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Kurz-Kinoreview: Dame König As Spion (Tomas Alfredson, 2011)

Februar 25, 2012 1 Kommentar

Während der Rest der Welt Stadt Karneval Fassenacht feierte, habe ich mal wieder unser kleines Programmkino besucht und inmitten von vielen älteren Menschen die Verfilmung des John le Carré-Beststellers ‚Tinker Tailor Soldier Spy‘ angesehen. Der Film von Regisseur Tomas Alfredson feiert mit einer Traumbesetzung das Agentenkino der Siebziger. Hier ein kurzes Review.

Die Handlung dieses Thrillers führt uns ins England des Jahres 1973. Es herrscht kalter Krieg. Innerhalb der 5-köpfigen Führungsriege des „Zirkus“ (der britische Geheimdienst MI5) gibt es einen Maulwurf, der wertvolle Informationen an die Russen verkauft. Meisterspion Smiley (Gary Oldman) wird auf die Fährte des Maulwurfs gesetzt. Der ruhige, melancholische Smiley muss dabei nicht nur gegen seinen Geheimdienst arbeiten, sondern bekommt es immer wieder mit seinem russischen Gegenüber ‚Karla‘ zu tun.

Dame König As Spion‚ ist dabei ein meisterhaft inszenierter Thriller, der einen absolut perfekten Look der Siebziger Jahre abgibt – keine dämlichen Retro-Hosen und bunten Hippiezeiten. Nein, über 2 Stunden ist der Film dunkel, düster, atmosphärisch schwarz-grau gehalten, hinterlässt dabei stets einen glaubhaften Eindruck der Geheimdienst-Verhältnisse, und wirft einen deutlichen Blick hinter die Machenschaften des kalten Krieges, in eine Welt voller Mißtrauen, Angst, innerer Widerstände und Neid. Dabei gefallen mir neben den toll inszenierten Bildern und der Ausstattung vor allem die dezente Filmmusik und die herausragende Besetzung. Bis in die kleinsten Nebenrollen Hochkaräter (toll: Colin Firth), mit Benedict Cumberbatch (Sherlock!) einen aktuellen Shootingstar und in der Hauptrolle einen grandiosen Gary Oldman (der hier wohl einen Oscar verdient hätte).

Leider verwirrt die Erzählweise des Plots doch anfangs sehr, einzelne Charaktere werden ohne Gesicht vorgestellt, die Handlung springt (mit Rückblenden) schnell – und oftmals treibt das Geschehen zu langsam auf die (gelungenen) Pointen zu. Aber sicherlich: Das ist ganz im Stil der alten Agentenfilme wohl auch absichtlich so. Und deshalb überwiegt am Ende ein gutes Gefühl. Alfredsons Umsetzung von Tinker Tailer soldier spy ist interessant und gelungen und bietet einen spannenden Blick in die Welt der Agenten des Kalten Krieges. Einen Actionfilm darf man hier aber sicherlich nicht erwarten, zu 95% arbeitet der Film mit Dialogen und langen Kameraeinstellungen. Für Fans des old-school-Thriller doch sicher ein Muss.

Jussi Adler-Olsen und die göttliche Erlösung

August 26, 2011 Hinterlasse einen Kommentar

Man möchte innerlich jubilieren: Endlich – beim dritten Band der ungewöhnlichen Krimireihe um das Sonderdezernat Q in Kopenhagen von Bestsellerautor Jussi Adler-Olsen – hat der Übersetzer einen deutschen Titel getroffen, der mit einem präzisen Schlag beschreibt, wonach sich die Menschen in diesem Buch sehnen. Trotz der platten Stieg-Larson-Titel-Anlehnung ist es hier griffig, und das Buch ein erneutes starkes Stück. Eine kleine Buchkritik.

Die Krimireihe rund um den Ermittler Carl Mørck noch vorzustellen, ist eher müßig. Die Bücher sind sehr gut, bekannt, immer in den Bestsellerlisten und wurde beinahe überall gelobt. Auch ich schrieb über die ersten beiden Bände der Reihe (fast) nur positiv. Und um es kurz zu machen: Der dritte Band, im Original „Flaschenpost von P.“, ist nicht weniger gut – im Gegenteil: Die Personenkonstellationen des Dezernates werden sogar langsam noch besser, noch geheimnisvoller und interessanter.

Während andere Krimireihen und Thriller immer versuchen, die Geschichte nur aus dem Blickwinkel eines oder mehrerer Polizisten zu erzählen, um damit am Ende einen Mörder zu präsentieren, denn der aufmerksame Leser sowieso schon lange kennt, macht Adler-Olsen das zum dritten Male völlig anders: Noch mehr als in den ersten Bänden lässt er dem „Mörder“ viel Raum für seine Geschichte. Man lernt diesen Mann kennen, mit allen Motiven und Hintergründen. Und hier liegt schon der Knackpunkt dieses Krimis – und der ganzen Reihe. Vordergründig mögen die schrecklichen Fälle das Gerüst des Buches sein und für die nötige Spannung sorgen, aber den entscheidenden Part zu einem guten Buch liefern hier die Personen. Ich habe dies schon früher erwähnt und kann es jetzt nur nochmal wiederholen: Adler-Olsens Charaktere sind jede Seite wert. Es sind phantastische Beschreibungen von Macken, Neurosen und Stimmungen, dazu hat jede Person ihre Geheimnisse, Vorlieben und Abneigungen. Das ergibt ein wunderbares Gemisch aus nachvollziehbaren Charakteren, sogar die – weit von der Realität lebenden – Sektenmitglieder werden so annehmbar, verständlich und nicht nur zu plumpen Plotfüllern.

Die Sehnsucht nach göttlicher Erlösung ist der Trieb für fast alle kriminellen Handlungen in diesem Buch, mal aus Überzeugung, mal aus Hass auf die eingeprügelten Überzeugungen. Man kann diese Sehnsucht nach Erlösung auch auf die Ermittler beziehen: Mørck will erlöst werden von seinen Schuldgefühlen und seinem elenden Zuhause, und auch Assistent Assad hat ganz sicher solche Wünsche, doch bleiben diese – noch – im dunklen. (Erste Andeutungen gibt es, und in diese Richtung schielte ich schon bei Band 1).

Diese Konstellationen machen das Buch spannend und kraftvoll, und dies obwohl Adler-Olsen kein besonders filigraner Autor ist. Er weiß schlicht genau, wie er seine Worte einsetzen muss. Das Tempo gleitet gemächlich, bis es sich immer weiter steigert und am Ende wieder in einen schnellen Rhythmus des heißen Finales übergeht. Man kann es nicht anders sagen: Dieses Buch möchte man kaum aus der Hand legen. Wünschenswert wäre in einem nächsten Band sicher mal ein anderes Finale. Obwohl die letzten Seiten auch hier spannend und lesenswert waren, ähnelten sie doch sehr den Actionszenen in „Erbarmen“ und „Schändung“. Hier könnte Adler-Olsen mal nachbessern. Doch im Grunde freut man sich als Leser sowieso schon mehr auf das Ermittlerteam und ihre Geheimnisse, als auf den jeweiligen Fall.

Fazit: Beste Urlaubs- oder Sommerlektüre, die man in kürzester Zeit durchgelesen hat. Ein wunderbarer Krimi, der mit seinen interessanten Personen aus der unübersichtlichen Masse an (skandinavischen) Krimis herausragt.

Mehr Epos als Buch: „Tage der Toten“ von Don Winslow

Neulich habe ich mal wieder gelesen, dass immer weniger Menschen lesen, immer weniger Menschen Bücher kaufen, und vor allem immer weniger komplexe Stoffe lesen. Das ist schade, denn kein Film kann die Phantasie so anregen wie ein gutes Buch. Daher möchte ich mal wieder öfter gute Bücher vorstellen, die es wert sind zu lesen, ja, die es wert sind zu kaufen. Heute mit „Tage der Toten“ vom amerikanischen Krimi-Autor Don Winslow.

„Sie hält ihr totes Baby in den Armen.“

Mit diesem herzzerreißenden Satz beginnt der Prolog der deutschen Fassung von „The Power of the dog“ (Original 2005, deutsche Übersetzung: 2010). Und es geht nicht wirklich weniger brutal weiter:

„Er schreitet die Reihe der Toten ab, bis er den findet, den er gesucht hat. Als er vor ihm steht, krempelt sich sein Magen um, er muss sich zusammenreißen, um nicht zu erbrechen. Das Gesicht des noch jungen Mannes ist heruntergepellt wie eine Bananenschale. Die Hautlappen hängen an seinem Hals herab. Keller kann nur hoffen, dass sie ihn vorher getötet haben, aber er weiß es besser. Die untere Hälfte seines Hinterkopfs ist weggesprengt. Sie haben ihm in den Mund geschossen.“ (aus der Leseprobe bei Bilandia).

Es sind Zeilen wie diese, die wie ein Magenschlag daherkommen. Und es gibt sie oft, diese Magenschläge in „Tage der Toten“. Arthur Keller ist ein Agent und späterer Chef der DEA, der amerikanischen Drogenbekämpfungsbehörde, eines der zentralen Organe im amerikanischen war on drugs. Tief hängt Keller in den Strukturen der mexikanischen Drogenmafia, mit vollem Risiko ist er in den Kampf gegen die Drogen eingestiegen. Als sein engster Mitarbeiter und Freund von einem Kartell entführt, gefoltert und schließlich ermordet wird, beginnt Keller einen jahrzehntelangen persönlichen Rachefeldzug gegen die Köpfe des Barrera-Kartells, aus dem sich ein echter Krieg entwickelt, in den über viele Jahre Regierungen aller möglichen Länder reingezogen werden. Keller erlebt die Iran-Contra-Affäre aus völlig eigener Sicht. Keller liefert sich einen Kampf, bei dem es auf allen Seiten nur Verlierer geben kann. Über mehr als 30 Jahre zieht sich die Geschichte von „Tage der Toten“ (Anspielung auf einen mexikanischen Feiertag), und ist dabei so unglaublich vielschichtig, weitläufig und komplex, dass es unmöglich ist von einem Krimi oder Thriller zu sprechen. Zu sehr vermischen sich die Romanstoffe mit den historischen Begegebenheiten, zuviel Wahrheit steckt in jeder einzelnen Zeile. Don Winslow ist ein Epos über die amerikanische Drogenpolitik und die mexikanischen Drogenkartelle gelungen.

Fünfeinhalb Jahre hat Winslow an diesem Roman gearbeitet, sich über all die Zeit in die Strukturen der Drogenwelt gearbeitet (Bei der FAZ gibt es ein sehr interessantes Interview). Diese Arbeit merkt man auf jeder einzelnen der 689 (!) Seiten – und keine einzige Seite ist langweilig. Winslow arbeitet dabei soviele Charaktere, soviele Orte, soviele Daten heraus, dass es anfangs schwer ist, mitzukommen. Zwischen Mexiko und New York, zwischen irischen Killern und amerikanischen Edel-Prostituierten, zwischen mexikanischer Kirche und amerikanischer CIA: Der Plot von „Tage der Toten“ ist derart komplex, dass man das Buch kaum aus der Hand legen kann. Zu sehr vermischen sich die Schauplätze im Laufe der Jahre, immer mehr möchte man erfahren, wie die Geschichte weitergeht bzw. endet.

Dabei hat der Roman ein Problem: es gibt keinen Helden. Es gibt keine gute Identifikationsfigur für den Leser, deren Charakter tiefgründig ausgeleuchtet wird, und mit dem der Leser mitfiebern kann. Denn Keller ist kein solcher Held, ganz bestimmt nicht. Auch die anderen Figuren sind keine Helden, sie alle stecken irgendwo mitten in diesem unfassbaren „war on drugs“, und alle tragen sie dazu bei, dass wieder alle profitieren. Die Drogenbosse freuen sich über die Anti-Drogen-Politik der USA; denn nur so bleibt das Kokain teuer und wertvoll. Die USA freuen sich, mit den Drogenbaronen mächtige Verbündete zu haben im Kampf gegen die Kommunisten, und befeuern die mexikanische Regierung und die Kartelle mit Schmiergelden. All das ist ein einziger politischer Wahnsinn, über Jahrzehnte werden Milliarden verschlungen, zwischen Vietnam und Irak stecken die USA in ihrem längsten, teuersten und verlustreichsten Krieg – und nur wenige bekommen davon mit. Großartig an Winslows Schreibstil ist, dass er es schafft, diese Charaktere nicht in „gut“ oder „böse“ zu unterscheiden. Er zeichnet von jeder Figur ein komplexes Bild mit allen Facetten: zwischen liebendem Familienvater und mordendem Drogenpatron ist da nur ein Beispiel.

„Tage der Toten“ ist ein toll recherchierter, nicht immer einfach zu lesender, grandioser Roman. In einer epischen Breite wird es nie langweilig – zuweilen ist es besorgniserregend brutal, aber immer ist es spannend und aufwühlend. Das der Stoff aus den unglaublichen realen Begebenheiten stammt und das Don Winslow sich nichts ausgedacht hat, macht das Ganze natürlich nur noch radikaler und faszinierender. Man wünscht diesem Buch viele Leser, denn solche großen Bücher sind selten. Großartige Literatur und damit eine absolute Leseempfehlung von mir.

[Don Winslow, Tage der Toten. Originalausgabe erschienen 2005 unter dem Titel The Power of the Dog, deutsche Ausgabe erstmals 2010 bei Suhrkamp.]

 

Jussi Adler-Olsens Fasanenmörder

September 11, 2010 Hinterlasse einen Kommentar

Wenn in Deutschland erstmal alle Feuilletons aller großen Blätter und Magazine einen Autor (hier: Adler-Olsen) zum Nachfolger eines vorherigen Starautors (ehemals: Stieg Larsson) gemacht haben, ist die Wirkung immer gleich: Es entsteht ein Sog, in dessen Nachwirken die Bücher des Autoren einen gewissen (positiven) Konsens in der Republik erreichen. Das Gleiche könnte man natürlich auch über Theater oder Musik berichten: Die Vorgänge sind überall gleich. Und was im Musikbusiness zur Zeit „The Suburbs“ von Arcade Fire ist, ist die Krimireihe um Carl Mørck von Jussi Adler-Olsen aktuell in der Belletristik. Und soviel vorneweg: Was manchmal absurd und ungerechtfertigt ist, findet hier völlig zu Recht statt!

Quelle: SPIEGEL Bestsellerliste 37/2010 (10.09.10)

Quelle: SPIEGEL Bestsellerliste 37/2010 (10.09.10)

Dass ein Autor in der Belletristik auf Platz 1 und 2 steht ist ungewöhnlich, aber spätestens seit Stieg Larsson wissen wir, dass es nicht unmöglich ist (Larsson hatte teilweise alle drei Bände unter den ersten 5!). Ich selbst hatte den ersten Band „Erbarmen“ einige Zeit vor dem beginnenden Hype geschenkt bekommen, ihn aber schließlich auch erst im März gelesen. Zu dieser Zeit etwa ging es auch los mit den andauernden Lobeshymnen auf Adler-Olsen und auch ich stimmte kräftig mit ein. Entsprechend groß auch meine Vorfreude auf Teil 2  des 60-jährigen Dänen.

dt. Hardcover-Ausgabe

Carl Mørck, exzentrischer und begabter, aber eher unsympatischer Vizekriminalkommissar in Kopenhagen, kommt aus dem wohlverdienten Urlaub zurück und findet gleich einen neuen Fall vor. Wobei neu nicht aktuell bedeutet, denn mal wieder geht es in die Vergangenheit, über 20 Jahre zurück.  Und zudem ist der Fall eigentlich geklärt: Der Mörder von 2 Geschwistern sitzt seit vielen Jahren im Gefängnis. Doch wer hat Mørck die Akte zugeteilt nach all dieser Zeit? Warum versucht ihn das Präsidium auszubremsen? Diese Fragen stacheln Mørck erst recht an, und der eigensinnige Polizist nimmt gemeinsam mit seinem unerklärbaren Assistenten Assad die Ermittlung auf.

Soviel in aller gebotenen Kürze zum Inhalt und Start des Krimis. Adler-Olsen schafft es Charaktere zu erschaffen, die einen beim Lesen geradezu bildlich erscheinen: Der kauzige, etwas schlecht gelaunte Mørck, der absurde, immer wissbegierige Assad, und letztlich auch die etwas nervige, selbstbewusste neue Sekretärin Rose. Dazu natürlich noch viele weitere Personen, insbesondere den Tätern aus der „First class“ von Dänemark. Diesen Personen wird im Roman wieder sehr viel Zeit einberaumt. Auf den ersten Seiten sogar weit mehr als die eigentlichen Ermittlungen. Dies ist eins der entscheidenen Stilmittel der Adler-Olsen Reihe bisher: Im Gegensatz zu herkömmlichen Krimis weiß der Leser früh, wer hinter den Taten steckte, wer aus welchem Grund dies und jenes getan hat. Ebenso bekommt man ein ausführliches, oftmals sehr differenziertes Bild der Mörder. Das ist ungewöhnlich, macht das Buch aber mitnichten weniger spannend. Im Gegenteil: Durch verschiedene Sichten auf die Ereignisse, Zeitsprünge und diverse wichtige Charaktere entsteht ein spannendes Netz aus Informationen, welches sich nach und nach dem Leser immer mehr erschließt. Dabei ist Spannung gar nicht der nennenswerte Hauptfaktor, warum die Adler-Olsen Bücher so gut sind. Spannend sind sie, und wie. Aber entscheidend sind die Geschichten der Menschen, die beinahe absurd brutale Darstellung von Psyche, Gedanken und dem Leben und seinen Eigenarten. Dies gelingt Adler-Olsen beeindruckend. Dazu kommt eine herrliche Portion Ironie und Komik, vor allem natürlich innerhalb des Sonderderzenats Q. Wie schon in „Erbarmen“ musste ich oftmals schmunzeln – angesichts des Plots eigentlich unangebracht.

Ich habe lange überlegt, ob ich „Schändung“ nun schlechter bewerte als „Erbarmen“, weil der zweite Teil nicht ganz so spannend war wie Teil 1, und noch mehr vorhersehbar. Aber die Darstellung der Figuren – auch mit ihren eigenen, teilweise nur schwer greifbaren Problemen – hat mir unglaublich  gut gefallen. Auch der inhaltliche Schwerpunkt ist packend und so sehr realitätsverbunden, dass einen manchmal schauert – vor allem bei einigen doch intensiv beschriebenen Gewaltszenen. Ich bin wieder beeindruckt, konnte diesen Band abermals kaum zur Seite legen, und kann es daher nur empfehlen. Einstimmen in die Konsenskritiken der Medien: Adler-Olsen ist groß. Da bleibt nur auf den nächsten Band zu warten – und zu hoffen, dass dort endlich mehr auf Assads Vergangenheit eingegangen wird. Und Mørck endlich seine Psychologin flach legen darf.

HIER kann man die ersten Seiten schon mal lesen, und sich einen ersten Eindruck machen.

Nachtrag:

Warum der dtv-Verlag sich schon wieder für eine Umänderung des Originaltitels entschieden hat, bleibt wohl allein ihnen verständlich. „Schändung“ ist unpassend, und das originale „Fasanenmörder“ wäre treffender – und im Gegensatz zu den langen Larsson-Titeln auch nur ein deutsches Wort. Unverständlich!

Lesetipp März: Jussi Adler-Olsen – Erbarmen

März 29, 2010 2 Kommentare

Nach längerer Zeit habe ich nochmal ein Buch ‚verschlungen‘, und in kurzer Zeit über das Wochenende fertig gelesen: „Erbarmen“ von dem dänischen Schriftsteller Jussi Adler-Olsen. Erstklassige, kurzweilige und spannende Lektüre aus dem Thriller-/Krimibereich, die für jeden Fan dieses Genres bedingungslos zu empfehlen ist.

Der Albtraum einer Frau.
Ein dämonischer Psychothriller.
Der erste Fall für Carl Mørck
vom Sonderdezernat Q in Kopenhagen.

So lautet der Klappentext der oben zu sehenden Ausgabe des Buches. Und hier scheint irgendwas falsch gelaufen zu sein, denn nichts davon entspricht dem Inhalt von „Erbarmen“: Kein Alptraum, sondern blutige Realität. Keine Dämonen, sondern tief verletzte Seelen (von Opfer bis Täter bis hin zum Ermittler). Nicht der erste Fall, sondern ein erfahrener Ermittler, welcher ein neues Dezernat erhält.

Ansonsten aber hält das Debüt der Carl Mørck-Reihe, was angepriesen wird: „Ungewöhnlich, grausam, todspannend, nervenzerreibend und glaubwürdig.“

Auf 416 Seiten entfaltet Adler-Olsen einen wirklich spannenden Thriller, der einen nicht mehr loslässt. Während die ersten 70 Seiten noch etwas verhalten sind, steigert sich schließlich das Tempo immer mehr und man kann das Buch kaum noch zur Seite legen. Dabei ist „Erbarmen“ kein Krimi der Sorte „Wer ist denn nun der Mörder“?. Schon relativ früh im Band wird dem Leser klar, wer der Täter ist, aber darum gehts auch gar nicht in erster Linie. Die psychologischen Seiten der Charaktere, insbesondere des kauzigen, hartgesottenen und arroganten Ermittlers Carl Mørck, sind die besonders spannenden Versatzstücke dieses alptraumartigen Plots. Dass Carl Mørck dabei noch einen irren Syrer namens Assad als Mitarbeiter zur Seite bekommt (der ganz sicher auch eine dunkle Vergangenheit hat) passt da perfekt ins Bild.

Zwischen Ermittlung und den zeitversetzten Rückblenden zum Opfer bleibt viel Raum übrig für Medienschelte, aktuellen Rassismus oder psychologische Traumata. Adler-Olsen gelingt es, dies alles zu verpacken ohne vom Weg abzukommen. Kein Kapitel des Buches ist langweilig, die Rückblenden zum Geschehen 5 Jahre vorher sind nicht zu lang und sperrig und die Auflösung und das Ende des Filmes sind insgesamt glaubwürdig und realitätsnah gehalten, obwohl die Geschichte an sich natürlich etwas übertrieben ist. Zudem war der Text überaus einfach zu lesen (vor allem auch ohne langweilige, ausufernde Beschreibungen), und viele Passagen (allen voran die Szenen mit Assad) ließen einen trotz des grausamen Geschehens schmunzeln und lächeln.

Fazit: Mal wieder zeigt sich die unglaublich starke Bandbreite an skandinavischen Krimiautoren: Nach Mankell, Nesser, Marklund, Larsson, und wie sie alle heißen nun also Jussi Adler-Olsen. Ihm gelingt ein fulminantes Buch in bester Unterhaltung-Manier für jeden Thriller-Krimi-Fan (eignet sich ganz sicherlich auch als Verfilmung, we’ll see…). Hier gelingt ein toller Einstieg in eine hoffentlich lange dauernde Serie rund um das neue Sonderdezernat Q. Bleibt nur die Frage, ob Adler-Olsen dieses Level im nächsten Band, der im September in Deutschland erscheint, halten kann. Meine Leseempfehlung!

Stieg Larssons „Verblendung“ im Kino

Oktober 3, 2009 3 Kommentare

Der meistgeklickte, meistgelesene und meistgesuchte Post meines kleines Blogs ist – Trommelwirbel –  über die Verfilmung der großartigen, grandiosen Milleniumtrilogie von Stieg Larsson. Das ist bezeichnend für den Erfolg dieser dreiteiligen Buchserie über den Journalisten Mikael „Kalle“ Blomkvist und die geniale Hackerin Lisbeth Salander: „Verblendung“ war 2008 das meistgelesene Buch der EU, Larsson der zweitmeistgelesene Autor der Welt (nach Khaled Hosseini). [Larson kann diesen Erfolg übrigens gar nicht mehr genießen, er starb ganz kurz nach Fertigstellung der Bücher nach einem Herzinfarkt 2004.] Das zumindest konnte ich damals beim Lesen noch nicht erahnen – aber wie überdurchschnittlich gut diese Bücher sind, war auch mir schnell klar. Vor allem immer dann, wenn man mal wieder nicht aufhören konnte zu lesen. Nun also die Verfilmung, die nicht lange auf sich hat warten lassen. Verständlich bei einem solchen Erfolg. Ich bin ja bekanntermaßen sehr kritisch bei Romanverfilmungen, das geht fast grundsätzlich schief, weil ein Film nie die atmosphärische Dichte des Plots und die Charaktere so rüberbringen kann wie dies ein Buch vermag. Hier ist dieses Unterfangen nochmal doppelt schwer, denn mit der Apple-Verrückten, gewalttätigen Soziopathin Salander mit ihrem photographischem Gedächtnis und ihrer ganz eigenen Art mit Tattoos und Piercings hatte Larsson eine Person geschaffen, die es so wohl in dieser Form sicher noch nicht im Film gab. Und Überraschung: das Experiment Noomi Rapace als Lisbeth Salander gelingt: Sie ließ sich für diese Rolle piercen, die Haare schneiden und trainierte wochenlang um den durchtrainierten Körper von Lisbeth zu zeigen. Das Ergebnis ist filmisch wirklich hervorragend (abgesehen davon, dass Lisbeth im Roman noch kleiner und schmächtiger ist.):

Verblendung_scene_21

Das hier eine perfekte Darstellerin gefunden wurde, ist nahezu unabdingbar für diesen Film: Lisbeth trägt die Geschichte, sowohl im Buch als auch in der Verfilmung. Hauptakteur Blomkvist ist der eigentliche Nebendarsteller. Degradieren sollte man ihn trotzdem nicht: Michael Nyqvist („Wie im Himmel“) spielt den Wirtschaftsjournalisten ganz so wie man sich das als Leser der Romane wünscht: die gute Seele in der Handlung, idealistisch und aufrecht, und trotzdem selbst mit vielen Fehlern behaftet und mit vielen inneren Widersprüchlichkeiten. Neben der physisch unglaublich präsenten Rapace aber wirkt er fast deplatziert: Rapace ist Lisbeth Salander, wie man so schön bei richtig guten Darstellungen sagt. Man wird die Bücher nun kaum noch lesen können, ohne an ihre Mimik, an ihr Gesicht, an ihre Gestik, an ihre Stärken und Schwächen zu denken. Sie gibt dem Film (und der Trilogie) das Gesicht; an ihre Taten („Ich bin ein widerwärtiger Sadist und Vergewaltiger!“) wird man sich erinnern.

Regisseur Niels Arden Oplev lässt viele Szenen/Handlungen aus der Buchvorlage weg, oder deutet sie nur vage an (wie z.B. das Verhältnis zwischen Blomkvist und seiner Mitherausgeberin bei ‚Millenium‘). Das ist aber auch vernünftig so, denn sonst hätte man den Krimi sicher nicht in einem sowieso schon opulenten Werk von 153 Minuten spielen lassen können. So konzentriert sich Oplev auf die wichtigsten Stränge der Handlung und vor allem auf die atmosphärische Spannung der Vorlage: So begeistern hier viele dunkle Bilder und – wie schon erwähnt – die Schauspieler. 2,5 Stunden vergehen wie im Flug – und das ohne großes Firlefanz. „Verblendung“ ist kein Actionblockbuster, wenn schon eher ein Mainstreamthriller im TV-Format, der aber durchaus fürs Kino gemacht ist, und dort auch zu begeistern wusste. (Gerade auch diejenigen, die die Bücher nicht gelesen haben!). Ich halte Verblendung für eine ganz hervorragende Thriller-Verfilmung, welche mit ihrer komplexen spannenden Handlung und ausgezeichneten Protagonisten super zu unterhalten weiß.

Bedenkt man, dass ich Teil 1 noch für den schlechtesten der drei Bände halte, bin ich nach wie vor sehr fasziniert und freue mich nun umso mehr auf die Fortsetzungen, die schon im Februar 2010 im Kino laufen. Ich kann jedem Lese – (und nun auch Kino-) Fan diese Trilogie nur ans Herz legen. Bestens!

PS: Apropos Kino: Für diese Vorstellung hier waren 10 € pro Karte zu verkraften. Da ist in meinen Augen langsam die Schmerzgrenze erreicht – und die Kinobetreiber dürfen sich nicht über mangelnde Kundschaft beklagen, wenn gleichzeitig aktuelle DVDs nur noch 5 € kosten, und man diese per Heimkino in gleichwertiger Qualität genießen kann.

Das Erbe des Bösen

November 3, 2008 Hinterlasse einen Kommentar

So lautet der aktuelle Thriller vom finnischen Spitzenautor Ilkka Remes. Der Trailer zum Buch!

Der Inhalt:

An die Nazis hat er seine Seele verkauft. An die NASA sein Wissen. Jetzt holt die Vergangenheit ihn ein.Als der finnische Physiker Rolf Narva in hohem Alter überraschend eine Reise nach Berlin antritt und spurlos verschwindet, beginnt für seinen Sohn Erik und dessen Frau Katja ein Alptraum. Vieles deutet darauf hin, dass ein dunkles Geheimnis die Vergangenheit des Vaters umgibt. Einst hatten Rolf und seine Frau, eine Biologin, als Wissenschaftler in den USA Karriere gemacht. Was führt den alten Mann jetzt nach Berlin? Und was hat das Deutschland der Nazizeit mit Rolfs Verschwinden zu tun? Erik – selbst Wissenschaftler – hat eine erfolgreiche Gentechnik-Firma in London gegründet. Doch plötzlich erhält das Thema Genetik für ihn eine ganz neue Dimension. Während Erik und Katja einem entsetzlichen Familiengeheimnis auf die Spur kommen, ahnen sie nichts von der Gefahr, die sie selbst und das Leben ihrer Kinder bedroht …

Ilkka Remes haut hier mal wieder einen sagenhaften Thriller heraus. Nichts anderes ist man von dem Finnen gewöhnt, aber „Das Erbe des Bösen“ ist nochmal den berühmten Tick besser. Vielleicht auch durch mein historisches Interesse hat mich dieses Buch sehr in den Bann gezogen. Die Wirren des Zweiten Weltkriegs, das Labyrinth des Kalten Krieges und die Welt der Gegenwart mit ihren aktuellen, neuartigen Bedrohungen gemischt mit den Atombombenprogrammen in Deutschland und den USA, Rassenhygiene, Menschenversuchen wiederum in Deutschland und den USA, Luftfahrttechnik und vielem mehr. Diese Fakten, die zum Teil zu großer Beklemmung führen, sind mit einer fiktiven Geschichte zu einem der Thriller des Jahres geworden. Vor allem die gründliche Recherche des Autors und seine präzise Schreibweise machen den Roman zu einem wahren Leselust-Abenteuer und passt damit hervorragend in diese Kategorie.

Remes selbst zu seinen Recherchen:

„Bei der Recherche zum Roman bin ich auf Ereignisse und menschliche Schicksale gestoßen, die meine Phantasie geradezu gewaltsam in Gang gesetzt haben. Am atemberaubensten war jedoch die Erkenntnis, dass die realen Ereignisse die Grenzen der Phantasie längst überschritten haben…“

Remes schreibt auf seiner deutschen Homepage sehr viel über die Entstehung des Buches und gibt viele Hintergrundinformationen zu den Menschenversuchen, der Luftraumtechnik, Hitlers Atombombenprogramm und vielem mehr. Sehr interessant.

Bei den Amazon-Kritiken sind die User ähnlich begeistert wie ich, völlig zu Recht auch.

Mein Lesetipp des Monats!

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