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Blut und Sex in der Arena – US-Serie Spartacus: Blood and Sand

In der noch recht jungen amerikanischen TV-Serie „Spartacus“ des Kabel-TV-Senders Starz geht es lose um den Sklavenaufstand im römischen Reich 71-73 v. Chr. unter dem Thraker Spartacus. Dabei konzentriert sich die Serie vor allem auf die Zeit vor dem Aufstand. Und hier geht alles: grobe Sprache, ungehemmter Sex in allen Lebenslagen, politische Intrigen und jede Menge Blut. Eine Rückschau.

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Mit ‚Game of thrones‘ war meine persönliche Messlatte für freizüzige Gewalt- und Sexszenen im amerikanischen Fernsehen der letzten Jahre schon hoch angelegt. Dies kannte ich so nicht aus den Staaten, und in einer Unterhaltung über eben jene explizite Gewalt- und Sexdarstellung wurde mir „Spartacus: Blood and Sand“ empfohlen: Meine Messlatte hat eine neue Serie gefunden.

In der ersten Staffel dreht sich alles um die Gladiatorenschule des Quintus Batiatus. In diese wird Spartacus (gespielt von Andy Whitfield) nach einer Gefangennahme durch die Römer verschleppt. Er soll in der Arena durch 4 Gladiatoren hingerichtet werden. Er überlebt und wird im Laufe von „Blood and Sand“ nach anfänglichen Schwierigkeiten zum Anführer und besten Kämpfer von Capua. Es ist eine dreckige Welt voller roher Gewalt, in der Sklaven wie Tiere gehalten werden, und ein menschliches Leben nichts zählt.

Der eigentliche Hauptcharakter der Serie ist neben Spartacus sein „Dominus“, Quintus Batiatus (John Hannah). Der Zuschauer erlebt Fall und neuen Aufstieg des Hauses Batiatus, wird Zeuge der politischen Intrigen des Batiatus und seiner Frau (Lucy „Xena“ Lawless) und sieht ihre hemmungslose Machtbessenheit. Der Sittenverfall des römischen Reiches in seiner ganzen Blüte. In diesem moralischen Morast muss Spartacus um sein Leben kämpfen, gewinnt Freunde und Feinde – und gelangt an einen Punkt, wo er nur noch eines will: Rache.

Soweit gut, ist die Grundstory von „Spartacus“ nicht schlecht: Im Stil der Serie Rome wird das Bild eines kaputten, maroden Staates gezeichnet, in dem es nur um Macht, Lustspiele und Blut geht. Viel Blut. Hier darf alles an Körperflüssigkeiten spritzen, was man sich so vorstellen kann. Körperteile fliegen wild durch die Gegend, wenn gekämpft wird – oder es irgendwo wiedermal getrieben wird.

Der Stil der Serie ist dabei klar: Orientiert an der Erzählstruktur des Ridley Scott-Klassikers Gladiator und der Bildromantik – und Härte von Zack Snyders Spartaner-Spektakel 300. Das von „300“ bekannte Stilmittel der übertriebenen Darstellung von Einzelszenen wie Hinrichtungen oder Kämpfen wird hier auf die Spitze getrieben. Da spritzt das Blut sekundenlang über den Bildschirm, comicartig verfinstern sich Wolken und menschliche Stimmungen. Ich muss ganz ehrlich sein: Sowas habe ich bisher nicht gesehen – und manchmal wusste ich nicht recht, ob ich schlucken sollte oder einfach nur laut lachen. Denn das so harte Spiel mit Sex und Blut ist oftmals nah am Slapstick, nah an der Grenze zur Parodie. Über 13 Folgen entspannt die erste season ihre Geschichte, manchmal mit Überraschungen, insgesamt eher mit vorhersehbarem Ende und Strukturen.

Am faszinierendsten ist neben der sehr guten Darstellerriege sicherlich die Welt des Quintus Batiatus. Wie der kleine Emporkömmling um Macht und Anerkennung um jeden Preis kämpft, ist schlichtweg interessant und lässt die eigentliche Hauptrolle manchmal fast vergessen. Letztlich wird ähnlich wie bei „300“ alles der Ästethik, den muskelbepackten, feucht glänzenden Gladiatoren und den kraftvoll inszenierten Kampfszenen untergeordnet.

Taugt der amerikanische Serienhit nun etwas?

Nun ja, als „lustiges“ Gemetzel für zwischendurch und Trash-Serien-Unterhaltung ist Spartacus: Blood and Sand definitiv gelungen: Saubere Ästhetik, unglaubliche Kampf-Szenen, und Blut Blut Blut. Und Sex. Gerammelt wird immer, ob mit Sklaven oder ohne, ob untereinander oder mit anderen, als Lustspiel oder als politischer Akt. Die Serie ist ein kleiner Gewalt-Porno, und hat die FSK-18 seit langem mal wieder so richtig verdient. Dazu kommen aber leider auch viel zu viel Kitsch und ein Stil, der oft zuviel zeigt. Manch einer würde sicher laut „Schrott“ sagen. Als ernsthafte Serie sollte mal Spartacus nicht sehen, ich denke, das will sie selbst gar nicht sein. Wer auf anspruchsvolle Kost steht, sollte hier besser die Hände weglassen – und zum Beispiel zu parallel laufenden Serien wie „Homeland“, „Breaking Bad“ oder „Mad men“ schalten. Oder sich weiterhin von „Game of Thrones“ vormachen lassen, wie Gewalt und Sex beeindrucken statt einen grinsen zu lassen.

Seit dieser Woche läuft Spartacus kostenlos und völlig legal beim Videoportal myvideo. Das Ungewöhnliche daran: Ab 23 Uhr werden hier die ungeschnittenen Folgen gezeigt, und das sollte hier Pflicht sein. Außerdem kann man hier erstmals (?) zwischen deutscher und Original-Sprache wählen. Das sollte im deutschen TV-Bereich bitte Standard werden.

Ab Freitag, 20. April 2012 läuft Spartacus: Blood and Sand auf Pro 7.

PS: Der wirklich gute Hauptdarsteller Andy Whitfield verstarb im vergangenen Herbst an einem Krebsleiden. Er wurde nur 39 Jahre alt. Ab der zweiten Staffel wird die Hauptrolle von Liam McIntyre gespielt.

‚Kreutzer kommt’…und das deutsche TV-Verhalten

November 2, 2010 13 Kommentare

„Ich bin Kreutzer. Ich löse den Fall hier.“ Mit diesen Worten stellt sich Kreutzer vor, der neue TV-Kommisar bei ProSieben, überraschenderweise gespielt von „Stromberg“-Star Christoph Maria Herbst. Sein erster Fall hat es in sich, aber Kommissar Kreutzer hat bisher noch jeden Mörder überführt – in 4 Stunden, 37 Minuten und 48 Sekunden… Eine kleine TV-Kritik, an der sich auch wunderbar das deutsche Fernsehverhalten messen lässt.

Selten hat ein Pilotfilm (zu einer möglichen Serie) soviele kontroverse Meinungen produziert. Warum? Weil „Kreutzer kommt“ nicht perfekt war oder gar elendig schwach? Nein, vielmehr, weil es auf einem privaten Sender lief, an einem Feiertag (an dem doch die meisten Deutschen frei hatten), und zudem „Superstar“ Herbst die Hauptrolle hatte. Dies alles führte dazu, dass zumindest um 20.15 viele Deutsche einschalteten. Sie hatten ja auch noch eine Stunde Zeit, bis „Bauer sucht Frau“ lief. Und innerhalb dieser ersten Stunde von „Kreutzer kommt“ gab es bei Twitter einen Sturm an Tweets zu #Kreutzer mit äußerst unterschiedlichem Befinden. Um es kurz zu machen: Der Großteil der Zuschauer war unzufrieden, klagte über die Langatmigkeit, die fehlenden „Stromberg“-Gags und über ewige Dialoge ohne große Spannung. Nur ein Bruchteil bewunderte Herbst für seine schauspielerische Leistung, noch weniger bedankten sich für die tollen Dialoge und die großartige Charakterfigur. „Kreutzer kommt“ hatte schon verloren, bevor es richtig loslegen konnte.

Das ist sinnbildlich für die deutsche TV-Landschaft und das deutsche Fernsehverhalten. Es scheinen lediglich noch drei Formate viele Menschen erfolgreich (im Sinne der Quote) zu erreichen:

1) Irgendjemand wird gesucht/gecastet, und dabei geht es vor allem darum, die Menschen größtmöglich zur Schau zu stellen, so dass es für Otto-Normalo zuhause witzig ist, und er so zufriedener mit seinem eigenen erbärmlichen Leben ist. („Bauer sucht Frau“, „Schwiegertochter gesucht“, „DSDS“, „Supertalent“, etc.).

2) Irgendwelche Spielchen, die aufs Einfachste getrimmt spannend und unterhaltsam sind, vorzugsweise gegen oder mit Prominente(n), damit man was zu tratschen hat, und gerne über 5 Stunden. („Wetten, dass..?“, „Schlag den Raab“, etc.).

3) Volksmusik mit Florian Silbereisen.

Wenn nun ein Sender versucht, eine fürs deutsche Fernsehen ungewöhnliche Serie zu produzieren, geht das meistens nach hinten los. „Kreutzer kommt“ war/ist solch eine ungewöhnliche Serie. Ein Krimi, der schon von vornerein mit dem Intro und dem relativ späten Einstieg von Kreutzer selbst zeigt, dass er anders sein will. Mehr Dialoge, viele mögliche Täter, ein überaus arroganter, kontroverser Kommisar in einer Mischung aus Dr. House und Monk, nur ohne deren Macken. Nicht alles gelingt dem Piloten: Die größte Schwäche von „Kreutzer“ war sicher die zum Teil etwas in die Länge gezogene Spielfilmlänge. Hier wären 60 Minuten statt der 90 wohl sinnvoller gewesen. Über Langatmigkeit konnte man sich darüber hinaus aber auch nur beschweren, wenn man keinen Sinn hat für feine, intelligente Dialoge in Serien. Diese Dialoge waren bissig, und durchtränkt von tiefem Humor, der aber nie affig wurde. Beklagenswert ist meiner Meinung nach das Over-Acting von Herbst. Gewiß, Herbst ist ein genialer Schauspieler, aber hier war mir das eine oder andere „Augenbrauen-Hochziehen“ zuviel des Guten, zuviel von „Stromberg“, wo er ja eigentlich mit allen Mitteln von weg will. Darüber hinaus ist die Figur Kreutzer aber einfach genial: Wie er sich den jeweiligen Verdächtigen gegenüber verhält, wie er verschiedene Personen provokant und trickreich in die Bedrängnis bringt ist schlichtweg phantastisch. Im Gegensatz zu üblichen TV-Krimis (wozu leider auch immer öfter der Tatort zählt) wusste ich hier nach über 80 Minuten immer noch nicht, wer der Mörder ist. Erstaunlich, weil im Fernsehen allzu oft die Hinweise zu offensichtlich sind. Bemerkenswert an Kreutzer war vor allem die leise Art der Unterhaltung: Wenig bis gar keine Action, keine übertriebene Dramatik, keine Rücksicht auf Konventionen und kleine gezielte Gags auf Religion, Homosexualität oder Rassen. Aufgrund dieser leisen Stimmung war mir schon zu Beginn bewußt, dass hier für die Masse keine neue Erfolgsstory entsteht. Dafür ist Kreutzer schlichtweg einfach zu gut.

Als ich gestern abend „Kreutzer kommt“ schaute, befanden sich noch 6 weitere Personen in der Wohnung. Diese waren versammelt vor einem kleinen Fernseher und schauten – natürlich – „Bauer sucht Frau“. Das ist sinnbildlich für die drei oben vorgestellten Formate. Der Durchschnitts-TV-Zuschauer braucht entweder jede Menge Action oder soviel menschliche Urtriebe, dass er sogar bemitleidenswerte Landwirte zum Heulen witzig findet.

Dabei – und das ist die große Tragödie des Fernsehens – gehen die wirklich guten Produktionen unter: Ob das nun das gerade auf der ARD laufende „Im Angesicht des Verbrechens“ ist oder beispielsweise der vor kurzem im ZDF gelaufene „Adler“ oder erst Recht auf 3sat oder Arte laufende Produktionen wie beispielsweise „In Treatment„.

„Kreutzer kommt“ ist nicht so gut wie diese Serien. Dafür hatte der Pilot dann doch zuviele Schwächen. Aber es war ein sehr angenehmer Zeitvertreib, intelligente, spannende Unterhaltung und ein wesentlicher Schritt in die richtige Richtung mit deutschen Serien-Produktionen abseits von „Alarm für Cobra 11“. Man sollte dabei vor allem nicht Herbst in die Rolle des Versicherers Stromberg reinstecken. Mit diesem Gag-Wahnsinn hat Kreutzer nun wirklich gar nichts zu tun. Ich bin hoffnungsvoll und guter Dinge, dass ProSieben aus diesem Piloten eine Serie produziert – und wenn es auch nur ist, um zu zeigen: Hallo, wir können auch anders als Klamauk, Casting und Promi-Show. Danke dafür.

TV-Kritik: Unser Star für Oslo

März 13, 2010 1 Kommentar

Oder auch einfach: „Verdammte Scheisse, Oslo, Baby!“

Gestern wurde er also gefunden: der deutsche Teilnehmer des berühmt-berüchtigten Eurovision Song Contest 2010 in Oslo. Es ist wenig überraschend Lena Meyer-Landrut geworden. Die 18-jährige Schülerin aus Hannover setzte sich im Finale gegen die gleichaltrige Jennifer Braun durch. Es war die insgesamt 8. Live-Show von „Unser Star sucht Oslo“, der erstmaligen Kooperation von Privatsender (in Form von Stefan Raab und ProSieben) und den Öffentlich-Rechtlichen (in Form der ARD). Schon in der ersten Show hatte Lena überzeugt und Jury und Fans auf ihre Seite gezogen, und war seither die erklärte Favoritin der Show (machte sich zB unglaublich bemerkbar in den zeitweiligen #lena-ausufernden Tweets in meiner Timeline bei Twitter parallel zu den Liveshows).

Es war gestern abend gegen 22.30 Uhr, als Lena zum dritten Mal(!) ihren Siegerhit „Satellit“ singen darf muss („Jetzt? Darf ich vorher etwas trinken?“) und die älteren ARD-Programmdirektoren vermutlich den Mund nicht mehr zu bekommen: „Baby Baby Baby“, schreit Lena immer wieder, sichtlich fertig mit den Nerven und ihren Gefühlen. Aber es kommt noch dicker: Während einer kurzen Textpause ruft sie „Verdammte Scheisse, Oslo, Baby!“, lässt sich kurz mal erschüttert auf dem Boden nieder, nur um dann weiter „powerfull“ zu singen und am Ende wieder völlig kaputt ihr „Baby“ in das Publikum zu schmettern.

Und vermutlich ist es genau DAS gewesen, was sie letztlich ins Ziel gerettet hat, und nun nach Oslo für Deutschland fahren lässt: Ihre unverwüstlich direkte, ehrliche und natürliche Art. Dieses unglaubliche Lebensbündel mit Sprüchen wie „Mein ganzer Körper ist voll mit kleinen guten Sachen“. Noch im Halbfinale erzählte sie etwas von „Kackwurst in der Hose“, im Finale waren dann ihre Cola- und Fantalippenstifte das Thema und natürlich war alles „voll fett“, „derbe“ und „hart“.

Sind wir doch mal ehrlich als Lena-Sympatisanten: Die beste Sängerin war und ist sie nicht, im Halbfinale wurde dies ganz besonders deutlich. Vor allem Jennifer und auch Kerstin machten ihr gesanglich einiges vor, und auch im Finale hatte Lena in meinen Augen gesanglich das Nachsehen. Aber sie hatte das gewisse Etwas, dieses „Hallo, hier bin ich“, diesen unbändigen Willen und die Lust am Singen. Ihre Konkurrenten und Konkurrentinnen waren im Gegensatz zu ihr nur blass – oder im Falle von Finalistin Jennifer zuviel Mainstream. Ihre Gesangsdarbietungen waren gerade in den beiden letzten Shows herausragend, vor allem im Halbfinale zeigte sie ihre ganze Klasse. Dass Lena trotzdem gewonnen hat, spricht vor allem für die Show und ihr Publikum. Unabhängig wie „wir“ nun in Oslo abschneiden – blamieren wird sich Lena sicherlich nicht. Dafür sind ihre witzige Art, ihre Performance, ihr Auftreten und ihr Charisma einfach zu toll. Ein vorderer Platz ist drin – auch wenn man in der Lotterie ESC keine Tipps abgeben sollte.

Der große Gewinner der 8 Shows verteilt auf Pro7 und ARD heißt nicht Lena, sondern Stefan Raab. Seine Ansage „Hier ist das erste deutsche Fernsehen…“ sorgte für Lachanfälle und USFO sorgte in den vergangenen Wochen nicht nur für ein völlig neues Interesse an dem europäischen Song Contest, sondern auch für echte Musik-Unterhaltung. Die Kandidaten überaus begabt, keine nervigen Video-Einspielungen und der gesamte Fokus auf die Musik, und nur auf die Musik. Leider ist dies auch der größte Kritikpunkt: Sowohl der Spassfaktor als auch die Kritikfähigkeit der Jurymitglieder liessen manchmal etwas zu wünschen übrig. Gerade von Raab hätte ich mir da doch mal in der Summe schärfere, bissigere Sprüche erwartet. Es gäbe sicherlich noch einiges zu kritisieren, – unter anderem die zu sehr in die Länge gezogenen Entscheidungen, überhaupt die gesamte Länge des Castings, nervöse, schlecht gekleidete Hauptmoderatorin, oder die wenig begeisternden Produktionen im Finale – aber unter dem Strich bleibt eine ungewöhnlich gute Castingshow, die viel Spass gemacht hat, und Millionen hat mitfiebern lassen.

Ich mag Lena, und ich mag auch ihre Art (auch wenn ich in ihren Augen schon uralt bin^^), und von mir aus kann sie auch in Oslo „Verdammte Scheisse“ rufen. Lassen wir uns überraschen, ich blicke dem Eurovision Song Contest auf jeden Fall sehr zuversichtlich entgegen – und damit meine ich nicht mal eine gute Platzierung, sondern dass wir ein junges Mädel haben, welches unser Land witzig, fröhlich und selbstbewußt vertritt. Da ist das Ergebnis doch nahezu zweitrangig.

PS: Lena hat mit ihrem Oslo-Song „Satellite“ heute schon einen All-Time-Rekord in den deutschen Downloadzahlen geknackt.

TV-Comedy-Granate Max Giermann

September 15, 2009 3 Kommentare

Eigentlich hätte ich in diesen Tagen etwas zum medialen Wahlkampf bloggen können oder vielleicht auch müssen, insbesondere natürlich über das gehypte TV-Duell bei ARD, ZDF, RTL und SAT1. Da habe ich das Fernsehen schon mal an, weil mich das Duell – natürlich – interessiert, und heraus kam nur langweiliges, stumpfsinniges Geplauder: überraschenderweise vor allem von den vier Moderatoren. Mal wieder war ich vom Fernsehen allgemein und vor allem auch von den Hauptdarstellern enttäuscht. Darüber zu bloggen ist mittlerweile aber auch gar nicht mehr nötig, denn Blogger wie Medien diskutierten und schrieben sich zum Thema die Finger wund: Carta analysiert die Szenerie hervorragend und auch der tontraegerhoerer bildet sich ein Urteil. In Zeiten von dumpfsinnigen Castingsshows, und in welchen die besten Spielfilme nur noch zu unmöglichen Zeiten laufen, und sich dort noch Gameshows geschlagen geben müssen, ist das deutsche Fernsehen sicherlich am Boden angekommen.

Doch es gibt sie ja, die positiven Ausnahmeerscheinungen. Und die muss man entsprechend würdigen. Ganz selten, aber manchmal entdeckt das Fernsehen Perlen. Menschen, die es schaffen zu unterhalten. Menschen, die es schaffen Fernsehen zum wieder möglichen Medium zu machen. Interessanterweise sind diese Menschen vor allem im Bereich der TV-Kritik zu finden. „Switch Reloaded“ macht dies seit Jahren hervorragend: Mit brillianten Darstellern wie @kesslermichael und tollen Drehbüchern wird hier Comedykunst auf allerhöchstem Niveau geboten. Viele „Switch“-Szenen wie Obersalzberg sind schon moderne Klassiker der Fernsehgeschichte. Unter all den guten, teilweise phantastischen Switch-Darstellern ist Max Giermann der Beste. Er betreibt seine Parodien in einer einzigartigen Weise: Mit nur winzigen Bewegungen ist jedem Zuschauer klar, wer hier sein Fett abbekommt. Giermanns Rollen sind so nah am Original, dass es fast unheimlich ist. Absurd genial, und genial absurd. Höchste Schauspielkunst, und dabei immer nah am Punkt der Zeit: Die Schwächen des deutschen Fernsehen entlarven wo es nur geht.

Jetzt darf Giermann auch mal ganz alleine ran: Unter dem etwas merkwürdigen Namen „Granaten wie wir“ darf er  nun immer Dienstag Abends eine Stunde lang ganz alleine in seine Paraderollen schlüpfen: Von Lafer bis Raab,von Pflaume bis D!, hier sind alle dabei, und jeweils eine Parodie-Rolle ist gleichzeitig Moderator der Folge. Neben Giermann wirken bei jeder Folge noch prominente Gäste mit.  (Und genau diese Gäste sind zumindest in der heutigen ersten Folge die Schwachstelle, bestes Beispiel: Detlev D! Soost versucht absolut verkrampft lustig zu sein;auch die Backstreet Boys brauche ich in einer solchen Serie nicht! Nur Serdar Somuncu ist  witzig und aktuell.) Giermann selbst ist der Verwandlungskünstler wie eh und je – auch wenn nicht alle Sketche witzig und pointiert sind (unter anderem wenig lustig: Stefan Raab als Jesus) – und parodiert die bekannten TV-Gesichter mit seiner berühmten, ganz eigenen Art: Mit wenig zur Perfektion. Insgesamt bleibt die Show etwas hinter den Erwartungen zurück, aber dem geb ich noch eine Chance.

Ich wünschte es gäbe mehr Max Giermanns. Viele „Comedians“ könnten sich hier mal eine große Scheibe abschneiden.

giermann

Das Sommermädchen auf Pro7

Juli 11, 2009 2 Kommentare

Ich dachte ja eigentlich mit dem Finale von „Germany’s next Topmodel“ bzw. der kompletten Staffel wäre der Boden des Casting-Sumpfes erreicht. Das dachte ich wirklich. Ich dachte auch, es gäbe nichts peinlicheres als das Dschungelcamp von RTL. Doch gerade wird alles getoppt, wiedermal. Mittlerweile bin ich der festen Meinung, dass in der deutschen Medienlandschaft nichts unmöglich ist – auf der Skala nach unten.

Aufgrund eines Tweets bei Twitter auf Pro7 aufmerksam geworden, schalte ich den Fernseher an. Außerhalb von Sportübertragungen (aktuell Tour de France) hatte ich diesen seit Wochen nicht mehr angeschaltet.

Erstes Bild: Titten 2 große weibliche Brüste. Vergrößert. Silikon platzt fast heraus.

Nächstes Bild: Brüste. Brüste soweit das Auge reicht. Jetzt ein Kommentar. Doof. Die Frau Das Mädchen zur Brust spricht nun: Etwas unverständliches, es ist zumindest Deutsch. Soll es sein. Migrationshintergrund. Sie steht auf einem Sprungturm. Aufgabe: Spring ins Wasser! (Im Internetkauderwelch wäre hier wohl jetzt ein großes WTF?! angebracht!)

„Nein, ich kann nicht springen. Ich hab gesundheitliche Probleme. Ich hab Angst, dass meine Brust platzt!“

Wo bin ich denn hier gelandet? Der einschlägige deutsche Fernsehzuschauer wird es schon ahnen: Ich schaue Pro Siebens „Sommermädchen“.

sommermaedchen_mit__846829gWas passiert hier?

12 mehr oder weniger nackte Zicken kämpfen um den zweifelhaften „Titel“ Sommermädchen 2009. Oder anders gesagt: Einmal 15 Minuten Ruhm, bitteschön. Danke!

Das ganze passiert auf eine solche plumpe Art und Weise, dass man fast von der Karikatur einer Casting-Show sprechen könnte: Wenn man es nicht besser wissen würde, könnte man meinen Pro7 würde sich hier selbst etwas auf die Schippe nehmen: Die Blicke der Moderatoren, die Bemerkungen des Kommentators und die eingespielte Musik – ein einziger Klamauk. Dazu führen die – nicht mal sonderlich hübschen  – Meeeeeedchen einen Zickenkampf der besonderen Art: Fettarsch gegen Silikontitten, yippie! Und dabei dürfen die Mädchen ein wenig planschen, ein wenig rumstolzieren, ein wenig hier Titten zeigen, ein wenig hier den Arsch hinhalten. Frei nach dem Motto: Wenig Gehirn, viel Oberweite! Die Zitate, die so über den TV laufen, sind dann auch dementsprechend:

„Ich hab deinen Mops gehalten, deinen Dritten.“

„Ich kann da nicht mitmachen – mein Unterbauch ist zu dick!“

„In Mainzer Großraumdiskos kommt das hier richtig gut an…“ [omg!]

Das ist wirklich das primitivste, was mir in letzter Zeit so im Fernsehen aufgefallen ist. Ich bin ein wenig peinlich berührt. Und schon wieder Zickenterror. Ich glaube Pro7 kalkuliert solchen Zickenterror mit in die Planung ein.  Nur so scheint ein solches Format zu funktionieren: „Ey, die andere Tante is scheisse, ey!“.

Ich sollte ganz dringend ausschalten. Ich bin raus.

PS: Eine unverschämte Dreistigkeit ist es, für eine solche Schande in der TV-Landschaft  solch wundervolle Hintergrundmusik von Muse zu benutzen. Ich verzweifele…

Faszination Germany’s Next Topmodel

Mai 22, 2009 5 Kommentare

oder auch: „Der Ekel von der Topmodelsuche“.

oder auch: „Heidi Klum wird sich noch totkreischen“.

oder auch: „Mehr Werbung Productplacement geht nicht“.

Die Suche nach Deutschlands schönster Frau bestgeeignetster Werbemaschine ist zu Ende. Zum vierten Mal nun schon. Und ich muss es einfach gestehen: Ich habe mir das Finale angesehen. (Fast) Komplett! Schande über mein Haupt.

Aber wie kommt es dazu? Ursachenforschung an mir selbst: Warum schaue ich mir Donnerstag abends – nach einem wunderschönen Tag – 3 Stunden Dauerwerbesendung mit einer kreischenden, nervenden Moderatorin an? Was macht die Faszination aus?

Es gibt ja für uns Männer vordergründig genug Gründe diese Show zu verfolgen: Eine Menge gutaussehender Frauen Mädchen lassen sich monatelang rund um die Welt von den besten Photographen perfekt in Szene setzen: An schönen Bildern mangelte es jedenfalls nicht – und weil die Castingmaschine von Pro7 schön an die unterschiedlichen Geschmäcker denkt und von rothaarig bis dunkelhäutig alles dabei ist, wird auch sicher jeder Mann im Land bedient. (Damit auch wirklich ALLE Männer bedient werden können, ist dann auch noch „de Rolfe“ Scheider in der Jury dabei! )

Für Frauen ist ja sowieso gesorgt: der lustige Payman darf in der Jury seine Sprüche klopfen, Heidi Klum darf an vorderster Front „guck mal die – so will ich auch sein“ spielen – als Mutter der Nation: perfekt gestylt, perfekte Auftritte, und natürlich das perfekte Familienleben.  Bussi bussi! – Nicht zu vergessen all die ganzen schönen Kleider von prominenten Designern, deren Namen ich nie gehört habe und auch sofort wieder vergessen habe. Hach, für Millionen Mädels muss Donnerstags abends ihr Traum im Fernsehen laufen. Wir trotzen der Krise, yeah!

Ich weiß gar nicht über wieviele Wochen GNTM nun eigentlich lief – es kam mir wie eine Ewigkeit vor. (Vermutlich wie meiner Freundin eine lange Fussballsaison vorkommen muss, hrhr). Und wiedermal schafften Klum und co es, eine absolut mittelmäßige Sendung auf die Spitzenplätze der TV-Landschaft zu hieven. Obs dafür ein Rezept gibt? Fakt ist jedoch: Obwohl in dieser „Casting-Show“ wirklich NIE etwas spektakuläres geschieht, geschweige denn wirklich interessante Frauen dabei zum Vorschein kommen, kriegt man das Thema GNTM nicht aus den Medien, nicht aus den Gesprächen – ja, verdammt, nicht mal aus diesem Blog. Aber warum? (womit ich so langsam wieder die Kurve krieg zur Ausgangsfrage…)

Die Topmodelsuche schafft es auf eine einzigartige Art und Weise, im Zeitalter des Fremdschämens, sich in den Mittelpunkt der medialen Welt zu stellen – indem schöne Stereotypen hergestellt und bedient werden, Reisen um die ganze Welt, welche das Ganze künstlich aufpushen, berühmte (und wirklich gute!) Photographen und Stylisten am Werk sind, und das ganze derart gut vermarket wird, dass einem schon schlecht wird, wenn man nur „irgendetwas“ zum Thema Fernsehen lesen will. Denn selbst die großen „Seriösen“ wie Spiegel, FAZ und co kommen nicht dran vorbei regelmässig ihre Kommentare zu Klums Schund-Show anzupreisen. (Natürlich ganz zu schweigen von BLÖD!) Und wenn sich dann noch die Blogger und Twitterer einschalten und um GNTM eine harte Diskussion entfachen, ist jede gewünschte Aufmerksamkeit da. (Zicken in der Sendung wie Tessa machen ihr Übrigens, damit auch ich einschalte, um mich mal kaputtzulachen, mal über das deutsche Fernsehen zu schimpfen und mich dann wieder herrlich zu amüsieren…)

Und so sitze auch ich gestern da, Tüte Chips in der Hand, aufmerksam was da passiert. 15.000 Zuschauer in der Kölnarena (*hust, neudeutsch auch Lanxess-Arena), das erste Mal live. „Hey, das hat ja fast raab’sche Dimensionen“, denke ich schon zu Beginn: „Okay, doch nicht – Raab ist der geborene Entertainer, Heidi Klum ist nur peinlich…!“, ist aber auch schon der nächste Gedanke. Was in den nächsten 3 Stunden folgt ist eine unfassbare Productplacementvariante. Hier 5Minuten Werbung, da „ganz kurz 20 Sekunden weg, dann sind wieder da…“, hier ein Auto, dort Cosmopolitan. Dazu drei Juroren, die sich ständig wiederholen. Ein sich selbst lobender Payman, ein schluchzender Rolfe („Schwöre es!“) und eine kreischende Heidi Klum. Diese Stimme! Wenn mein Fernseher Gefühle hätte, würde er bestimmt sehr beleidigt sein nach diesen drei Stunden voller Qual.

Den Höhepunkt erreicht dieses Kreischen bei der Verkündigung der Siegerin. (Das zieht sich übrigens in eine selbst fürs Privatfernsehen ungeahnte Länge – Klum wollte wohl DSDS mal so richtig Konkurrenz machen!) „Maaaaandy – oder Saaraaa?“ „Maaaaandy oder Saaaraaa?“

20 Sekunden Werbung.

*kreisch. „Maaaaandy oder Saaaaaaraaa?“ *kreisch.

„Die Siegerin bekommt übrigens ein Auto.“ (WOW! Da ham se aber ganz dick aufgefahren mit dem Swift!)

(Übrigens: Dass die Jury sich erst während des Finales berät, um die Siegerin zu küren, bzw. die Drittplazierte vorher schon rauszuschicken, ist der größte vorgegaukelte Unsinn der TV-Geschichte seit der Mondlandung. Unfassbar!)

Und endlich ist Ende. Ein hartes Stück  TV-Event ist vorüber. Die Faszination GNTM wird trotzdem sicher anhalten. Ganz sicher länger als der Erfolg der Siegerinnen 😉 Und ja, vermutlich schalte auch ich wieder den Fernseher an, wenn es heißt: Germany’s next Topmodel, season 5. Unglaublich.

PS: Etwas positives gab es aber ja dann doch noch: Der Auftritt von A-ha war gelungen. Ich freu mich aufs neue Album 😉

Ach ja, gewonnen hat übrigens Sara Nuru. Völlig verdient! Süss, sexy, schelmisch, schön. Kriegt mein OK 😉

im Regen...

im Regen...

Sara

Sara

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