Archive

Posts Tagged ‘Krimi’

Jussi Adler-Olsen und die göttliche Erlösung

August 26, 2011 Hinterlasse einen Kommentar

Man möchte innerlich jubilieren: Endlich – beim dritten Band der ungewöhnlichen Krimireihe um das Sonderdezernat Q in Kopenhagen von Bestsellerautor Jussi Adler-Olsen – hat der Übersetzer einen deutschen Titel getroffen, der mit einem präzisen Schlag beschreibt, wonach sich die Menschen in diesem Buch sehnen. Trotz der platten Stieg-Larson-Titel-Anlehnung ist es hier griffig, und das Buch ein erneutes starkes Stück. Eine kleine Buchkritik.

Die Krimireihe rund um den Ermittler Carl Mørck noch vorzustellen, ist eher müßig. Die Bücher sind sehr gut, bekannt, immer in den Bestsellerlisten und wurde beinahe überall gelobt. Auch ich schrieb über die ersten beiden Bände der Reihe (fast) nur positiv. Und um es kurz zu machen: Der dritte Band, im Original „Flaschenpost von P.“, ist nicht weniger gut – im Gegenteil: Die Personenkonstellationen des Dezernates werden sogar langsam noch besser, noch geheimnisvoller und interessanter.

Während andere Krimireihen und Thriller immer versuchen, die Geschichte nur aus dem Blickwinkel eines oder mehrerer Polizisten zu erzählen, um damit am Ende einen Mörder zu präsentieren, denn der aufmerksame Leser sowieso schon lange kennt, macht Adler-Olsen das zum dritten Male völlig anders: Noch mehr als in den ersten Bänden lässt er dem „Mörder“ viel Raum für seine Geschichte. Man lernt diesen Mann kennen, mit allen Motiven und Hintergründen. Und hier liegt schon der Knackpunkt dieses Krimis – und der ganzen Reihe. Vordergründig mögen die schrecklichen Fälle das Gerüst des Buches sein und für die nötige Spannung sorgen, aber den entscheidenden Part zu einem guten Buch liefern hier die Personen. Ich habe dies schon früher erwähnt und kann es jetzt nur nochmal wiederholen: Adler-Olsens Charaktere sind jede Seite wert. Es sind phantastische Beschreibungen von Macken, Neurosen und Stimmungen, dazu hat jede Person ihre Geheimnisse, Vorlieben und Abneigungen. Das ergibt ein wunderbares Gemisch aus nachvollziehbaren Charakteren, sogar die – weit von der Realität lebenden – Sektenmitglieder werden so annehmbar, verständlich und nicht nur zu plumpen Plotfüllern.

Die Sehnsucht nach göttlicher Erlösung ist der Trieb für fast alle kriminellen Handlungen in diesem Buch, mal aus Überzeugung, mal aus Hass auf die eingeprügelten Überzeugungen. Man kann diese Sehnsucht nach Erlösung auch auf die Ermittler beziehen: Mørck will erlöst werden von seinen Schuldgefühlen und seinem elenden Zuhause, und auch Assistent Assad hat ganz sicher solche Wünsche, doch bleiben diese – noch – im dunklen. (Erste Andeutungen gibt es, und in diese Richtung schielte ich schon bei Band 1).

Diese Konstellationen machen das Buch spannend und kraftvoll, und dies obwohl Adler-Olsen kein besonders filigraner Autor ist. Er weiß schlicht genau, wie er seine Worte einsetzen muss. Das Tempo gleitet gemächlich, bis es sich immer weiter steigert und am Ende wieder in einen schnellen Rhythmus des heißen Finales übergeht. Man kann es nicht anders sagen: Dieses Buch möchte man kaum aus der Hand legen. Wünschenswert wäre in einem nächsten Band sicher mal ein anderes Finale. Obwohl die letzten Seiten auch hier spannend und lesenswert waren, ähnelten sie doch sehr den Actionszenen in „Erbarmen“ und „Schändung“. Hier könnte Adler-Olsen mal nachbessern. Doch im Grunde freut man sich als Leser sowieso schon mehr auf das Ermittlerteam und ihre Geheimnisse, als auf den jeweiligen Fall.

Fazit: Beste Urlaubs- oder Sommerlektüre, die man in kürzester Zeit durchgelesen hat. Ein wunderbarer Krimi, der mit seinen interessanten Personen aus der unübersichtlichen Masse an (skandinavischen) Krimis herausragt.

Jussi Adler-Olsens Fasanenmörder

September 11, 2010 Hinterlasse einen Kommentar

Wenn in Deutschland erstmal alle Feuilletons aller großen Blätter und Magazine einen Autor (hier: Adler-Olsen) zum Nachfolger eines vorherigen Starautors (ehemals: Stieg Larsson) gemacht haben, ist die Wirkung immer gleich: Es entsteht ein Sog, in dessen Nachwirken die Bücher des Autoren einen gewissen (positiven) Konsens in der Republik erreichen. Das Gleiche könnte man natürlich auch über Theater oder Musik berichten: Die Vorgänge sind überall gleich. Und was im Musikbusiness zur Zeit „The Suburbs“ von Arcade Fire ist, ist die Krimireihe um Carl Mørck von Jussi Adler-Olsen aktuell in der Belletristik. Und soviel vorneweg: Was manchmal absurd und ungerechtfertigt ist, findet hier völlig zu Recht statt!

Quelle: SPIEGEL Bestsellerliste 37/2010 (10.09.10)

Quelle: SPIEGEL Bestsellerliste 37/2010 (10.09.10)

Dass ein Autor in der Belletristik auf Platz 1 und 2 steht ist ungewöhnlich, aber spätestens seit Stieg Larsson wissen wir, dass es nicht unmöglich ist (Larsson hatte teilweise alle drei Bände unter den ersten 5!). Ich selbst hatte den ersten Band „Erbarmen“ einige Zeit vor dem beginnenden Hype geschenkt bekommen, ihn aber schließlich auch erst im März gelesen. Zu dieser Zeit etwa ging es auch los mit den andauernden Lobeshymnen auf Adler-Olsen und auch ich stimmte kräftig mit ein. Entsprechend groß auch meine Vorfreude auf Teil 2  des 60-jährigen Dänen.

dt. Hardcover-Ausgabe

Carl Mørck, exzentrischer und begabter, aber eher unsympatischer Vizekriminalkommissar in Kopenhagen, kommt aus dem wohlverdienten Urlaub zurück und findet gleich einen neuen Fall vor. Wobei neu nicht aktuell bedeutet, denn mal wieder geht es in die Vergangenheit, über 20 Jahre zurück.  Und zudem ist der Fall eigentlich geklärt: Der Mörder von 2 Geschwistern sitzt seit vielen Jahren im Gefängnis. Doch wer hat Mørck die Akte zugeteilt nach all dieser Zeit? Warum versucht ihn das Präsidium auszubremsen? Diese Fragen stacheln Mørck erst recht an, und der eigensinnige Polizist nimmt gemeinsam mit seinem unerklärbaren Assistenten Assad die Ermittlung auf.

Soviel in aller gebotenen Kürze zum Inhalt und Start des Krimis. Adler-Olsen schafft es Charaktere zu erschaffen, die einen beim Lesen geradezu bildlich erscheinen: Der kauzige, etwas schlecht gelaunte Mørck, der absurde, immer wissbegierige Assad, und letztlich auch die etwas nervige, selbstbewusste neue Sekretärin Rose. Dazu natürlich noch viele weitere Personen, insbesondere den Tätern aus der „First class“ von Dänemark. Diesen Personen wird im Roman wieder sehr viel Zeit einberaumt. Auf den ersten Seiten sogar weit mehr als die eigentlichen Ermittlungen. Dies ist eins der entscheidenen Stilmittel der Adler-Olsen Reihe bisher: Im Gegensatz zu herkömmlichen Krimis weiß der Leser früh, wer hinter den Taten steckte, wer aus welchem Grund dies und jenes getan hat. Ebenso bekommt man ein ausführliches, oftmals sehr differenziertes Bild der Mörder. Das ist ungewöhnlich, macht das Buch aber mitnichten weniger spannend. Im Gegenteil: Durch verschiedene Sichten auf die Ereignisse, Zeitsprünge und diverse wichtige Charaktere entsteht ein spannendes Netz aus Informationen, welches sich nach und nach dem Leser immer mehr erschließt. Dabei ist Spannung gar nicht der nennenswerte Hauptfaktor, warum die Adler-Olsen Bücher so gut sind. Spannend sind sie, und wie. Aber entscheidend sind die Geschichten der Menschen, die beinahe absurd brutale Darstellung von Psyche, Gedanken und dem Leben und seinen Eigenarten. Dies gelingt Adler-Olsen beeindruckend. Dazu kommt eine herrliche Portion Ironie und Komik, vor allem natürlich innerhalb des Sonderderzenats Q. Wie schon in „Erbarmen“ musste ich oftmals schmunzeln – angesichts des Plots eigentlich unangebracht.

Ich habe lange überlegt, ob ich „Schändung“ nun schlechter bewerte als „Erbarmen“, weil der zweite Teil nicht ganz so spannend war wie Teil 1, und noch mehr vorhersehbar. Aber die Darstellung der Figuren – auch mit ihren eigenen, teilweise nur schwer greifbaren Problemen – hat mir unglaublich  gut gefallen. Auch der inhaltliche Schwerpunkt ist packend und so sehr realitätsverbunden, dass einen manchmal schauert – vor allem bei einigen doch intensiv beschriebenen Gewaltszenen. Ich bin wieder beeindruckt, konnte diesen Band abermals kaum zur Seite legen, und kann es daher nur empfehlen. Einstimmen in die Konsenskritiken der Medien: Adler-Olsen ist groß. Da bleibt nur auf den nächsten Band zu warten – und zu hoffen, dass dort endlich mehr auf Assads Vergangenheit eingegangen wird. Und Mørck endlich seine Psychologin flach legen darf.

HIER kann man die ersten Seiten schon mal lesen, und sich einen ersten Eindruck machen.

Nachtrag:

Warum der dtv-Verlag sich schon wieder für eine Umänderung des Originaltitels entschieden hat, bleibt wohl allein ihnen verständlich. „Schändung“ ist unpassend, und das originale „Fasanenmörder“ wäre treffender – und im Gegensatz zu den langen Larsson-Titeln auch nur ein deutsches Wort. Unverständlich!

Lesetipp März: Jussi Adler-Olsen – Erbarmen

März 29, 2010 2 Kommentare

Nach längerer Zeit habe ich nochmal ein Buch ‚verschlungen‘, und in kurzer Zeit über das Wochenende fertig gelesen: „Erbarmen“ von dem dänischen Schriftsteller Jussi Adler-Olsen. Erstklassige, kurzweilige und spannende Lektüre aus dem Thriller-/Krimibereich, die für jeden Fan dieses Genres bedingungslos zu empfehlen ist.

Der Albtraum einer Frau.
Ein dämonischer Psychothriller.
Der erste Fall für Carl Mørck
vom Sonderdezernat Q in Kopenhagen.

So lautet der Klappentext der oben zu sehenden Ausgabe des Buches. Und hier scheint irgendwas falsch gelaufen zu sein, denn nichts davon entspricht dem Inhalt von „Erbarmen“: Kein Alptraum, sondern blutige Realität. Keine Dämonen, sondern tief verletzte Seelen (von Opfer bis Täter bis hin zum Ermittler). Nicht der erste Fall, sondern ein erfahrener Ermittler, welcher ein neues Dezernat erhält.

Ansonsten aber hält das Debüt der Carl Mørck-Reihe, was angepriesen wird: „Ungewöhnlich, grausam, todspannend, nervenzerreibend und glaubwürdig.“

Auf 416 Seiten entfaltet Adler-Olsen einen wirklich spannenden Thriller, der einen nicht mehr loslässt. Während die ersten 70 Seiten noch etwas verhalten sind, steigert sich schließlich das Tempo immer mehr und man kann das Buch kaum noch zur Seite legen. Dabei ist „Erbarmen“ kein Krimi der Sorte „Wer ist denn nun der Mörder“?. Schon relativ früh im Band wird dem Leser klar, wer der Täter ist, aber darum gehts auch gar nicht in erster Linie. Die psychologischen Seiten der Charaktere, insbesondere des kauzigen, hartgesottenen und arroganten Ermittlers Carl Mørck, sind die besonders spannenden Versatzstücke dieses alptraumartigen Plots. Dass Carl Mørck dabei noch einen irren Syrer namens Assad als Mitarbeiter zur Seite bekommt (der ganz sicher auch eine dunkle Vergangenheit hat) passt da perfekt ins Bild.

Zwischen Ermittlung und den zeitversetzten Rückblenden zum Opfer bleibt viel Raum übrig für Medienschelte, aktuellen Rassismus oder psychologische Traumata. Adler-Olsen gelingt es, dies alles zu verpacken ohne vom Weg abzukommen. Kein Kapitel des Buches ist langweilig, die Rückblenden zum Geschehen 5 Jahre vorher sind nicht zu lang und sperrig und die Auflösung und das Ende des Filmes sind insgesamt glaubwürdig und realitätsnah gehalten, obwohl die Geschichte an sich natürlich etwas übertrieben ist. Zudem war der Text überaus einfach zu lesen (vor allem auch ohne langweilige, ausufernde Beschreibungen), und viele Passagen (allen voran die Szenen mit Assad) ließen einen trotz des grausamen Geschehens schmunzeln und lächeln.

Fazit: Mal wieder zeigt sich die unglaublich starke Bandbreite an skandinavischen Krimiautoren: Nach Mankell, Nesser, Marklund, Larsson, und wie sie alle heißen nun also Jussi Adler-Olsen. Ihm gelingt ein fulminantes Buch in bester Unterhaltung-Manier für jeden Thriller-Krimi-Fan (eignet sich ganz sicherlich auch als Verfilmung, we’ll see…). Hier gelingt ein toller Einstieg in eine hoffentlich lange dauernde Serie rund um das neue Sonderdezernat Q. Bleibt nur die Frage, ob Adler-Olsen dieses Level im nächsten Band, der im September in Deutschland erscheint, halten kann. Meine Leseempfehlung!

John Katzenbach – Das Rästel

Dezember 17, 2009 Hinterlasse einen Kommentar

Ich hab mal wieder einen „Thriller“ gelesen. Nunja, eigentlich kann man es kaum noch als Lesen bezeichnen, denn dieses Buch war wochenlang einfach dabei, und immer mal wieder hab ich ein paar Seiten geschmöckert. Und wenn man mich kennt, hat man da schon die entscheidende Schwäche im Roman von John Katzenbach erkannt.

Taschenbuchausgabe

Und darum gehts:  Gewalt, Angst und Kriminalität bestimmen die nahe Zukunft der Vereinigten Staaten. Während tagsüber der arbeitende Teil der Gesellschaft über die Straßen wandelt, beherrscht nachts das Chaos, Gewalt, die Stadt. Eine Ausflucht, einen Hort der Sicherheit, soll der so genannte 51. Bundesstaat bieten. Dieser neue Bundesstaat der USA ist ein von reichen Investoren gebildetes und streng überwachtes Konstrukt, das den Bewohnern eins garantieren soll: Sicherheit. Ausgerechnet dort gastiert nun ein Serienmörder – und macht das, was es im 51. Staat eigentlich gar nicht geben darf: Töten. Die State Security zieht den Psychologieprofessor Jeffrey Clayton zu Rat, der sich auf das Profiling von Serienkillern spezialisiert hat – und in diesem Thriller hier Hauptfigur, Ermittler und gleichzeitig Opfer ist.

Gleichzeitig erhält Claytons Schwester geheime Rästelzuschriften, und schnell laufen ihre beiden Geschichten zusammen – um schließlich gemeinsam in ihrer eigenen Vergangenheit zu kramen.

So weit so gut, schafft es Katzenbach auch ganz ordentlich Spannung aufzubauen. Die Geschichte liest sich gut und einfach, es gibt wenige „Och nöö, nicht wieder sowas unrealistisches“-Momente. Das große Problem liegt in den über 600 Seiten: Langatmigkeit macht sich immer wieder breit. Es ist nicht so, als wären diese Seiten uninteressant – aber sie sind – gelinde gesagt – überflüssig. Zumindest am Ende hofft man dann auf den wirklich großen Knall, doch der bleibt auch aus. So bleibt ein unter allen Gesichtspunkten nur wenig zu empfehlender Thriller, der sich aber insgesamt noch als ordentliche Bettlektüre wacker schlägt.

PS: Lobenswert – und für hier berichtenswert – finde ich am Roman aber das Setting. Die Story um den 51. Bundesstaat, das Thema Sicherheit und seine Folgen, „Big Brother is watching you“ und die alles entscheidende Frage: „Was bin ich bereit aufzugeben für absolute Sicherheit?“ sind bemerkenswert. Hier merkt man, dass Katzenbach sich gute Gedanken gemacht hat, und auf der Höhe der Zeit ist. Seine Schilderungen sind unter diesem Aspekt dann auch teilweise richtig erschreckend und nachdenklich machend.

Verbrannte Leichen mit Simon Beckett: Kalte Asche

Oktober 6, 2009 Hinterlasse einen Kommentar

Wenn man wie ich oft mit der Bahn unterwegs ist, und sich an Bahnhöfen schon fast heimisch fühlt, kennt man Simon Beckett! Zumindest den Namen. Denn seine Romane lagen das ganze Jahr über immer als „Bestseller“ in den Bahnhofsbuchhandlungen. Ob das nun „Die Chemie des Todes“, „Obsession“ oder eben „Kalte Asche“ war: Mindestens ein Beckett-Roman war immer  auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Das ist zumindest ein Umstand, der mich als Lesefan neugierig macht. Doch bisher hatte ich nie die Zeit, diese Neugier zu befriedigen. Jetzt bekam ich neulich „Kalte Asche“ in die Hand, und fing an zu lesen. (Leider merkte ich erst zwischendurch, dass dies der 2. Roman mit Dr. David Hunter ist, und ich wohl besser erst „Die Chemie des Todes“ gelesen hätte… Nun denn, so sei es nun).

Taschenbuchausgabe

Taschenbuchausgabe

Das Buch beginnt – wie im Grunde genommen jeder Krimi – mit einer Leiche. Der Unterschied zu anderen Krimis wird jedoch schon auf den ersten Seiten deutlich: Hier geht es nicht nur um die Leiche an sich (und zwangsläufig den Mörder dahinter), sondern auch um den Zustand der Leiche, die anthropologischen Befunde am Tatort und die forensichen Ermittlungen der Hauptfigur David Hunter, ein bekannter forensicher Anthropologe, der neben den beruflichen Problemen auch private hat, und der im Buch nach und nach dem Leser immer vertrauter und sympatischer wird. Das Simon Beckett sich im Metier auskennt, ist klar: die detailgetreuen Beschreibungen der Leichen (jaja, es gibt mehrere!) und ihre Art zu sterben sind faszinierend, wenn auch sogar manchmal zu übertrieben.

Auch sonst bietet dieser Krimi alles, was einen guten Krimi ausmacht: Interessante Charaktere, ein verlassener, ruhiger, einsamer Tatort, schwierige Bedingungen für Ermittler (und Leser), sowie ein gelungener Schreibstil, der immer einfach zu lesen ist (kann man in einem Tag schaffen), aber nie langweilig wird. Im Gegenteil: Vor allem, wenn die Geschichte langsam vorangetrieben wird, entsteht hier ein richtig spannender Showdown. Problem dieser Krimis ist ja nahezu immer, dass die Mörder spätestens nach einem Viertel des Buches dem Leser bekannt sind, das heißt zumindest im Plot vorgekommen sind. Erfahrene Krimileser werden das kennen: oftmals weiß man den Täter lange vor der Auflösung. Auch hier war ich mir recht früh sicher, wurde aber dann zmindest in Ansätzen noch überrascht. Das Ende mit seinen vielen Überraschungen ist sehr gelungen – bis auf die letzte Seite: Da möchte Beckett irgendwie unbedingt noch ein As aus dem Ärmel ziehen. Da ist es etwas zuviel des Guten und trübt auch im Nachhinein etwas das Gesamtbild.

Trotzdem bleibt ein überaus empfehlenswerter Thriller am Ende. Kein Meisterwerk, und auch keine große literarische Tat, aber trotz kleiner Mängel hat mich dieser Beckett-Roman insgesamt überzeugt. Ich werde mir in naher Zukunft auch die anderen Werke rund um David Hunter anschauen.

Stieg Larssons „Verblendung“ im Kino

Oktober 3, 2009 3 Kommentare

Der meistgeklickte, meistgelesene und meistgesuchte Post meines kleines Blogs ist – Trommelwirbel –  über die Verfilmung der großartigen, grandiosen Milleniumtrilogie von Stieg Larsson. Das ist bezeichnend für den Erfolg dieser dreiteiligen Buchserie über den Journalisten Mikael „Kalle“ Blomkvist und die geniale Hackerin Lisbeth Salander: „Verblendung“ war 2008 das meistgelesene Buch der EU, Larsson der zweitmeistgelesene Autor der Welt (nach Khaled Hosseini). [Larson kann diesen Erfolg übrigens gar nicht mehr genießen, er starb ganz kurz nach Fertigstellung der Bücher nach einem Herzinfarkt 2004.] Das zumindest konnte ich damals beim Lesen noch nicht erahnen – aber wie überdurchschnittlich gut diese Bücher sind, war auch mir schnell klar. Vor allem immer dann, wenn man mal wieder nicht aufhören konnte zu lesen. Nun also die Verfilmung, die nicht lange auf sich hat warten lassen. Verständlich bei einem solchen Erfolg. Ich bin ja bekanntermaßen sehr kritisch bei Romanverfilmungen, das geht fast grundsätzlich schief, weil ein Film nie die atmosphärische Dichte des Plots und die Charaktere so rüberbringen kann wie dies ein Buch vermag. Hier ist dieses Unterfangen nochmal doppelt schwer, denn mit der Apple-Verrückten, gewalttätigen Soziopathin Salander mit ihrem photographischem Gedächtnis und ihrer ganz eigenen Art mit Tattoos und Piercings hatte Larsson eine Person geschaffen, die es so wohl in dieser Form sicher noch nicht im Film gab. Und Überraschung: das Experiment Noomi Rapace als Lisbeth Salander gelingt: Sie ließ sich für diese Rolle piercen, die Haare schneiden und trainierte wochenlang um den durchtrainierten Körper von Lisbeth zu zeigen. Das Ergebnis ist filmisch wirklich hervorragend (abgesehen davon, dass Lisbeth im Roman noch kleiner und schmächtiger ist.):

Verblendung_scene_21

Das hier eine perfekte Darstellerin gefunden wurde, ist nahezu unabdingbar für diesen Film: Lisbeth trägt die Geschichte, sowohl im Buch als auch in der Verfilmung. Hauptakteur Blomkvist ist der eigentliche Nebendarsteller. Degradieren sollte man ihn trotzdem nicht: Michael Nyqvist („Wie im Himmel“) spielt den Wirtschaftsjournalisten ganz so wie man sich das als Leser der Romane wünscht: die gute Seele in der Handlung, idealistisch und aufrecht, und trotzdem selbst mit vielen Fehlern behaftet und mit vielen inneren Widersprüchlichkeiten. Neben der physisch unglaublich präsenten Rapace aber wirkt er fast deplatziert: Rapace ist Lisbeth Salander, wie man so schön bei richtig guten Darstellungen sagt. Man wird die Bücher nun kaum noch lesen können, ohne an ihre Mimik, an ihr Gesicht, an ihre Gestik, an ihre Stärken und Schwächen zu denken. Sie gibt dem Film (und der Trilogie) das Gesicht; an ihre Taten („Ich bin ein widerwärtiger Sadist und Vergewaltiger!“) wird man sich erinnern.

Regisseur Niels Arden Oplev lässt viele Szenen/Handlungen aus der Buchvorlage weg, oder deutet sie nur vage an (wie z.B. das Verhältnis zwischen Blomkvist und seiner Mitherausgeberin bei ‚Millenium‘). Das ist aber auch vernünftig so, denn sonst hätte man den Krimi sicher nicht in einem sowieso schon opulenten Werk von 153 Minuten spielen lassen können. So konzentriert sich Oplev auf die wichtigsten Stränge der Handlung und vor allem auf die atmosphärische Spannung der Vorlage: So begeistern hier viele dunkle Bilder und – wie schon erwähnt – die Schauspieler. 2,5 Stunden vergehen wie im Flug – und das ohne großes Firlefanz. „Verblendung“ ist kein Actionblockbuster, wenn schon eher ein Mainstreamthriller im TV-Format, der aber durchaus fürs Kino gemacht ist, und dort auch zu begeistern wusste. (Gerade auch diejenigen, die die Bücher nicht gelesen haben!). Ich halte Verblendung für eine ganz hervorragende Thriller-Verfilmung, welche mit ihrer komplexen spannenden Handlung und ausgezeichneten Protagonisten super zu unterhalten weiß.

Bedenkt man, dass ich Teil 1 noch für den schlechtesten der drei Bände halte, bin ich nach wie vor sehr fasziniert und freue mich nun umso mehr auf die Fortsetzungen, die schon im Februar 2010 im Kino laufen. Ich kann jedem Lese – (und nun auch Kino-) Fan diese Trilogie nur ans Herz legen. Bestens!

PS: Apropos Kino: Für diese Vorstellung hier waren 10 € pro Karte zu verkraften. Da ist in meinen Augen langsam die Schmerzgrenze erreicht – und die Kinobetreiber dürfen sich nicht über mangelnde Kundschaft beklagen, wenn gleichzeitig aktuelle DVDs nur noch 5 € kosten, und man diese per Heimkino in gleichwertiger Qualität genießen kann.

Millenium-Trilogie, 2. Streich.

August 26, 2008 Hinterlasse einen Kommentar

Vor kurzem schrieb ich schon über Verblendung, den ersten Teil der Trilogie von Stieg Larsson. Kaum ein paar Tage später habe ich den zweiten Teil mit insgesamt weit über 700 Seiten auch schon durch. Warum? Selten (nie?) so einen hervorragenden Krimi/Thriller gelesen.

„Verdammnis“ verbindet zu Anfang gekonnt den ersten Teil mit dieser Handlung, und gibt nochmal kurze Rückblenden auf die bisherigen Ereignisse. Es sind nun auch knapp 2 Jahre vergangen und der Leser erfährt, was zwischenzeitlich passiert ist. Daraufhin überschlagen sich ziemlich schnell die Ereignisse.

In Kürze zur Handlung: (Klappentext)

„Ein ehrgeiziger junger Journalist bietet Mikael Blomkvist für sein Magazin „Millennium“ eine Story an, die skandalöser nicht sein könnte. Amts- und Würdenträger der schwedischen Gesellschaft vergehen sich an jungen russischen Frauen, die gewaltsam ins Land geschafft und zur Prostitution gezwungen werden. Als sich Lisbeth Salander in die Recherchen einschaltet, stößt sie auf ein besonders pikantes Detail: Nils Bjurman, ihr ehemaliger Betreuer, scheint in den Mädchenhandel involviert zu sein. Wenig später werden der Journalist und Nils Bjurman tot aufgefunden. Die Tatwaffe trägt Lisbeths Fingerabdrücke. Sie wird an den Pranger gestellt und flüchtet. Nur Mikael Blomkvist glaubt an ihre Unschuld und beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln. Seine Nachforschungen führen in Lisbeths Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die ihn bald das Fürchten lehrt.“

Auch in diesem 2. Band schafft Larsson eine ganz eigene Atmosphäre um den ehrgeizigen, liebenswerten und manchmal naiven Journalisten Blomkvist und die kaum mit wenig Worten zu beschreibende Lisbeth Salander. Salander ist eine Person, wie sie in der Krimigeschichte sicherlich noch nie aufgetaucht ist. Zu Ihr allein könnte ich hier Seiten schreiben… aber da sollte sich jeder selbst ein Bild machen. Ich habe aber wohl  noch nie eine solch spannende, kontroverse, vielschichtige Figur in einem Roman kennengelernt.

Das ganze Buch ist von vorne bis hinten harter Tobak: natürlich die direkte Story um Mädchenhandel, Vergewaltigungen, Sex und Prostitution – aber auch die die direkten Handlungen der Protagonisten, allen voran Salander selbst. Trotzdem schafft es Stieg Larsson nach wieder einmal ruhigem Beginn die Spannung kontinuierlich zu steigern und spätestens gegen Ende hat das Buch den so oft zitierten Effekt, dass man es nicht aus der Hand legen kann… Das musste ich auch heute Nacht spüren… 😉

Am Ende wird leider ein klein wenig dick aufgetragen, und hier und da gibts auch schonmal das eine oder andere zu kritisieren, aber das sind Kleinigkeiten, welche man bei über 700 Topseiten durchaus verkraften kann – und dann ein übles offenes Ende. Genial – da heißt es wohl ganz schnell zum dritten Band der Trilogie greifen…

Fazit: Verdammt gute Fortsetzung (vielleicht sogar noch besser), geniale Charaktere und sehr spannend. Was will man mehr von einem Krimi? Pflichtlektüre!

http://www.stieglarsson.com/

%d Bloggern gefällt das: