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Netzkultur-Tipp 2: Café und Kuchen

Oktober 21, 2011 Hinterlasse einen Kommentar

Jeden Tag werde ich mit tausenden Links und Artikeln bombadiert, hauptsächlich sind dies aber die immer gleichen „Leitmedien“ und sowieso schon bekannten Blogs. Daher habe ich mich entschlossen, hier öfter mal kleine Projekte und Blogs im Internet vorzustellen, welche mehr Besucher verdient haben. Für Euch als Tipp, aber auch für mich als Erinnerung. Denn Netzkultur ist lebendig, besonders in diesen kleinen, unbekannten Formaten. Teil 2 heute mit „Café und Kuchen“, einem neuen gemeinsamen Blogprojekt zweier Blogger aus Mainz und München.

Photo aus Toms Artisan Bakery, Ireland. (c) Café und Kuchen

Wer guten Kaffee und/oder guten Kuchen mag, steht immer wieder vor der Frage: Wohin? Gerade hier in Mainz sind die Chancen ein wirklich gutes Café zu finden eher mau. Man ist meistens auf den ersten Blick angewiesen, ein einheitliches Bewertungssystem ist schwierig, da die gängigen Portale wie z.B. Qype auch immer von den Unternehmen selbst als Werbeform genutzt werden. Und dabei wäre es doch toll zu wissen, wo der Kaffee besonders gut mundet, wo es die besten frischen Pflaumenkuchen oder fetten Torten gibt – oder wo ganz einfach auch das Ambiente perfekt gestaltet ist (für mich persönlich oft wichtiger als der eigentliche Kaffee 😉 ). Das dachten sich auch die Kaffee-begeisterten Blogger Laurelie aus München und tontraegerhoerer aus Mainz und starteten kurzerhand ihr neues Projekt: Café und Kuchen.

Dieses kleine Blog begeistert mit feinen Photos und Texten zu ausgesuchten Cafés, aktuell von München über Mainz über die deutsche Nordsee nach Irland. Sortiert nach ebenjenen Orten (bisher sind es noch nicht allzu viele, steht ja noch in den Startlöchern) kann man für seinen eigenen Ort (oder Urlaubsort) schauen, welche Cafés gut abschneiden. Café und Kuchen vergibt dabei eine Höchstbewertung von jeweils 5 Kaffeetassen (für den Kaffee), 5 Kuchenstücken (für Torten/Kuchen) und 5 Sterne (für das Ambiente). So kann man schnell auf einen Blick sehen, wie das jeweilige Café abschneidet. Bewertet wird – natürlich – nach persönlichem Geschmack, aber durchaus kritisch. So hat bisher kein Café in allen Kategorien die Höchstzahl von 5 Punkten bekommen. In der Praxis schaut dies dann zB so aus:

Café und Kuchen ist auch deshalb so ausgezeichnet, weil es um eine persönliche Note angereichert ist, und die (bisher) ausgesuchten Cafés nicht abgehoben oder versnobt sind, und die jeweiligen Bewertungen kritisch, aber stimmig sind. Außerdem sind die Photos und Texte stilsicher und machen schon beim Lesen und Schauen große Lust auf die gezeigten Kuchenstücke. Ich bin gespannt, wie weit das Projekt noch ausgebaut wird, und freue mich auf viele weitere Tipps. Meine absolute Empfehlung bekommen die beiden.

Zum ersten Netzkulturtipp „Kleine Helden“ geht es hier entlang.

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Ausflugstipp: Klettersteig am Calmont

Oktober 19, 2011 Hinterlasse einen Kommentar

Mal einen Tipp abseits der Kultur, die hier normal erscheint: Für alle Wanderfans, Freunde der Natur, oder für alle, die einfach mal einen schönen Tag draußen verbringen möchten: Wandern und kraxeln auf dem Klettersteig am Calmont, dem steilsten Weinberg Europas direkt an der Moselschleife zwischen Ediger-Eller und Bremm. 

Der Klettersteig führt durch den Hang links.

Der Calmont ist ein Südhang-Weinberg (mit vor allem Riesling-Reben) im attraktiven Moselbereich des „Cochemer Krampen“, und gilt als steilster seiner Art in Europa. Die Hänge haben eine Neigung bis zu 65°, und dies war bis vor einigen Jahren zu steil für einen Wanderweg. Mittlerweile ist der Hang aber durch einen trittsicheren Klettersteig zugänglich gemacht, und dieser lohnt sich aufgrund seiner tollen Naturseiten, der wunderschönen Ausblicke und nicht zuletzt wegen der körperlichen Herausforderung.

In den Klettersteig kann man von zwei Seiten starten, wir legten in Ediger-Eller los, und dann hat man zu Beginn direkt den Anstieg hoch zur „Todesangst“ und einer großen Deutschland-Fahne incl. beeindruckendem Blick. Der Aufstieg und der komplette Steig verlaufen auf kleinen engen Wegen, mal steinig, mal pfadig, mal mit Sicherungsseilen, mal mit kleinen Leitern, und immer mit beeindruckendem Blick auf das Moseltal. Der Weg ist hier das Ziel, auch wenn gerade manche Anstiege schon mal anstrengend sein können. 😉

An den steilen Stellen gibts oft "Treppen"

Blick auf Anstieg und Mosel

 

Ein Ausflug lohnt hierher natürlich besonders im Herbst, wenn die Trauben im vollen Saft stehen und schon etwas süß sind. So kann man hier und da schonmal (verbotenerweise) etwas naschen, wenn man immer wieder durch die Weinberge wandert. An vielen Stellen auf dem Steig gibt es Bänke, Tische oder kleine Hütten, die zu ausführlicher Rast einladen. Mit etwas Proviant kann man es sich hier bei großartigen Ausblicken gemütlich machen.

Trauben ohne Ende

Großartige Panoramen

In solchen Gegenden zeigt sich, wie wunderschön unser Land ist, und mit welch atemberaubender Natur wir – gerade in Rheinland Pfalz – verwöhnt sind. Man sollte noch viel öfter raus und dies genießen. Für alle Wanderbegeisterten ist der Calmont jede Reise wert. Übrigens gibt es auf halber Höhe einen Geo-Cach, wir mussten zwar lange suchen, aber der kleine Spaß war es wert. Zurück ging es für uns ab Bremm an der Mosel, man könnte aber auch über den Gipfel-Wanderweg zurück. Alles in allem ein lohnenswertes Unternehmen, festes Schuhwerk ist aber unbedingt zu empfehlen.

Eine Offenbarung: Six Feet Under (2001-2005)

September 13, 2011 2 Kommentare

Ein Jahr immer wieder Folgen von Six Feet Under, ein Jahr ein Leben mit den Fishers, ein Jahr TV auf Kino-Niveau – über 5 Staffeln und 63 Episoden. Heute der Versuch einer Kritik, aber vielmehr einer Hommage an diese großartige Serie, die eigentlich mehr Epos und Offenbarung ist. 

Noch sitzt das Serienfinale zu sehr in meinem Kopf, noch durchlaufen die Bilder der letzten Folgen zu sehr meinen Kopf, immer noch rauscht Sias Breathe me durch mich. Eigentlich kein guter Zustand, um eine Kritik zu schreiben. Aber das spielt keine Rolle: es soll gar keine Kritik werden. Kritik ist wenig angebracht bei einer Serie, die mich mehr als jede andere Serie bisher mit ihren Charakteren mitlachen, mitweinen, mitfiebern und mitleiden hat lassen.

Im Jahr 2004, als Six Feet Under erstmals in Deutschland ausgestrahlt wurde, war mir all dies noch nicht bewußt. Die Werbekampagne von VOX nervte mich, das Geplapper von „Gestorben wird immer“ war flach und langweilig, ich hielt mich eher an Actionserien wie 24 oder später Lost, und verpasste Six Feet Under.  Welch falsche Entscheidung! Erst im Frühjahr 2010, als ich das Ende von Six Feet Under in einer Filmwissenschaften-Vorlesung über TV-Serien sehe (ja, in der Tat selten dämlich!), wird mir bewußt: Das muss ich sehen. Knapp ein Jahr haben wir nun zu zweit die 5 seasons geschaut, mal mehr, mal weniger – um am Ende die 5. Staffel förmlich zu verschlingen.

Im Mittelpunkt dieser Serie steht Familie Fisher und ihr Bestattungsunternehmen. Ohne zuviel zu spoilern: Vater Nathaniel stirbt in der großartigen Pilotfolge, und im Anschluß müssen die beiden Brüder Nate und David versuchen das Unternehmen alleine zu führen, während Nachzügler-Teenie Claire ihre eigenen pubertären Probleme hat, und ihre depressive Mutter Ruth das Chaos komplett macht. In den folgenden Jahren entwickelt sich rund um die Fishers, ihre Freunde, ihre Partner und Verwandten ein modernes Familienepos mit allen schönen Seiten, aber auch vor allem mit allen Problemen und Schwierigkeiten, und nicht zuletzt Themen, die letztendlich uns alle berühren: Schmerz, Liebe, Anerkennung, und – natürlich – der Tod. Dabei werden manche harten Beziehungs- oder Familienprobleme so heftig dargestellt, dass man manchmal lieber nicht darüber nachdenken möchte. Doch zu keiner Minute verlieren die Hauptpersonen ihre Faszination, ihre Glaubwürdigkeit – nie wird eine Folge langweilig, nie ist eine Situation zu deplatziert. Das ist zwei Dingen geschuldet: einem nahezu perfekten Drehbuch (Autor der Serie ist vor allem Alan Ball, der schon für American Beauty verantwortlich war und aktuell mit True Blood große Erfolge hat), welches unglaublich gute Handlungsstränge erzählt, und obendrauf einem wunderbaren Cast: Bis in die kleinsten Nebenrollen ist die Serie perfekt besetzt, da fällt selbst ein James Cromwell kaum noch überdurchschnittlich auf.

Man muss den Charakteren mit ihren schwierigen Ecken und Kanten Zeit geben, um sie lieben zu lernen. Jede Staffel und die ganze Serie entwickeln sich immer gemächlich weiter. Es gibt hier nicht die „Everybody-Darling-Rolle“, die Personen sind aus dem echten Leben, und so vergisst man manchmal, dass hier nur gespielt wird. Es sind schwierige Menschen: depressiv, krank, gefühlsabhängig – Menschen wie wir.  Dies ist wohl auch der Grund, warum einem Freude und Leid der Protagonisten so nahe gehen, einen so mitfühlen lassen. Sogar in der meines Erachtens nicht so guten dritten Staffel haut einen die Gefühlswelt von Nate und co um. Season 4 ist dann Perfektion, Kinoformat in jeder einzelnen Folge. Season 5 letztendlich, die finale Staffel, ist eine einzige schmerzliche Angelegenheit für jeden „Fan“, der die Fishers und alle anderen liebgewonnen hat, und dabei doch einfach großartig. Da schämt man(n) sich auch nicht seiner Tränen, diese letzten Folgen von Six Feet Under gehen unter die Haut, und ganz am Ende kann man nur „WOW“ sagen, zu einem Ende, welches keinen Raum offen lässt, sich perfekt in die Serienstimmung einfügt und einfach einzigartig traurig und gleichzeitig schön ist. (Für sehr viele das beste Serienende aller Zeiten und ein großes Stück TV-Geschichte: Gänsehaut!)

Bei aller Traurigkeit, Schwere und dem immer wiederkehrenden Motiv des Todes: Six Feet Under feiert das Leben, zwar auf seine Weise, aber dafür eindrücklich. Eindeutige Plädoyers für mehr Menschlichkeit, für Randgruppen jeder Art (allen voran Homosexuelle), für Träumen und Fühlen, für Leben und leben lassen. Mit sehr viel schwarzem Humor gelingt dabei ein beeindruckender Blick auf unser Tun und Irren in dieser Welt und auch darauf, wie unmittelbar und mitleidlos ein plötzlicher Tod immer ist.

Six Feet Under ist kein billiger Gag über Sterben und Bestattungsunternehmer, wie ich mal dachte. Sondern vielmehr eine witzige, traurige, einfallsreiche, bemerkenswerte, schwierige und grandiose Offenbarung über 63 Episoden. Eine Serie, die von nun an immer einen Platz in meinem Kopf hat, und sich wie von selbst einen Platz in den Lieblingsserien gesichert hat. Anschauen!

Tipp: Programmkino mit Susanne Bier und Debra Garnik

Im aktuellen Kino könnte einem schon ein wenig Bange werden um unsere doch so wohlerzogene Gesellschaft. Susanne Bier spielt in „In einer besseren Welt“ mit den Begriffen Schuld und Gewalt unter Mitmenschen, und Debra Garnik zeigt in „Winter’s Bone“ wie selbstverständlich ein kaputtes Milieu aus Drogensumpf, Armut und eigenen Regeln. Eine kurze Rückschau auf zwei ganz hervorragende, aber auch bedrückende aktuelle Filme in den deutschen Kinos.

"In einer besseren Welt"

Das Szenenbild aus „In einer besseren Welt“ könnte genau aus dieser kommen: der besseren Welt – der Welt ohne Gewalt, ohne Hass, ohne Leid. Aber es ist doch nur eine Momentaufnahme zwischen Streit, Problemen und Konflikten. Anton (toll gespielt von Mikael Persbrandt) ist ein „Arzt ohne Grenzen“, ein fürsorglicher Vater und ein Mensch, der frei nach dem biblischen Schuld und Sühne-Motto eher die andere Wange hinhält als zurückzuschlagen. Dies versucht er auch seinen Kindern vorzuleben – auch und gerade, als er vor seinem Sohn Elias und dessem neuem Schulfreund Christian geschlagen wird. Christian selbst hat den Tod seiner Mutter zu verkraften und verschanzt sich seitdem hinter einer kalten Gefühlswand – als klassischer Gegenpart zu Elias und seinem Vater behandelt er Gewalt mit Gegengewalt. Aus diesem Konflikt entsteht so auch im beschaulichen Dänemark ein unfassbarer Akt der Gewalttätigkeit.

Filmisch gegenübergesetzt ist Afrika, und zwar „irgendwo“ dort. Dort ist Anton immer wieder im Einsatz, und die überaus schreckliche Herrschaft eines „warlords“ lässt ihn ein ums andere Mal verzweifeln. Als er irgendwann den „warlord“ selbst behandeln soll, steht er vor einer schwierigen Aufgabe. Obwohl die Thematik der beiden Plots kaum unterschiedlicher sein könnte, sind die Parallelen natürlich unübersehbar: Gewalt erzeugt Gegengewalt, und niemand ist frei von Schuld. Auch nicht in einem mitteleuropäischen Land wie Dänemark. Dabei versteht es Susanne Bier unglaublich gut Orte und Figuren darzustellen: den Aufnahmen und den guten Photographien zuzuschauen ist bei ihr immer ein Genuß. „In einer besseren Welt“ geht extrem unter die Haut: Sowohl die afrikanische Geschichte (bei der die Kamera vielleicht schon zu sehr drauf ist) und die dänische rund um die beiden Jungen und ihre verzweifelten Eltern mit all ihren Problemen berühren und machen nachdenklich.

Leider wirken manche Szenen ein wenig zu pädagogisch und moralisch, obendrauf ist das Finale in Hollywood-Manier leider etwas zuviel, und macht etwas vom großen Ganzen kaputt. Es verändert aber nur wenig am insgesamt herausragenden Film, der gerade wegen seiner Konfliktthemen und Darstellung von Gewalt unter uns völlig zu Recht einen Oscar für den besten ausländischen Film abräumen durfte.

Debra Garniks „Winter’s Bone“ hat vordergründig nicht viel mit „In einer besseren Welt“ gemeinsam, steht aber letztlich in einer Reihe damit, nur unter einem völlig anderen Ansatz. Während es in „In einer besseren Welt“ auch die „obere Schicht“ und deren Konflikte (bzw. unsere inneren Konflikte) trifft, ist es bei Garnik das rauhe Milieu der Gebirgswälder von Missouri: In einer eigenen Welt, mit eigenen Gesetzen, gefangen zwischen Drogen und Armut, immer auf der Suche nach dem reinen Überleben.

"winter's bone"

"winter's bone"

Die Erzählung dreht sich um die 17-jährige Ree Dolly (absolut großartig gespielt von Jennifer Lawrence!), die auf sich alleine gestellt sich um ihre beiden kleinen Geschwister und ihre psychisch kranke Mutter sorgen und kümmern muss. Mit kaum vorstellbarer Kraft kümmert sie sich um Alles, bringt der Kleinsten noch Rechtschreibung bei und bespricht mit dem Sheriff die Familienprobleme. Als dieser ihr mitteilt, dass ihr Vater ihr winziges Blockhaus verpfändet hat und es nun enteignet werden soll, bleibt ihr nur eine Wahl: Sie muss ihren Vater finden. Auf sich alleine gestellt macht sie sich auf den Weg, und stößt dabei auf Anfeindung und rigorose Ablehnung.

Garnik gelingt mit fast dokumentarischem Kamerastil eine Sozialstudie von besonderem Maß. Wenn Ree sich drogenabhängigen Männern und kaputten Ehefrauen widersetzt, ist dieses großes Kino, zeigt es doch diese Figuren der untersten Armut ohne dies in irgendeiner Weise zu beschönigen. Schwarz-Weiß-Malerei gibt es glücklicherweise nicht: Dieses Milieu hat ihre Träume längst hinter sich. das Drogengeschäft und das Leben an sich ist alles was geblieben ist.

Mit „Winter’s Bone“ gelingt ein toller, radikaler Independentfilm, bei dem vor allem die Inszenierung und Hauptdarstellerin Lawrence gefallen. Der Film lässt einen vor allem sehr bedrückt zurück, das Schicksal von Ree und ihren Geschwistern ist derartig real, dass man es nicht einfach als Kinostoff wegwischen kann. So schimmert am Ende dann doch ein großes Stück Gesellschaftskritik durch, und damit ist Garnik dann wieder voll auf Biers Seite. Das aktuelle Programmkino ist damit weiter denn je entfernt vom klaumaukartigen Blockbusterstoff, und auch wenn ich oft niedergeschlagen aus dem Kino komme, machen sich solche Filme bezahlt. Toll, dass wir solche Filme sehen dürfen. In seiner Kompromisslosigkeit ist „Winter’s Bone“ der bessere Film der beiden, aber auch „In einer besseren Welt“ ist weit besser als das Alltägliche Kinogeschehen.

 

Trailer zu „In einer besseren Welt“:

Trailer zu „Winter’s Bone“:

Tatort-Tipp: Nie wieder frei sein

Dezember 20, 2010 Hinterlasse einen Kommentar

Das ganze Jahr über habe ich immer öfter das deutsche Fernsehen und den deutschen Film gelobt, und damit auch indirekt das öffentlich-rechtliche Fernsehen gemeint: Neben Arte wurde insbesondere das Programm von ARD und ZDF besser. Mit tollen Serien wie „Im Angesicht des Verbrechens“ oder „Der Adler“, oder mit herausragenden Kammerspielfilmen konnte mich das ÖR in diesem Jahr völlig überzeugen – ganz zu schweigen vom vielfältigen Sportprogramm, was ich nahezu ausschließlich dort verfolge. Auch die Tatort-Reihe erfreut sich jeden Sonntag größter Beliebtheit, wie nur ein kleiner Blick in die sonntäglichen Twittercharts zeigt: tausende User bewerten, kritisieren oder loben die jeweilige Folge. Während bei einem normalen Tatort die Stimmung durchaus gemischt bis zerreißend ist, gab es gestern einen klaren Konsens: „Nie wieder frei sein“, der Tatort mit den Münchnern Kommisaren Batic und Leitmayr, war der beste Tatort seit langem, und einer der besten Filme der Vergangenheit.

„Nie wieder frei sein“ beginnt dort, wo andere Krimis oft enden: im Gerichtssaal. Markus Rapp ist ein Vergewaltiger und Mörder, er sitzt schweigend auf der Anklagebank. Ihm gegenüber eins seiner Opfer, welches überlebt hat. Und das Unvorstellbare passiert: Durch eine Ermittlungspanne und die übermotivierte junge Strafverteidigerin Zimmer wird Rapp freigesprochen. Für Opfer, Angehörige, Staatsanwaltschaft und nicht zuletzt die sympatischen Kommisarre Batic und Leitmayr bricht eine Welt zusammen. Die Konsequenzen dieses Versagens des Rechtsstaates werden uns Zuschauern drastisch vor Augen geführt. Nahezu jeder Beteiligte reagiert gereizt, fassungslos, gestört. Sogar bei uns Zuschauern erschleicht sich die geballte Wut, diese gewaltige Ohnmacht, die sich bei Opfern und Ermittlern einstellt.

Es sind bedrückende, und doch gewaltige Bilder, die in den ersten 45 Minuten auf den Zuschauer einprasseln. Der Film verzichtet über die gesamte Länge auf eine Schuldzuweisung, besonders auch in den Anfangssequenzen, und lässt das Grauen einfach seinen Gang nehmen. Dabei besonders großartig gelungen sind die wechselnden Perspektiven: Klar ersichtlich leidet jede Seite, selbst im Hause Rapp kommt es zu Handgreiflichkeiten und massivem Ärger. Dieser Tatort geht bis zu diesem Zeitpunkt weit über einen TV-Krimi hinaus: Brutal, auf eine psychologische Weise heftig bis atemraubend, packend bis zur letzten Sekunde, und dabei auch noch (!) technisch brilliant photographiert. Es ist ein kleiner, perfekter Thriller. Aus Deutschland, meine Damen und Herren, wohlgemerkt.

Dass aus diesem Drama und Thriller schließlich noch ein echter Krimi wird, hängt auch mit dem wirklich guten Drehbuch und dem verzwickten Plot-Change im Mittelteil zusammen. Mehr soll an dieser Stelle aber nicht verraten werden, denn es gibt „Nie wieder frei sein“ noch eine zeitlang in voller Länge  in der ARD Mediathek. Unbedingt anschauen. Perfekterweise kurz wirken lassen und dann noch drüber reden. Denn am Ende ist niemand mehr ganz frei, egal welche Rolle er hier gespielt hat.

Am Ende dieses Tatorts ist man immer noch ein wenig erschüttert. Was ist gerecht? Ist Recht gerecht? „Nie wieder frei sein“ ist ein flammendes Plädoyer für Gerechtigkeit und gegen Selbstjustiz, aber auch – ganz ungewollt – ein starkes Stück deutscher Film. Bitte mehr davon.

John Carneys Musikperle „Once“ (DVD)

April 28, 2010 1 Kommentar

Aus der Reihe: Filme, die man gesehen haben sollte. Letzte Woche habe ich einen solchen Film gesehen, der mich überaus beeindruckt hat, und den ich Euch hier nicht vorenthalten möchte: den kleinen, eher unbekannten irischen Musikfilm „Once„.

Die Geschichte des Filmes ist schnell erzählt: Als ein talentierter Straßenmusiker (Glen Hansard) und eine junge Pianistin (Markéta Irglová) aus Tschechien sich in der Dubliner Fußgängerzone begegnen, ahnen sie noch nicht, wie sehr diese Zufallsbekanntschaft beide verändern wird. Er träumt vom musikalischen Durchbruch, während er tagsüber im Geschäft seines Vaters Staubsauger repariert und abends auf den Straßen von Dublin seine Musik spielt. Sie schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch und kann sich noch nicht mal ein eigenes Klavier kaufen, um ihre Musik wenigstens in der Freizeit zu leben. Sobald die erste gemeinsam gespielte Note zwischen den jungen Musikern erklingt ist klar: Sie sind auf einer Wellenlänge. Hier haben sich 2 Menschen gefunden.

„Once“ ist eigentlich gar kein richtiger Film, es ist viel mehr ein Musical. Ein modernes Musical in Filmform. Aber im Gegensatz zu anderen Filmmusicals ist hier nichts zu finden von Pomp, Glitzer und großen Bühnen. „Once“ ist ein ganz wunderbarer Film über eine Liebesgeschichte der besonderen Art, auch die Liebe zur Musik. Wie nie zuvor wird hier die Musik genutzt um die Stimmung aufzufangen oder die Gefühle der Protagonisten auszudrücken – und das gelingt einfach perfekt. Das Erstaunliche daran: „Once“ ist eine absolute Low-Budget-Produktion (2 Wochen Drehzeit,  nur 180.000 Dollar Budget), die meisten Darsteller sind Teile der Crew oder Freunde davon. Sogar der Soundtrack ist von den beiden Hauptdarstellern geschrieben und komponiert. Manchmal sieht man das geringe Budget dem Film an, über die gesamte Länge aber überzeugt „Once“ mit unaufgeregtenm schönen Bildern und einer Story mit viel Herz, die zeigt, wie Musik unser Leben beeinflußen und verändern kann. Wunderbar! Viel besser gehts kaum! Wer Kino und Musik mag, sollte hier mal einen Blick reinwerfen – und reinhören!

Neben dem gefühlvollen „Falling Slowly“, dem Oscargewinner 2007 für den Besten Filmsong, ist mein Lieblingssong des Film dieser hier (leider in recht schwacher Qualität):

Burial + Four Tet

= himmlisch!

Bekennender Burial-Fan bin ich ja schon länger. Four Tet ist auch sehr cool. Und jetzt haben die beiden Briten gleich mal eine 12″ zusammen rausgehauen. Und das ist so toll, dass es Platz für einen Post hier haben muss. De:Bug fasst das super zusammen, daher erlaube ich mir mal dort zu klauen, denn besser könnte ich es nicht ausdrücken:

Ganz anonym, ganz unprätentiös, ganz killer. Was wie ein Standard-Shuffle aus Köln beginnt, entwickelt sich Schritt für Schritt zu einem der lockersten Stücke des Himmels aller Zeiten. Mit leisen Sidekicks in den Vocals von Burials Solo-Arbeiten und einer gemeinsamen Liebe zu Techno, die bei beiden viel zu selten durchblitzt. Ganz unscheinbar, wie ganz selbstverständlich. Die B-Seite dann deutlich komplexer, viel eindeutiger in Burials Welt angsiedelt, viel undurchsichtiger und erst spät in voller Blütenpracht ist der perfekte Gegenpol zu der schüchternden Euphorie der A-Seite: Perfekter kann man eine 12″ nicht komponieren.

Hier die Video-Hörprobe zu „moth“:



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