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Posts Tagged ‘Serienjunkies.’

Mythologie, Religion und die große Depression: Carnivàle (HBO, 2003-2005)

Januar 30, 2013 Hinterlasse einen Kommentar

Der amerikanische Sender HBO ist ja mittlerweile auch hierzulande bekannt für seinen hohen Qualitätsstandard und beliebt für Fernsehproduktionen wie The Wire, The Sopranos, Six Feet Under, Game of Thrones, True Blood oder auch aktuell Girls. Ein weiteres großes Stück Fernsehkunst hat es dagegen trotz vieler Fans und guter Kritiken nie nach Deutschland ins Free-TV geschafft und wurde viel zu früh abgesetzt: die vielschichtige und großartige Serie Carnivàle.

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Auf Carnivàle bin ich vor einigen Jahren gestoßen: in einer Filmwissenschafts-Vorlesung über „US-amerikanische Serien seit Twin Peaks“ zeigte die Dozentin einen Ausschnitt und bewunderte die Charaktere und die Komplexheit der Handlung und verglich die Serie mit David Lynchs Meisterwerk Twin Peaks. Und in der Tat kommt bei den ersten Episoden unmittelbar der Gedanke an Laura Palmer, Agent Cooper und co. Nicht nur, dass mit Michael J. Anderson einer aufgrund seiner genetischen Krankheit eindrücklichsten Schauspieler sowohl in Lynchs Werk als auch in Carnivále mitspielt (schon dessen Prolog im Piloten der Serie ist großartig!), sondern auch der Rest des Casts ist ähnlich wie in Twin Peaks geprägt von seltsamen Gestalten und ungewöhnlichen Menschen, und die Mystik nimmt auch in der HBO-Serie einen breiten Raum ein.

Carnivàle, Namensgeber ist ein umherziehender Jahrmarkt, spielt mitten in der „Great Depression“ der 1930iger Jahre, tief im mittleren Westen der USA und dieses deprimierte Leben wird in jeder Sequenz deutlich: Armut, Schweiss und Schmutz, Arbeitlosigkeit, Kriminalität – und auf der anderen Seite auch tiefste Religiösität, Aberglauben und eine von mystischen Symbolen aufgeladene Welt. Die übergreifende Geschichte der Serie dreht sich um den Kampf zwischen Gut und Böse, oder anders gesagt: Den Kampf zwischen der Gestalt des Lichts und der Kreatur des Dunklen. Im Mittelpunkt davon stehen der junge Ben Hawkins und der Priester Justin Crowe (ähnlich wie später bei der Drama-Serie LOST wird auch hier mit den Namen der Protagonisten gespielt!), welche sich nicht nur hinsichtlich ihrer Mission diametral entgegen stehen: Hier der adrette, makellose und immer höfliche Bruder Justin, dort der immer verschwitzte, etwas heruntergekommene Ben; hier der Publikumsliebling und Radiostar, dort der zurückgezogene, einsame Junge. Die Serie spielt vor allem in ihrer ersten Season ganz bewusst mit diesen Gegensätzen, denn zu diesem Zeitpunkt steht nicht offenkundig fest, welcher der beiden für „das Gute“ und welcher von ihnen für „das Schlechte“ steht. (Hier zum Trailer.)

Diese Grundidee der Serie (Gut gegen Böse) erscheint wenig originell und zumindest auf tieferer Ebene langweilig. Doch Carnivàle (unter der Idee von Drehbuchautor Daniel Knauf) schafft eine solch überzeugende Konstruktion des Plots und der einzelnen Charaktere, dass man jedes neue Mosaik begierig aufnimmt. Vor allem die zahlreichen Personen der Geschichten sind dabei authentisch und vielschichtig. Darüber hinaus bekommt jede Figur viel Zeit für ihre Entwicklung. Allein schon Bens (gespielt von Nick Stahl) Entfaltung vom schüchternen, verzagten Jungen zum heilenden Mann mit einem Auftrag ist großes Kino. Die „Kräfte“ der Protagonisten nehmen dabei selbstredend einen großen Spielraum innerhalb der Serie ein: Hawkins kann durch seine übernatürliche Fähigkeiten Menschen heilen, sogar vom Tod wiederauferstehen lassen, während Crowe sie dazu bringen kann, seinem Willen zu folgen. Was beide noch eint: sie haben immer wieder dunkle Visionen und Alpträume. Dies alles wird einer unglaublich komplexen Mythologie zugrunde gelegt: Aufgeladen mit spirituellen Symbolen, Freimaurer-Legenden, Tarotwahrsagung und natürlich der christlichen Theologie ist die Handlung von Carnivàle intensiv und oftmals verwirrend.

Dies könnte sicher auch dazu beigetragen haben, dass die Quoten besonders in der Season 2 für HBO zu schlecht waren, und die Serie abgesetzt wurde. Dies ist vor allem bedauerlich, weil Knauf sein Projekt auf 6 Staffeln angelegt hatte und das Ende der 2. Staffel – nun ja – kein wirkliches Ende ist. Ohne zuviel zu spoilern: Der Cliffhanger der allerletzten Folge lässt den Zuschauer etwas sprachlos zurück. Und somit kann der Carnivàle nie seine ganze epische Breite erzählen, die ihm angedacht war. Ich hätte der „Freakshow“ rund um Mr. Samson liebend gerne noch weitere Seasons zugeschaut. Denn hier findet sich schon alles, was wir auch an aktuellen Serien lieben: eine mitreißende, komplexe Story, dazu ein perfektes Setting mit phantastischen Bildern, Charakterdarsteller und eine langsame Erzählart mit viel Entfaltungsmöglichkeit für die Geschichte.
Wer sich sich mal wieder auf etwas Älteres einlassen möchte, und dabei auch nicht vor Intensivem zurückschreckt und andere Fernsehkunst wie die eingangs erwähnte Serie Twin Peaks mag, wird hier mit einer großartigen, bildgewaltigen Serie belohnt. Fernsehen, wie es immer sein sollte. Leider ist bis heute keine deutsche DVD erschienen, es gibt bisher nur den UK-Import.

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Blut und Sex in der Arena – US-Serie Spartacus: Blood and Sand

In der noch recht jungen amerikanischen TV-Serie „Spartacus“ des Kabel-TV-Senders Starz geht es lose um den Sklavenaufstand im römischen Reich 71-73 v. Chr. unter dem Thraker Spartacus. Dabei konzentriert sich die Serie vor allem auf die Zeit vor dem Aufstand. Und hier geht alles: grobe Sprache, ungehemmter Sex in allen Lebenslagen, politische Intrigen und jede Menge Blut. Eine Rückschau.

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Mit ‚Game of thrones‘ war meine persönliche Messlatte für freizüzige Gewalt- und Sexszenen im amerikanischen Fernsehen der letzten Jahre schon hoch angelegt. Dies kannte ich so nicht aus den Staaten, und in einer Unterhaltung über eben jene explizite Gewalt- und Sexdarstellung wurde mir „Spartacus: Blood and Sand“ empfohlen: Meine Messlatte hat eine neue Serie gefunden.

In der ersten Staffel dreht sich alles um die Gladiatorenschule des Quintus Batiatus. In diese wird Spartacus (gespielt von Andy Whitfield) nach einer Gefangennahme durch die Römer verschleppt. Er soll in der Arena durch 4 Gladiatoren hingerichtet werden. Er überlebt und wird im Laufe von „Blood and Sand“ nach anfänglichen Schwierigkeiten zum Anführer und besten Kämpfer von Capua. Es ist eine dreckige Welt voller roher Gewalt, in der Sklaven wie Tiere gehalten werden, und ein menschliches Leben nichts zählt.

Der eigentliche Hauptcharakter der Serie ist neben Spartacus sein „Dominus“, Quintus Batiatus (John Hannah). Der Zuschauer erlebt Fall und neuen Aufstieg des Hauses Batiatus, wird Zeuge der politischen Intrigen des Batiatus und seiner Frau (Lucy „Xena“ Lawless) und sieht ihre hemmungslose Machtbessenheit. Der Sittenverfall des römischen Reiches in seiner ganzen Blüte. In diesem moralischen Morast muss Spartacus um sein Leben kämpfen, gewinnt Freunde und Feinde – und gelangt an einen Punkt, wo er nur noch eines will: Rache.

Soweit gut, ist die Grundstory von „Spartacus“ nicht schlecht: Im Stil der Serie Rome wird das Bild eines kaputten, maroden Staates gezeichnet, in dem es nur um Macht, Lustspiele und Blut geht. Viel Blut. Hier darf alles an Körperflüssigkeiten spritzen, was man sich so vorstellen kann. Körperteile fliegen wild durch die Gegend, wenn gekämpft wird – oder es irgendwo wiedermal getrieben wird.

Der Stil der Serie ist dabei klar: Orientiert an der Erzählstruktur des Ridley Scott-Klassikers Gladiator und der Bildromantik – und Härte von Zack Snyders Spartaner-Spektakel 300. Das von „300“ bekannte Stilmittel der übertriebenen Darstellung von Einzelszenen wie Hinrichtungen oder Kämpfen wird hier auf die Spitze getrieben. Da spritzt das Blut sekundenlang über den Bildschirm, comicartig verfinstern sich Wolken und menschliche Stimmungen. Ich muss ganz ehrlich sein: Sowas habe ich bisher nicht gesehen – und manchmal wusste ich nicht recht, ob ich schlucken sollte oder einfach nur laut lachen. Denn das so harte Spiel mit Sex und Blut ist oftmals nah am Slapstick, nah an der Grenze zur Parodie. Über 13 Folgen entspannt die erste season ihre Geschichte, manchmal mit Überraschungen, insgesamt eher mit vorhersehbarem Ende und Strukturen.

Am faszinierendsten ist neben der sehr guten Darstellerriege sicherlich die Welt des Quintus Batiatus. Wie der kleine Emporkömmling um Macht und Anerkennung um jeden Preis kämpft, ist schlichtweg interessant und lässt die eigentliche Hauptrolle manchmal fast vergessen. Letztlich wird ähnlich wie bei „300“ alles der Ästethik, den muskelbepackten, feucht glänzenden Gladiatoren und den kraftvoll inszenierten Kampfszenen untergeordnet.

Taugt der amerikanische Serienhit nun etwas?

Nun ja, als „lustiges“ Gemetzel für zwischendurch und Trash-Serien-Unterhaltung ist Spartacus: Blood and Sand definitiv gelungen: Saubere Ästhetik, unglaubliche Kampf-Szenen, und Blut Blut Blut. Und Sex. Gerammelt wird immer, ob mit Sklaven oder ohne, ob untereinander oder mit anderen, als Lustspiel oder als politischer Akt. Die Serie ist ein kleiner Gewalt-Porno, und hat die FSK-18 seit langem mal wieder so richtig verdient. Dazu kommen aber leider auch viel zu viel Kitsch und ein Stil, der oft zuviel zeigt. Manch einer würde sicher laut „Schrott“ sagen. Als ernsthafte Serie sollte mal Spartacus nicht sehen, ich denke, das will sie selbst gar nicht sein. Wer auf anspruchsvolle Kost steht, sollte hier besser die Hände weglassen – und zum Beispiel zu parallel laufenden Serien wie „Homeland“, „Breaking Bad“ oder „Mad men“ schalten. Oder sich weiterhin von „Game of Thrones“ vormachen lassen, wie Gewalt und Sex beeindrucken statt einen grinsen zu lassen.

Seit dieser Woche läuft Spartacus kostenlos und völlig legal beim Videoportal myvideo. Das Ungewöhnliche daran: Ab 23 Uhr werden hier die ungeschnittenen Folgen gezeigt, und das sollte hier Pflicht sein. Außerdem kann man hier erstmals (?) zwischen deutscher und Original-Sprache wählen. Das sollte im deutschen TV-Bereich bitte Standard werden.

Ab Freitag, 20. April 2012 läuft Spartacus: Blood and Sand auf Pro 7.

PS: Der wirklich gute Hauptdarsteller Andy Whitfield verstarb im vergangenen Herbst an einem Krebsleiden. Er wurde nur 39 Jahre alt. Ab der zweiten Staffel wird die Hauptrolle von Liam McIntyre gespielt.

Serienreview: Game of Thrones, season one (HBO, 2011)

Oktober 24, 2011 1 Kommentar

Man nehme etwas „Herr der Ringe“, ein bisschen die alten Sagen der Griechen, ein wenig Mittelalter-Look, etwas politisches Geplänkel unserer Zeit und vermische es in einem Topf mit ordentlich viel Brutalität und explizit zur Schau gestellten Sexszenen: Heraus kommt die neue, großartige TV-Fantasy-Serie „Game of Thrones“ des für Serienfans legendären Senders HBO.

(c) HBO.

Winter is coming“ flüstern sich die Alten in den sieben Königreichen von Westeros zu. Winter ist nicht mit unserem Winter gleichzusetzen. Dieser Winter kommt nur alle paar Jahre, und nur die Älteren können sich überhaupt an einen richtigen Winter erinnern. Das eben jener nun wieder vor der Tür steht, ist die Rahmenhandlung der ersten Staffel von Game of Thrones, der Verfilmung der Fantasysaga Das Lied von Feuer und Eis (eine Staffel pro Band der Saga, bisher 5 Bücher). Diese Saga dreht sich um die fiktive Welt Westeros (ein bisschen wie Mittelerde im ungleich bekannteren HdR), ihre sieben Königreiche – und vor allem um die Machtspiele dieser Reiche untereinander. Die erste Staffel beginnt zu einem Zeitpunkt, als nach einigen friedlichen Jahren ein neuer Machtkampf entsteht, vor allem zwischen den mächtigen Adelsgeschlechtern Stark, Baratheon und Lannister. Die zahlreichen Konflikte zwischen diesen Reichen und anderen Adelshäusern lässt einen Bürgerkrieg hevorbrechen. Im Norden erwacht jenseits der gigantischen Schutz-Eiswand – unbemerkt von den machtbesessenen Fürsten – eine alte, gefährliche Macht.

Soweit so gut klingt dies nicht zuletzt nach herkömmlicher Fantasy-Literatur und -Handlung. Doch „Game of Thrones“ geht viel weiter als typische Fantasy: Hier geht es sprichwörtlich gesehen zur Sache. Ausufernde Sexszenen, generell viel Erotik, überbordende Brutalität, komplizierte politische Machtrankeleien, hervorragend herausgearbeitete Charaktere und ein Plot voller Wendungen, Überraschungen und Absurditäten. Im Gegensatz zum Beispiel zum weltberühmten „Herr der Ringe“ gibt es in der Welt von „Game of Thrones“ wenig Schwarz-Weiß-Schemata: Klar gibt es auch hier die Helden, die Guten und Weisen (zum Beispiel Ned Stark, die Hand des Königs und liebenden Familienvater, gespielt von Sean Bean), und auf der anderen Seite die Bösen und offenkundig Finsteren (die machthungrigen, vor nichts zurückschreckenden Lannisters, die ganz nebenbei untereinander Sex haben), aber jede Figur in der Serie ist vielschichtig, hat ihre eigenen Interessen und kann sich entsprechend wandeln. Das erzeugt viel Spannung, lässt viel Raum für Interpretationen und Deutungen und ist immer wieder witzig. Am besten auszumachen bei einem meiner Lieblingscharaktere: Tyrion „Dwarf“ Lannister. Der Zwerg ist schlau, durchtrieben, von sich überzeugt, neugierig – aber mit dem Herz am rechten Fleck: ganz sicher in jedem Maße unterhaltsam.

Aus dem gesamten Charaktere-Universum der Serie (das sind nämlich durchaus sehr viele Hauptpersonen) haben es mir neben dem Zwerg vor allem Jon „Bastard“ Snow und die sympatische kleine Arya, die Tochter von Ned Stark, dem Herscher von Winterfell, angetan. Mindestens ebenso faszinierend ist die attraktive Daenerys Targaryen, die spätestens mit der letzten Folge der ersten Staffel als „Drachenkönigin“ alle Zweifel wegwischt, ob sie für die Handlung interessant ist. Zwerge, Drachen, kämpfende Mädels, eine riesige Eiswand, Geschwisterliebe: klar, all dies klingt sicher hier in einem Review seltsam, doch hat „Game of Thrones“ in der Tat alles, was eine super Serie heute ausmacht: eine sehr komplexe Geschichte mit wunderbaren aktuellen Bezügen, ein tolles Ensemble, ein gutes Setting und einen phantastischen Spannungsbogen. Wir sind schlichtweg begeistert, können nur vor HBO unseren virtuellen Hut ziehen für solch glänzende TV-Unterhaltung, und freuen uns schon sehr auf die zweite Staffel. Diese beginnt wohl leider erst im April 2012. (In Deutschland startet die erste Staffel am 2.11 auf dem Digital-Sender TNT, und sonst gibt es sie wie üblich auf den bekannten Streaming-Portalen.)

Schnell noch den Trailer für die zehnteilige erste season:

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