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Besuch in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau – touristische Sehenswürdigkeit oder wichtige Bildung?

November 20, 2013 1 Kommentar

Etwa 1,1 Millionen Menschen wurden im größten deutschen Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau ermordet. 1100000. Eine unvorstellbare Zahl, die für mich auch nach so vielen Jahren Beschäftigung mit Geschichte abstrakt blieb. Beim Besuch des Vernichtungslagers im heutigen Polen bekommt der Schrecken des Holocausts ein Gesicht. Doch Auschwitz ist auch zu einer Touristenattraktion geworden. Ist das schlecht oder wichtig für uns? Einige Gedanken und Photos von mir zu Gedenkstätten und ihrer Wichtigkeit.

Auschwitz-Birkenau Gedenkstätte

Immer wieder stellt sich die Frage, wie viel Bildung und Unterricht wir im Bereich Holocaust noch benötigen. Schüler maulen schon einmal gerne: „Schon wieder Drittes Reich?“ oder „Das haben wir jetzt schon so oft gemacht“. Auch deshalb wurden in vielen Kernlehrplänen deutscher Bundesländer im Fach Geschichte die Thematik „Nationalsozialismus“ etwas verringert. Aber ist dies zeitgemäß?

Gerade in diesem Jahr erleben wir besonders hartnäckig den Aufschwung von rechtspopulistischen Parteien in ganz Europa: In nahezu allen westlichen Ländern Europas sind rechte Parteien integraler Bestandteil der Politik, in Frankreich und den Niederlanden stellen sie die jeweils stärksten Parteien. (Besonders diese wollen nun auch verstärkt Europa „spalten“.) Auch in Deutschland schafft eine rechtspopulistische Partei fast den Einzug in das Parlament. Ich möchte hier gar nicht den (sicherlich tief liegenden) Ursachen dieser Bewegungen nachspüren (das haben andere sowieso schon besser gemacht), sondern fragen (auch mich selbst), wie wir als Menschen, Lehrer, Eltern oder Freunde mit Gedenkstätten wie in Auschwitz erinnern können – erinnern, dass sich diese Geschichte nicht wiederholt und wir uns der Tragik und dem Horror der Shoah immer bewusst sind.

Auschwitz -Arbeit macht frei

„Your aim is to educate young people from every background about the Holocaust and the important lessons to learned for today.“ (HET).

„Discrimination isn’t dead. These people were humans and it could happen again. It wasn’t that long ago.“ (Sammye Whitbread, Student)

It makes it much more real. When you see hair and possesions you realise they are real people who died.“ (Beth Mannig, Student)

Diese Zitate las ich neulich in der Huffington Post („Auschwitz-Birkenau And Holocaust Horrors Taught To Students To Ensure Future Generations Never Forget„), und ich fand sie sehr aufschlussreich: Sie drücken auch meine Gedanken zu diesem schweren, unbegreiflichen Thema aus und zeigen, dass auch Schüler und Studenten die Wichtigkeit der Holocaust-Bildung verstehen können – wenn sie denn ein Konzentrationslager und die dortigen Taten mit eigenen Augen sehen und verstehen.

Auschwitz Stacheldraht

Mein Besuch in der heutigen Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau startet merkwürdig: Es ist ein bisschen wie in einem großen Freizeitpark und unterscheidet sich kaum von anderen großen europäischen Sehenswürdigkeiten. Zahlreiche Reisebusse, herumirrende Touristen, Souvenirshops und Kiosks mit Süßigkeiten, Gedrängel an den Kassen und vor dem Eingang. Ich fühle mich unwohl, und wäre gerne alleine. Auschwitz heute ist (leider) auch eine riesengroße touristische Sehenswürdigkeit mit tausenden Besuchern pro Tag. Es ist mir eigentlich schon beim Start der Führung alles etwas zuviel: zuviele Menschen, zuviel Gewusel, vor allem zu wenig Ruhe und Einkehr angesichts dessen, was uns Besucher erwartet.

Doch das Bild ändert sich rasch. Mit dem Durchschreiten des „Arbeit macht Frei“-Bogens und dem richtigen Beginn der Führung ist es blitzartig ruhig. Teilweise gespenstisch ruhig. In den Katakomben, Einrichtungen und ganz besonders den Gaskammern schieben sich hunderte, tausende Menschen durch die Gänge und es ist dennoch unglaublich still. Stille, die einen bedrückt und teilweise tief bewegt und in Gedanken zurücklässt. In den Räumen des Museums, in denen die Haare, Schuhe oder Kleidung der Opfer aufgestapelt sind, ist die Trauer und die Beklommenheit von uns Besuchern fast mit Händen greifbar. Es fasziniert mich: Viele Schülergruppen sind an diesem Tag mit mir dort, über Stunden (allein die Führung dauerte 3,5 Stunden) wird kaum bis gar nicht gesprochen.

Auschwitz Todesgraben

Man spürt förmlich, wie hier Geschichte lebendig wird. Der Stacheldraht, die Einrichtungen, die Gebäude, die Bilder: Alles ist da. Es ist wirklich passiert, hier an dieser Stelle. Hier wurden Menschen ermordet – nur aufgrund ihrer Rasse, ihrer Religion, ihrer politischen Zugehörigkeit oder ihrer sexuellen Orientierung. Nur aufgrund von Hass und politischem Wahn.

Trotz all diesem bleibt es unwirklich, fast unglaublich. Dieser Gedankengang – und ich bin mir sicher, dass dies so ähnlich jedem durch den Kopf geht – ist so wichtig, denn hier findet ein Lernprozess statt. Mir zeigt es, wie wichtig solche Gedenkstätten auch und gerade heute für meine und jüngere Generationen sind. Hier wird aus der Touristenattraktion plötzlich eine Bildungseinrichtung und eine authentische Begegnungsstätte mit dem Holocaust.

Auschwitz- HALT!

So können Gedenkstätten wie das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau (hoffentlich) dazu beitragen, den Hass und die täglichen Diskriminierungen auf der Welt zu reduzieren. Zustimmen kann ich in diesem Zusammenhang einem Beitrag für die „The Jerusalem Post„. Shimon Ohayon spricht sich dafür aus, Holocaust-Unterricht als Gegenpart zum aufkommenden Rechtspopulismus in Europa zu nutzen: „Europeans must remember this dark chapter of history because there are events taking place every day which are eerily reminiscent of the National Socialists’ amassing of political power leading up to the Holocaust. Europeans must be taught the past so they can stand in the way of these groups in ways that their ancestors did not, before it is too late.“

Das Lernen aus der (NS-)Geschichte hat erst begonnen und NS-Ideologien sind leider noch immer in unserer Gesellschaft tief verankert (siehe dazu auch den wieder gesellschaftsfähigen Antisemitismus). Und genau daher muss es unsere Aufgabe sein, besonders jungen Menschen dieses dunkle Kapitel der Menschheit mit all seinen Facetten zu vermitteln. Damit wir und sie niemals vergessen. In dieser Hinsicht ist besonders auch Auschwitz-Birkenau ein unglaublich wichtiger Bildungsort und eben nicht „nur“ Sehenswürdigkeit.

Auschwitz Schonungsblock

Auch aus diesem Grund erachte ich es als wichtig, heute und in Zukunft immer wieder mit kleinen Denkanstössen zu arbeiten, neue Bildungswege in diesem Bereich zu erarbeiten und kleine Projekte wie beispielsweise die Stolpersteine oder @9nov38 zu unterstützen und zu beachten.

Auch das Museum selbst ist auf einigen Social Media-Kanälen (z.B. Facebook und Twitter) unterwegs und trägt auf diese Weise dazu bei, das in einer immer schnelllebigeren Welt die Erinnerungen an den Holocaust erhalten bleiben. Ich kann den Besuch der polnischen Gedenkstätte jedem nur ans Herz legen. Es ist gleichzeitig traurig und lehrreich, es ist bedrückend, aber fördert genau dadurch unser Bewusstsein für Geschichte und trägt zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Mitmenschen bei.

Auschwitz wall of death

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Berlin, die Kulturmetropole

September 10, 2010 3 Kommentare

Ein ausländischer Musiker kommt nach Deutschland. Wo wird er mindestens spielen? In Berlin. Eine skandinavische Band ist auf Europatournee. Wo hat sie ihren einzigen Deutschland-Auftritt? In Berlin. Gute Techno-Clubs sind rar. Wo gibts gleich ein Dutzend davon? In Berlin. Wo findet man als Politik- und Geschichtsinteressierter Mensch Museen und Ausstellungen zuhauf? In Berlin. Wo werden tolle Musicals wie die Blue Man Group aufgeführt? In Berlin. Wo gibt es eine eigene Insel für tolle Museen, welche UNESCO-Weltkulturerbe sind? In Berlin. Die Liste  hier könnte man lange weiterführen. Theater, Museen, Opern, Musicals, Konzerte, Ausstellungen, Premieren, Festivals, Clubs, Galerien: Berlin hat wirklich alles im kulturellen Sinne. Kein Weg geht an Berlin als Kulturmetropole vorbei.

Geht es Euch nicht manchmal genauso? Ihr würdet gerne eine Band live sehen, und diese ist – mal wieder – in Detschland nur in Berlin zu begutachten. Mir passiert es ständig: Ich erfahre von irgendetwas Großartigem – sei es Museum, Ausstellung, Clubnacht oder Konzert – und lasse kurz später den Kopf hängen, weil es nur in Berlin stattfindet. Bevor man das falsch versteht: Das ist ja auch in erster Linie großartig, dass es alle diese Kultur-Programme/ Konzerte überhaupt gibt! Nur als Student ist es oftmals schade, wenn sie als Mainzer unerreichbar weit weg erscheinen. Mal eben schnell für einen Abend nach Berlin ist den Social-Media-und SEO-Gurus vorbehalten, die dafür auch noch bezahlt werden.

Auch Mainz ist wundervoll, in einer völlig eigenen Art viel schöner, lebendiger und vor allem hundertmal charmanter als Berlin. Ich lebe gern in dieser Stadt, ich liebe diese Stadt. Aber kulturell gesehen kommt wohl in Deutschland niemand an Berlin vorbei (Vermutlich müsste man das eher auf Europa ausweiten – Die Bandbreite an kulturellen Möglichkeiten erscheinen mir nur wenige Metropolen zu toppen, evtl. London oder Paris). Das ist einerseits als Hauptstadt und der mit Abstand größten deutschen Stadt nur allzu richtig, auf der anderen Seiten schade für andere Regionen. So können kleine Städte wie Mainz ja allein schon aus finanziellen und fördertechnischen Gründen mit diesem Angebot nicht mal ansatzweise konkurrieren. Und in Berlin kommt es zu einem Overkill an kulturellen Möglichkeiten.

Ich war in der vergangenen Woche ein paar Tage in Berlin und Umgebung (Umgebung heißt: Hotel in Potsdam) und konnte mir mal wieder persönlich das große Angebot anschauen. Anhand der puren Masse an Informationen bräuchte man aber vermutlich 2 Wochen, um annähernd auch nur die wichtigsten und größten Museen und Ausstellungen zu besuchen. Und dann bräuchte man noch einmal 2 Wochen um angesagte Clubs, Konzerte oder Lesungen mitzunehmen. Ganz abgesehen von nahezu wöchentlichen Messen oder bedeutenden Konferenzen. Kurz und gut: Ich beneide Berlin und seine Einwohner um die vielfältigen Möglichkeiten. Aber: Schöner ist es trotzdem hier. 😉

Was habe ich mitgenommen aus diesen Stunden Berlin? Vor allem jede Menge Geschichtliches und Politisches. Liegt aber vor wohl im persönlichen Interessenfeld. Man könnte genauso gut 4 Tage durchfeiern (was sich ja auch wirklich aktuell zu einem interessanten Trend entwickelt).

Empfehlen möchte ich vor allem 2 Ausstellungen:

Zum Einen das noch recht frische Dokumentationszentrum „Topographie des Terrors.“ Hier wird anhand von vielen Photos, Graphiken und Texten die Gewalt von SS, Gestapo und Polizei zwischen ’33 und ’45 im Allgemeinen verdeutlicht. Außerdem geht diese Ausstellung etwas gezielter auf verschiedene Opfergruppen der NS-Zeit ein. Wer sich mit diesem Thema insgesamt noch nicht viel beschäftigt hat, dürfte hier auf vieles Interessante stoßen, für Geschichtsbegeisterte sollte es sowieso mal Pflicht sein – auch um sein Wissen etwas aufzubessern.

Zum Anderen das wohl viel bekanntere Holocaust-Denkmal in der Nähe des Brandenburger Tores. Das berühmte Stelenfeld ist heiß diskutiert worden: Ich finde es gut! Aber empfehlen möchte ich vor allem das Informationszentrum UNTER dem Denkmal. Dort findet sich eine sehr intensive, teilweise arg berührende, persönliche Dokumentation des Holocausts. Vor allem ausgearbeitet an einigen wenigen Familien führt ein didaktisch gut gemachter Audioguide durch die 5 Räume. Bewegend. Still und unscheinbar – und doch für mich das prägende Berlinerlebnis dieses Mal.

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Werde wiederkommen. Hab in den Tagen noch zu wenige Museen aufgesucht (Das Filmuseum Berlin ist übrigens nicht so prägend, kann man gut weglassen) und nicht einen Club aufgesucht. Hah, da staunt ihr! Wird dann im Januar nachgeholt…

Edit: Eigentlich müsste ich doch nach Berlin ziehen, weil quasi ständig IRGENDETWAS ist, was mich reizt. Heute wäre es zum Beispiel das Berlin Festival mit seinem ziemlich perfekten Lineup gewesen. Oder Anfang November die BerlinMusicDays mit einzigartigem Charakter. Oder oder oder. Naja, vielleicht auch ganz gut so: Mit dem Blick aufs Studentenkonto 😉

Die katholische Kirche und ihre Verfehlungen

Februar 18, 2010 10 Kommentare

Vorweg zu allererst: Ich bin evangelisch durch und durch, aber habe nichts Grundsätzliches gegen die katholische Kirche. Weder bin ich einer dieser strikten Anti-Katholizismus-Menschen, noch habe ich persönlich wirklich schlimme Erfahrungen mit der katholischen Kirche gemacht (außer vielleicht dem 9-jährigen Besuch einer Klosterschule 😉 ). Im Gegenteil: Ich habe schon oft katholische Gottesdienste besucht, habe katholische Freunde – und nicht zuletzt eine katholische Theologiestudentin als Freundin. 😉 Ich halte es generell also eher ökumenisch und hoffe mit den Wise Guys, dass evangelisch und katholisch irgendwann kein Unterschied mehr ist. Aber immer wieder stößt mir die katholische Kirche mit ihren Aussagen böse auf. Sei es der Vatikan selbst, oder ihre zahlreichen Stellvertreter, wie Bischöfe, Priester oder erzkatholische Gruppen. Mir ist natürlich auch bewußt, dass nicht alle Katholiken diese Aussagen gut heißen, aber lange habe ich zu diesem Thema geschwiegen, nun werde ich mir mal einige Themen der katholischen Kirche bzw. ihrer konservativen Gruppen vornehmen.

Der Funke am Pulverfass waren jetzt zwei Punkte: Zum einen die neuerlichen Aussagen des Bischofs Mixa aus Augsburg, und zum anderen eine heftige Diskussion mit einer resoluten Katholikin, die wirklich alles glaubt(e) und selbst den größten Unfug der Kirche noch irgendwie versuchte zu rechtfertigen. Diese naive Art zu „Glauben“ (und das hat für mich nicht wirklich etwas mit Glauben zu tun) machte mich völlig fertig: Ich durfte mir irgendwelchen unsinnigen Geschichten über das „echte“ Blut Jesu auf einem relativ neuen Tuch anhören (nein, nicht das Turiner Grabtuch!), oder musste mir erklären lassen, dass der Wein beim Abendmahl das echte Blut Gottes ist. Auf meine leicht ironische Erklärung, dass in unserer Gemeinde der Abendmahlswein aus unserem Weinkeller kommt, meinte sie immer lauter werdend, dass ich ja gar nichts verstehen würde, dass der Wein bei der Segnung ja zum Blut werden würde, und wenn man ihn trinken würde, wäre dies das echte Blut von Gottes Sohn. Die Diskussion um Realexistenz oder Erinnerung habe ich dann mal schlicht umgangen, weil es mir unmöglich erschien, mit dieser Dame weiter zu diskutieren.

Aber kommen wir zu Bischof Mixa, deren Aussagen wohl auch für den nichttheologischen Leser etwas besser zu verstehen sind.

Bischof Mixa, (c) dpa

Diesmal also Verharmlosung von sexuellen Übergriffen auf Kinder. Und klar, Schuld daran sind nicht die Pfarrer/Prieser/Lehrer selbst, sondern natürlich die sexuelle Revolution – passt ja so gut, da es ja sowieso ein Reizthema der katholischen Kirche ist. Im Wortlaut:

„Die sogenannte sexuelle Revolution, in deren Verlauf von besonders progressiven Moralkritikern auch die Legalisierung von sexuellen Kontakten zwischen Erwachsenen und Minderjährigen gefordert wurde, ist daran sicher nicht unschuldig.“ (Mixa, Februar 2010)

Das ein Mann der Kirche überhaupt bei Kindesmissbrauch nach Ausreden sucht, ist im Grunde genommen schon der eigentliche Skandal. Warum kann sich ein solcher Bischof nicht mal hinstellen, und das aus tiefer Überzeugung vehement verurteilen? Warum wird selbst in einer ziemlich aufgeklärten Gesellschaft 2010 nicht eher über die Abschaffung des Zölibat diskutiert, als weiterhin darüber hinwegzutäuschen, dass da die Ursachen liegen? (Man mag diesen Gedankengang kaum zu Ende denken…). Dass er dann einer scheinbaren sexuellen Revolution den Miesepeter zuschiebt, ist das berühmte i-Tüpfelchen. Aber das kennen wir ja von der katholischen Kirche: Sex, AIDS, Abtreibungen und natürlich die Homosexualität sind ja das Lieblingsfeindthema aller offiziellen Stellen der katholischen Kirche. So auch ein weiteres Zitat aus dem reichen Schatz der Mixa-Aussagen, hier vergleicht er vor einem Jahr Abtreibungen mit den Vergasungen im 2. Weltkrieg. Der Holocaust sei ja „ein schweres Verbrechen“, aber:

„…die Zahl der sechs Millionen getöteten Juden ist inzwischen durch die Zahl der Abtreibungen überschritten worden.“ (Mixa, 25.Februar 2009)

Dieses Zitat muss man nicht kommentieren. Es verschlägt einem höchstens die Sprache und den Glauben an die Intelligenz dieses Menschen. Dass sich nach diesem Zitat viele jüdische Organisatoren beschwert haben, liegt auf der Hand. (Hier ein Interview mit dem Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinden Bayerns in der SZ.)

Richtig laut und bunt wurde es, als sich Mixa im April 2009 gegen alle Atheisten wandte und eine gottlose Gesellschaft als „Hölle auf Erden“ bezeichnet, und damit indirekt aber doch sehr bestimmt einen Zusammenhang zwischen Nicht-Glauben und Gewalt herstellt:

„Die Unmenschlichkeit des praktizierten Atheismus haben im vergangenen Jahrhundert die gottlosen Regime des Nationalsozialismus und des Kommunismus mit ihren Straflagern, ihrer Geheimpolizei und ihren Massenmorden in grausamer Weise bewiesen“ (Mixa, April 2009)

Das ist nicht nur überaus bedeutungsschwanger, sondern vor allem auch schlichtweg falsch: Gerade der Nationalsozialismus hat ja eindeutig unter dem Deckmantel des Christentums operiert und den Juden „Gottlosigkeit“ vorgeworfen. Letztlich will Mixa hier nur eins: Darüber hinwegtäuschen, dass auch unter der Flagge der Kirche Gewalttaten verübt worden sind / aktuell verübt werden / immer verübt werden. Bischof Mixa ist mit solchen lächerlichen ungeheuerlichen Aussagen aber leider nicht der Einzige, er tritt vielmehr das Erbe von Bischof Dyba an. Dyba? Kennt den noch jemand?

Dyba (strunze.net)

Schon etwas älter, aber doch immer noch mehr als präsent ist Bischof Dyba, der auch immer wieder gerne zeigte, wie er dachte. Er wurde vor allem bekannt als rigoroser Bekämpfer der „Schwulengemeinde“ und als Vorkämpfer gegen die gleichgeschlechtliche Partnerschaft (damals von der Rot-Grünen Regierung diskutiert). Als eine Aids-Initiative in seinem Dom demonstriert, nennt er sie „ein paar hergelaufene Schwule“.

In diesem Beitrag der Panorama-Reihedes Ersten erklärt er, was er jungen Priestern mit auf den Weg gibt: (Außerdem wird hier von Kindesmißbrauch erzählt, auch von Augenzeugen, Dyba wusste davon und die Verdächtigen wurden viel zu lax bzw. gar nicht bestraft…)

Das sind wie andere eben widernatürliche Anlagen, die kann man nicht ausleben. Und ich sage unseren Priesteramtskandidaten ganz klar: Wer diese Veranlagung hat, möge nicht zur Priesterweihe hinzutreten, weil wir zu Priestern nur Männer weihen wollen, die ohne weiteres gesunde Familienväter sein könnten.“ (Dyba)

Dyba und Mixa stehen für einen erzkonservativen Glauben, der mir als wissenschaftlich geprägten Studenten schwer fällt überhaupt zu begreifen, wie man so etwas sagen kann. Das diese beiden Bischöfe Deutsche waren/sind, macht dies unter dem Vorbehalt des Nationalsozialismus nur schlimmer. Das ein deutscher Papst diese beiden Bischöfe toll findet, und ganz ähnliche Dinge äußert, passt wunderbar in diesen Rahmen. Hier an dieser Stelle nochmal ein ausdrückliches Statement, dass ich mir bewußt bin, dass es eine Menge Katholiken gibt, die diese Themen anders sehen, und mit denen man auch darüber sachlich diskutieren kann, aber das diese Aussagen von oberster Stelle kommen bzw. abgesegnet werden, lässt mich zu dem Schluss kommen, dass die katholische Kirche eine dringende Renovierung ihrer Werte notwendig hätte. Gut sichtbar wird dies auch in den konservativen Splittergruppen der katholischen Kirche, allen voran der Pius-Bruderschaft. Dass Papst Benedikt deren Exkommunikation im Jahre 2009 aufgehoben hat, zeigt nur, auf welchem Weg sich die Kirche unter ihrem aktuellen Papst befindet.

Allen voran Bischof Williamson, mittlerweile weltweit bekannt als Holocaustleugner, hat sooft sprachlich daneben getreten, dass man sich wundert, dass er noch nicht im Gefängnis schmort. Hier nochmal das berühmte „Holocaust-Zitat von 1989:

„Dort wurden keine Juden in den Gaskammern getötet! Das waren alles Lügen, Lügen, Lügen! Die Juden erfanden den Holocaust, damit wir demütig auf Knien ihren neuen Staat Israel genehmigen. […] Die Juden erfanden den Holocaust, Protestanten bekommen ihre Befehle vom Teufel, und der Vatikan hat seine Seele an den Liberalismus verkauft.“

Dieses Zitat hat er ja immer wieder bekräftigt, und auch 2010 nochmal betont, dass die ermordeten Juden eine Riesenlüge wären. Beim Schreiben dieses Blogs und der Recherche nach den genauen Zitaten merke ich selbst nochmal, wie unfassbar das ist. Da versuche ich meinen Schülern im Geschichtsunterricht den Holocaust und seine Schrecken zu erklären, es gibt Demonstrationen gegen Rechts und ausländerfeindliches Denken, es gibt Mahnmale und Erinnerungsorte an den Holocaust und dann kommt da ein einflussreicher Bischof, und behauptet einfach mal, dass alles eine Riesenlüge wäre. Das ist so unfassbar und unglaubwürdig, dass man das eigentlich nicht kommentieren müsste – muss es aber dann doch, weil die katholische Kirche nicht in der Lage ist, diese einzelnen Meinungen vehement zu widerlegen, zur ihrer und zur allgemeinen Geschichte zu stehen und schließlich auch sich aktiv dafür einzusetzen, dass solche Äußerungen nie wieder vorkommen.Und natürlich so etwas wie Faschismus nie wieder vorkommt. Aber Nein, stattdessen Ausflüchte, Ausreden, milde Strafen und weiter gehts.

Richard Williamson (tz-online.de)

Als wäre der Holocaust noch nicht genug der Aufregung, vermag es Williamson immer wieder irgendetwas zu finden, was er seiner Meinung nach zu Recht verbieten will. Eines meiner „Lieblingszitate“ ist dann folgendes, welches sicher lustig wäre, wenn es nicht so ernst gemeint wäre:

„Aufgrund aller Arten von naturgegebenen Gründen sollte nahezu kein Mädchen zu irgendeiner Art Universität gehen. […] Man braucht keine Universität, um das meiste von dem zu lernen, was Mädchen unterrichtet zu werden brauchen, zum Beispiel Hauswirtschaft, Einrichtung und Unterhalt eines Heims, Pflege und Erziehung der Kinder, die geistige und soziale Vorbereitung auf die Ehe. […] Dass Mädchen die Universität nicht besuchen sollten, ergibt sich aus der Natur der Universität und der Natur der Mädchen. Echte Universitäten stehen für Ideen, Ideen sind nichts für richtige Mädchen, demzufolge sind echte Universitäten nichts für richtige Mädchen.“ (September 2001)

Die Piusgemeinschaft setzt sich außerdem immer noch für einen Staat ein, in dem die Todesstrafe gilt, in dem Pornographie, Homosexualität, Ehescheidung und Abtreibung verboten sind. Mehr zu diesen schönen Absichten findet man unter „Lehre“ auf der offiziellen Präsenz der Piusgemeinde.

Man könnte nun noch zahlreiche andere Zitate von hochrangigen Vertretern der Kirche zeigen, einschließlich dem Papst selbst, aber bis hierher habe ich schon mehr geschrieben als ich ursprünglich wollte, und ich muss zumindest noch kurz eine Seite im Netz vorstellen, deren Ungeheuerlichkeit auf Dauer quasi alle Zitate der drei Bischöfe oben übertrifft, und auch in ihren Kernaussagen noch schlimmer ist: kreuz.net.

Schaut Euch diese Seite mal genauer an, lest ein bisschen quer und drüber. Lasst es kurz wirken!

Nie zuvor habe ich eine deutschsprachige Seite gesehen, die zu mehr Unsinn aufruft als diese „katholische Nachrichten“: Ablehnung der Abtreibung und der Euthanasie, Ablehnung der Homosexualität, Befürwortung des katholischen Traditionalismus, kritische Berichte über Privatoffenbarungen und neue geistliche Gemeinschaften, übelste Verbreitung von Antisemitismus und Holocaustleugnung (insbesondere unter Berufung auf oben genannten Richard Williamson) sowie des Kreationismus (am besten im Biologieunterricht!). Ich möchte hier gar nicht zu sehr einzelne Verweise geben: Es wird über den „schwulen“ deutschen Außenminister hergezogen, Rechtsradikale Gruppierungen werden gelobt und an vielen Stellen gibt es antisemitische/antijüdische Äußerungen, homophobe und rechtsextreme Texte und so weiter. Schauts Euch an, und urteilt selbst.

Immerhin hat diese Seite mittlerweile so große Wellen geschlagen, dass es zahlreiche Gegeninitiativen gibt, unter anderem kreuts.net – die Anwort, welche sich zum Ziel gesetzt hat, kreuz.net zu entlarven und die Wahrheit gegenüberzustellen.Außerdem hat sich auch die katholische deutsche Bischofskonferenz davon distanziert, wer die Seite betreibt ist nach wie vor ungeklärt: Faktische Anonymität hinter dem Deckmanter einer religiösen Gemscheinschaft namens „Sodalicium for Religion and Information“ in den USA.

Weiterlesen zum Thema im Artikel der Süddeutschen über kreuz.net: Judenhass im Internet: Anonym, aggressiv, verfault.

Bei all diesen Verfehlungen der katholischen Kirche – oder zweckentfremdeter Gruppierungen unter dem Deckmantel der katholischen Kirche – fehlt mir immer mehr das Verständnis, wie Menschen wie die eingangs von mir erwähnte junge Dame, heutzutage noch immer ihre Kirche so vehement verteidigen und keinerlei offene, sachliche Diskussion zulassen. Genau diese Menschen erinnern mich an diese großen Bischöfe, die so stur, so konservativ ein Weltbild predigen, welches nicht aktuell, nicht zeitgemäß und ganz sicher auch das ist, was Jesus Christus richtig nennen würde. Gerade solche Behauptungen seitens der Kirche, oder Präsenzen wie kreuz.net sind doch der Kern, warum viele Menschen der Kirche den Rücken kehren. Ich glaube die katholische Kirche muss da sich auch von Innen mal krätig „in den Arsch treten“. Andererseits soll das hier keine allgemeine Kirchenkritik werden und sein, denn im Allgemeinen halte ich die Kirche als Fundament des Glaubens und als Ort der Gemeinschaft für immens wichtig. Nur über das Wie? müsste man noch streiten. Ich hoffe, dass die katholische Kirche auch durch mehr Ökumene wie den baldigen Kirchentag in München etwas dazulernt.

Ich freue mich immer über Kommentare, aber hier wäre ich ganz besonders gespannt auf Meinungen, Kritik, Vorschläge und Urteile über die katholische Kirche. (Ich habe versucht, das Thema sehr distanziert zu sehen, und jegliche Polemik außen vor zu lassen; das ist aber nicht immer ganz möglich, also entschuldigt mir die Einseitigkeit des Textes und meine persönliche Meinung.)

Ich zumindest bin sehr gespannt wie und ob sich die erzkonservativen Teile weiterentwickeln werden, wie sich die (katholische) Kirche allgemein in der Zukunft darstellt, und ob sie irgendwann auch mal zeitgemäße Diskurse eingeht wie die Frage nach dem Zölibat als Ursache für Kindesmißbrauch. Man kann es nur hoffen.

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