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Argo, Fuck yourself!

Februar 4, 2013 Hinterlasse einen Kommentar

Auf den fast letzten Drücker noch einen der Geheimfavoriten der Oscars im gemütlichen Kölner ‚Rex am Ring‘ gesehen: Argo. Ben Afflecks zweite Regiearbeit erweist sich als gutes, unterhaltsames Stück Kino.

Es ist November 1979, als im Laufe der Islamischen Revolution in Teheran iranische Studenten die US-amerikanische Botschaft stürmen und dort über 444 (!) Tage 52 US-Diplomaten als Geiseln nehmen. 6 der ursprünglich 58 Diplomaten können bei der Stürmung fliehen und kommen nach mehreren Tagen auf der Flucht in der kanadischen Botschaft unter. Diese 6 sollen nun von der CIA befreit werden, aber ihr fällt für diese kniffelige Situation keine Lösung ein und so engagiert sie Tony Mendez, einen Rettungsspezialisten. Mendez kommt auf die Idee, die Truppe mit einem fiktiven Science-Fiction-Film namens „Argo“ aus Teheran zu befreien. Um die Glaubwürdigkeit des Filmes zu erhöhen, wird ein Produktionsbüro gegründet, und es gibt Presselesungen und Werbung wird geschaltet. Klingt nach einem schlechten Film? Nun ja, wie im Filmtitel oben schon reißerisch steht: Der Film war zwar ein Fake, die Geschichte ist es aber nicht – und ging als Canadian Caper in die Geschichte ein. (Erst 1997 gibt die CIA ihre Beteiligung an dem Projekt bekannt.)

Ben Affleck hat aus dieser sowohl kuriosen, als auch ganz sicher spannenden Geschichte einen Thriller gedreht, der sowohl spannende Politthrillerelemente wie auch wunderbare Situationskomik bei der Durchführung von „Argo“ enthält. Historisch hält sich der Film für eine Hollywood-Produktion schon recht nahe an die Personen und Fakten, doch werden auch wichtige Teile der damaligen Geschichte nicht erwähnt oder aus der typischen amerikanischen Sichtweise interpretiert (es bleibt leider ein etwas satirisches Heldenepos, für politische Konsequenzen bietet der Film keinen Raum). Aber sicher wollte Affleck hier auch keine History-Doku drehen – und ein angenehm überraschender Kinofilm ist ihm gelungen. Da wäre zum einen die sowieso schon faszinierende Rettung, die der Film hier gekonnt und spannend interpretiert und darstellt. Dazu gesellen sich bis in die kleinste Nebenrollen hervorragende Schauspieler (in winziger Rolle zum Beispiel Philip Baker Hall), und ein aufgedrehtes Alt-Star-Duo mit Arkin und Goodman als unglaublich lustige Hollywood-Veteranen. („Argo, Fuck yourself!“) Affleck bleibt in der Hauptrolle relativ blass, trägt den Film kaum mehr als seine Sidekicks. Das ist aber ausnahmsweise gut so, ich mag die Zurückhaltung der Rolle hier sehr gerne (Trotzdem: Als Regisseur gefällt mir Affleck einfach besser!).

Technisch macht Argo alles richtig: Klasse Bilder, schönes Setting, glaubhafter 80er-Jahre-Modus allerorten. Der Showdown am Teheraner Flughafen, zu dem es natürlich kommen muss, ist sicher dann wieder mehr hollywood’sche Fiktion, aber dennoch gut gemachte Fiktion: spannend, dramatisch, stilsicher und letztlich auch unterhaltend. Und das ist es ja letztlich, warum wir Filme schauen. Ben Affleck hat mit Argo schon viele Preise einheimsen können, ob der Oscar für den besten Film dazu kommt, bleibt abzuwarten. Für mich persönlich kein Meisterwerk, aber sehr gute Unterhaltung: 8 von 10 Außerirdische.

PS: Warum auch 2012 noch einfachste technische Fehler im Kino passieren, bleibt mir ein Rätsel. Als der Jumbo der Swiss-Air abhebt (!) überholen (!!) ihn noch Autos (!!!) der iranischen Sicherheitskräfte. Eine solche Maschine erreicht beim Start etwa 300km/h.

Und der Trailer hinterher:

Kino(p)review: 7 Psychos (Martin McDonagh, 2012)

November 29, 2012 Hinterlasse einen Kommentar

Man merkt es deutlich: Es geht auf Weihnachten zu. Nicht nur in den deutschen Innenstädten, sondern vor allem in unseren Kinos, denn dort kommen wieder vermehrt richtig gute Neustarts. Das neue Werk von Regisseur Martin McDonagh startet am 6.12. und lohnt definitiv einen Kinobesuch. Eine großartige exentrische Gangster-Komödie.

colin farell sam rockwell Wenn der erste Film ein Volltreffer wird, sind die Erwartungen bei den Nachfolgern meistens groß. McDonagh hatte mit dem schwarzhumorigen Film-Drama Brügge sehen…und sterben? einen absoluten Hit gelandet: originell erzählt, wunderbare Darsteller und verschrobene Charaktere und eine perfekte Balance zwischen Tragik und Slapstick. Tolles Kino, mit charmanter Umgebung. In 7 psychos behält McDonagh diese Coolness aus Brügge bei und setzt dem Ganzen noch mehr Witz, noch mehr Einfallsreichtum und noch mehr ausgeflippte Ideen obendrauf. Dank der sympatischen Crew von Filmstarts.de war ich gestern bei der Preview des Filmes und sah einen Film, der durchaus Potential hat, einer dieser „Kultfilme“ zu werden. Einem gewissem „Pulp Fiction“ läuft er recht locker den Rang ab.

Und darum gehts: Marty (Colin Farrell) ist ein glückloser Autor, der sich nichts sehnlicher wünscht, als sein Drehbuch „Seven Psychopaths“ zu beenden. Sein Freund Billy (Sam Rockwell), ein arbeitsloser Schauspieler, der sich mit Hundediebstahl über Wasser hält, will ihm unter allen Umständen dabei helfen. Was Marty jedoch vor allem fehlt, ist Inspiration. Billys Diebeskumpan Hans (Christopher Walken) wiederum ist ein ehemals gewalttätiger Mann, der nun zum Glauben gefunden hat. Das Duo hat unwissentlich einen großen Fehler begangen und stahl vor kurzem den geliebten Hund des psychopathischen Gangsters Charlie (Woody Harrelson). Wenn dieser Wind von der Identität der Täter bekommen sollte, würde er sie töten, ohne mit der Wimper zu zucken. Marty soll bald die notwendige Inspiration erhalten – die Frage ist nur, ob er und seine Freunde das auch überleben…

Hier muss ich erstmal überlegen, wie ich diesem Werk, diesem Film voller absurder Ideen gerecht werden kann. 7 Psychos bietet eine ungewöhnliche, abgedrehte und oftmals abstruse Story, zu der man gar nicht zuviel sagen kann, ohne allzuviel zu spoilern. Fest steht: An Psychopathen mangelt es dem Film genauso wenig wie an Gewaltdarstellungen in jeder Form oder einfach grandiosem Humor. Der Film überschlägt sich fast vor Ideen, Witz und verrückten Einfällen. Und dazu auch noch ein Shih Tzu. Das Großartige daran ist, dass daraus kein Klamauk wird, sondern McDonagh es schafft das richtige Tempo zu finden, und die richtigen ruhigen Momente zwischen den Wahnsinns-Ekstase-Szenen zu balancieren. Logik darf man hier nicht zuviel erwarten: Die übersteigerte Groteske ist hier der Standard und dient dem Selbstzweck. Die Morde geschehen dabei geradezu überspitzt, wie man dies aus Comics kennt. Diese ironische Brechung führt dazu, dass man sich nicht darüber wundert, sondern herzhaft lacht und enorm viel Spaß hat.

Einen großen Anteil am gelungenen Gesamtwerk haben hier sicher auch die Schauspieler, denn Collin Farell ist vielleicht so gut wie nie, Christopher Walken zeigt, warum er mal zu den ganz Großen gehörte, und Sam Rockwell spielt selbst die hervorragenden Nebendarsteller wie Tom Waits und Woody Harrelson locker an die Wand. Eine Wahnsinnsfigur. Und DIE Mütze!

7 Psychos ist ein wahrer Glücksfall von Film. Wer auf bösen Humor, unkonventionelle Storys weit weg vom Mainstream und etwas arg verschrobene Charaktere (nennen wir sie ruhig Psychopathen!) steht, dem ist dieses Highlight wärmstens zu empfehlen. Martin McDonagh gelingt auch mit seinem zweiten Film ein absoluter Hit. Bei der üblichen Filmstarts-Sterne-Bewertung nach der Preview gab ich übrigens 4,5 Sterne (von 5). Und, at least: Mehr noch als sonst eh schon lohnt hier die Originalversion. Warum? Wegen diesem Mann und dieser unfassbaren Stimme, dessen wunderbare Psychopathenstory fast schon beiläufig erzählt, was aus dem Zodiac-Killer wurde.

„Cloud Atlas“ im Kino

November 26, 2012 1 Kommentar

David Mitchells Roman „Cloud Atlas“, der sich mit der menschlichen Willenskraft beschäftigt, galt seiner Erzählstruktur wegen lange Zeit als unverfilmbar. Tom Tykwer („Lola rennt“) und die Wachowskis („The Matrix“) haben es dennoch versucht – und dabei tatsächlich großes Kino erschaffen.

 

Ein Mammutprojekt mit gleichzeitig stattfindenden Drehs. Sechs verschiedene Zeiten und Geschichten, sechs verschiedene Genres. All dies in einem Film? Dazu: Der teuerste europäische Film aller Zeiten. Ein bekanntes Schauspielerensemble gespickt mit Stars und obendrein noch drei(!) erfolgreiche Regisseure. Kann so etwas gut gehen? Ist ein solches Projekt, in dem alleine Tom Hanks sechs verschiedene Rollen spielt, möglich?

Es ist gut gegangen, um dies vorweg zu nehmen. Das man nach einem 3-stündigen Blockbuster nicht ernüchtert, sondern erstaunt und fasziniert nach Hause geht, passiert nicht häufig. Wie ist dies „Cloud Atlas“ gelungen? Aus sechs Geschichten setzt sich der Film zusammen, sechs Geschichten, die völlig unterschiedlich sind, und die doch vieles gemeinsam haben: In jeder von ihnen stemmt sich der freie Wille gegen das Schicksal, und obwohl meistens dennoch das Böse siegt, gibt es Hoffnung. Hoffnung auf bessere Zeiten, Freiheit, und ein gemeinsames Miteinander.

Im Jahr 1849 ist der Amerikaner Ewing im Pazifik auf einem Segelschiff unterwegs, der Komponist Robert Frobisher ist 1936 auf der Suche nach sich selbst und einer weltumfassenden Komposition, die Journalistin Luisa Rey ermittelt 1973 in einem Energie-Konzern, 2012 landet ein chaotischer Verleger in einem geschlossenen Altersheim, in der relativ nahen Zukunft 2144 wird eine Duplikantin verhört, die ein Mensch werden wollte und in einer post-apokalyptischen Zeit in 2346 wird ein einfacher Hirte auf Hawai’i zum Helden.

Und natürlich kann man so etwas schon im Ansatz verreißen. Auch ich könnte es tun: Kitschig? Ja, und wie. Sinnlose Dialoge und Plot-Szenen? Na klar. Hanebüchene Klamauk-Ausreißer? Ja, besonders in der 2012-Geschichte. Mainstream und vielleicht doch zu sehr Hollywood? Ganz klar, beispielsweise hätte ich mir bei einer deutschen Produktion mehr deutsche Schauspieler gewünscht. Die Einzel-Storys für sich? Eher langweilig. Am besten noch: 1973.

Aber: „Cloud Atlas“ überzeugt als ein unglaublich beeindruckendes visuelles Gesamtwerk, welches sich nicht auf einzelnen Storylines ausruht, oder gar auf einzelnen Gesichtern. Die opulente Reise durch die Zeitgeschichte nimmt einen mit auf ein ganz großes Abenteuer, ist dabei intelligent und philosophisch (Zerstörung des Menschen, Zivilisation, Gewalt, Machtmißbrauch, freier Wille, etc.), und verbindet mehr als geschickt nicht nur verschiedene Orte und Zeiten, sondern auch Genres, und dies so flüssig, dass man es kaum wahrnimmt, und irgendwann im Kinosaal nur noch die Verbindungen der Geschichten sucht. Herausragend neben all diesen Punkten: die Maske. Was hier geleistet wird, ist schlicht großartig. Wenn Schauspieler über Altersgrenzen und Hautfarben hinweg kaum wiederzuerkennen sind, macht dies einfach sehr viel Spaß. Die Besetzung ist sowieso schon gelungen, allen voran die Nebenrollen wie Jim Broadbent, Jim Sturgess oder Hugo Weaving. Alleine schon Hugh Grant verdient sich hier Extrapunkte durch 6 unterhaltsame unterschiedliche Rollen.

„Cloud Atlas“ könnte durch seine besondere und faszinierende Erzählstruktur einer der Filme des Jahres sein. Trotz aller Schwächen bleiben die positiven Seiten bei mir in Erinnerung und zeigen dabei, dass auch das Mainstream-Kino noch überraschen kann. Anschauen lohnt sich – und die Überraschungen im Abspann, wer welche Rollen gespielt hat, sollte man sich nicht entgehen lassen.

Fraktus – Das letzte Kapitel der Musikgeschichte

November 16, 2012 Hinterlasse einen Kommentar

Die Erfinder des Techno sollen sie sein, ein Mythos mit einem einzigartigen Sound: Fraktus aus Brunsbüttel. Ein Kinofilm geht diesem Phänomen auf den Grund. „Das letzte Kapitel der Musikgeschichte“ läuft seit dem 8.11. in unseren Kinos. Es ist vielleicht der lustigste Film des Jahres.

Rückblick: Im Sommer 2007 tanze ich wie so häufig beim Melt!-Festival. Jan Delay ist gerade fertig, als wir mal wieder bei der Main-Stage vorbeischauen. Wir bekommen noch mit, wie er einen „special guest“ ankündigt, „die Techno-Erfinder“, „den Ursprung der elektronischen Musik“. Das Ganze mittendrin in der Show von Deichkind, die später um 6 Uhr morgens noch Snap auf die Bühne holten und damit viele Lacher ernteten. Doch zurück zu „Fraktus“, die zu großer Lichtshow auf die Bühne ziehen. 3 Männer in schwarzen Anzügen, wilde banale Texte zu Elektrotrash. „Affe sucht Liebe“.  „Are you ready to rock? Ohoheheheo…“. Schon nach wenigen Minuten gibt es Buh-Rufe, es fliegen Becher und andere Gegenstände auf die Bühne. Es kommt zur Eskalation, das Publikum beschimpft Fraktus, Fraktus beschimpfen das Publikum und verlassen mit Stinkefinger Richtung Menschenmasse die Bühne.

Doch all dies war nur gespielt, und wir machten schön mit. Deichkind-Sänger „Das Bo“ hatte kurz vorher erklärt, dass hier für einen Kinofilm gedreht würde, und wir den Akt „so richtig, richtig scheisse“ finden sollen. Nichts leichter als das, alle hatten viel Spaß. Das die Herren Schamoni und Strunk mit an Bord waren, bekam ich noch irgendwie mit, doch mit der Zeit und den Jahren vergaß ich Fraktus…

…bis in diese Tage, wo die drei altgewordenen Männer in Fernsehshows Interviews geben und sich dabei regelrecht zerfleischen. Es geht natürlich um das große Comeback, den aktuellen Kinofilm und die dazu gehörige Tournee.

Das „Studio Braun“ entwirft mit der Geschichte von Fraktus einen herrlich fiktiven Dokumentarfilm, der die (elektronische) Musikszene wunderbar persifliert. Fraktus, das sind Bernd Wand (Jacques Palminger), Dirk „Dickie“ Schubert ( Rocko Schamoni) und Thorsten Bage (Heinz Strunk). Ihr größter Hit: „Affe sucht Liebe“. (Persönlicher Favorit aber: All die armen Menschen!). 25 Jahre nach ihrem letzten Konzert versucht der Musikproduzent Roger Dettner (Devid Striesow) die Band wieder zusammen zu führen, um ein Comeback anzuleiern. So führt der Weg der Dokumentation von Brunsbüttel nach Ibiza und schließlich nach Hamburg.

Palminger, Strunk und besonders Schamoni gehen derart in ihren fiktiven Figuren auf, dass es eine reine Freude ist, ihnen zuzuschauen. Die Auftritte und Interviews zahlreicher echter Stars der elektronischen Musikszene (von Westbam bis DJ Hell, von Yello bis Daft Punk) sind überaus witzig und verleihen dem Ganzen den nötigen Touch Selbstironie. Die Pointen sind absolut treffend, der Film pendelt zwar gefährlich nah an der Grenze zum Klamauk, ist dabei aber glücklicherweise immer clever, detailversessen und voller bösem Humor. Die zahlreichen Anspielungen auf Musikszene und Techno sind für jeden Fan ein irrer Spaß und so ist „Fraktus – Das letzte Kapitel der Musikgeschichte“ ein wohltuend ironischer, herrlich lustiger Film geworden.

Das neu aufgenommene Album „Millenium Edition“ mit den „alten“ Songs könnte nun durchaus Kult-Potential erreichen. Die Titel sind natürlich weder spannend noch besonders gut, aber mit Liebe zum Detail (gemeinsam mit Erobique) dem 80er Sound nachempfunden und durch ihre Trash-Fertigkeit sicherlich der Renner dieses Winters und auf der Tour Anfang 2013. Mich würde es kaum wundern, wenn im nächsten Jahr „Affe sucht Liebe“ oder ähnliches Fraktus-Material der nächste heiße „Shit“ wäre. In diesem Sinne: Oweeeeyoo.

RIFF – Reykjavík International Film Festival

Oktober 10, 2012 Hinterlasse einen Kommentar

Die letzten Tage in Island verbrachten wir in der „Metropole“ Reykjavík, der winzigen Hauptstadt dieses wunderbaren Landes. Durch Bekannte und Connections hatten wir hier das Glück weniger ausschließlich Touristen zu sein, sondern vielmehr in dieser Stadt zu leben. Dazu gehörte auch der Besuch des internationalen Filmfestivals, kurz RIFF, einem charmanten Kino-Festival mit herausragendem Programm.

Das RIFF ist ein seit 2004 jährlich stattfindendes Film-Festival, dessen Schwerpunkt dabei vor allem auf jungen, aufstrebenden Filmmachern und dem neuen , modernen Kino liegt. Qualität und Originalität sind wichtiger als Erfolge. In diesem Jahr liefen über 100 Spielfilme und Dokumentationen, darunter auch einige deutsche Filme, beispielsweise „Barbara“ von Christian Petzold, „Was bleibt“ von Hans-Christian Schmid, oder „Vergiss mein nicht“ von David Sieveking.

Das Programm des RIFF 2012 war buntgemischt, mit Filmen aus über 40 Ländern (dabei laufen alle Filme im Original mit engl. UT bzw. bei englischsprachigen Filmen mit isländischem UT), und so fällt die Auswahl auf einige Filme umso schwerer. Wir selbst waren ja nur am letzten Wochenende des Festivals vor Ort, viele Filme waren schon nicht mehr im Programm, doch gibt es zu fast jeder zeit noch Highlights zu entdecken. Uns fällt direkt auf, wie international das Festival ist: Nicht nur die Filme, sondern auch die Gäste sind multikulturell, nicht zuletzt treffen wir auch andere Deutsche hier. Vielleicht ist dies auch ein Grund für den Charme unserer Kino-Besuche, denn alle waren sie in einer netten Umgebung, man fühlte sich direkt wohl hier (wie eigentlich immer in Island).

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Unser erster Film behandelt ein schwieriges Thema: In „Stillleben“ (2011) vom jungen Wiener Regisseur Sebastian Meise bezahlt ein Vater Prostituierte dafür, seine Tochter nachzuspielen. Das brisante Thema der Pädophilie wird in diesem fiktiven Spielfilm zu einem großartigen Kammerstück mit tollen Darstellern.

 

Stillleben ist ein toller Titel, der diesen Streifen perfekt trifft: Das stille Leben der Familie, besonders nachdem herauskommt, dass der Vater (neben einer Alkoholkrankheit) Vorzüge für seine nun erwachsene Tochter hat. Die Stille der Schuldzuweisung, die Sprachlosigkeit der Familienmitlieder, das Verdrängen und Verschweigen der Probleme. Überhaupt wird in diesem Film kaum geredet, die Bildersprache drückt alles aus, womit auch der letzte Aspekt des Titels treffend ist: Der Ausdruck der „Stillleben“ in der Kunst für das Vergängliche, den Tod oder die Sehnsucht passt sehr gut. Wie Meise und seine Darsteller hier in einem doch kurzen Film die Eindrücklichkeit des Themas rüberbringen, ist bemerkenswert. 77 sehr bedrückende, aber auch großartige Minuten Kino. (plus Soap & Skin als Darstellerin und ihr toller Voyage Voyage-Song, das verdient Extrapunkte.)

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In „Persepolis“ (2007) verarbeitet Regisseurin Marjana „Marji“ Satrapi ihre eigene besondere Lebensgeschichte mit Kindheit in Teheran während der Islamischen Revolution. In knackigem schwarz-weiß gehaltenen, künstlerisch ambitionierten Animationsstil erzählt der Film ihren Lebensweg und dabei fast wie nebenbei zeichnet er ein Bild der Situation im Iran.

Persepolis zeigt dabei einerseits eindrücklich die Schrecken von Krieg und Gewaltherrschaft, andererseits aber auch gerade das Absurde solcher Situationen besonders im Privatleben. So hat der Film durchaus seine komischen, witzigen Momente, auch wenn er über seine gesamte Spielzeit natürlich bedrückend bzw. aufwühlend ist. Durch die Animationen können Emotionen und Gefühle besser dargestellt werden, und so bekommt man gute Einblicke in die Psyche der Protagonistin und versteht ihre Sorgen, ihren Kummer und ihre Zuneigungen. So ist „Persepolis“ schließlich ein guter, intelligenter biographischer Film, der bewegt und nicht zuletzt auch gute Unterhaltung.

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Unser dritter und auch letzter Film während des Festivals war der merkwürdigste, lustigste und traurigste zugleich: die niederländische Dokumentation „Meet the Fokkens“ von Gabrielle Provaas und Rob Schröder zeigt das Leben von Martine & Louise Fokkens, einem Zwillingspaar aus Amsterdam, die seit über 50 (!) Jahren Prostituierte im Amsterdamer Rotlicht-Viertel sind.

Selten haben wir bei einer Doku soviel gelacht: Die Fokkens haben eine solche urkomische Art, dass das ganze Kino oft am Boden lag vor Lachen: Hilarious. Andererseits zeigt der Film die offensichtlichen Fehler ihres Lebens und den traurigen Weg zu einem Leben mit der Prostitution. So ist „Meet the Fokkens“ in der Nachbetrachtung schwierig: einerseits unglaublich lustig, doch letztlich auch nur eine neue traurige Huren-Geschichte. Die Dokumentation bleibt aber sicher absolut sehenswert, alleine schon wegen dem charmant-sympatischen Zwillingspaar. Applaus im Kino nach dem Abspann – gibt’s ja auch nicht all zuoft.

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Sicherlich hätten wir gerne noch viele weitere Filme gesehen, doch Reisen und Urlaub sollte ja nicht zu kurz kommen, daher mussten wir uns mit diesen dreien, allesamt empfehlenswerten, Filmen begnügen. Das Festival bleibt uns dabei sicherlich in guter Erinnerung: großartiges Programm, einfache Organisation, charmante Umgebung und natürlich tolle Filme.P

Mehr zu unseren Erlebnissen in Island bald, dann auch eigene Photos von der Tour und aus Reykjavík selbst.

Kino: Brave (Merida – Legende der Highlands)

Seit Ewigkeiten mal wieder in einer Sneak gewesen. Im Gegensatz zum Rest des gut gefüllten Kinos hatte ich weder Erwartungen noch irgendeine Ahnung, welcher Streifen kommen könnte. Zu meiner Überraschung lief der neueste Pixar-Disney-Film „Brave“, mit dem deutschen Titel „Merida – Legende der Highlands“. Großartige Animationen, schottische Highlands und ein toller Lockenkopf: Merida im Filmcheck.

Pixar hat im vergangenen Jahrzehnt einen solch hohen Standard im Animations-Kino erreicht, dass es schwer ist, sich selbst zu toppen. Filme wie „Toy Story„, „Wall-E„, „Ratatouille„, „Die Unglaublichen“ oder „Findet Nemo“ sind fast jedem bekannt und haben weltweit für Begeisterung gesorgt, bei Kindern sowieso, aber auch bei Erwachsenen, weil die Filme oft eine Geschichte hinter dem Kinderfilm erzählen, und außerdem durch den pixar-typischen bissigen Humor überzeugten. Gerade der letzte eigenständige Film „Up“ von 2009 war einer dieser Filme, die man vermutlich als Erwachsener mehr liebt als als Kind.

Mit Merida erscheint nun nächste Woche der 13. Pixar-Film in Spielfilmlänge, und er hat als erster Pixar-Film eine weibliche Hauptrolle.  Die Handlung spielt im 10. Jahrhundert, einer Zeit mit Rittern, Burgen, und Heldentum, und angesiedelt ist die Geschichte von Merida und ihrer Family in den grandiosen schottischen Highlands. Merida ist die, nennen wir sie im besten Sinne ungestüm, Tochter von König Fergus und Königin Elinor, und möchte weder Prinzessin sein noch sich von ihren Eltern verheiraten lassen. Statt höfischer Etikette steht ihr der Sinn nach Bogenschießen und wilden Ausritten. Als sie sich mit ihren Eltern aufgrund ihrer vorhergesehenen Clan-Vermählung streitet und dabei insbesondere mit ihrer Mutter in Konflikt kommt, löst sie mit ihrer Reaktion Chaos und Trubel im Königreich aus. Und es liegt an Merida alles wieder zu einem guten Ende zu führen: Dabei muss sie selbst ihr eigenes Band wieder knüpfen und den Zusammenhalt der Familie wiederherstellen.

Familie, das ist das überordnende Thema von „Brave“: Zusammenhalt, familiäre Werte, und Traditionen. Doch bevor die eigentliche Geschichte losgeht, entführt uns Pixar in die vielleicht schönsten Animationsmomente seiner Geschichte. Beinahe 30 Minuten lässt sich „Brave“ Zeit um Land und Charaktere vorzustellen – ohne große Worte, fast nur mit Bildkraft und Kinomagie. Wie hier Merida und ihre Welt, die schottischen Highlands, vorgestellt werden, ist einfach nur wunderschön: Man kriegt nicht genug von den perfekt animierten Welten. Hier sieht man deutlich: Pixar ist derzeit in Punkto Technik und Bildgewalt nicht zu schlagen.

Doch leider fehlt „Merida – Legende der Highlands“ etwas, was andere Pixar-Streifen oft herausragend macht: Aggressiver, bissiger Humor und tiefgehende Geschichten. Der Plot ist nicht schlecht, und irgendwie auch ganz süß – doch hier finden wir dann vermehrt Disney: Eine Kindergeschichte, anknüpfend an Märchengeschichten der Marke Grimm mit Magie, Hexen, Verwandlungen und Happy End. Keine Frage: Disney/Pixar gehen bei der Storyline auf Nummer sicher und bieten im Grunde genommen feinste Kino-Märchen-Unterhaltung, die durch tolles Timing und schöne Einfälle glänzt, aber in der mir letztlich alles viel zu vorhersehbar ist und die mich nicht so berührt, wie es beispielsweise „Wall-E“ oder „Up“ gemacht haben. Wenn wir schon beim Negativen sind: Der Soundtrack ist leider nur so halbgar, viel zu oft viel zu kitschig, etwas zuviel der schottischen Braveheart-Dudelsack-Stimmung.

Andererseits besticht „Brave“ genau wie andere Pixar-Werke durch diese großartigen Charaktere, die schon durch ihre grotesken Zeichnungen alles verraten. Dabei sind hier vor allem natürlich Merida selbst und ihre Brüder zu erwähnen, aber im besten Sinne auch ihr Vater und die anderen Clan-Anführer. Technisch ist der Film hier einfach perfekt. Schon alleine Meridas rote Locken sind es eigentlich wert ständig anzuschauen. Bezaubernd!

Pixar dürfte mit „Brave“ (der anfangs des Abspanns übrigens dem verstorbenen Steve Jobs gewidmet wird) sicherlich wieder den besten Animationsfilm des Jahres geschaffen haben – gelungene Charaktere (heimlicher Star ist sicher Meridas Vater Fergus), eine grandiose Optik und einfallsreiche Gags dürften dies garantieren. Andererseits kommt er nicht ganz an einige frühere Meisterwerke heran.

Wer sollte sich „Merida“ ansehen? Sowieso alle Animations- und Pixarfans, hier überdies aber auch vor allem Disney-Lieblinge, die auch bei Kitsch gerne hinschauen. Letztlich ein perfekter Familien-Unterhaltungsfilm, mit teils überragenden visuellen Momenten, nicht mehr – aber auch nicht weniger. Hier entlang gehts zum deutschen Trailer.

(Bildcopyright: Pixar Animation Studios.)

Stummfilmkonzert mit Murnaus Nosferatu

Nach dem überwältigenden internationalen Erfolg von „The Artist“ rücken Stummfilme wieder etwas mehr in den medialen Blickpunkt. Ich selbst habe bisher viel zu wenige gesehen, unter anderem fehlte mir „Nosferatu“, Murnaus großes Werk aus den Zeiten der Weimarer Republik. In der Mainzer Altmünsterkirche gab es im perfekten Ambiente die Möglichkeit dies nachzuholen, und das Stummfilmkonzert mit dem Musiker Carsten-Stephan von Bother war in jeder Hinsicht großartig.

Die Altmünsterkirche ist voll besetzt, es ist dunkel und nur Kerzen beleuchten den großen, hohen Raum. Vorne dominiert eine überdimensionale Kinoleinwand. Für Friedrich Wilhelm Murnaus Draculafilm Nosferatu eine wunderbare, perfekte Atmosphäre. Denn obwohl der Film mittlerweile 90 Jahre auf dem Buckel hat, ist von seiner gruseligen Anziehungskraft nicht viel verloren gegangen.

Carsten-Stephan Graf von Bothmer ist vielleicht DER Stummfilmmusiker überhaupt in Deutschland, und mit „Nosferatu“ ist er gerade auf „World Tour“. In Mainz spielt er an der Kirchenorgel und hat sich spontan einen Chor zusammengestellt, welcher unglaublichweise nur zweimal vor dem Konzert probte – und dennoch sehr überzeugt. Bothmers Stummfilmmusik ist mal laut, mal zurückhaltend, mal impulsiv, mal gewaltig und berauschend. Perfekt passt sich die Musik den Szenen an, aus den stummen Bildern vor uns und der Live-Musik hinter uns entsteht eine großartige Symbiose, und man ist gebannt und gefesselt.

Oft erwische ich mich bei einem Lächeln, etwa wenn Murnau mit hilfstechnischen Mitteln arbeitet um Szenen zu verdeutlichen (zum Beispiel der Doppelbelichtung um einen geisterhaften Wald darzustellen.) In den Zwanzigern gewagt und sehr experimentell, heute sieht dies verspielt und witzig aus. Doch trotz dieser Momente packt Nosferatu mich, es gruselt einen: besonders Max Schreck als Graf Orlok bzw. Nosferatu himself ist wirklich großartig. Diese Darstellung, gerade weil sie stumm ist, lässt den „Horror“ wesentlich subtiler als heutige Horrorfilme erscheinen. Dies ist toll zu sehen – und letztlich ist es genau das, was den Stummfilm dann auch heute noch sehenswert macht: Die Möglichkeit, manche Situationen und Gestiken deutlicher auszudrücken als im Tonfilm.

In „Nosferatu“ lässt sich unglaublich viel entdecken, ich könnte hier sicher viel zu den Motiven und Themen des Filmes erzählen, aber das haben schon genügend andere diskutiert, außerdem könnt ihr das alles selbst entdecken. Deshalb  gibt es von mir einfach „nur“ die unbedingte Empfehlung sich eines der Konzerte von Stephan von Bothmer anzuschauen. Wunderbare Musik, großartiger Film, und insgesamt ein hervorragender Abend (mit Wein und Spundekäs abgerundet). Hier gibts alle kommenden Termine der Tour (u.a. mit Berlin, Essen und München).

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