondern auch Genres, und dies so flüssig, dass man es kaum wahrnimmt, und irgendwann im Kinosaal nur noch die Verbindungen der Geschichten sucht. Herausragend neben all diesen Punkten: die Maske. Was hier geleistet wird, ist schlicht großartig. Wenn Schauspieler über Altersgrenzen und Hautfarben hinweg kaum wiederzuerkennen sind, macht dies einfach sehr viel Spaß. Die Besetzung ist sowieso schon gelungen, allen voran die Nebenrollen wie Jim Broadbent, Jim Sturgess oder Hugo Weaving. Alleine schon Hugh Grant verdient sich hier Extrapunkte durch 6 unterhaltsame unterschiedliche Rollen.

„Cloud Atlas“ könnte durch seine besondere und faszinierende Erzählstruktur einer der Filme des Jahres sein. Trotz aller Schwächen bleiben die positiven Seiten bei mir in Erinnerung und zeigen dabei, dass auch das Mainstream-Kino noch überraschen kann. Anschauen lohnt sich – und die Überraschungen im Abspann, wer welche Rollen gespielt hat, sollte man sich nicht entgehen lassen.

Kino: Brave (Merida – Legende der Highlands)

Seit Ewigkeiten mal wieder in einer Sneak gewesen. Im Gegensatz zum Rest des gut gefüllten Kinos hatte ich weder Erwartungen noch irgendeine Ahnung, welcher Streifen kommen könnte. Zu meiner Überraschung lief der neueste Pixar-Disney-Film „Brave“, mit dem deutschen Titel „Merida – Legende der Highlands“. Großartige Animationen, schottische Highlands und ein toller Lockenkopf: Merida im Filmcheck.

Pixar hat im vergangenen Jahrzehnt einen solch hohen Standard im Animations-Kino erreicht, dass es schwer ist, sich selbst zu toppen. Filme wie „Toy Story„, „Wall-E„, „Ratatouille„, „Die Unglaublichen“ oder „Findet Nemo“ sind fast jedem bekannt und haben weltweit für Begeisterung gesorgt, bei Kindern sowieso, aber auch bei Erwachsenen, weil die Filme oft eine Geschichte hinter dem Kinderfilm erzählen, und außerdem durch den pixar-typischen bissigen Humor überzeugten. Gerade der letzte eigenständige Film „Up“ von 2009 war einer dieser Filme, die man vermutlich als Erwachsener mehr liebt als als Kind.

Mit Merida erscheint nun nächste Woche der 13. Pixar-Film in Spielfilmlänge, und er hat als erster Pixar-Film eine weibliche Hauptrolle.  Die Handlung spielt im 10. Jahrhundert, einer Zeit mit Rittern, Burgen, und Heldentum, und angesiedelt ist die Geschichte von Merida und ihrer Family in den grandiosen schottischen Highlands. Merida ist die, nennen wir sie im besten Sinne ungestüm, Tochter von König Fergus und Königin Elinor, und möchte weder Prinzessin sein noch sich von ihren Eltern verheiraten lassen. Statt höfischer Etikette steht ihr der Sinn nach Bogenschießen und wilden Ausritten. Als sie sich mit ihren Eltern aufgrund ihrer vorhergesehenen Clan-Vermählung streitet und dabei insbesondere mit ihrer Mutter in Konflikt kommt, löst sie mit ihrer Reaktion Chaos und Trubel im Königreich aus. Und es liegt an Merida alles wieder zu einem guten Ende zu führen: Dabei muss sie selbst ihr eigenes Band wieder knüpfen und den Zusammenhalt der Familie wiederherstellen.

Familie, das ist das überordnende Thema von „Brave“: Zusammenhalt, familiäre Werte, und Traditionen. Doch bevor die eigentliche Geschichte losgeht, entführt uns Pixar in die vielleicht schönsten Animationsmomente seiner Geschichte. Beinahe 30 Minuten lässt sich „Brave“ Zeit um Land und Charaktere vorzustellen – ohne große Worte, fast nur mit Bildkraft und Kinomagie. Wie hier Merida und ihre Welt, die schottischen Highlands, vorgestellt werden, ist einfach nur wunderschön: Man kriegt nicht genug von den perfekt animierten Welten. Hier sieht man deutlich: Pixar ist derzeit in Punkto Technik und Bildgewalt nicht zu schlagen.

Doch leider fehlt „Merida – Legende der Highlands“ etwas, was andere Pixar-Streifen oft herausragend macht: Aggressiver, bissiger Humor und tiefgehende Geschichten. Der Plot ist nicht schlecht, und irgendwie auch ganz süß – doch hier finden wir dann vermehrt Disney: Eine Kindergeschichte, anknüpfend an Märchengeschichten der Marke Grimm mit Magie, Hexen, Verwandlungen und Happy End. Keine Frage: Disney/Pixar gehen bei der Storyline auf Nummer sicher und bieten im Grunde genommen feinste Kino-Märchen-Unterhaltung, die durch tolles Timing und schöne Einfälle glänzt, aber in der mir letztlich alles viel zu vorhersehbar ist und die mich nicht so berührt, wie es beispielsweise „Wall-E“ oder „Up“ gemacht haben. Wenn wir schon beim Negativen sind: Der Soundtrack ist leider nur so halbgar, viel zu oft viel zu kitschig, etwas zuviel der schottischen Braveheart-Dudelsack-Stimmung.

Andererseits besticht „Brave“ genau wie andere Pixar-Werke durch diese großartigen Charaktere, die schon durch ihre grotesken Zeichnungen alles verraten. Dabei sind hier vor allem natürlich Merida selbst und ihre Brüder zu erwähnen, aber im besten Sinne auch ihr Vater und die anderen Clan-Anführer. Technisch ist der Film hier einfach perfekt. Schon alleine Meridas rote Locken sind es eigentlich wert ständig anzuschauen. Bezaubernd!

Pixar dürfte mit „Brave“ (der anfangs des Abspanns übrigens dem verstorbenen Steve Jobs gewidmet wird) sicherlich wieder den besten Animationsfilm des Jahres geschaffen haben – gelungene Charaktere (heimlicher Star ist sicher Meridas Vater Fergus), eine grandiose Optik und einfallsreiche Gags dürften dies garantieren. Andererseits kommt er nicht ganz an einige frühere Meisterwerke heran.

Wer sollte sich „Merida“ ansehen? Sowieso alle Animations- und Pixarfans, hier überdies aber auch vor allem Disney-Lieblinge, die auch bei Kitsch gerne hinschauen. Letztlich ein perfekter Familien-Unterhaltungsfilm, mit teils überragenden visuellen Momenten, nicht mehr – aber auch nicht weniger. Hier entlang gehts zum deutschen Trailer.

(Bildcopyright: Pixar Animation Studios.)

Referees at work: „Wir sind nicht Gott“

Zwei bemerkenswerte, schon etwas ältere Dokumentationen über Schiedsrichter sind online anzusehen und zu bestaunen. Ein tiefer Einblick in das Leben von Profischiedsrichtern und den Umgang mit Fehlern. Für Fußball-Fans Pflicht, für alle anderen höchst sehenswert.

Cover der Dokumentation referees at work, Howard Webb, etcSchon viele Jahre fällt mir der allzu harte Ton gegenüber Schiedsrichtern auf. Sei es beim Fußball-Schauen vor dem TV, beim eigenen Kicken oder als Fan live im Stadion: Irgendeiner schimpft immer über die Leistung des Schiedsrichters, irgendeiner provoziert, früher oder später fallen Schimpfwörter – ganze Niederlagen werden immer mehr auf den Schiedsrichter geschoben. Zuletzt beim EM-Spiel der deutschen Mannschaft im Halbfinale gegen Italien: Verdient ausgeschieden, und trotzdem ist das Web voll von Aussagen wie „Scheiss Schiri“ oder „Total verpfiffen worden„.

Schiedsrichter haben in dem durchkommerzialisierten Fußballgeschäft den vielleicht schwierigsten Job überhaupt: Als einzigem Akteur auf dem Platz lässt man Ihnen keinen Spielraum für Fehler, ein einziger Fehler kann über ganze Karrieren entscheiden. Die Dokumentation „Referees at work“ durfte erstmals – von der UEFA unterstützt – Schiedsrichter während einem großen Turnier, der Euro 2008, aufnehmen, Blicke hinter den Kulissen zeigen, ganz einfach: Die Mensch hinter dem Schiedsrichtergespann zeigen. (Und so wird aus dem eher grimmigen Howard Webb ein sympatischer Brite, mit dem man gerne mal ein Bier trinken würde.)

Als absolutes Highlight der Dokumentation durften die Produzenten die Funkgespräche während der Spiele aufzeichnen: Dies bietet unglaublich gute Einblicke in die Arbeit eines Schiedsrichtergespannes – und lässt Fehler oder strittige Entscheidungen oft in anderen Augen erscheinen. „Was fühlen Schiedsrichter, wenn sie durch eine einzige Fehlentscheidung den massiven Druck der Öffentlichkeit, Verunglimpfung in den Medien oder gar Morddrohungen erleiden müssen? “ Das sind die Fragen, denen sich die Doku stellt, ohne nur ein einziges Mal auf einen Off-Kommentar zurückzugreifen.

Eine ganz phantastische Dokumentation, die in voller Länge online ist, und nur darauf wartet, von Euch angesehen zu werden: Referees at work – Schiedsrichter im Fokus.

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Ganz passend dazu auch ein weiterer, kürzerer Film, der sich um Martin Hansson dreht. Hansson? Genau, der schwedische Schiedsrichter, der Henrys „Hand Gottes“ übersah, und Irland die WM-Teilnahme „kostete“. Die Doku begleitete den Referee schon das ganze Jahr, und so wird besonders deutlich, wie sich ein einziger Fehler auf einen Menschen auswirken kann. „The Referee“, hier auch komplett:

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Wir müssen akzeptieren, dass Schiedsrichter genauso Fehler machen wie die Spieler!“. Wie jeder Mensch. Wie wir alle. Dies sollten wir immer im Hinterkopf, wenn wir uns mal wieder zu sehr über eine Fehlentscheidung aufregen. Im Stadion, vor dem Fernseher, erst Recht in Medien – und auch in der Kreisklasse auf dem Ascheplatz am ArschderWelt bei dem älteren Herrn der Spiele aus dem Stand pfeifft.

(via TrainerBaade.)

Kurz-Kinoreview: Dame König As Spion (Tomas Alfredson, 2011)

Februar 25, 2012 1 Kommentar

Während der Rest der Welt Stadt Karneval Fassenacht feierte, habe ich mal wieder unser kleines Programmkino besucht und inmitten von vielen älteren Menschen die Verfilmung des John le Carré-Beststellers ‚Tinker Tailor Soldier Spy‘ angesehen. Der Film von Regisseur Tomas Alfredson feiert mit einer Traumbesetzung das Agentenkino der Siebziger. Hier ein kurzes Review.

Die Handlung dieses Thrillers führt uns ins England des Jahres 1973. Es herrscht kalter Krieg. Innerhalb der 5-köpfigen Führungsriege des „Zirkus“ (der britische Geheimdienst MI5) gibt es einen Maulwurf, der wertvolle Informationen an die Russen verkauft. Meisterspion Smiley (Gary Oldman) wird auf die Fährte des Maulwurfs gesetzt. Der ruhige, melancholische Smiley muss dabei nicht nur gegen seinen Geheimdienst arbeiten, sondern bekommt es immer wieder mit seinem russischen Gegenüber ‚Karla‘ zu tun.

Dame König As Spion‚ ist dabei ein meisterhaft inszenierter Thriller, der einen absolut perfekten Look der Siebziger Jahre abgibt – keine dämlichen Retro-Hosen und bunten Hippiezeiten. Nein, über 2 Stunden ist der Film dunkel, düster, atmosphärisch schwarz-grau gehalten, hinterlässt dabei stets einen glaubhaften Eindruck der Geheimdienst-Verhältnisse, und wirft einen deutlichen Blick hinter die Machenschaften des kalten Krieges, in eine Welt voller Mißtrauen, Angst, innerer Widerstände und Neid. Dabei gefallen mir neben den toll inszenierten Bildern und der Ausstattung vor allem die dezente Filmmusik und die herausragende Besetzung. Bis in die kleinsten Nebenrollen Hochkaräter (toll: Colin Firth), mit Benedict Cumberbatch (Sherlock!) einen aktuellen Shootingstar und in der Hauptrolle einen grandiosen Gary Oldman (der hier wohl einen Oscar verdient hätte).

Leider verwirrt die Erzählweise des Plots doch anfangs sehr, einzelne Charaktere werden ohne Gesicht vorgestellt, die Handlung springt (mit Rückblenden) schnell – und oftmals treibt das Geschehen zu langsam auf die (gelungenen) Pointen zu. Aber sicherlich: Das ist ganz im Stil der alten Agentenfilme wohl auch absichtlich so. Und deshalb überwiegt am Ende ein gutes Gefühl. Alfredsons Umsetzung von Tinker Tailer soldier spy ist interessant und gelungen und bietet einen spannenden Blick in die Welt der Agenten des Kalten Krieges. Einen Actionfilm darf man hier aber sicherlich nicht erwarten, zu 95% arbeitet der Film mit Dialogen und langen Kameraeinstellungen. Für Fans des old-school-Thriller doch sicher ein Muss.

Kinoreview: Drive (Nicolas W. Refn, 2011)

Januar 18, 2012 3 Kommentare

Ganz selten ist es geworden, dieses Gefühl aus dem Kino zu kommen und überrascht zu sein. Positiv überrascht über einen großartigen Streifen, den man trotz aller Vorschußlorbeeren irgendwie unterschätzt hat. „Drive“ vom dänischen Regisseur Nicolas Winding Refn hat das Zeug zum Kultfilm.

Es ist Montag, Premierentag im Mainzer Programmkino Capitol. Das Kino ist voll. Und noch schöner: Drive läuft in der Originalversion.

Man hätte aus dem Plot von „Drive“ ziemlich einfach einen schnellen, harten Action-Thriller drehen können. Sicher wäre da auch mehr Geld drin gewesen, doch glücklicherweise entscheidet sich Nicolas Winding Refn dafür, diesen Film anders zu filmen. Ganz anders.

Ryan Gosling spielt den „Driver“, der im Film tatsächlich keinen Namen hat (selbst in den Credits nur als „Driver“ aufgeführt), einen Stuntman in Hollywood, der so gut ist, dass er nachts gerne als Fluchtfahrer angeheuert wird. Eine dieser Fuchtszenen ist die Opening-Sequenz: Gesprochen wird nichts, es läuft nur der Polizeifunk. Schon hier können wir zwei Dinge erahnen: Der „Driver“ ist gut und die Atmosphäre der Kamera-Aufnahmen perfekt. Dann die Credits (in konsequent hässlicher Pink-Farbe) und Einsetzen des Soundtracks. Mit „Nightcall“ von Kavinsky fahren wir mit Ryan Gosling durch L.A. – und lernen ihn etwas besser kennen: einen Mann ohne Bindung, ohne menschliche Bedürfnisse, ohne Freunde oder Familie. Doch als er seine Nachbarin Irene (die wunderbare Carey Mulligan) und ihren Sohn kennenlernt, ändert sich sein Leben radikal. Irgendwann steht er ziemlich mit dem Rücken zur Wand – und es zählen nicht mehr nur die Fahreigenschaften.

Große Action-Szenen und wilde Verfolgungsjagden? Ja, gibt es. Sind sogar großartig, aber der Film ruht sich von Anfang da nie drauf aus, im Gegenteil: Sie sind nur das Mittel zum Zweck, im Vordergrund stehen unglaublich verlangsamte Momente, unterlegt von einem umwerfenden Soundtrack und einem Ryan Gosling, der gefühlt nach 15 Minuten die ersten Worte spricht und diesen „Driver“ mit einer bewundernswerten Körperbeherrschung spielt, und dabei sein Gesicht oft mehr sagen lässt, als es Worte je könnten.

Ganz kurz dachte ich zwischenzeitlich, dass es mir etwas zu lahm und zu langweilig wird. Doch erst hinterher versteht man: Dieser langsame Aufbau ist enorm wichtig, damit sich die geballte Explosion des Filmes so intensiv anfühlt. Und dieses Gefühl ist nahezu perfekt. Da gibt es diese Szenen, in denen ich am liebsten aus meinem Kinosessel gesprungen wäre und lauthals jubiliert hätte. Soviel Kino war lange nicht mehr und hat mich in dieser Hinsicht ziemlich vom Hocker gerissen.

Dieser Song hier sagt schon so viel über „Drive“ aus: „There’s somehting inside you… It’s hard to explain…“

Schon lange haben mich die Bilder eines Filmes nicht mehr so geflasht: Die Atmosphäre, die Kameraeinstellungen- und Fahrten, die Farben, diese Eindringlichkeit. Alles unterlegt von einem wohldosierten, phantastischen Soundtrack. (Auch der Score von Cliff Martinez ist sehr gelungen.)

Ihr merkt: Ich bin schwer begeistert. „Drive“ ist ein Filmerlebnis, wie ich es persönlich lange nicht hatte, und könnte sich dank seiner eindrucksvollen Optik langfristig als einer meiner Lieblingsfilme etablieren. Hier steht ein Satz, den ich einfach mal dreist zitiere und als Fazit im Raum stehen lasse:

I can’t remember — honestly — the last time I was so utterly engaged with a thriller, so wowed by an action film, so seduced by a brand-new universe.

In Deutschland startet der Film offiziell am 26. Januar – Unbedingt anschauen (Perfekterweise in der OmU gucken, alleine für Gosling und Bryan Cranston (!) lohnt sich das.).

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